Abflug

Dreizehn Halbe säuft er runter,
ist danach noch ziemlich munter,
doch anstatt zu Fuß zu bleiben.
sieht man ihn ins Auto steigen.

Schlangenlinien fährt er dann,
auf der leeren, nassen Bahn,
Richtung Bett, er rast gar sehr,
keine Zweifel, nimmermehr.

So die Kurve sieht er kaum,
rauscht gar heftig in den Baum,
jene starke, schöne Fichte,
endet schnell die Saufgeschichte,
beugt sich Mann und Auto nicht,
dies dem Tor den Halse bricht,
Holz und Fleisch und Stahl und Blut,
allen geht es gar nicht gut.

Ja, mir tuts im Herzen weh,
wenn ich nen Baum so leiden seh.

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Taugenichts

Ein Keim durchbrach die Erde neben dem Jungen und wuchs in Windeseile zu einem solch gewaltigen Baum heran, dass dieser die Sonne verdunkelte und es unter dessen Blätterdach zu schneien anfing. Rasend schnell breitete sich Moos über den ganzen Stamm aus, bis dieser gänzlich von einem tiefgrünen Flaum umhüllt wurde. Das Innere des Kolosses verfiel derweil und wurde morsch. Es kam wie es kommen musste. Als ihn ein  heftiger Windstoß erfasste, kippte der Baum um. Mit einem ohrenbetäubenden Knall schlug er auf dem Boden auf und spaltete dabei die Erde. Der schlaue Bub war rechtzeitig in Deckung gegangen und hatte aus sicherer Entfernung gebannt dem Schauspiel zugesehen. Er setzte sich auf einen großen Felsen und sah zu, wie der Baum wieder eins mit der Erde wurde. Mit einem Leuchten in den Augen blickte der Junge in den Himmel. Die Jahreszeiten zogen wie im Zeitraffer an ihm vorbei. Sonne und Mond wanderten über ihn hinweg, ohne Rast und Ruh. Regen und Wind tanzten um ihn herum, ohne Rast und Ruh. Eines Tages sahen ihn einige Menschen dort sitzen. Sie waren von seiner Geduld erstaunt und hatten Mitleid mit ihm, brachten ihm Speis und Trank. Zuvor hatte sich über Essen und Trinken noch gar keine Gedanken gemacht.  Er war in all der Zeit weder hungrig, noch durstig gewesen. Nachdem er jedoch den ersten Schluck aus einer der Wasserflaschen genommen hatte, ergriff ihn plötzlich der Durst wie ein wildes Tier. Die Gier nach mehr glühte feuerrot in seinen Augen und die Menschen flohen schreiend vor ihm. Er stieß sich vom Boden ab und erhob sich in die Lüfte. Dann riss er den Mund so weit auf wie er konnte und begann damit, alles Wasser der Erde aufzusaugen. Tropfen, Schlücke, Bäche, Flüsse, Meere rannen seine Kehle hinunter, doch sein Durst konnte nicht gestillt werden. Als es schließlich kein Wasser mehr zu trinken gab und die leeren Meere unendlichen Wüsten glichen, begann er zu essen. Erst verzehrte er bloß Krümel, dann Bissen, Brotlaibe, schließlich ganze Äcker und am Ende verschlang er in seinem unstillbaren Hunger sogar die Erde und alle anderen Planeten rings herum. Er war aber immer noch nicht satt, weshalb er schließlich das gesamte Universum vertilgte. Dunkelheit empfing ihn. Hilflos trieb er in ihr umher.

„Du Taugenichts“, rief Emma. „Steh endlich auf!“ Er war mal wieder in seiner Pause unter der alten Eiche eingenickt, hatte zu lange geschlafen und ging nun in Emma´s Redefluss unter, die ihn ordentlich zurechtstutze. Sie liebte ihn, weswegen ihr Schelten doch stets immer nur ein Ausdruck ihrer Sorge war, dass aus dem Jungen nichts Anständiges wird.  „Hier, trink ein bisschen Wasser und dann aber wieder ab an die Arbeit!“, befahl sie und drückte ihm eine angelaufene Glasflasche in die Hand. Ungläubig blickte er diese an und zögerte daraus zu trinken. „Nun mach schon, oder willst du hier etwa Wurzeln schlagen?“ , quengelte Emma. Schließlich überwand er sich und nahm einen großen Schluck. Das eiskalte Brunnenwasser ließ ihn sofort erschaudern und vertrieb gnadenlos die Müdigkeit aus seinen Gliedern. Er raffte sich stöhnend auf und blickte noch ein letztes Mal die Eiche an, bevor er Emma folgte und wieder an die Arbeit ging.

Die Eiche

Auf einer Lichtung erhob sich einst eine kleine Eiche aus dem Erdreich. Ein junger Mann, der gerade über die Lichtung schritt, sah dies und war gebannt. Ergriffen sah er zu, wie sich der kleine Baum aus der Erde räkelte und zur Sonne streckte. Er goss ihn, sofern nötig, jeden Tag. Ab und zu düngte er ihn sogar. Liebevoll streichelte er die Blätter und legte sich zu diesem Sprössling hinzu, um ein Nickerchen zu halten. Ein wahrhaft sonderbares Schauspiel für einen Beobachter. Er verbrachte fast seine ganze freie Zeit damit, der kleinen Pflanze die neuesten Nachrichten aus aller Welt vorzulesen, erzählte ihr Erlebnisse aus seinem Alltag, las ihr sogar ganze Bücher vor und versuchte sich im Rezitieren von Gedichten. Viele Jahre vergingen. Eines Tages befestigte der Mann, den man mittlerweile schon als Greis bezeichnen konnte, eine Schaukel an einem besonders starken Zweig, der zum Boden hingewachsen war, ganz als ob der Baum dies so geplant hatte. Kinder aus dem naheliegenden Dorf schaukelten dort gerne und genossen im Sommer den Schatten. Mit den Jahren wuchs die Eiche zu einer stattlichen Höhe heran und thronte nun erhaben auf der Lichtung.

Schließlich verstarb der Mann, der den Baum fast jeden Tag besucht und sich bis zu seinem Tod aufopferungsvoll um diesen gekümmert hatte. Sein Sohn, der mittlerweile auch schon Kinder hatte, die zur Schule gingen, ließ von seinem Erbe die Lichtung vergrößern. Im Frühling grub er auf den Wunsch seines Vaters hin ein paar Meter neben der Eiche ein kleines Loch, legte dann einige Eicheln in dieses und beschüttete sie mit dessen Asche. Anschließend bedeckte er das Loch mit Erde und stellte noch ein kleines Holzkreuz auf. Zufrieden blickte er auf sein Werk.

Zur Freude des Sohnes durchbrachen zwei Wochen später drei Keimlinge die Erde, von denen allerdings nur einer den ersten Winter überstand. Es dauerte wieder fast ein halbes Jahrhundert, bis aus dem zarten Sprössling ein richtiger Baum herangewachsen war, doch schließlich standen die beiden Eichen zusammen auf der Lichtung und blickten auf das Treiben unter ihnen hinab, wo deren Urenkel ein Fest veranstalteten und ausgelassen die Geburt eines Kindes feierten. Ihre Blätter raschelten bei jedem Windstoß und ein Flüstern lag in der Luft.

Das Päuschen

Ein Keim sprengte die Erde neben ihm und wuchs in Windeseile zu einem solch gewaltigen Baum heran, dass dieser die Sonne verdunkelte und es unter seinem Blätterdach zu schneien anfing. Der Junge, der durch die Ausdehnung des Baumes mittlerweile auf einer großen Wurzel hockte, sah dem Schauspiel gebannt zu. Schon brach der Baum aus Altersschwäche wieder ein und als er aufschlug, spaltete sein gewaltiger Stamm die Erde. Der Junge rührte sich nicht vom Fleck. Die Jahreszeiten zogen an ihm vorbei, Sonne und Mond wanderten über ihn hinweg, ohne Rast und Ruh. Regen und Wind tanzten um ihn herum, ohne Rast und Ruh. Dann, es war gerade wieder einmal Winter geworden, sahen ihn einige Menschen. Sie waren von seiner Geduld erstaunt und hatten Mitleid mit ihm, brachten ihm Speis und Trank. Zuvor hatte er sich darüber noch gar keine Gedanken gemacht, doch plötzlich, nachdem er den ersten Schluck von einer Wasserflasche genommen hatte, ergriff ihn der Durst. Die Gier glühte in seinen Augen und die Menschen flohen. Tropfen, Schlücke, Flaschen, Bäche, Flüsse, Meere rannen seine Kehle hinunter, doch sein Durst konnte nicht gestillt werden. Nachdem es kein Wasser mehr zu trinken gab, begann er zu essen. Erst verzehrte er bloß Krümel, dann Bissen, Brotlaibe, schließlich ganze Äcker und zuletzt verschlang er in seinem unstillbaren Hunger die Welt selbst und alle Planeten rings herum, bis es nichts mehr gab und er satt war. Schwarze Dunkelheit empfing ihn. Hilflos trieb er im All umher, nicht gerade angenehm mit vollem Bauch. „Du Taugenichts“, rief Emma. „Steh endlich auf!“ Er war mal wieder in seiner Pause unter der großen Eiche eingenickt, hatte zu lange geschlafen und ging nun in Emma´s Redefluss unter, die ihn ordentlich zurechtstutze. Sie liebte ihn, weswegen ihr Schelten stets immer nur ein Ausdruck ihrer Sorge war, dass aus ihrem Jungen nichts Anständiges wird. „Hier trink einen Becher und dann aber wieder ab an die Arbeit!“ Lustlos nahm er ihn entgegen, leerte ihn mit einem Schluck und raffte sich auf. Als er aufstand sah er, dass neben ihm ein kleiner Baum seine ersten Blätter zum Himmel reckte. Verdutzt kratzte er sich am Kopf, zuckte mit den Schultern und ging wieder an die Arbeit.