Die kleine Hummel Summelbrumm

In Anbetracht all der Herbst- und Wintergedichte, die ich in den kommenden Monaten lesen werde, bekam ich Lust dieses Frühlingsgedicht für (große) Kinder zu schreiben:

Die kleine Hummel Summelbrumm,
fliegt fröhlich in der Welt herum,
sie nascht mal hier und nascht mal da,
vom herrlich süßen Blütenklar,
genießt den warmen Sonnenschein,
das königsblaue Himmelsrein.

Sie strahlt und pfeift,
ist sehr vergnügt,
wie sehr sie doch den Frühling liebt,
der überall das Leben bringt,
aus tausend Kehlen kraftvoll singt,
mit Farben durch die Landschaft springt,
und aller Wesen Schwermut nimmt.

Die kleine Hummel Summelbrumm,
fliegt fröhlich in der Welt herum,
sie kommt an einen kleinen Teich,
in welchem schimmert Krötenlaich,
und bald schon werden erste Quappen,
nach kleinen Futterhappen schnappen.

Am Teich vorbei geht es gen Süden,
dort wo die Weiden Kätzchen kriegen,
hier möchte sie den Pollen suchen,
aus dem sie backen wird nen Kuchen,
denn heute bittet sie zu Tisch,
Marienkäfer Zwirbelzisch.

Die kleine Hummel Summelbrumm,
fliegt fröhlich in der Welt herum,
hat reichlich Pollen an den Beinen,
„Das gibt zehn Kuchen will ich meinen!“,
hört man die Brummelhummel sagen,
man sieht sie fix nach Hause jagen.

Und in der Küche geht es dann,
mit allen Beinchen fleißig ran,
aus Pollen, Milch und Mehl und Ei,
wird eine Riesenleckerei,
die Hummelbrumm mit Honig ziert,
und Blütenblättern dekoriert.

Die kleine Hummel Summelbrumm,
summt fröhlich in der Küche rum,
stellt auf den Herd nen Frühlingstee,
aus jungem Löwenzahn und Klee,
nun fehlt nur noch der werte Zisch,
am gut gedeckten Mittagstisch.

Der Zwirbelzisch kommt punktgenau,
führt mit sich seine Käferfrau,
„Na guten Tag, Frau Zwirbelzisch“,
sagt Hummelbrumm und zeigt zum Tisch,
der Pollenkuchen wird erblickt,
und beide strahlen ganz verzückt.

Die kleine Hummelbrumm,
summt fröhlich um den Tisch herum,
doch plötzlich hört sie ein Gerede,
„Was ich nicht für ein Stückchen gäbe!“,
„Ich will was von dem Honig haben!“,
„Ich würde an den Blättern nagen!“

Wer schaut denn da zur Türe rein,
und will am Kuchen sich erfreun,
nicht eins, zwei, drei, nein eine Meute,
ganz viele Wald- und Wiesenleute,
der Kuchenduft hat sie gelockt,
man hoffend vor der Türe hockt.

„Gibt es denn etwas hier zu teilen?“,
schon sieht man Hummelbrumm sich eilen,
sie holt ganz viele Teller her,
der Gäste werden es nun mehr,
für alle ist am Tische Platz,
und was dann folgt, ist ein Geschmatz.

Es wird gequatscht, man ist vergnügt,
und jedermann den Kuchen liebt,
ja Hummelbrumm, du hast es schön,
so soll das Leben weitergehen!

 

 

 

 

 

 

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Der Specht

Wer jetzt durch die Wälder schreitet,
wird begrüßt von zartem Grün,
das aus allen Winkeln wimmelt,
überall die Blümlein blühn.

Mit der Wärme kommt das Leben,
heiter wuchert es umher,
und ein gut bekanntes Klopfen,
freut mich Wanderer gar sehr.

Federfreund, du Virtuose,
Musikant auf hartem Stamm,
schöner Specht, wo magst du stecken,
ich leider dich nicht sehen kann.

Unterm Rindenpanzer krabbelt,
was dem Specht sein Leibgericht,
Würmer, Larven und auch Käfer,
sind vor ihm dort sicher nicht.

Alle diese Krabbeltiere,
er mit größter Lust verschlingt,
fleißig meißeln muss der Vogel,
bis die Lieblingsspeise winkt.

Finden kann er seine Beute,
oft in faulen, weichen Bäumen,
Schnabelstöße Mürbholz treffen,
dieses gilt es wegzuräumen.

Fröhlich sollte mancher sein,
dass der Specht klopft ganz allein,
in den Wäldern auf das Holz,
und nicht auf das, was mancher stolz,
darüber auf dem Halse hält,
dies schrecklich morsche Denkgebälk.

Der Angler

Faul lungerten die Himbeerwolken am Himmel herum, kein Wind schien sie behelligen zu wollen. Es war ein wunderbar kühler Frühlingsmorgen und silbrige Nebelfäden lagen auf dem See, an dessen Ufer ich entlangschritt. Der unbefestigte Weg war teilweise sehr eng, weil er auf beiden Seiten gänzlich von allerlei garstigem Gesträuch zugewachsen war. Brombeeren, Brennnesseln, kniehohe Disteln, ein Stolpern und ich hätte mich vor Schmerzen gewunden, mich schrecklich in diesem grünen Gewirr wie eine Fliege im Spinnennetz verstrickt. Manchmal standen aber auch große Bäume am Ufer, Buchen, Linden und diverse Weidenarten, die dem Unkraut das Licht nahmen und unter denen sich flache Wiesen gebildet hatten, auf denen sich im Sommer die Menschen niederließen und von dort aus zum Baden in das süße Nass gelangen konnten. Der Weg führte mich zu einer unkrautarmen Stelle, an welcher das Wasser am Ufer sehr flach war und das Schilf in einem dichten Wald zusammenstand. Frösche wuselten dazwischen in lüsterner Betriebsamkeit umher, während sie einen Lärm ausstießen wie eine Weltversammlung von Marktschreiern. Zwei, drei Männchen an ein Weibchen geklammert, kleine Orgienknäuel, die sich durch den schleimigen Laich wälzten, welcher von der Morgensonne vergoldet wurde. Ganz gespannt sah ich mir dieses Treiben einige Minuten lang an und erfreute mich an dem Ehrgeiz, mit dem sich diese Tierchen ihrer Paarung hingaben. Nachdem ich mich sattgesehen hatte, lief ich weiter. Überall um mich herum sangen die Vögel ihre hellen Lieder. Die ganze Natur schien sich im Vermehrungseifer zu befinden. Der Weg stieg ein wenig an und auch das Ufer neben mir wurde immer steiler. Dann, gemäldehaft eingerahmt von zwei knorrigen, zum See hingewundenen Silberweiden, sah ich einen Angler in einem Liegestuhl sitzen, daneben alle möglichen Angelutensilien. Eine dunkelblaue Kühlbox, drei gelbe Eimer, ein silberner Kescher, eine große tarngrüne Tasche und irgendwelche eigenartigen Boxen waren alles, was ich auf den ersten Blick sehen konnte.  Der graue Gummistiefel tragende Mann dessen Gesicht mir sonderbarerweise sehr bekannt vorkam, war gerade in heller Aufregung und kurbelte sich fast die Hände wund, doch als seine Beute dann endlich die Wasseroberfläche durchbrach, blickte er enttäuscht – wie ein hungriges Pferd dem man altes Heu vorsetzt – auf den Angelhaken, an dem sich eine kleine, erschöpfte Regenforelle hin- und herwand. Er war so in seine Arbeit vertieft, dass er nicht bemerkte, wie ich an ihn herangetreten war und ihm über seine Schulter blickte, ihn aufmerksam dabei beobachtete, wie er den Fisch vorsichtig vom Haken nahm, um ihn nicht weiter zu verletzen. Eine sympathische Sanftheit. Anschließend stieg er die steile Böschung hinab und schenkte dem Tierchen die Freiheit. Kaum hatte es seine Hand verlassen, wurde es auch schon wieder eins mit dem herrlichen Nass. Als der Mann sich umdrehte und an den Aufstieg machen wollte, erblickte er mich und erschrak. „Was zur Hölle!“, rief er laut und fiel fast rückwärts in das grüne Wasser. „Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken“, entgegnete ich und reichte ihm eine Hand. Dankbar nahm er sie an und ich zog ihn hoch, wobei jeder seiner Schritte kleine Steinchen und Erdbrocken lösten, die hinter ihm ins Wasser platschten.
„Herzlichen Dank, aber was machen Sie hier?“, fragte er und wusch sich dann seine dreckigen Hände in einem Eimer. In den anderen beiden schwammen einige ausgeweidete Fische in einer trüben Blutbrühe. „Ach, ich war hier am Spazieren und sah zufällig, wie Sie die Forelle aus dem Wasser zogen und naja, da konnte ich nicht anders und sah Ihnen ein bisschen bei Ihrer Arbeit zu“, antwortete ich verlegen. Bei dem Anblick der geöffneten Fischleiber und deren halbmondförmigen Münder wurde mir leicht übel und ich musste mich abwenden. Er bemerkte dies und grinste breit, nahm die Eimer dann und stellte sie auf die Seite.
„Wohl ein Städter hm?“„Nene, ganz und gar nicht, aber das war wohl gerade zu viel für mich“„Machen Sie sich nix draus. Sie sind nicht der Erste und werden auch nicht der Letzte sein, der bei dem Anblick so reagiert. Essen können se die Tierchen alle, aber beim Töten und Ausnehmen wird´s den Leuten zu viel“„Ja, da haben Sie Recht. Eigentlich sehr bedenklich.“
Der Angler drehte sich um und holte aus einer Tasche einen kleinen, dreibeinigen Campingstuhl heraus, den er mir mit einem freundlichen Nicken überreichte.
„Schaun se mal, ob Sie darauf sitzen können. Eigentlich hocken da als nur meine Kinder drauf, aber der Stuhl sollte auch einen Erwachsenen aushalten.“
Während ich den Aufklappmechanismus des Stuhles auszuklügeln versuchte, machte er sich schweigend daran einen neuen Köder; ein fingerlanges, dünnes Fischchen, an dem leeren Haken zu befestigen und ihn auszuwerfen. Ich ließ mich neben seinem Liegestuhl nieder und erfreute mich an der Gemütlichkeit, mit welcher er all seine Bewegungen vollzog. Um meine Gemütlichkeit war es schlecht bestimmt, war der Stuhl doch schrecklich unbequem, umfasste mein Gesäß mit einer schraubstockartigen Grobheit. Ich wollte meinen Stuhlnachbarn nicht durch ein zu rasches Aufstehen verunglimpfen, weshalb ich dennoch sitzen blieb. Er erschien mir ein geduldiger Mensch zu sein, wobei man dies wohl von den meisten Anglern sagen kann. Mit: „ Wie beißen sie heute?“, beendete ich die Stille. „Joa, ganz gut. Gibt bessere, aber auch schlechtere Tage. Kann nicht jammern. Wolln se ein Bier?“ Er stand noch und sah mich fragend an. Ich lehnte ab. „Gut, ich gönn mir aber jetzt eins, sitz hier schon knapp fünf Stunden“„Wow, so lange schon? Müssen Sie heute nicht arbeiten?“, entfloh es mir. Ein undefinierbares Zucken huschte für einen winzigen Moment über sein Gesicht, doch es wich sofort wieder einem entspannten, freundlichen Ausdruck. Aber ich hatte es bemerkt und war nun neugierig, wollte gleich wieder nachhaken, doch irgendwie scheute ich mich davor. Etwas in mir warnte mich: „Nein, lass es. Warte noch!“, worauf ich erst einmal schwieg. Anscheinend war ihm dieses Schweigen sehr willkommen, denn daraufhin schien er sich mir gegenüber zu öffnen: „Wissen Sie, ist ne lange, lange Geschichte, aber nein. Ich muss heute nicht arbeiten. In meiner Familie gibt es eine Tradition, der auch ich folgen muss.“ – begann er und erzählte mir dann, dass schon seit jeher, seit Jahrhunderten Mitglieder seiner Familie an diesem Ufer sitzen und nach dem „Seekönig“ angeln. Ich war sehr irritiert und musste mich beherrschen. Fast hätte ich den armen Mann ausgelacht. Er hätte mir dies wohl sehr übel genommen, doch zum Glück konnte ich den Lacher in einen kehligen Husten umwandeln.
„Ich bin ein Glied in einer langen, langen Kette und habe nicht vor, diese zu unterbrechen“, fuhr er fort und zündete sich eine Zigarette an, während die Angel in ihrer Halterung ruhte und ich den Vogelgesang genoss, welcher den engen Raum zwischen unseren Wortwechseln einnahm. Er hatte sich mittlerweile in den Liegestuhl gesetzt und kostete immer abwechselnd vom Bier und der Zigarette. Wie es zu dieser seltsamen Familiendradition gekommen war, welche sein Leben erheblich formte, verriet er mir leider nicht. Er sagte dazu nur: „Es war schon immer so und wird  auch immer so sein, bis ihn einer von uns irgendwann am Haken haben wird. Ich werde es vielleicht nicht sein, aber vielleicht mein Sohn, oder eine meiner beiden Töchter. Wer weiß, was die Zukunft bringen wird. Jammern bringt mich jedenfalls nicht voran. Wissen Sie, manche meiner Vorfahren sind damals an diesem Ufer gesessen und hatten zum Angeln nur einen Stock und eine Schnur. Ich sitze hier in diesem bequemen Stuhl, trinke meine Bierchen, kann mir ab und zu etwas Warmes mit dem Campingkocher machen und muss nur kurbeln wenn die Rute zappelt. Nene, ich beschwer mich nicht.“ Andere Menschen hätten ihn nach diesen Worten sicher ungläubig angesehen, doch nach außen hin wirkte er wie ein sehr vernünftiger, gesetzter Mann; kein Geistestänzer – gefangen in seiner eigenen Dimension, fernab jeder Realität. Mein Interesse war jedenfalls geweckt und so blieb ich an seiner Seite sitzen und wir führten ein langes, geistreiches Gespräch über alle möglichen Dinge. Ein netter Austausch sowohl über Nichtigkeiten, als auch die „großen“ Fragen des Lebens. Währenddessen verstrich die Zeit im flotten Trab, wie immer, wenn man sich an etwas erfreut. Die Sonne lachte mittlerweile auf uns herab, der Himmel versprach viele Sonnenstunden. Mit schmerzenden Gliedern erhob ich mich aus dem dreibeinigen Stühlchen und streckte meine Arme und Beine. „Wollen Sie nen Fisch mitnehmen?“, fragte mich der Angler und griff in einen Eimer, aus welchem er einen ansehnlichen Karpfen fischte. Ich mochte und mag Fische, daher lehnte ich höflich ab.

Gerade als ich mich von ihm verabschieden wollte (meine Haut begann schon trocken zu werden), überrollte mich ein Kribbeln, welches einen neckischen Gedanken in mir entflammen ließ, den ich sogleich in die Tat umsetzen musste. Ich gab dem netten Mann fest die Hand und wünschte ihm zum Abschied noch ein: „Petri Heil!“, dann ging ich geschwind an ihm vorbei und kletterte vorsichtig die Böschung hinab.
„Was machen Sie da?“, rief er mir von hinten zu und starrte mich verdutzt an. Ich antwortete ihm nicht. Was dann folgte, war ein gewaltiger Spaß. Bereits als ich den ersten Fuß in den See setzte, begann mein Tarnschleim sich von mir abzulösen und zu verflüssigen. Wie Wasserfarben zerliefen die Konturen der Kleidung, liefen in langen, bunten Strömen an meinem Körper hinab und verteilten sich wie Ölflecken auf der gesamten Wasseroberfläche. Die Sonnenstrahlen tanzten wild auf meiner entblößten Haut herum und tauchten die gesamte Uferzone in ein tiefblaues Funkeln. Auch auf dem Gesicht des Anglers tanzten die Lichtflecken fröhlich herum. Ein paar kühne Ausreißer wagten sich sogar den offenen Mund des armen, verwirrten Mannes, der atemlos dem Schauspiel zusah. Ich drehte mich zu ihm um und musste bei diesem Anblick herzhaft lachen. Dabei stellte ich fest, dass meine Stimme bereits wieder ihren gewohnten, gurgelnden Klang angenommen hatte. Das Wasser stand mir bis zur Brust und versorgte meinen Körper mit Energie und meine Seele mit einem sanften Gefühl der Geborgenheit. Die Tiefen riefen mich zu sich zurück. Ich zog eine Hand aus dem Wasser und winkte dem erstaunten Landgänger zu, der mir an diesem Morgen ans Herz gewachsen war.

An seine Vorfahren konnte ich mich leider nicht mehr erinnern, denn Menschengesichter nehme ich wie Blumenblüten wahr. Jede ist auf ihre Weise einzigartig und schön, dennoch gibt es unzählige viele von ihnen; zu viele, um sie genauer unterscheiden zu können. Daher wusste ich auch nicht, ob ich mich jemals einem Großvater oder einer Großmutter des Anglers in meiner wahren Gestalt gezeigt hatte, oder ob ich ihnen nur in einer Verkleidung begegnet war. Die Menschen faszinieren mich zwar und ich liebe es mit ihnen zu reden und Einblicke in ihre Lebenswelt zu bekommen, doch letztendlich ist mein Reich das Wasser, dieser See. Wieso diese Familie es sich in den Kopf gesetzt hat mich zu fangen, das ist mir bis heute noch ein Rätsel, jedoch habe ich nicht vor mich aus Mitleid oder Barmherzigkeit ihnen an den Haken zu werfen.

Beim Anblick meiner Hand machte der Angler einen Satz nach hinten, schreckten ihn doch offensichtlich die dünnen, algengrünen Schwimmhäute ab, welche sich nun zwischen meinen Fingern spannten. Um meine Verkleidung gänzlich abzuwaschen und meine Kiemen auf das Tauchen vorzubereiten, ging ich einmal kurz in die Hocke und hielt meinen Kopf unter Wasser. Als ich auftauchte nahm das Gesicht des Mannes den Farbton von frisch gefallenem Schnee an und er schien leicht zu zittern. „Petri Heil!“, rief ich belustigt und verbeugte mich. Ich sah in dem Gesicht des Mannes die Zweifel, das tiefe Loch, welches meine Existenz in seiner Denkwelt aufgerissen hatte. Diese bodenlose Fassungslosigkeit, welche die erwachsenen Vertreter ihrer Spezies nicht zur Ruhe kommen lässt. Den meisten Menschen geht es so, wenn ich ihnen das erste Mal gegenüberstehe, dass sehe ich jedes Mal an ihren Blicken. Irgendetwas in ihnen scheint zu rufen: „Das geht nicht! Das kann nicht sein! Das bildest du dir alles ein!“,woraufhin sie mich weiter anstarren, mit einem Gesichtsausdruck wie ein vom Blitz getroffener Fisch. Manche rennen schreien weg, andere aber bleiben lange Zeit am Ufer stehen und versuchen das Gesehene einzuordnen, ihm einen Sinn zu geben. Manche machen es sich dann auch zur Gewohnheit tagtäglich an meinem See entlangzuschreiten und nach mir Ausschau zu halten, das Handy oder eine Kamera in der Hand, Reichtum und Berühmtheit witternd. Jenen würde ich mich niemals erneut zeigen. Mit Kindern ist es viel spannender, weil diese meistens bereit sind sich auf meine wahre Form einzulassen und sich daran zu erfreuen, ohne gleich halb wahnsinnig zu werden.

Jedenfalls hatte ich Mitleid mit dem Angler, der schrecklich ratlos aussah. Ich beschloss ihn erst einmal alleine mit sich und seinen Gedanken zu lassen und trat meinen Rückzug in die dunklen Tiefen an, aus welchen ich seither nicht mehr aufgestiegen bin. Wie viel Zeit mittlerweile vergangen ist, dass weiß ich nicht, jedoch erlebe ich Zeit ohnehin in einer gänzlich anderen Weise, wie die Menschen es tun.

 

Frühlingslied

Wenn Krokus aus der Erde springt,

Und Spätzchen lieblich Liedlein singt,

dann hat der Frühling es vollbracht,

und abgelöst die lange Nacht,

des Winters Klammergriff besiegt,

das Leben neue Flügel kriegt,

es kreucht und fleucht, es sprießt und kriecht,

so aus dem Dunkel steigt das Grün,

reckt seine nackten Hälse kühn.

 

Im süßen Rausch, tolln wir herum,

erfreuen uns an dem Gesumm,

und feiern fort den Winterspeck,

dazu gibt’s Bier und Restgebäck,

von Weihnachten, gar lang ist´s her,

doch schweig ich lieber, mir wird sonst schwer,

denn an den werten Wintertagen,

gabs statt Liebe, Wohligkeit,

nur kalte Herzen, schlimme Schmerzen

und nen heiß geführten Streit,

so mein Liebes ließ mich stehn,

allein das stille Weiß zergehn.

 

Doch feire ich den Frühling jetzt,

der mich zu wildem Streben drängt,

im Honigduft, der milden Luft,

mein Herz sich wie von selbst verschenkt,

denn strahlen nicht nur Pflanzen nun,

nein auch die Frauen blühen auf,

ach, seht sie an zum Weinen schön,

ich wag es kaum hinaus zu gehen.

 

So stoßet an, so jauchzet los,

ihr vielgeliebten Brüder,

so singet laut, so trinket viel,

der Tag kehrt nie mehr wieder!