Mauerfall

Die Mauer, die ich einst um mich erbaute,
von ihr sind nur noch Trümmer geblieben,
der kleine Junge dahinter,
er weint nicht mehr in der Dunkelheit,
muss sich nicht mehr verstecken.

Als das Vertrauen zerbrach,
blieb nur die Flucht nach innen,
in die Stille der Seele,
höher und höher,
dicker und dicker,
wurde dort eine Mauer gebaut,
bis sicher vor Schmerz,
und alle Gefühle,
wurden zur Maske,
das Lachen, Humor als Schild,
das Mitgefühl, in Wirklichkeit kalt wie Eis,
und wenn die Liebe an die Mauer klopfte,
stand sie verloren da,
konnte sie nicht überwinden,
ging traurig fort,
und der kleine Junge weinte im Verborgenen,
den wundervollen Momenten nach,
die nie existieren durften,
blieben nur Träume,
in der Dunkelheit seiner Seele.

Doch irgendwann klopfte es mal wieder,
und die Liebe stand vor der Mauer,
doch machte nicht kehrt,
nein, setzte sich hin und blieb geduldig,
fühlte, was dahinter gut verborgen war,
schmerzend sich wand,
lieben wollte, doch nicht konnte,
vor Angst, keine Verletzung ertragend,
die Liebe blieb,
und trug Stein für Stein ab,
bis die Mauer fiel,
und sie den kleinen Jungen in den Arm nahm,
der nie mehr weinen musste.

Danke

Aus der Reserve gelockt

Welch eine Märchenfigur da vor mir steht,
mich ansieht, lächelt und dann vorübergeht,
mit ihrem stolzen Dasein die Sinne verdreht,
ein Blick, dein Blick und alles war zu spät,
für diesen besorgten, bedachten Chaoten,
der es stets vorzog jedes Wenn und Aber in aller Tiefe auszuloten,
sich verkapselte, versteckte vor ehrlicher Offenheit,
die leichteste Lösung als Schutz vor jeglicher Verletzlichkeit,
wie selbstverständlich hast du mich ergriffen,
mein Herz mit deinen Lippen, deinen Augen, deiner Seele an dich gerissen,
und nun sitze ich hier und sehe dir zu,
wie du im Garten wandelst in samstäglicher Ruh,
den Lavendel sanft mit deinen Fingern berührst,
das feuchtkühle Gras an deinen Fußsohlen spürst,
mich mit jeder Sekunde deiner Anwesenheit verführst.

Du siehst meine Blicke, kommst zurück und liest diese Gedanken,
du küsst mich in den Nacken, auf die Wange, auf die Lippen,
dass mir alle Sinne schwanken,
selbst jetzt, nach all den Jahren, bekomme ich noch eine Gänsehaut,
und ich weiß, unser Wir ist auf Vertrauen gebaut,
die Vorstellung dich für immer bei mir zu haben,
lässt alles Weltliche erblassen, fegt hinfort alle Klagen.

Du hast einen Träumer erschaffen, hast den Zweifler bekehrt,
mich mit Vertrauen und Geduld das Lieben gelehrt,
diese Worte sind ein Geschenk an dich, ein Dankeschön,
lies sie bitte immer wieder, lass sie dir im Herzen zergehen.

 

Moment der Sehnsucht

Ich sitze in meinem Boot,
und das Leben treibt mich dahin,
zu unbekannten Gewässern,
in launischer Veränderung,
zieht alles vorbei,
aber immer mal wieder,
schaue ich in deine Richtung zurück,
kann das Herz nicht zum Schweigen bringen,
mich nicht zum Nichtlieben zwingen.

Wie das Meer nicht weiß,
dass es tief ist,
weiß ich Treibender nicht,
ob ich dich vergessen kann,
vergessen will.

Wiedersehen

Ein bekanntes, schönes Gesicht,
doch wer sie ist, wie sie heißt,
nun, dies weiß ich nicht,
mehr, denn der verstrichenen Jahre sind es zu viele,
doch erinnere ich mich einiger warmer Gefühle,
einem ungeschickten, kindlichen Annäherungsversuch,
der mich mal verfolgte,
wie ein schlimmer Hexenfluch.

Die Jahre stehen ihr gut und sie ist schlanker geworden,
und wie die Pfunde,
gingen hoffentlich auch Sorgen,
nun serviert sie Kaffee,
mit viel Wärme im Blick,
und erfreut ihre Kunden,
mit ihrem Geschick.

Ich gehe vorbei,
mit einem Lächeln auf den Lippen,
und ziehe es vor,
nach vorne zu blicken,
ich wünsche ihr alles Gute,
eine wunderbare Zeit,
dieser schönen Fremden,
aus der Vergangenheit.

Scherbensturm

„Bitte beschreiben, oder versuchen Sie zumindest, mir Ihre Visionen noch einmal genauer zu beschreiben. Was sehen Sie? Was fühlen Sie?“, sagte Dr. Heck und tippte mit der Spitze seines rechten Zeigefingers dreimal rhythmisch auf die Lehne des schwarzen, gepolsterten Lehnstuhles. Einmal langsam, zweimal schnell. Tok-toktok, Tok-toktok.  Marc hasste dieses Geräusch. Tok-toktok, Tok-toktok. Er schloss die Augen, ließ sich fallen und redete los:

„Wenn…wenn es losgeht“, begann er „stehe ich plötzlich auf der Straße. Sie wissen schon, DIE Straße, diese verdammte Straße durch das Waldstück in meiner Nähe.“
Dr. Heck sagte nichts und ließ Marc weitererzählen.
„Erst ist es still, aber dann, zack, wie mit einem Fingerschnipps, faucht mir ein fürchterlicher Sturm, der Sturm aller Stürme entgegen. Nur führt er keinen Regen mit sich, nein, sondern Scherben. Unendlich viele Scherben schlagen mir entgegen, schneiden mich, zerfetzen mich und meine Kleidung, bis ich völlig nackt bin, schutzlos. Überall werde ich geschnitten, kann es nicht verhindern. Die Farben der Welt verändern sich rasch, kippen, bis nur noch blutiges Rot und Schwarz mich umgeben. Die Sonne stirbt und der Mond nimmt ihren Platz ein, blutrot, schwer, zu schwer. Manchmal macht er es erst später, manchmal sobald ich ihn erblicke, aber jedes Mal kracht er vom Himmel herunter, direkt vor mir auf die Straße und rollt dann durch den Sturm schnell auf mich zu, will mich zermalmen. Ich drehe mich um und versuche wegzurennen, umpeitscht von diesem Höllengetöse, renne bis meine Lungen fast platzen, aber der Mond ist immer schneller als ich. Ich sehe seinen Schatten über mir, dann wird alles schwarz.“

Während Marcs Erzählung sah Dr. Heck, wie sein Patient sich verkrampfte. Dieser grub seine Hände in das Polster der Couch, bis einige Adern an den Händen und Armen deutlich hervortraten und ihm Schweißperlen von der Stirn in die Augenbrauen rannen. Der gesamte Körper war in höchster Erregung und immer wieder zuckte irgendein Körperteil ruckartig zusammen. Die Augen, der Mund, eine Hand, ein Fuß. Sein Patient litt auch jetzt. Kein Simulant.

„Wenn ich dann wieder die Augen aufmache, liege ich auf dem Bauch, immer noch nackt, und kann mich nicht bewegen. Um mich herum ist es dunkel, aber nicht mehr so dunkel wie zuvor, denn der Mond hängt wieder im Himmel und ist zum Glück nicht mehr blutrot, sondern schneeweiß. Der Rest der Welt hat sich auch verändert. Keine Straße mehr, keine Bäume, nein, stattdessen liege ich in einer flachen, endlosen Landschaft aus Asche. Ich kann es riechen und fühlen, der verbrannte Geruch, Knochen unter dem staubigen Grau. Ich will aufstehen, aber es geht nicht. Dann höre ich ein ohrenbetäubendes Krachen, der Aufprall, und der Wahnsinn beginnt dann von neuem. Überall steigt aus der Erde ein feiner Nebel, der sich als dünne Schicht auf sie legt und bedeckt, bis zum Horizont und darüber hinaus, nur mich nicht. Ich bin eine kleine Insel in diesem Nebelmeer. Ein zitternder, schwarzer Punkt im endlosen Weiß. Schließlich ist es vollendet und der Nebel perfekt. Dichter und weißer könnte kein Nebel der Welt sein. Ich liege da, zur Untätigkeit verbannt, das Grauen erwartend, welches sich mit den schrecklichen Schmerzensschreien meiner Frau und meiner Tochter ankündigt. Ich höre die beiden direkt hinter mir, versuche mit all meiner Kraft mich loszureißen, will ihnen helfen, aber es geht nicht. Die Schreie verstummen so plötzlich, wie sie begonnen haben. Es geht weiter.

Vor mir sehe ich dann, wie ein kleiner, dünner Arm lautlos aus dem Nebel auftaucht. Er gleitet auf mich zu, bis er direkt vor meinem Gesicht ist. Die Hand hängt schlaff am Gelenk herab, wie eine tote Narzisse. Es bleibt aber nicht bei dem einen Arm, ganz im Gegenteil. Weitere tauchen auf und gleiten heran, bis ich umgeben bin von diesen Nebel-, diesen Totenarmen.
Marc knirschte mit den Zähnen, was Dr. Heck nicht entging, und biss sich so fest auf die Lippen, dass er Blut schmeckte.
„Plötzlich schrecken die Hände hoch und packen zu. Die erste Hand reißt mir ein Auge heraus, die anderen was sie ergreifen können. Ich schreie und schreie, während ich in Stücke gerissen werde. Dann endlich komme ich zu Sinnen, irgendwo in der Natur, alleine. Wie ich dort hingekommen bin, daran erinnere ich mich nie. Meistens liege ich am Boden, bin völlig verdreckt, weil ich mich offensichtlich herumgewälzt habe. Und dann rufe ich sie sofort an, muss ihre Stimmen hören, sofort, mich davon überzeugen, dass es den Autounfall nie gegeben hat, dass sie beide noch leben. Doc, ich kann nicht mehr. Das geht so nicht weiter. Ich werde noch irre.

Dr. Heck nickte und lächelte mild. Er ging rüber zu Marc, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sah ihm in die Augen:
„Das bekommen wir schon in den Griff Herr Bruhn. Als allererstes werde ich Sie von der Arbeit frei stellen, Ihnen etwas zur Beruhigung verschreiben und dann sehen wir weiter. Die menschliche Psyche ist etwas Faszinierendes und manchmal Fürchterliches. Unser Körper und unser Hirn reagieren auf Stress ganz unterschiedlich, in Ihrem Fall sehr extrem mit diesen realitätsverdrängenden Visionen, den Wahnvorstellungen, die Sie plötzlich überfallen. Gönnen Sie sich so viel Ruhe wie möglich. Mit einem Burnout wie dem Ihrem ist nicht zu spaßen.“
Marc verließ die Praxis mit einem guten Gefühl, jedoch fürchtete er sich vor der nächsten Stressattacke, der nächsten Psychose, die irgendwann kommen würde. Dann rief er Sarah an und als er ihre Stimme hörte, kam er endlich wieder etwas zur Ruhe.

Badgedanken

Mit jedem Atemzug hob sich sein Bauch um den Nabel herum wie eine kleine Insel aus dem Schaumbad, das mittlerweile kalt geworden war. Aber er blieb weiter darin liegen, schaute sich seine schrumpeligen Finger an, tauchte gelegentlich mit dem Kopf unter Wasser und versuchte seinen Herzschlag zu hören, kratzte mit dem Fingernagel an der Wannenwand, klopfte mit den Knöcheln dagegen und war von den Geräuschen fasziniert.

Er sah rüber zum dampfblind gewordenen Spiegel und sah ihre Haarbürste auf dem Keramikbrett darunter liegen, daneben ihr Fläschchen Chloé und ihr schwarzer Fön. War er deswegen liegen geblieben? Sie war auf der Arbeit, starrte in diesem Moment wohl mit entnervter Miene auf den Stapel an Briefen, der während ihres Urlaubes angeschwemmt worden war. Durch das Fenster vor ihm konnte er das letzte Aufbäumen des Herbstes sehen, der sich seit zwei Wochen stolz als Sommer verkleidet hatte, bevor er recht bald seinem stillen Bruder namens Winter Platz machen musste. Neben ihm stand auf einem hölzernen Endtisch ein leeres Glas, in dem zuvor Rum einen Tanz mit Eiswürfeln und etwas Limettensaft eingegangen war. Der kalte Drink und das warme Bad hatten sich nicht vertragen, aber er hatte den Alkohol an diesem Morgen gebraucht, wie er auch das Bad gebraucht hatte. Nur Säufer trinken am Morgen, Säufer und Kreative, alte Leute und Urlauber, keine jungen Arbeitsmenschen, wie denn auch. Manchen würde sicherlich etwas Leichtigkeit im Alltag guttun und wer weiß, vielleicht würde dies sogar manch ein Geschäft erleichtern, wenn zuvor die beteiligten Parteien einen oder zwei gekippt hätten.

Sowohl die Haarbürste, als auch das Chloé und der Fön gehören da nicht hin, stellte er plötzlich fest. In seinem Leben waren immer wieder solche Dinge auf diesem Brett gelegen, Dinge, die ihm nicht gehört hatten, aber noch nie war ihm jener Gedanke gekommen, nie hatte er diese Sachen nehmen und aus dem Fenster werfen wollen. Warum jetzt? Was war anders? Sie nicht, oder doch? Sie war, wenn man es nüchtern betrachtete, nur eine weitere Frau in einer langen Liste, die hoffentlich mal ein Ende nehmen würde. Vielleicht ist sie aber auch das Ende der langen Liste und ich bin mir dessen eigentlich bewusst und komme deswegen damit nicht zurecht und habe diese eigenartigen Gedanken und möchte deswegen weglaufen und mich davon lösen, dachte er. Ist es so simpel? Das Wasser fühlte sich plötzlich ganz kalt an. Er stieg aus der Wanne und rieb seinen Körper trocken. Immer wieder sah er auf die Haarbürste, das Chloé und den Fön. Schließlich nahm er einen Mittelweg, der ihn vorerst zufriedenstellte. Er nahm ihre Sachen und verstaute sie in einer Schublade des Badschrankes neben ihm. Nachdem er sich angezogen hatte, verließ er die Wohnung und ging in ein Café zum Frühstücken.