Badgedanken

Mit jedem Atemzug hob sich sein Bauch um den Nabel herum wie eine kleine Insel aus dem Schaumbad, das mittlerweile kalt geworden war. Aber er blieb weiter darin liegen, schaute sich seine schrumpeligen Finger an, tauchte gelegentlich mit dem Kopf unter Wasser und versuchte seinen Herzschlag zu hören, kratzte mit dem Fingernagel an der Wannenwand, klopfte mit den Knöcheln dagegen und war von den Geräuschen fasziniert.

Er sah rüber zum dampfblind gewordenen Spiegel und sah ihre Haarbürste auf dem Keramikbrett darunter liegen, daneben ihr Fläschchen Chloé und ihr schwarzer Fön. War er deswegen liegen geblieben? Sie war auf der Arbeit, starrte in diesem Moment wohl mit entnervter Miene auf den Stapel an Briefen, der während ihres Urlaubes angeschwemmt worden war. Durch das Fenster vor ihm konnte er das letzte Aufbäumen des Herbstes sehen, der sich seit zwei Wochen stolz als Sommer verkleidet hatte, bevor er recht bald seinem stillen Bruder namens Winter Platz machen musste. Neben ihm stand auf einem hölzernen Endtisch ein leeres Glas, in dem zuvor Rum einen Tanz mit Eiswürfeln und etwas Limettensaft eingegangen war. Der kalte Drink und das warme Bad hatten sich nicht vertragen, aber er hatte den Alkohol an diesem Morgen gebraucht, wie er auch das Bad gebraucht hatte. Nur Säufer trinken am Morgen, Säufer und Kreative, alte Leute und Urlauber, keine jungen Arbeitsmenschen, wie denn auch. Manchen würde sicherlich etwas Leichtigkeit im Alltag guttun und wer weiß, vielleicht würde dies sogar manch ein Geschäft erleichtern, wenn zuvor die beteiligten Parteien einen oder zwei gekippt hätten.

Sowohl die Haarbürste, als auch das Chloé und der Fön gehören da nicht hin, stellte er plötzlich fest. In seinem Leben waren immer wieder solche Dinge auf diesem Brett gelegen, Dinge, die ihm nicht gehört hatten, aber noch nie war ihm jener Gedanke gekommen, nie hatte er diese Sachen nehmen und aus dem Fenster werfen wollen. Warum jetzt? Was war anders? Sie nicht, oder doch? Sie war, wenn man es nüchtern betrachtete, nur eine weitere Frau in einer langen Liste, die hoffentlich mal ein Ende nehmen würde. Vielleicht ist sie aber auch das Ende der langen Liste und ich bin mir dessen eigentlich bewusst und komme deswegen damit nicht zurecht und habe diese eigenartigen Gedanken und möchte deswegen weglaufen und mich davon lösen, dachte er. Ist es so simpel? Das Wasser fühlte sich plötzlich ganz kalt an. Er stieg aus der Wanne und rieb seinen Körper trocken. Immer wieder sah er auf die Haarbürste, das Chloé und den Fön. Schließlich nahm er einen Mittelweg, der ihn vorerst zufriedenstellte. Er nahm ihre Sachen und verstaute sie in einer Schublade des Badschrankes neben ihm. Nachdem er sich angezogen hatte, verließ er die Wohnung und ging in ein Café zum Frühstücken.

Aufstehen

In dir fand ich erst nichts
und dann alles
eine Unbekannte, eine Freundin, eine Liebe
und am Ende eine Fremde
bis es überwunden war

Erhöhung aller Gefühle
hin zur Verklärung der Sinne
Unvernunft der Entscheidungen
Abstieg mit glühendem Herz
hilflos im einsamen Abyss

Die Wohnung still wie ein Grab
saß ich zu lange darin
die Trauer ist kein guter Maler
streicht mit Schwarz die Gedanken
und mit Grau alle Freude

Freunde fragten, kalt die Antworten
panzerte mich ein
machte was nötig
ließ was möglich
war das Geringste von mir

Schwerer Weg führte empor
steile Leitern, große Felsen
lagen im Weg zum Davor
als ich nichts in dir fand
eine Fremde, keine Freundin, keine Liebe

Doch es musste sein
denn ich wusste
dass das Glück nur denjenigen küsst
der das Aufstehen meistert
und nicht am Leiden zerbricht

Simpel

Er und du
du und ich
er und du und ich
einer zu viel
minus er
du und ich
er
später
er und nicht du
du und ich
Bedauern
minus ich
er und nicht du und du
ich
Streit
er
du
ich
nicht du
später
jetzt
er und du
ich und nicht du
Glück?

 

 

Lass es bleiben!

Alle zwanzig Minuten muss ich dir schreiben,
weil du sonst denkst, dass ich dir entgleite.

Wo ist dein Vertrauen geblieben?

Schon wieder brummt das Smartphone,
und aus ist der Frieden.

Wir chatten über Nichts, und das stundenlang,
dann bin ich zu Hause…wir starren uns nur an,
ich ließ es zu, nun muss ich es ertragen,
aber ist es denn falsch, sich jetzt zu beklagen?

Vorbei die Zeit der Zeitlosigkeit,
manchmal wünsche ich mir, dass mich jemand befreit,
von all der Technik, die mich fesselt, die mich hält,
die alles umschlingt, das unsichtbare Netz dieser Welt.

Einmal, ja einmal habe ich dir nicht zurückgeschrieben,
und dann stritten wir uns, bis kurz vor halb 7,
harte Worte, tiefe Wunden, manchmal geht es so schnell,
ich nahm rasch mein Zeug und flüchtete in ein Hotel,
doch dort lag ich alleine im Bett und alles war kalt,
die Uhr zeigte 1 und ich fühlte mich schrecklich alt.

Das Smartphone brummte, du fragtest wie es mir geht,
„Komm heim – ich liebe dich – es ist spät“,
wie ein geschlagener Hund trottete ich zurück,
ich bin nicht gut einsam, doch finde kein Glück,
mit dir, mit uns,
mit mir.

Mir, mir schwirrt der Geist,
hin und her,
und hin und her,
und hin und her
bis er….zerbricht?

Nein, so weit darf es nicht!

Rat -Schläge

In einer Zeitschrift stand geschrieben:
„10 Schritte um richtig zu lieben!
Mit diesen Tipps gelingt das Eheglück,
mit unserer Hilfe machen sie Ihre Frau verrückt!“

Verrückt gemacht,
das hab ich sie,
sie war erregt wie sonst noch nie,
zornig bis zum Wutanfall,
dem Heft sei Dank,
es kann mich mal!

Schritt 1: „Seien Sie immer ehrlich!“, riet das Blatt,
dies hatt ich nach zwei Tagen satt,
denn zu viel Ehrlichkeit bereut,
wer sich am Ehefrieden freut.

Denn Wahrheit ist nicht immer leicht zu ertragen,
das Ergebnis war ein lautes Klagen,
denn was mich juckte, das sprach ich aus,
gejagt wurd ich zum Haus hinaus!

Schritt 2: „So steht ihr Penis wie ein Brett!“,
und: „Hier noch ein paar super Tipps für mehr Spaß im Bett!“
die Nudel schlaff, die Laune trüb,
was habe ich mich abgemüht!

Die Übung zur Hartständerei,
war nicht erfolgreich, schmerzte nur,
das Rutentraining, pur Tortur,
doch wollte ich noch nicht verzagen,
mich an die „guten“ Ratschläge wagen.

Ich gab mir Mühe sondergleichen,
ließ wilde Stöße aus den Lenden weichen,
dass ich mir fast die Hüfte brach,
sobald mein Liebchen sprach: „Gemach!“,
mein Treiben wurde ihr zu viel,
das altbekannte Liebesspiel,
war ihr doch lieber, genoss sie mehr,
mir war es recht, ich keuchte schwer.

Den dritten Schritt, den ließ ich sein,
das Heft kam in die Tonne rein,
stattdessen nahm ich sie mir nah,
liebkoste sie ganz wunderbar,
und fragte sie, was sie sich wünscht,
was sie denn anzumerken hat,
nicht viel war es, ganz wenig nur,
doch seitdem läuft die Liebe glatt.

Entfremdung

Während die Straßen sich langsam füllen und Millionen Liter Kaffee in verschlafene Gesichter fließen, liegt eine Frau, der man einen gewissen äußerlichen Unterhaltungswert nicht absprechen kann, noch in ihrem Bett und starrt entsetzt einen Mann an, der neben ihr liegt. Die schöne Frau – es ist eine natürliche Schönheit, keine durch Make-up erzwungene – findet sich an diesem Morgen in einer verdrießlichen Lage wieder, ist ihr doch dieser Mensch, welcher sich gerade im Schlafe zu ihr umdreht und mit offenem Mund vor sich hin dämmert, gänzlich fremd. Ein Bild auf ihrem Nachttisch behauptet allerdings trotzig das Gegenteil. Er, sitzend auf einer Holzbank und sie, stehend, ihn von hinten umarmend. Fröhliche Gesichter, weiße Zähne, Zeugnisse einer glücklichen Zeit. Doch sie misstraut dieser Fotographie. Man hätte das Bild schließlich auch fälschen und es dort, während sie schlief, auf dem Nachttisch platzieren können, um den Anschein zu erwecken, dass zwischen ihr und diesem Fremden eine Verbindung bestand bzw. besteht. Doch wer würde sich solch eine Mühe machen? Was ihr an diesem Menschen so fremd vorkommt, dass könnte sie auf die Nachfrage einer Freundin oder eines Freundes nicht in Worte fassen und dennoch ist es für sie unbestreitbar wie ein mathematisches Gesetz, dass in diesem Moment eine Distanz zwischen ihr und ihrem Bettnachbarn besteht. Ob er ihr schon immer fremd war, dass vermag sie nicht zu sagen. Kalter Schweiß dringt ihr aus den Poren, ihr Herzschlag beschleunigt sich. Sie bekommt es mit der Angst zu tun, denn sie weiß nicht wie sie sich verhalten soll, wenn dieses Etwas neben ihr schließlich die Augen aufschlägt und sie eventuell bei ihrem Namen nennt, eine Reaktion erwartet. Was soll sie sagen? Was tun? Gelähmt geht ihr Blick an die weißgestrichene Decke. Verzweifelt versucht in dem Muster der Tapete Antworten zu finden, doch nichts will sich ihr eröffnen. Während sich ihre Stirn in Falten legt und ihre Gedanken im Kreis rasen, schlägt der Fremde neben ihr die Augen auf, gähnt, seufzt und beugt sich dann zu ihr herüber, um ihr einen Gutenmorgenkuss auf die Lippen zu drücken. Die Nacht liegt noch in seinem Atem. Von der Selbstverständlichkeit dieser Geste überrumpelt, die anscheinend ein gefestigtes Ritual zu sein scheint, nimmt sie angewidert den Kuss an. Als er sich aufrichtet und vom Bett erhebt, stöhnt die Matratze gequält auf und sie muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie sich beide anscheinend schon die ganze Zeit in völliger Nacktheit befanden, bedeckt nur von den beiden schwarz-weiß gepunkteten Bettdecken aus einem schwedischen Möbelhaus. Lautstark läuten die Kirchenglocken den neuen Tag ein und als er rüber zum Schrank geht, sich einen Morgenmantel aus dem Schrank überstreift und in ein Paar karierter, recht altbackener Pantoffeln steigt, tun seine Hoden es diesen nach. Ihr Blick gleitet auch auf sein schlaffes Glied. Panik. Was ist passiert? Warum ist er nackt? Haben sie etwa in dieser Nacht miteinander geschlafen? Mit äußerster Vorsicht zieht sie die Decke schützend an sich heran, die Verhüllung ihres nackten Leibes intendierend, möglichst so, dass es der Fremde nicht mitbekommt. Es gelingt.

„Ich mach dann mal Frühstück. Ich ruf dich dann wenn‘s fertig ist“, murmelt der Fremde mehr als dass er spricht und setzt sich mit kurzen, trägen Schritten in Bewegung. Schlurfend verschwindet er in der Türe. Anscheinend kennt sich diese Person in ihrem Haus aus. Nur so kann sie es sich erklären, dass schon nach kurzer Zeit das Küchenradio durch die Wohnung schallt und die Ruhe mit zu gutgelaunten Radiomoderatoren und billigem Chart-Pop zerreißt. Woher nimmt dieser Kerl bloß seine Dreistigkeit? Wie vermessen ist er, um eine Vertraulichkeit zwischen ihnen als selbstverständlich zu erachten? Auch auf diese Fragen findet sie keine Antwort und so unterstellt sie ihm eine kühne Rücksichtslosigkeit. Sie beschließt vorerst diese Rolle anzunehmen, die ihr von wem oder was auch immer aufgezwungen wurde. Rühreiduft. Rufen. Nachdem sie sich angekleidet hat, folgt sie dem Geruch und setzt sich misstrauisch auf den Stuhl am Kopfende des Tisches – den „Chefsessel“ – nicht ohne den Herrn aus den Augen zu lassen, der ihr noch den Rücken zugewandt hat und anscheinend gerade mit der gerechten Verteilung des Rühreis beschäftigt ist.
„Du bist heute aber flott, sonst muss ich dich ja fast schon aus der Kiste rausziehen, alles okay?“, erkundigt er sich, nachdem er schließlich auf zwei blauen Keramiktellern erfolgreich zwei gleichgroße Häufchen Rührei errichtet und mit frischem Schnittlauch bestreut hat. Dazu gibt es Brot mit Butter und jeweils eine Tasse Pfefferminztee für jeden von ihnen.
Alles in Ordnung“, entgegnet sie und versucht die Unsicherheit in ihrer Stimme zu vertuschen.  Er scheint ihr diese Lüge abzukaufen, denn im weiteren Gesprächsverlauf geht er darauf gar nicht mehr weiter ein, sondern berichtet ihr über allerlei Vorkommnisse in der Welt, wie zum Beispiel den Bau eines Kreisverkehres in ihrem kleinen Städtchen und dem Ergebnis des DFB-Halbfinales. Im Verlaufe dieses Gespräches stellt sie fest, dass dieser ihr noch immer recht fremd anmutende Herr ganz sympathisch zu sein scheint und so bleibt sie sitzen und lässt den Dingen ihren Lauf.