Ein kalter Brief

Du liebst ihn immer noch, hast du bei unserem letzten Treffen gesagt und als ich dir in die Augen sah, da wusste ich, dass du es ernst meintest und tatsächlich die Wahrheit gesagt hast. Das gab mir damals den Rest. Ich werde nie wieder zu euch zurückkehren, nie. Falls du das ernsthaft glaubst, so bist du genauso krank im Kopf wie er. Ich kann es einfach nicht verstehen.

Einst, als wir noch in unserem alten Haus gewohnt haben; das mit den roten Ziegeln und dem Sandspielplatz im Garten, da hast du mir mal versprochen, dass du immer für mich da sein wirst, egal was kommt. Da war ich vierzehn. Wir saßen auf der kleinen Holztreppe vor dem Haus und in der Luft hing noch der Geruch von frisch gemähtem Gras. Ich hatte gerade meine allererste Trennung hinter mir, meine „erste große Liebe“. Du warst am Rauchen und ich am Weinen und du hast mich fest an deine warme Brust gedrückt, bis ich nicht mehr weinen musste und der Schmerz ein bisschen gelindert war. In diesem Moment warst du für mich da, vielleicht das letzte Mal. Ein Jahr später und alles war kaputt. Ich kann es nicht begreifen, will es nicht begreifen. Du warst so furchtbar schwach. Wenn ich nach der Arbeit die Tür zu meiner Wohnung aufschließe, so ist es still, abgesehen vom leisen Rauschen des Verkehrs, das allgegenwärtig ist.

Ich liebe diese Stille. Damals war es nie still. Damals lief immer der Fernseher und das Radio und wenn es angefangen hat, hast du beides lauter gedreht und so getan, als wärst du überhaupt nicht da, als würdest du es nicht mitbekommen.

Ich laufe durch die Stadt und blicke ständig nur auf den Boden, habe ich doch Angst, in all den fremden Gesichtern eines zu erblicken, das ihm ähnlich sieht. Wenn ich unterwegs bin setze ich mir immer Kopfhörer auf und höre laut meine Musik, da manche Lieder und Geräusche auf der Straße Bilder in meinem Kopf erzeugen, die mich selbst jetzt noch, nach all den Jahren immer wieder zusammenbrechen lassen. Es reicht eine Kleinigkeit und schon ist alles wieder da, schon bin ich wieder fünfzehn, schon liege ich wieder in meinem Bett. Er über mir. Er in mir. Sein widerliches Stöhnen und Keuchen in meinen Ohren, während er in mir herumwühlt. Seine rauen Hände, die mich überall berühren. Alles ist wieder da, bloß du nicht. Du fehlst in diesen Erinnerungen, bist nur eine graue, unförmige Gestalt. Du fehlst, so wie du damals gefehlt hast, wenn er sich an mir verging.

Ich hoffe, dass du dich dafür hasst, denn du hast allen Grund dafür.  Ich hoffe du hast tagsüber keine ruhige Minute und liegst nachts wach, wachst schweißgebadet auf und zitterst am ganzen Körper, so wie ich es tue. Oft starre ich dann mit panischer Angst zu meiner Schlafzimmertür und erwarte seine Schritte, dieses laute Knarren des Holzbodens, das ihn immer verriet, das auch du immer gehört haben musst.

Schreib mir nicht mehr. Ich will auch kein Geld oder sonst etwas von dir.  Du hast weggesehen, hast nichts unternommen und das kannst du nie mehr wiedergutmachen. Ich werde nächsten Monat wieder umziehen, weg von hier, weg von dir, weg von allem, was hinter mir liegt. Vielleicht aufs Land, einfach irgendwohin, wo es ruhig und still ist. Wo es nicht so viele Menschen und Fernseher und Radios gibt. Ich werde zudem meinen Namen ändern lassen. Meine neue Adresse werde ich dir nicht mitteilen und dies wird auch der letzte Brief sein, den du von mir bekommst.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden,

 

 

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2 Gedanken zu “Ein kalter Brief

  1. Ich habe es ein paar mal gelesen um die vollen Ausmaße des Ganzen zu erfassen… Doch das ist nichts zu dem, was die Person selbst erleben/ertragen/erdulden musste…

    Im Grunde bin ich sprachlos – und doch wollte ich dir schreiben, einen Kommentar dazu hinterlassen. Es nicht nur „schweigend“ hinnehmen, sondern zeigen, dass es sehr wohl zur Kenntnis genommen wurde und – zumindest mich – nicht kalt gelassen hat.

    Eine persönliche Mail folgt. Bis dahin, liebe Grüße.

    Gefällt 1 Person

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