Alltagsnebel

Sorgen um Mieten, Versicherungen, Termine
treiben uns täglich, vernebeln den Blick
derweil in Fessenheim der Meiler bereits glüht
in heißer Erwartung alle kleinen Sorgen zu beenden
endlich auch einmal im Mittelpunkt zu stehen
einen Pfahl in die Zeit als sein Denkmal zu rammen

Ich blicke gen Süden
denke an diese Worte
neben mir ein Zettel:
12 Uhr Zahnarzttermin

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Kleine Blume

Du, kleine Blume,
gehst unter, statt auf,
ich sehe, wie die Last dich drückt,
wie du knickst,
immer mehr,
immer mehr,
doch sie merken es nicht.

Vorwärts, Marsch!
Richtung Olymp, du goldener Spross,
von Noten getrieben,
deren Klang dich nicht glücken,
von Erwartungen,
die du nie erfüllen kannst,
denn es werden stets mehr,
immer mehr,
es verglüht deine Jugend,
aus deinem Gold wird Stein.

Du, kleine Blume,
die sich nicht strecken darf,
wie es ihr beliebt,
die verkümmert und ergraut,
du möchtest Kind sein,
nicht in ihrer Welt,
du möchtest DU sein,
nicht in ihrer Welt,
was du möchtest,
interessiert sie nicht,
hat es noch nie.

Sie starren dich an,
und blicken durch dich hindurch,
sehen ihre verlorenen Träume,
die du erfüllen musst,
erwarten Dankbarkeit,
für das Hamsterrad,
das sie erbaut haben,
in dem du gefangen bist.

Wird es eine Flucht,
wird es ein Bruch,
oder wird es beides
was wirst du tun?

Dünner und dünner

In deinen einst so klaren Augen,
ein schrecklich schlimmer Wahnsinn wohnt,
sie trübt und Lügen sehen lässt,
das Glas zeigt nicht was wirklich ist,
ein falsches Sein, ein steter Wunsch,
mit Kummer an der Seele nagt,
doch deinen Lippen nichts entflieht,
wie ahnungslos wir alle sind,
die schöne Maske Unschuld zeigt,
der dunkle Abgrund bleibt versteckt.

Und in dir wütet ein Feuer,
aus loderndem Hass auf dich selbst,
es frisst dich auf, du schwindest dahin,
die Leiden hälst du für verdient,
so schuldfrei bleibt die kranke Welt,
in welcher ein junges Mädchen wie du,
sich selbst nicht mehr gefällt.

Doch irgendwann zerbricht der Schein,
und mit ihm schwindet falsches Glück,
zu lange warst du ganz allein,
nun gibt es keinen Weg zurück.

Dünner und dünner,
bist du geworden,
dünner und dünner,
mir fast weggestorben,
dünner und dünner,
ganz fremd bist du mir,
dünner und dünner,
ich bleibe bei dir.

Das Loch

Die Alten jammern und behaupten, dass es seit ihrer Jugend größer geworden ist, aber ich halte von diesem Gerede nichts. Die jammern bloß, damit sie was zum Jammern haben. Naja, egal. Jedenfalls lagen letzte Woche wieder zwei drin. Ein Mädchen, noch zu jung zum Rauchen, und ein Rentner aus dem Sozialbau, Typ Kornfrühstück. Schade um die Kleine. Ich kannte sie nicht, sie soll aber anscheinend nett gewesen sein. Über die Jahre haben sie Menschen aller Formen, Farben und Altersstufen aus dem Loch gekratzt. Eine Schande ist das, eine Schande.

Als sie das Mädchen und den Alten nach oben hievten, da sah die halbe Stadt geierhaft zu. Nachdem die Türen von den Leichenwagen zuschlugen, zerstreute sich die Masse gleich wieder. So ganz nebenbei, so geisterhaft, wie Wasser durch die Erde sickert. Plötzlich sind sie alle da und rempeln und drücken und vermuten und streiten und dann sind sie plötzlich wieder weg, wie Wasser.

Schon einige Male wollten die Verantwortlichen das Loch zuschütten, aber es blieb stets nur bei vielen Wörtern und halbherzigen Versuchen. Am Ende kümmerte es dann doch niemanden genug und das Loch starrt bis heute mit seinem drohenden, schwarzen Auge in den Himmel. Wissen Sie, jeden Tag stehen einige Leute an der Kante von dem Ding. Sie blicken runter in den dunklen Schlund, setzen sich hin, lassen ihre Beine in die Tiefe baumeln. Komische Menschen. Ich bin noch nie da gestanden, ist mir unheimlich. Man könnte nun annehmen, dass sich dieser Abgrund irgendwo am Stadtrand befindet, irgendwo in den siechenden Vororten im Süden, auf dem ehemaligen Fabrikgelände; das in der Nähe der Autobahn, aber dem ist keinesfalls so. Nene, stattdessen liegt es relativ mittig, ja bildet, wenn man es von oben betrachtet, fast das Zentrum dieser Stadt. Ein eigenartiger Umstand, wenn man so darüber nachdenkt. Irgendwie ist mir dabei nicht wohl.

Es existiert schon lange, länger als ich lebe, länger als meine Alten – Gott hab sie selig – gelebt haben. Wie lange genau? Puh, vielleicht schon immer. Keine Ahnung. Kluge Köpfe mit zu viel Zeit haben anscheinend darüber auch schon Bücher geschrieben, Tests gemacht und so. Keine Ahnung was da bei rausgekommen ist. Ich weiß nur, dass es auch anderswo diese Löcher gibt, nicht nur bei uns. Naja, aber im Grunde ist mir das alles egal. Sollen die Deppen doch da reinhüpfen, wenn sie denken sie müssten. Solange ich nicht irgendwann im Suff aus Versehen über die Kante tapse und mir das Genick breche, ist mir das Drecksloch egal.

Diskussionswürdiges

Resümee:

Das ehrenwerte Komitee für originaldeutsche Sprachklauberei hat im Verlauf seiner jährlichen Fünftagessitzung in Hinterdupfingen eine heiße Diskussion über die Umbenennung des sogenannten G-Punktes geführt. Prof. Dr. Dr. Kunibald Meier schlug vor, den G-Punkt in G-Komma umzubenennen. Dies stieß allerdings auf erheblichen Widerstand von einigen Kommatatoren, woraufhin Herr Meier seinen Vorschlag sogleich wieder zurückzog. Weiterhin wurden von den Anwesenden die Bezeichnungen G-Doppelpunkt, G-Strich und G-Bindestrich vorgeschlagen. Letztere wurden jedoch vom Verein der deutschen Striche(r) entschieden abgelehnt, welche damit argumentierten, dass diese Bezeichnungen biologisch gesehen irreführend seien und es zudem beim Bindestrich zu möglichen lokalen Verwechslungen kommen könnte. Das Komitee kam somit zu keiner klaren Einigung. Die Neunamensfindung wurde auf unbestimmte Zeit verjahrt.

Hochachtungsvoll,
P. Petersberger

 

Fehl am Platz

Mein Nachbar ist von Beruf Schwängerer, Besamer, wie auch immer. Unvorstellbar, sieht er doch aus, als hätte man eine hässliche Bulldogge mit einem Schimpansen gekreuzt und das Ergebnis dann jahrelang im Keller eingesperrt. Die Haut weißgelb wie meine Tapete, gleichermaßen buckelig und rissig, ein Gesicht zum Reinschlagen und so viele Haare am Körper, dass man damit ein großes Kopfkissen ausstopfen könnte. Naja, vielleicht bin ich auch irgendwie neidisch auf ihn, jedenfalls manchmal. Eher tun mir aber die Frauen leid, die für ihn ihre lieblichen Pforten öffnen. Ich will nicht wissen, wie viele von ihnen sich bereits in heftigen Weinkrämpfen aufgelöst haben, nachdem er aus ihnen geglitten ist.Seit dem Ausbruch der Krankheit in den 2070-ern, welche innerhalb von nur einem Jahrzehnt fast alle Männer auf diesem  Planeten unfruchtbar werden ließ, werden die wenigen Fertilen, die eine noch nicht nachvollzogene Resistenz gegen das Virus aufweisen, von den Menschen teilweise wie Heilige behandelt. Reiche machen sich einen Spaß daraus solche Typen für viel Geld anzuheuern (manche schon als Kinder) und halten sie sich wie Zuchthengste. Wöchentliche Qualitätstest, Fitnesstraining, ausgewogene Ernährung und Ficken auf Bezahlung, Geld gegen Schwangerschaft. Wäre kein Job für mich. Ein widerliches Geschäft, das einem vermutlich nicht nur die Nüsse, sondern auch die Seele aussaugt, müssen die Kerle doch über alles drüberrutschen, was ihre Bosse ihnen servieren. Aber die Bezahlung und Unterbringung sind fantastisch und der Grund, weshalb sich immer Männer finden werden, die dieser modernen, irren Form der Prostitution nachgehen wollen. Mir tun auch all jene Ehemänner und Freunde leid, welche den Kinderwünschen ihrer Partnerinnen nachgeben und sich dann todesunglücklich durch die Welt schleppen, sobald der Bauch ihrer Geliebten rund wird. Künstliche Befruchtung gibt es noch, klar, aber nachdem die Regierungen das komplette Geschäft übernommen haben und kontrollieren, kann sich das kein normaler Mensch mehr leisten und sofern man nicht auf der goldenen Liste steht, welche determiniert ob ein Paar für eine Empfängnis geeignet ist oder nicht, kann man das ohnehin vergessen. Sex ist da billiger, unkomplizierter, aber jenachdem auch traumatisch (vor allem mit meinem Nachbarn). Ich bin kinderlos glücklich, zumindest jetzt noch. Meine Freundin ebenso, anders würde unsere Beziehung wohl auch nicht funktionieren. Eher würde ich mich von ihr trennen, als zu wissen, dass ich das Kind eines anderen Mannes aufziehe. Manche können das, ich nicht.

Die Krankheit lässt die Hoden zusammenschrumpeln, bis sie aussehen wie vertrocknete Äpfel, Dörrpflaumen, große Rosinen. Sie frisst einem die Spermien weg und verhindert die Nachproduktion, richtig übel. Auch meine Eier sind betroffen, jedoch funktioniert mein Schwanz noch einwandfrei, daher kümmert mich mein Gehänge erst einmal nicht.

„Das Aussterben der menschlichen Rasse“, verkünden manche Wissenschaftler. Vielleicht wäre dies gar nicht so schlecht. Wenn ich mir die Welt so anschaue, könnte ich kotzen. Ein Drama, wie von Shakespeare geschrieben und alle spielen mit. Die Luft so verseucht, dass man seine Nase genauso gut direkt in einen Auspuff stecken und die Abgase inhalieren könnte. Menschen wie Ameisen, Bienen. Morgens quellen alle aus ihren Löchern hinaus um Geld zu sammeln und abends kehren sie wieder in ihre kleinen Zellen zurück und reden sich ein, dass sie glücklich sind, dass es nicht anders geht. Was für ein Bullshit. Die Menschheit wird mir immer unsympathischer, ich werde mir immer unsympathischer. Vielleicht haben meine Schrumpeleier mich zynisch werden lassen, vielleicht sehe ich zum ersten Mal klarer. Ich weiß es nicht, bin es auch leid darüber nachzudenken. Wenn ich sehe, dass in manchen Zeitschriften die fruchtbarsten, mit dem „besten“ Erbgut ausgestatteten Typen wie goldenes Nutzvieh verehrt werden, kann ich nur noch den Kopf schütteln. Spermienrating Top 100 und zigtausende Emails an diese Potenzprimusse von verzweifelten Frauen. Die Menschen haben den Verstand verloren.Ich kann diesen ganzen Spermazirkus nur noch mit viel Alkohol ertragen. In letzter Zeit habe ich allerdings das Gefühl, dass die Preise steigen und die Qualität des Stoffes sinkt.

Ein Aussterben. Wenn ich das schon höre, würde ich am liebsten den Kopf so lange gegen die Wand hauen, bis er nur noch ein blutiger, matschiger Stumpf ist. Die Tatsache dass es Männer gibt deren Hoden nicht zusammenfallen, ist doch ein klarer Beweis dafür, wie es mit uns weitergehen wird. Diejenigen mit den saftigsten Eiern überleben, der Rest (also wohl auch meine Erblinie) wird aussterben. Evolution eben. Kein Grund zur Panik. Die Medien feuern den Wahnsinn an. Ihre ständige, blindäugige Panikmache geht mir wortwörtlich auf den Sack. Nur wenn ich mal wieder irgendwo so einen apokalyptischen Dreck lese, ziept es zwischen meinen Beinen. Zum Glück tut das Eierschrumpeln selbst – Testikeldevastation von den Medizinern genannt – kaum weh, aber es war trotzdem beängstigend. Wenn der eigene Körper frühzeitig so zerfällt, etwas von einem völlig unbrauchbar wird, verfällt man schnell in Panik. Viele verzweifeln auch und bringen sich um. Unzählige Tote mit verschrumpelten Eiern in den Särgen der Welt, recht bizarr. Die körperliche Veränderung ist ja eigentlich nicht so schlimm, ist das betroffene Gebiet doch meistens gut verborgen. Schrumpelaugen oder Schrumpelhände fände ich da persönlich schlimmer. So etwas könnte man nicht so gut ignorieren. Dennoch lassen sich manche den Sack abschneiden und durch eine Prothese ersetzen. Es gab sogar schon Berichte, dass manche sich nach so einer Operation als Schwängerer ausgeben. Sie haben ihren Spaß, verdienen dabei Geld und tauchen danach unter.

Ich höre die Sirene eines Polizeigleiters in der Ferne. Vielleicht werde ich abgeholt, dann wäre der ganze Scheiß vorbei. Habe letztens einen gesellschaftskritischen Artikel für ein kleines Magazin geschrieben. Selbst ich brauche Geld, leider. Als ziemlich brutal wurde er bezeichnet. Brutal weil direkt, ehrlich. Das passt denen eventuell nicht. Wegsperren ist einfacher, als sich den Problemen zu stellen. Irgendwann kommt aber alles zurück. Ich schenke mir noch ein Glas Wodka (zumindest steht das auf dem Etikett) ein und haue es in einem Schluck runter. Mich zerreißt es fast bei dem Geschmack. So bitter, so künstlich, passend zu den Menschen. Das durchsichtige Gift brodelt in mir. Die Sirene wird lauter. Ich schließe die Augen, lege den Kopf auf den Tisch und warte.