Kater Kamillo

Liebes Tagebuch,

so viel Geheule, so viel Gejammer. Nachdem er sich von einem Weibchen getrennt hat, ist es jedes Mal dasselbe mit meinem Herrchen. Er wird unzuverlässig, betrinkt sich andauernd, lässt sich gehen und beginnt allmählich wie eine tote Ratte zu müffeln, die man bei 30 Grad im Schatten fünf Tage lang in der Sonne hat liegen lassen. Das Haar fettig, auf dem T-Shirt Zahnpastaflecken, ja nicht einmal mehr zur Körperpflege ist er fähig. Ein wahres Elendsbild. Ihm ist in diesen Phasen alles scheißegal. Überall stinkende Geschirr- und Unratberge, einfach widerlich! Es hat den Anschein, als ob er sich in unserer Wohnung vor der Außenwelt versteckt, denn er verlässt sie nur zum Einkaufen. Ab und zu vergisst er in seiner Lethargie sogar mich zu füttern. Kaum zu glauben! Erwartet er, dass ich das einfach so stillschweigend hinnehme? Ich, der kaiserliche Kater Kasimir? Da hat er sich geschnitten!

Ich meine, was soll denn das Ganze? Verkehr mit Unbekannten ist für uns Katzen wohl so ziemlich die wunderbarste Sache, die es auf der Welt gibt. Ein herrlicher Spaß für Groß und Klein, Alt und Jung. Aber nein! Herrchen Tom hat es lieber kompliziert, bindet sich und erntet dann jedes Mal nur Drama und Tränen, wenn es wieder auseinander geht. Gegen Vernunft scheint er resistent geworden zu sein, anders kann ich mir das nicht erklären. Er steht nur auf, um wieder zu fallen. Er ist hoffnungsloser Romantiker. Der reinste Masochismus. Warum bloß tun Menschen sich freiwillig etwas so Schmerzhaftes an? Was für ein Wahnsinn!

Was ist das Geheimnis an dieser Sache, die die Menschen „Liebe“ nennen und die anscheinend ihren Verstand in den Urlaub fahren lässt? Dem werde ich unbedingt bei der nächsten Gelegenheit nachspüren müssen. Vielleicht ist es ja eine ansteckende Krankheit. So etwas wie ein Schnupfen, der von Mensch zu Mensch weitergegeben wird.

Diese Phasen von Tom sind auf Dauer einfach nicht mehr zumutbar. Würde mich diese Gedankenlosigkeit, die er an den Tag legt, nicht direkt betreffen, wäre es mir wohl egal, doch schlechtes Essen und Trinken, geschweige denn der katastrophale Zustand meiner Toilette, das geht einfach zu weit! Irgendwann reißt selbst mein nobler Geduldsfaden. Ich habe ihm daher ein duftendes Präsent in seinen Hausschuhen hinterlassen und überlege, auch noch ein Exempel an dem Sessel im Wohnzimmer zu statuieren. So lasse ich mich nicht weiter behandeln!
Ob sich wohl andere Menschen nach einer Trennung auch so verhalten? Vielleicht sollte ich mal die nette Brünette von nebenan besuchen und sie um Rat fragen. Es muss doch etwas geben, das ich tun kann. Andernfalls werde ich mir für diese Zeiten ein neues Zuhause suchen müssen. Soll er mich nur mal vermissen! Vielleicht begreift er dann endlich was es bedeutet mir dienen zu dürfen. Welches Privileg ihm da zuteilwird. Allerdings ist die Straße nichts für mein edles Fell. Soll der Pöbel dort verfilzen und sich mit den dreckigen Mäusen zufrieden geben. Das ist unter meiner reinrassigen Würde. Ich bevorzuge Dosenfutter und Bier. Letzteres erleichtert mir derzeit mein Leben, da es in rauen Mengen überall in der Wohnung herumsteht und ich mich stets daran laben kann. Es ist faszinierend. Nur ein paar Mal daran schlabbern und ein behagliches Kribbeln erfüllt mich von der Pfote bis zum Schnurrhaar. Dies hilft mir nicht gänzlich aus dem Fell zu fahren, wenn Tom mal wieder nur an sich denkt.

Gerade jetzt sitzt er in seinem Sessel, lehnt den Kopf auf seine Hand und blickt verträumt auf die Fotos seiner Verflossenen. Ein nettes Ding, das wusste wie man sich gegenüber einer Katze mit edlem Blut zu verhalten hat. Ein Katzenjammer, dass es nicht länger gehalten hat. Ich werde ihm nun gezwungenermaßen ein wenig Trost spenden müssen und mich von ihm kraulen lassen, da ich nicht beabsichtige heute hungrig ins Bett zu gehen. Menschen sind zwar naiv und leicht zu manipulieren, aber wir sind eben auf sie angewiesen, wenn wir einen gewissen Lebensstandard halten möchten. Ich muss gestehen, dass ich mich mittlerweile an Toms Anwesenheit gewöhnt habe und dass mir die gelegentlichen Streicheleinheiten sehr fehlen würden. Ist es vielleicht das, was die Menschen „Liebe“ nennen? Diese Sehnsucht nach Zuneigung? Wirklich schade, dass ich niemanden kenne, der mir klare Antworten auf all diese Fragen liefern kann.

Danke fürs Zuhören. Mit hochachtungsvoll geschnurrten Grüßen,

Kaiserlicher Kater Kamillo

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