Mr. Miez

Allerlei Gedanken kreisen mir im Kopf herum, als ich mich müde und verschnupft durch den dunklen, verregneten Feierabend schleppe. Die Busfahrt Richtung Heimat war wie so oft ein Paradebeispiel dafür, warum die meisten Leute lieber mit dem Auto anstatt den Öffentlichen ihre Wege zurücklegen. Ich laufe auf einem dünnen, matschigen Trampelpfad am Rande einer Wiese, dem letzten Stück Grün, dass hier übriggeblieben ist, denn rundherum bin ich umgeben von einem sich in der Errichtung befindenden Neubaugebiet. Ich verfluche den Sturen, der ausgerechnet dieses Stück Wiese, welches ich auf meinem Heimweg durchqueren muss, nicht an die Gemeinde verkaufen will.

Matsch, Matsch, Matsch, der Weg zergleitet unter meinen Füßen, die ich mittlerweile kaum mehr sehen kann. Ich schliddere mehr, als dass ich gehe und dann, aus dem Nichts, kommt plötzlich Mr. Miez angesprungen, schmiegt sich ungefragt an mein linkes Bein, was einen wohl lustig anzusehenden Schreckhüpfer und einen aufwärtstönenden „Uäh“-Laut meinerseits zur Folge hat, wie ihn wohl schon meine steinzeitlichen Vorfahren in solch einem Moment von sich gaben.

Mr. Miez, so habe ich diesen Kater; es könnte auch eine Katze sein, aber im Grunde ist es mir egal und ich weigere mich da genauere Einsicht zu gewinnen, getauft. Mr. Miez kommt und geht, wie es ihm beliebt. Folgt und entschwindet, wie der Wind. Heute folgt er mir, schlendert verträumt und fällt zurück, schließt dann wieder mit eiligem Getapse auf, maunzt ein bisschen, lässt es wieder sein. Wir beide gehen sodann in schweigendem Verstehen durch den eindunkelnden Abend, ganz so wie ein altes Ehepaar, dass sich nicht ständig etwas sagen muss, um miteinander glücklich zu sein.

So einen Kater wie ihn, ja so einen würde ich dankend annehmen, aber die Millionen anderen Exemplare seiner Spezies sind mir ebenso sympathiefern, wie es alle Hunde unter Kniehöhe sind. Vielleicht begleitet mich dieser weißbraun gefärbte Strolch nur, weil er sich einen Happen erhofft, vielleicht aber auch, weil er meine Betrübtheit durch irgendein tierisches Feingespür wahrnehmen konnte und mir daher, weil er von guter Wesensart ist, Beistand durch seine Gesellschaft leisten möchte. Ich einige mich gedanklich auf letzteres, denn es gibt mir ein wärmeres Gefühl. Und so gehen wir weiter und weiter und ich nehme noch einen Umweg, damit mir Mr. Miez noch etwas länger Gesellschaft leistet.

Der Meister

Ich bin der Meister der halbherzigen Sachen,
fange dies und das an und schaffe es nicht,
etwas zu Ende zu machen,
eintausend Projekte auf Blättern und Zetteln,
da gibt es wirklich gar nichts zu lachen,
für mich, denn in meinem Kopf,
stapeln sich die Gedanken wie halbvolle Kästen Bier,
bringe Geschichten durcheinander, verliere Bezüge,
werde beim Wiederergreifen des Stiftes manchmal ganz wirr,
weiß nicht anzufangen, will gleich wieder beenden,
sehe dann das Geschriebene,
unzufriedene Sätze lassen mich wenden,
im Bett, hin und her, liege wach, will nicht ruhen bis zum nächsten Kapitel,
radiere, markiere, finde zum Haare raufen keinen Titel,
und manchmal ärgert es mich auch,
treibt mich zur Unruhe, wenn ich zur Entspannung konsumiere,
mit dem Wissen um das Potential, welches da schlummert,
dessen Verfall ich toleriere,
ich kenne meine Schwächen, rede mir immer mal wieder ein,
ihnen einfach nicht gewachsen zu sein,
um es bequemer zu haben, stelle ich mir selbst das Bein,
über welches ich falle, was der Sturz dann bringt, ob ein Leid,
liegt noch fern, verborgen in einer anderen Zeit,
oder wird es mich nicht kümmern, kann ich es akzeptieren,
all das Unvorhandene als Jugendsünde deklarieren?

Immerhin, mit diesem Gedicht, mit dessen Vollendung,
ist schon ein kleiner Schritt zur Besserung getan,
und der ganze Schreibprozess,
verlief zur Abwechslung mal geordnet,
verlief mal wirklich ganz nach Plan.

Abstand

Just als der Bus hart bremsen muss,
ist mit dem Mensch dahinter Schluss,
denn aufgefahren ist er ihm,
verteilt liegt nun sein Denkkostüm,
im ganzen knappen Fahrerraum,
wer reinblickt sieht das pure Graun,
„Tatütata“, der Schock ist da,
für jene arme Helferschar,
die Stücke aus dem Wrack befreit,
es wirkt für sie wie Ewigkeit,
bis dieser Einsatz ist geschafft,
hat jeder seine Magenkraft,
verloren und das Gras beschmutzt,
man später nicht nur Stiefel putzt,
nein auch die Seele ist nicht rein,
man nimmt den Anblick zu sich heim,
das blaue Licht gar traurig strahlt,
es wurde Ungeduld bezahlt,
mit teurem Preis, mit Blut und Tod,
den Liebenden nun Tragik droht.

___

Drum einfach das Gehirn einschalten,
und lieber etwas Abstand halten.

Bücherregal

Die großen Werke anderer,
starren mich vorwurfsvoll an,
lesebedürftig,
vom ächzenden Bücherregal aus,
winkt mir Nils Holgersson zu,
möchte mal wieder seine Reise beginnen,
der Herr der Fliegen summt vor sich hin,
und das geduldige Fleisch genießt noch die Feuerpause.

Schwer von all den Gedanken,
die es stemmen muss,
fügt sich das Holz seiner Bestimmung,
wenn geputzt, riecht es immer noch fast wie frisch gesägt,
doch meistens ruht es unter Staubkleid,
schleichende Vernachlässigung.

Wie anmaßend es im ersten Moment wirkt,
wenn ich gedankenabwesend,
oder aus Eile,
zwischen den Tod und den Krieg,
die Romantik zwänge,
weil sie dort Platz findet.

Irgendwann werde ich es aussortieren,
all das Papier,
welches ich nach Jahren noch nicht gelesen habe,
wahrscheinlich nie lesen werde,
gebe es dem Altbuchhandel hin,
schicke den Felix Krull, die Miss Sara Sampson,
die Säulen der Erde sowie den Mondpalast,
wieder in die Welt hinaus,
vielleicht auch nicht,
denn vielleicht will ich sie mal aus einer Laune heraus lesen,
mein Bücherregal stöhnt,
denn es kennt diese Prozedur.

Aus der Reserve gelockt

Welch eine Märchenfigur da vor mir steht,
mich ansieht, lächelt und dann vorübergeht,
mit ihrem stolzen Dasein die Sinne verdreht,
ein Blick, dein Blick und alles war zu spät,
für diesen besorgten, bedachten Chaoten,
der es stets vorzog jedes Wenn und Aber in aller Tiefe auszuloten,
sich verkapselte, versteckte vor ehrlicher Offenheit,
die leichteste Lösung als Schutz vor jeglicher Verletzlichkeit,
wie selbstverständlich hast du mich ergriffen,
mein Herz mit deinen Lippen, deinen Augen, deiner Seele an dich gerissen,
und nun sitze ich hier und sehe dir zu,
wie du im Garten wandelst in samstäglicher Ruh,
den Lavendel sanft mit deinen Fingern berührst,
das feuchtkühle Gras an deinen Fußsohlen spürst,
mich mit jeder Sekunde deiner Anwesenheit verführst.

Du siehst meine Blicke, kommst zurück und liest diese Gedanken,
du küsst mich in den Nacken, auf die Wange, auf die Lippen,
dass mir alle Sinne schwanken,
selbst jetzt, nach all den Jahren, bekomme ich noch eine Gänsehaut,
und ich weiß, unser Wir ist auf Vertrauen gebaut,
die Vorstellung dich für immer bei mir zu haben,
lässt alles Weltliche erblassen, fegt hinfort alle Klagen.

Du hast einen Träumer erschaffen, hast den Zweifler bekehrt,
mich mit Vertrauen und Geduld das Lieben gelehrt,
diese Worte sind ein Geschenk an dich, ein Dankeschön,
lies sie bitte immer wieder, lass sie dir im Herzen zergehen.

 

Alltagswidrigkeiten

Es gibt so viele tolle Sachen,
die sollen uns das moderne Leben leichter machen,
entlasten und Zeit schenken,
von selbst ihren Gang lenken,
vieles davon lehnte ein junger Herr dankend ab,
und hielt sich lieber selbst mit seinen Pflichten auf Trab,
aber Staub war ihm ein widriges Gegenüber,
egal ob Saugen, egal ob Wischen,
wirklich alles machte er viel lieber,
als jene Sisyphosarbeit,
diesen Kampf ausfechten,
gegen die pudrige Vergangenheit,
und so kaufte er sich mit gutem Gewissen,
einen Roboterhelfer,
um wenigstens nicht mehr saugen zu müssen.

Per Paket kam das runde Objekt,
schnell ausgepackt und eingesteckt,
frisch aufgeladen und bereit,
für mühsame Betriebsamkeit,
flott aus der Küche kam gelaufen,
sein Hund, um am Gerät zu schnaufen,
für ungefährlich dann befunden,
durft es die Wohnung dann erkunden,
auch unter Tischen, unter Stühlen,
den Dreck in seinen Schlund reinwühlen.

Der Herr war glücklich mit dem Teil,
doch sein Glück nicht lang von Weil,
es kam ein ärgerlicher Tag,
an den er nicht mehr denken mag,
der Kühlschrank leer, Bierkasten auch,
das Kaufen war sein Samstagsbrauch,
so verließ er das Haus an jenem Morgen,
um all die Güter zu besorgen,
kam später als gewollt zurück,
vorbei war dann des Tages Glück,
schon vor der Tür roch es fatal,
der Anblick drinnen, reine Qual.

Er musste lachen und auch weinen,
dies ließ sich hierbei gut vereinen,
denn sein geliebter Hundefreund,
der hatte es nicht mehr halten können,
was dann geschah, ihr ahnt es schon,
doch will ich es beim Namen nennen,
der Apparat im Eifer fuhr,
auch durch den Kothauf seine Tour,
es folgte wilde Malerei,
mit dem verdauten Nahrungsbrei.

Bevor er an das Übel ging,
kam ihm ein Jux noch in den Sinn,
anstatt dies alles wegzuputzen,
für ein Museum es zu nutzen,
dem PVC ein Stück entnehmen,
es sorgsam aus dem Boden sägen,
und dann als Kunststück auszugeben:
„Moderne Kunst, nicht menschgemacht,
ihr Pinselvolk, nehmt euch in Acht!“,
vielleicht hätte es Geld erbracht.

Doch nichts dergleichen machte er,
und wurde nur des Wischmopps Herr,
selbst unter Stühlen, unter Tischen,
galt es die Losung aufzuwischen,
das Rumgeputze, keine Wonne,
drum kam der Helfer in die Tonne,
und seither saugt er selbst und macht,
erledigt mit der eignen Kraft,
die vielen kleinen Haushaltssachen,
und lässt sie sich nicht leichter machen.