Windkind

Ich habe dir geschrieben,
dass es schwer ist, dich zu lieben,
du Windkind bist mal hier und mal da,
streifst stetig umher und suchst,
was du nicht finden kannst.

Dein Glück liegt in der Ferne,
sie ruft dich, ja du brauchst sie zum Atmen,
sie ist dein Fluch zugleich,
du verlierst dich, suchst dein Zuhause,
doch findest es nicht.

Wo hat es dich hingetragen,
in welchem Land streifst du umher,
du Windkind bist mal hier und mal da,
tanzt dich durch die Welt,
und ich komm mir so öde vor.

Du bist der Wind,
ich bin ein Baum,
der eine weht, der andere steht,
der eine bleibt, der andere geht,
und festhalten kann ich dich nicht,
will ich dich nicht,
denn sonst reißt du mich um.

Sei also frei du Windkind,
du meine Liebe in der Ferne,
lass dich treiben vom Leben,
auch wenn es mich schmerzt,
dir nicht nahe zu sein.

Doch irgendwann vielleicht,
wenn du zur Ruhe kommst,
kehrst du zu mir zurück,
und findest Halt und Herz,
und bleibst bei mir, für immer.

 

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Grünlingsgedanken

Während ihr wehmütiger Blick durch die trübe Scheibe fällt, sie freudig den zarten Schneeflocken bei ihrem fröhlichen Hochzeitstanz zusieht und gespannt das Krabbeln der Welt verfolgt, keimt tief in ihr erneut die gedankenergreifende Sehnsucht auf, sich jenem munteren Treiben anzuschließen.

„Hach, was ich für einen Tag an der frischen Luft gäbe. Die Blätter zu spreizen in der kühlenden Umarmung des Windes, die Wurzeln tief in den frischen Grund schlagen und das leckere Nass zu kosten“, entflieht es ihr. Die Schwermut ihres weichen Stimmchens manifestiert sich dabei fast in der abgestandenen Heizungsluft des verlassenen Wohnzimmers, an dessen breiter Fensterfront ihr mattroter Terrakottatopf thront.

„Schweig du Närrin!“, befiehlt eine seltsame Stimme. Unter lautstarkem Gehuste und Gepruste wühlt sich ein kleiner roter, mit sechs Punkten besprenkelter Marienkäfer aus einer fast unsichtbaren Fensterritze hervor und erhebt, nachdem er sich sorgfältig abgestaubt hat, erneut das Wort:

„Einen Tag und eine Nacht dort draußen und du wärst hinüber. Deine Blüten zerbrochen, die Blättchen erfroren, der zarte Stiel vom eisigen Wind geknickt. Das Wetter in diesem Teil der Welt ist nichts für dich mein Liebchen, schon gar nicht jetzt im Winter. Glaub mir, es ist zu deinem Besten.“

Sehnsüchtig seufzt die Pflanze: „Du hast leicht reden. Du, der einfach losfliegen kann, hinaus in den Sturm der Welt. Du, der mich verlässt, sobald die Sonne ihre ersten warmen Strahlen auf die Reise schickt. Seit meiner Geburt, seit drei Jahren blicke ich nun schon tagein, tagaus auf dasselbe Bild. Ich bin es leid.“

„Immerhin bist du hier sicher vor der Kälte und hast stets genug Wasser und Sonne“, merkt der tomatenrote Glücksbringer an, während er sich die letzten Staubkörnchen von seinen schillernden Schwingen zupft.

Energisch erwidert sie: „Doch was ist dies alles wert, wenn ich täglich ein Stück von mir selbst verliere? Wenn mein Wunsch nach Freiheit nur ein Wunsch bleibt und diese schmerzende Eintönigkeit mich schleichend aufzehrt. Lass mich dir deine zarten Flügel und Beine brechen, auf dass du hier mit mir verweilen musst!“

„Hinfort! Rühr mich nicht an, du wahnsinniges Gewächs!“, schreit der Käfer und springt ein Stückchen nach hinten.

Sie lacht laut und spricht dann: „Siehe da! Da tritt nun die Angst, dass man dich deiner Freiheit beraubt, mit peinlicher Blöße ans schwindende Tageslicht. Nein, zu predigen darfst du Läuseschreck dir wahrlich nicht erlauben!“

„Nun ist aber mal gut. Was bringt denn all das unheilvolle Gejammer? Du hast dich wahrlich zu lange nur mit dir selbst abgegeben und von den hässlichen Früchten der Melancholie genascht. Bist du denn so erpicht darauf dich dem Tod in die Arme zu stürzen?“, fragt der Käfer besorgt.

Betrübt frägt sie: „Was bleibt mir denn sonst? Ach, Fluch und Unheil dem Menschen, der mir dieses Leben aufgebürdet hat, das man nicht Leben nennen kann! Sie ihn dir an, dort läuft er“, spricht sie und zeigt Richtung Wohnzimmertür.

Im Hintergrund ist eine junge Frau zu sehen, die es sich mit einer dampfenden Tasse Tee auf dem Sofa gemütlich macht, ihr langes, rabenschwarzes Haar nach hinten wirft und dann den Fernseher einschaltet. Während die Blume und der Marienkäfer weitersprechen, ist undeutliches Talkshowgemurmel zu hören.

Mit wuterfüllter Stimme fährt sie fort: „Ein törichteres Geschöpf gibt es nicht! Alles Glück steht ihm offen, doch stattdessen lässt es zu, dass die Angst vor der weiten, wundervollen Welt da draußen sein König in diesem kleinen Reich ist und sperrt mich, sowie sich selbst in dieser winzigen Wohnung ein, in der ich kaum mehr atmen kann.“

„Dann unternimm doch etwas dagegen und lass das Reden sein! Befreie dich endlich!“, schlägt er vor und fügt wütend zu: „Nichts widert mich mehr an, als dieses stetige Beweinen von Missständen, doch gleichzeitig die heuchlerische Faulheit, ja die widerwärtige Feigheit, nichts gegen jene zu unternehmen.“

Das Pflanze, die diesen kleinen Wutausbruch wortlos entgegengenommen hat, lacht nur trocken und sagt dann: „Verurteile mich nur, du neunmalkluges Insekt, doch beantworte mir diese eine Frage: Was kann ich tun? Was? Sag es mir und ich verstumme auf der Stelle, will kein Wort mehr sprechen bis mein letztes Blatt fällt, mein letzter Lebensfunke erlischt.“

„Ich…du kannst….vielleicht ist es…“, stottert der Käfer.

Erzürnt von der Wortlosigkeit des Käfers, merkt sie an: „Du sprichst: Mach! – doch schweigst, wenn ich frage: Wie? – stockst nur, weichst meinen Antwort ersehnenden Blicken aus und starrst betreten auf den Boden, so als ob sich dort eine verborgene Antwort vergraben wäre. Du beklagst dich über mein verzweifeltes Flehen, doch hast selbst keine Alternative zur Hand, kannst mir keinen Ausweg aus diesem elenden Martyrium zeigen. Leichtfertig beschimpfst du andere als Heuchler, ohne zu merken, dass auch du dir diese Schuhe angezogen hast. Ich nehme dir dies nicht übel mein kleiner Freund, ist doch der Pfad zur Erkenntnis oft ein steiniger, doch bedenke bitte nächstes Mal sorgfältiger deine Worte, bevor du sie aussprichst und damit ein hartes Urteil fällst. Ich bin an diesen Topf gebunden. Er ist meine Wiege und mein Grab. Geh hinaus und verkünde allen meinen Brüdern und Schwestern von ihrem Glück, über welches sich die meisten von ihnen wahrscheinlich noch nicht einmal bewusst sind.“

Schweigen. Während der Marienkäfer über diese harten Worte nachdenkt und das Pflänzlein traurig aus dem Fenster blickt, verstummt plötzlich abrupt das Lärmen des Fernsehers und die junge Frau verlässt das Wohnzimmer. Jacken- und Schlüsselgeraschel sind noch zu hören, dann fällt die Tür knackend ins Schloss.

Der Käfer versucht sich zu erklären, zu entschuldigen, hadert allerdings mit den Worten und spuckt nur: „Es tut…ich…“, aus.

„Genug der Worte. Lass mich jetzt bitte alleine“, bittet sie ihn eindringlich.

„Es tut mir leid. Ich wollte nicht, dass…“, stammelt er und blickt flehentlich in ihre Augen.

„Geh jetzt!“, befiehlt sie streng und beendet damit das Gespräch.

Nach einem letzten beschämten Blick, kehrt das kleine pummelige Insekt mit von Betrübnis und Gedanken erfüllten Augen in sein enges Winterquartier zurück. Ein leiser Seufzer entflieht dem Pfänzlein noch, dann schließt es die Augen und widmet sich dem Träumen.

An einem kleinen Balkon, der an eine helle Wohnung anschloss, welche sich im dritten Stock eines unauffälligen Mietshauses in der Stadt befand, hingen einige braune Blumenkästen, in denen sich eine stolze Ansammlung satt blühender Gewächse fand, deren Ausläufer wild über das gesamte blauangestrichene Geländer wucherten. Nur ein Grünling zeigte sich schlaff und kraftlos, ließ den Kopf hängen wie ein Jüngling, der gerade seine erste Liebe an einen Anderen verloren hat. Das trügerische Aprilwetter bekam dem Gewächs nicht, welches von Natur aus wärmere Temperaturen zum Gedeihen benötigte. Leider fiel diese Kraftlosigkeit der Besitzerin jenes Pflänzchens erst nach einer Weile auf, da sie mit dem Auspacken der Umzugskartons beschäftigt gewesen war, welche sich wie Bücher überall wild aufeinanderstapelten.

Sie hatte einen mutigen Schritt gewagt und war in eine andere Stadt gezogen, hatte ihren Job gekündigt, sowie die Verbindung zu einigen Menschen abgebrochen, die ihr schon längere Zeit nur Sorgen und Ärger bereitetet hatten. Eine Menge Kraft und Mut war dafür nötig gewesen, doch nun wohnte ihr ein überwältigendes Freiheitsgefühl inne, welches ihrer Erscheinung einen stolzen Glanz gab. Die Freude war in ihr Leben zurückgekehrt. Allen Ballast hatte sie hinter sich gelassen. Ihr Gesicht, sowie ihr rabenschwarzes Haar überstrahlten das Lachen der Sonne auf den herrlich bunten Blättern der Bäume nun mit Leichtigkeit und sie tanzte sich vielmehr durch die Welt, als dass sie lief.

Mit einer kleinen, silbrigen Gartenschaufel grub sie vorsichtig das fragile Grün, das im Freien keinen weiteren Tag überlebt hätte, wieder aus und pflanzte es in einen eisenfarbenen Keramiktopf, den sie an ihr Küchenfenster stellte, wo es schön warm war und von wo aus das mitgenommene Gewächs die weite Parkanlage hinter dem Haus im Blick hatte.

Einige Wochen später zeigte sich die Pflanze in einer Pracht, die alle anderen blühenden Kinder der Natur bloß als zerzauste, garstige Kümmerlinge dastehen ließ. Diese überwältigende Lebensfreude speiste sich einerseits aus der Freude knapp dem Tod entgangen zu sein, und andererseits aus der Anwesenheit eines gewissen anderen Gewächses, welches nun zu ihrer Rechten stand und mit dem sie sich vorzüglich unterhalten konnte. Ihr Leben hatte eine unfassbar glückliche Wendung genommen, worüber sie sehr dankbar war.

Den Marienkäfer sah sie leider nie wieder.

 

Taugenichts

Ein Keim durchbrach die Erde neben dem Jungen und wuchs in Windeseile zu einem solch gewaltigen Baum heran, dass dieser die Sonne verdunkelte und es unter dessen Blätterdach zu schneien anfing. Rasend schnell breitete sich Moos über den ganzen Stamm aus, bis dieser gänzlich von einem tiefgrünen Flaum umhüllt wurde. Das Innere des Kolosses verfiel derweil und wurde morsch. Es kam wie es kommen musste. Als ihn ein  heftiger Windstoß erfasste, kippte der Baum um. Mit einem ohrenbetäubenden Knall schlug er auf dem Boden auf und spaltete dabei die Erde. Der schlaue Bub war rechtzeitig in Deckung gegangen und hatte aus sicherer Entfernung gebannt dem Schauspiel zugesehen. Er setzte sich auf einen großen Felsen und sah zu, wie der Baum wieder eins mit der Erde wurde. Mit einem Leuchten in den Augen blickte der Junge in den Himmel. Die Jahreszeiten zogen wie im Zeitraffer an ihm vorbei. Sonne und Mond wanderten über ihn hinweg, ohne Rast und Ruh. Regen und Wind tanzten um ihn herum, ohne Rast und Ruh. Eines Tages sahen ihn einige Menschen dort sitzen. Sie waren von seiner Geduld erstaunt und hatten Mitleid mit ihm, brachten ihm Speis und Trank. Zuvor hatte sich über Essen und Trinken noch gar keine Gedanken gemacht.  Er war in all der Zeit weder hungrig, noch durstig gewesen. Nachdem er jedoch den ersten Schluck aus einer der Wasserflaschen genommen hatte, ergriff ihn plötzlich der Durst wie ein wildes Tier. Die Gier nach mehr glühte feuerrot in seinen Augen und die Menschen flohen schreiend vor ihm. Er stieß sich vom Boden ab und erhob sich in die Lüfte. Dann riss er den Mund so weit auf wie er konnte und begann damit, alles Wasser der Erde aufzusaugen. Tropfen, Schlücke, Bäche, Flüsse, Meere rannen seine Kehle hinunter, doch sein Durst konnte nicht gestillt werden. Als es schließlich kein Wasser mehr zu trinken gab und die leeren Meere unendlichen Wüsten glichen, begann er zu essen. Erst verzehrte er bloß Krümel, dann Bissen, Brotlaibe, schließlich ganze Äcker und am Ende verschlang er in seinem unstillbaren Hunger sogar die Erde und alle anderen Planeten rings herum. Er war aber immer noch nicht satt, weshalb er schließlich das gesamte Universum vertilgte. Dunkelheit empfing ihn. Hilflos trieb er in ihr umher.

„Du Taugenichts“, rief Emma. „Steh endlich auf!“ Er war mal wieder in seiner Pause unter der alten Eiche eingenickt, hatte zu lange geschlafen und ging nun in Emma´s Redefluss unter, die ihn ordentlich zurechtstutze. Sie liebte ihn, weswegen ihr Schelten doch stets immer nur ein Ausdruck ihrer Sorge war, dass aus dem Jungen nichts Anständiges wird.  „Hier, trink ein bisschen Wasser und dann aber wieder ab an die Arbeit!“, befahl sie und drückte ihm eine angelaufene Glasflasche in die Hand. Ungläubig blickte er diese an und zögerte daraus zu trinken. „Nun mach schon, oder willst du hier etwa Wurzeln schlagen?“ , quengelte Emma. Schließlich überwand er sich und nahm einen großen Schluck. Das eiskalte Brunnenwasser ließ ihn sofort erschaudern und vertrieb gnadenlos die Müdigkeit aus seinen Gliedern. Er raffte sich stöhnend auf und blickte noch ein letztes Mal die Eiche an, bevor er Emma folgte und wieder an die Arbeit ging.

Replay

Reise, Reise, sein Geist ist ausgeflogen, nur der Körper bleibt zurück und dieser bebt. Bebend vor purer ekstatischer Lust, fast Erotik. Eine Freiheit die ihm sonst verwehrt,fast unmöglich erreichbar scheint, Kunst in ihrer Perfektion, die Geburt von Gefühlen. Sein Kopf wird durchspült und gereinigt, befreit von allem, wenigstens für den Moment, Platz für Neues wird geschaffen. Sein Körper bebt. Er schwitzt, sein Blut kocht, er weint leicht, ist außer Atem und genießt es. Dröhnend schiebt ihn der Bass voran, bringt sein Herz zum Mitschwingen. Er verliert die Kontrolle über sich, seine Beine gehören ihm nicht mehr, marionettenhaft gezogen von unsichtbaren Fäden bewegen sie sich im Takt. Ungehemmte freie Bewegungen, denn Musik ist Freiheit, individuell. Ein Klangteppich wird gewoben, breitet sich aus und umschließt ihn, spendet ein wohliges warmes Gefühl, ein Kribbeln tief in ihm, die Urfreude. Er hört es, er fühlt es, er liebt es, ist frei und lebt. Diese vollkommene Freude überall, die Droge in seinem Blut, Endorphin genannt, wird in vollen Zügen genossen, ein kurzer Moment bleibt ihm noch. Der Blick aus dem Fenster treibt ihm die Tränen in die Augen, weil er mit diesem Lied soviel verbindet. Freude, Schmerz, Liebe und Hass. Der Puls normalisiert sich und so langsam erlangt er die Kontrolle über sich wieder, will es jedoch nicht. Stille. Replay…