Aus der Reserve gelockt

Welch eine Märchenfigur da vor mir steht,
mich ansieht, lächelt und dann vorübergeht,
mit ihrem stolzen Dasein die Sinne verdreht,
ein Blick, dein Blick und alles war zu spät,
für diesen besorgten, bedachten Chaoten,
der es stets vorzog jedes Wenn und Aber in aller Tiefe auszuloten,
sich verkapselte, versteckte vor ehrlicher Offenheit,
die leichteste Lösung als Schutz vor jeglicher Verletzlichkeit,
wie selbstverständlich hast du mich ergriffen,
mein Herz mit deinen Lippen, deinen Augen, deiner Seele an dich gerissen,
und nun sitze ich hier und sehe dir zu,
wie du im Garten wandelst in samstäglicher Ruh,
den Lavendel sanft mit deinen Fingern berührst,
das feuchtkühle Gras an deinen Fußsohlen spürst,
mich mit jeder Sekunde deiner Anwesenheit verführst.

Du siehst meine Blicke, kommst zurück und liest diese Gedanken,
du küsst mich in den Nacken, auf die Wange, auf die Lippen,
dass mir alle Sinne schwanken,
selbst jetzt, nach all den Jahren, bekomme ich noch eine Gänsehaut,
und ich weiß, unser Wir ist auf Vertrauen gebaut,
die Vorstellung dich für immer bei mir zu haben,
lässt alles Weltliche erblassen, fegt hinfort alle Klagen.

Du hast einen Träumer erschaffen, hast den Zweifler bekehrt,
mich mit Vertrauen und Geduld das Lieben gelehrt,
diese Worte sind ein Geschenk an dich, ein Dankeschön,
lies sie bitte immer wieder, lass sie dir im Herzen zergehen.

 

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Alltagswidrigkeiten

Es gibt so viele tolle Sachen,
die sollen uns das moderne Leben leichter machen,
entlasten und Zeit schenken,
von selbst ihren Gang lenken,
vieles davon lehnte ein junger Herr dankend ab,
und hielt sich lieber selbst mit seinen Pflichten auf Trab,
aber Staub war ihm ein widriges Gegenüber,
egal ob Saugen, egal ob Wischen,
wirklich alles machte er viel lieber,
als jene Sisyphosarbeit,
diesen Kampf ausfechten,
gegen die pudrige Vergangenheit,
und so kaufte er sich mit gutem Gewissen,
einen Roboterhelfer,
um wenigstens nicht mehr saugen zu müssen.

Per Paket kam das runde Objekt,
schnell ausgepackt und eingesteckt,
frisch aufgeladen und bereit,
für mühsame Betriebsamkeit,
flott aus der Küche kam gelaufen,
sein Hund, um am Gerät zu schnaufen,
für ungefährlich dann befunden,
durft es die Wohnung dann erkunden,
auch unter Tischen, unter Stühlen,
den Dreck in seinen Schlund reinwühlen.

Der Herr war glücklich mit dem Teil,
doch sein Glück nicht lang von Weil,
es kam ein ärgerlicher Tag,
an den er nicht mehr denken mag,
der Kühlschrank leer, Bierkasten auch,
das Kaufen war sein Samstagsbrauch,
so verließ er das Haus an jenem Morgen,
um all die Güter zu besorgen,
kam später als gewollt zurück,
vorbei war dann des Tages Glück,
schon vor der Tür roch es fatal,
der Anblick drinnen, reine Qual.

Er musste lachen und auch weinen,
dies ließ sich hierbei gut vereinen,
denn sein geliebter Hundefreund,
der hatte es nicht mehr halten können,
was dann geschah, ihr ahnt es schon,
doch will ich es beim Namen nennen,
der Apparat im Eifer fuhr,
auch durch den Kothauf seine Tour,
es folgte wilde Malerei,
mit dem verdauten Nahrungsbrei.

Bevor er an das Übel ging,
kam ihm ein Jux noch in den Sinn,
anstatt dies alles wegzuputzen,
für ein Museum es zu nutzen,
dem PVC ein Stück entnehmen,
es sorgsam aus dem Boden sägen,
und dann als Kunststück auszugeben:
„Moderne Kunst, nicht menschgemacht,
ihr Pinselvolk, nehmt euch in Acht!“,
vielleicht hätte es Geld erbracht.

Doch nichts dergleichen machte er,
und wurde nur des Wischmopps Herr,
selbst unter Stühlen, unter Tischen,
galt es die Losung aufzuwischen,
das Rumgeputze, keine Wonne,
drum kam der Helfer in die Tonne,
und seither saugt er selbst und macht,
erledigt mit der eignen Kraft,
die vielen kleinen Haushaltssachen,
und lässt sie sich nicht leichter machen.

 

Alltagsnebel

Sorgen um Mieten, Versicherungen, Termine
treiben uns täglich, vernebeln den Blick
derweil in Fessenheim der Meiler bereits glüht
in heißer Erwartung alle kleinen Sorgen zu beenden
endlich auch einmal im Mittelpunkt zu stehen
einen Pfahl in die Zeit als sein Denkmal zu rammen

Ich blicke gen Süden
denke an diese Worte
neben mir ein Zettel:
12 Uhr Zahnarzttermin

Mobbing – Zerbrochen

Ich bringe sie alle um,
alle, alle, alle, alle sollen sie verbluten,
ersticken in ihrem Blut,
die Gesichter fragend: „Warum?“
und ich werde lachen,
über ihnen stehen und lachen und lachen und lachen,
ihr habt das Monster geweckt,
jetzt ist es zu spät.

Ihr werdet schreien: „War doch alles nur Spaß!“,
und: „Wir haben es doch nicht so gemeint!“,
wenn ihr die Klinge seht,
wenn ihr vor dem Tod steht,
God bless America,
mit seinen Pistolen, Gewehren, Granaten,
wie viel leichter es wäre,
sie alle, wirklich ALLE zu vernichten,
nicht so eine Sauerei,
ihr Schweine,
ihr werdet bluten wie Schweine,
ich werde damit die Wände bemalen,
etwas Schöneres wird es nie gegeben haben,
schärf das Messer,
los, los, los!

„War doch alles nur Spaß!“,
für euch, für mich nicht,
nein, nein, nein,
ihr habt mich in die Hölle geworfen,
doch ich kam zurück,
nahm etwas von dort mit,
ich werde nie mehr wegen euch weinen,
NIE MEHR!!!

Ich werde nur noch lachen,
der Brief ist geschrieben,
Mama, Papa, ihr wart blind,
habt nichts bemerkt,
wieso nicht, wieso nicht?
so blind, so mit euch..
hör auf, keine Zeit für solche Gedanken,
schärf das Messer,
merk dir die Gänge, die Zimmer,
morgen ist es schon soweit,
und dann werde endlich wieder ICH lachen,
lachen und lachen und lachen.

Von der Mauer

Hoch soll der Wall im Staube sein
damit der Marsch des Pulvers stoppt
des süßen Grüns, das Heil verspricht
all jener traumbesetzten Drogen
die Glück den Schwächsten auch versprechen
das Jetzt zum Später transformieren
so trügerisch wie Methkristalle
ist auch was ihr am Planen seid

Das große Geld in Stein und Stahl
statt all die Fäulnis zu bekämpfen
die Gründe für den Drogensog
so marodiert der Grundstein weg
der Schein erlischt, der Vorhang fällt
ihr klammert euch verbissen dran
habt Angst vor der Veränderung
der Wahrheit, die dahinter liegt

Das Endprodukt von Missjahrzehnten
es blutet aus und mit ihm Hoffnung
es wälzt im Abgrund sich verzweifelt
es schreit, es schießt, es drogt, es stirbt
es fleht nach einem kleinen Licht
wann werdet ihr denn endlich lernen
aus Armut keimt das Gute nicht

Egal wie hoch die Mauer wird
die Mexico vor euch verbirgt
eine andere stets höher ist
welche ihr niederreißen müsst
sie steht in eurem Geiste, hält euch auf
und solange sie stehen bleibt
nimmt nichts Gutes seinen Lauf

Kleine Blume

Du, kleine Blume,
gehst unter, statt auf,
ich sehe, wie die Last dich drückt,
wie du knickst,
immer mehr,
immer mehr,
doch sie merken es nicht.

Vorwärts, Marsch!
Richtung Olymp, du goldener Spross,
von Noten getrieben,
deren Klang dich nicht glücken,
von Erwartungen,
die du nie erfüllen kannst,
denn es werden stets mehr,
immer mehr,
es verglüht deine Jugend,
aus deinem Gold wird Stein.

Du, kleine Blume,
die sich nicht strecken darf,
wie es ihr beliebt,
die verkümmert und ergraut,
du möchtest Kind sein,
nicht in ihrer Welt,
du möchtest DU sein,
nicht in ihrer Welt,
was du möchtest,
interessiert sie nicht,
hat es noch nie.

Sie starren dich an,
und blicken durch dich hindurch,
sehen ihre verlorenen Träume,
die du erfüllen musst,
erwarten Dankbarkeit,
für das Hamsterrad,
das sie erbaut haben,
in dem du gefangen bist.

Wird es eine Flucht,
wird es ein Bruch,
oder wird es beides
was wirst du tun?

Bald kommt der Winter

Er zottelt auf mich zu und neben mir ruft ein kleiner Junge: „Mama, da läuft der Nikolaus!“, woraufhin ich schmunzeln muss. Der Nikolaus ist ein Wrack und riecht säuerlich, nach Straße. Sein zerzauster Rauschebart ist um den Mund herum schmutzgelb, wohl des Nikotins wegen, denn er kaut viel Tabak. Er trägt eine graublaue, zerschlissene Regenjacke, die an den Oberarmen ganz abgewetzt ist, vermutlich vom vielen auf der Seite liegen. Santa Graus legt den Kopf schief und zuckt plötzlich, zuckt noch einmal heftiger, so dass aus der goldenen Bierdose, die er in seiner linken Hand hält, ein Schluck auf das Bahnhofsplaster schwappt. Dem kleinen Jungen macht das Angst und er klammert sich fest an die Hüfte seiner Mutter, welche nichts sagt, nur den Blick streng geradeaus hält und ihr Tempo erhöht.

Der Nikolaus öffnet den Mund und spricht Worte, die nur ihm selbst und seinem Rausch bestimmt sind. Er ist einer der Obdachlosen vom Bahnhof, läuft dort schon seit Jahren umher, bettelt geduldig und drängt sich niemandem auf, bietet manchen Leuten seinen Kautabak an, in der Hoffnung sie in ein Gespräch verwickeln zu können. Ich sehe ihn wieder, als ich auf dem Heimweg bin. Mittlerweile sitzt er im Schneidersitz an der Glasfassade des Bahnhofsgebäudes und scheint eingeschlafen zu sein. Mit einem Kaffeebecher und einem geknickten Pappschild, bittet der Nikolaus um kleine Geschenke.

Er ist mir lieber als der Typ, welcher jeden Tag mit blauen Zetteln in der Innenstadt umherläuft, auf denen irgendein osteuropäisches Mädchen mitleidig dreinblickt, welches er instrumentalisiert, um das Mitleid von Reisenden zu erpressen. Er ist mir lieber als die drei Türken vom Döner an der Straßenbahnlinie, welche immer an derselben Stelle stehen und die Schalen von Sonnenblumenkernen auf den Boden rotzen. Er ist mir lieber als die braunen Idioten vom Stadtpark, die jeden Ausländer anpöbeln und für ihre Probleme und Nutzlosigkeit verantwortlich machen. Er ist mir lieber als die meisten Menschen, denen ich so begegne, vielleicht aufgrund seiner Armut, seines Elends, weil er mir vor Augen führt, wie gut ich es habe und manchmal bedauere ich es, dass ich ihn überhaupt brauche, um mich dessen zu erinnern.