Mobbing – Zerbrochen

Ich bringe sie alle um,
alle, alle, alle, alle sollen sie verbluten,
ersticken in ihrem Blut,
die Gesichter fragend: „Warum?“
und ich werde lachen,
über ihnen stehen und lachen und lachen und lachen,
ihr habt das Monster geweckt,
jetzt ist es zu spät.

Ihr werdet schreien: „War doch alles nur Spaß!“,
und: „Wir haben es doch nicht so gemeint!“,
wenn ihr die Klinge seht,
wenn ihr vor dem Tod steht,
God bless America,
mit seinen Pistolen, Gewehren, Granaten,
wie viel leichter es wäre,
sie alle, wirklich ALLE zu vernichten,
nicht so eine Sauerei,
ihr Schweine,
ihr werdet bluten wie Schweine,
ich werde damit die Wände bemalen,
etwas Schöneres wird es nie gegeben haben,
schärf das Messer,
los, los, los!

„War doch alles nur Spaß!“,
für euch, für mich nicht,
nein, nein, nein,
ihr habt mich in die Hölle geworfen,
doch ich kam zurück,
nahm etwas von dort mit,
ich werde nie mehr wegen euch weinen,
NIE MEHR!!!

Ich werde nur noch lachen,
der Brief ist geschrieben,
Mama, Papa, ihr wart blind,
habt nichts bemerkt,
wieso nicht, wieso nicht?
so blind, so mit euch..
hör auf, keine Zeit für solche Gedanken,
schärf das Messer,
merk dir die Gänge, die Zimmer,
morgen ist es schon soweit,
und dann werde endlich wieder ICH lachen,
lachen und lachen und lachen.

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Von Bestien

Die meisten Menschen ertragen das Leben und dessen Sturmwogen. Manche zerbrechen jedoch daran. Sie stürzen sich in den Alkohol, von Brücken, versuchen wegzurennen – was fast nie gelingt, da das, was sie zur Flucht treibt, tief in ihnen wohnt. Wenn jene Menschen nicht völlig zu Scherben zerfallen oder in den Tod flüchten, so empfängt sie die Dunkelheit. Die Dunkelheit, in der Wut und Hass geboren werden, Mordgedanken und schlimmere Fantasien gedeihen. Dort im Verborgenen ist es still, so still. Was andere denken und sagen, das prallt davon ab wie Insekten von einer Autoscheibe. Es wird immer dichter und finsterer und die Dunkelheit übernimmt ihre Schützlinge völlig, wenn diese sich darin zu lange aufhalten. Wenn dann solch ein Dunkelmensch zur Tat schreitet, will er nur noch eines, zerstören. „Gerechtigkeit“ durch Vernichtung, Qual, Demütigung, will hundertfach das zurückzahlen, was ihn in die Dunkelheit getrieben hat. Man liest von diesen Bestien, wie sie nur der Mensch selbst erschaffen kann, und von ihren grausamen Taten. Nun ist es nicht mehr still um sie, ganz im Gegenteil, sie stehen im Zentrum und viele sonnen sich in der Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilwird. Aufmerksamkeit, wie sie manche von ihnen noch nie zuvor gespürt haben. Auch das Dunkel hat sich aufgelöst, oft genau in jenem Moment, in dem ihre Klinge in das weiche Fleisch ihrer Opfer eindringt, ihre Hände jenen verhassten Mund, der ihnen so viel Gift entgegengespiehen hat, zuhalten und für immer verstummen lassen.

Schnipp und Schnapp, die Nase ab. Schnapp und Schnipp, die Ohren gleich mit. Na, wie gefällst du dir jetzt im Spiegel? Der Spiegel, welcher dir stets wichtiger war, als dein kleines Mädchen. Schnipp und Schnapp, die Hände ab. Keine Ohrfeigen mehr, nein, nein, nie mehr. Nie mehr! Keine Ohrfeigen mehr.

Man liest von diesen Bestien in der Zeitung, sieht ihre Gesichter im Fernsehen und vergisst gerne, dass jedem Menschen eine innewohnt, jedoch zum Glück nie zur ihrer vollsten, schrecklichen Entfaltung kommen wird.

Eine Kopfsache

Dunkelblau schimmerte das Licht auf seiner Stirn. Es pulsierte leicht und manchmal vibrierte der kleine, ringförmige Metallapparat aus dem es strömte so sehr, dass Christian Schmelzer vor Schmerzen schlechte Laune bekam. Eines Tages traf er eine Entscheidung, welcher kein besonderes Einzelereignis voranging; eher eine jahrelange Neugierde, die ihn schon bald sein Leben kosten würde. Stück für Stück festigte sich der Entschluss, bis er; ein durchschnittlich begabter Mann im Mittag seines Lebens, sich dazu entschied, seine tägliche Dosis nicht zu nehmen. Zu seiner Verwunderung verspürte er in den nächsten Tagen und Wochen keinerlei körperliche oder seelische Leiden. Was sich jedoch am vierten Tag ereignete, war etwas, das in seinen Mitmenschen allerlei verborgene Gefühle erweckte und letztendlich zu seinem Tod führen sollte. So wechselte nämlich das Licht auf seiner Stirn die Farbe. Als er am Morgen des vierten Tages nach dem Absetzen der Dosis seiner Morgentoilette; bestehend aus Stuhlgang, Dusche, dem Auftragen einer Lotion sowie einer schnellen, ungenauen Rasur, nachging, erschrak er dermaßen, dass es ihm das Blut aus seinem Gesicht jagte. Der Grund jenes Erbleichens war die schon genannte Farbveränderung seines Stirnlichtes. Statt einem dunklen Blau grinste ihn nun ein blutiges Rot im Spiegel an. Der Metalleinsatz in der Mitte seiner Stirn, ein Gebilde aus Titanstahl und allerlei Elektronik, mutete nun wie ein Unheil verkündendes Teufelsauge an.

Er blinzelte, kniff sich. Nichts, keine Veränderung. Unnachgiebig starrte ihn das Rot an. Als er daran fassen und an dem Gebilde ein bisschen rütteln und drücken wollte, um diesen Zustand umzukehren, bekam er einen so heftigen Stromschlag, dass er auf dem Fließenboden seines Bades erwachte und eine garstige Beule an seinem Hinterkopf pochte. Er rappelte sich auf und starrte ratlos sein Spiegelbild an. Die Idee, dass jener Farbumschwung aufgrund seiner eigenmächtigen Absetzung der täglichen Dosis eingetreten war, eröffnete sich ihm in diesen ersten Schreckminuten noch nicht. Als sein Geist jedoch die ersten Wellen der Verstörung überwunden hatte, kam ihm dieser Zusammenhang in den Sinn. Sogleich begann ein innerer Kampf, den er bis zu seinem baldigen Lebensende bestreiten würde.

Schon als er an diesem Morgen aus seiner Haustüre trat, fiel die rot leuchtende Stirn seinem Umfeld auf. Simon Krüger, Nachbar seit fast einem Jahrzehnt, stürzte fast im Treppenhaus rückwärts herunter, als er Herrn Schmelzer entgegenstieg. Er sagte zwar nichts, jedoch entblößten seine Augen jene Gedanken, welche ihm bei diesem Anblick durch den Kopf rauschten. Krüger grüßte ihn mit einem unsicheren:
„Guten Morgen Christian!“, und hangelte sich dann die Treppe hinauf, nicht ohne Herrn Schmelzer noch in den Rücken zu starren, bis dieser um die Kurve war. Ähnlich erging es dem Rotstirnigen an seiner Arbeitsstelle. Ängstliche, misstrauische Blicke drangen von allen Seiten hin auf ihn ein, während er durch das Büro schritt. Gerüchte wurden augenblicklich gestreut, so dass er schon am Ende seiner donnerstäglichen Sechsstundenschicht im gesamten Gebäude zu einer enormen Bekanntheit emporgestiegen war. Eine Bekanntheit, die er selbst nach vierzig Jahren Arbeit in dieser Firma nicht hätte erlangen können. Jenes feig verborgene Geläster von Kolleginnen und Kollegen, selbst von Chefs, wurde fleißig weitergereicht und zu Wahrheiten verdichtet, wodurch er am Ende des Tages, als er aus dem Foyer schritt, jede erdenkliche Untat verübt hatte.

Am Abend hatte er sich Freunde eingeladen und selbst mit diesen verhielt es sich nicht besser. Immerhin fragten diese ihn offen, was denn der Grund für seine seltsame Stirnfarbe sei.
„Wie du nimmst deine Dosis nicht? Das geht doch nicht!“, empörte sich Lea Steiger, eine hochgewachsene Blondine mit Lachfalten im leicht gepuderten Gesicht. Während sie dies sagte, gestikulierte sie in italienischer Manier, was jedoch eher an lächerliche Zaubereiversuche erinnerte, da sie dabei eine Salzstange in ihrer Hand umherschwang.
„Warum nimmst du sie denn nicht?“, wurde Christian von allen Anwesenden gefragt, doch darauf konnte er selbst keine klare Antwort geben, was nur noch mehr Unfrieden stiftete. Der Abend endete im Streit und einer zugeschlagenen Haustür. Nachbar Krüger war von dem lautstarken Disput aufgewacht und hatte mit einem Glas an der Wand zu lauschen versucht, jedoch nur Wortfetzen aufgreifen können, die isoliert keinen Sinn ergaben.

Aus Trotz nahm Herr Schmelzer auch in den folgenden zwei Wochen seine Dosis nicht und so leuchtete seine Stirn weiterhin in dem blutigen, von seinem Umfeld verhassten Rot. Menschen, die ihm einst nah gestanden, ja ihn geschätzt und geliebt hatten, entfernten sich in dieser kurzen Zeit deutlich von ihm. Keine Anrufe, keine Einladungen. Er nahm dies wahr, jedoch genoss er zu seinem Unglück jene kürzlich erworbene Aufmerksamkeit in höchstem Maße und verdrängte alle warnenden Gedanken, die ihn vor möglichen Gefahren hätten beschützen können. So schlossen sich alsdann einige seiner Freunde und Arbeitskollegen zu einem geheimen Bund zusammen und berieten, wie man mit ihm weiter verfahren sollte, falls er sein rebellisches Verhalten in der nächsten Zeit nicht ablegen würde. Die Folgen, die sein Verhalten für sie selbst darstellte, konnten sie nicht einschätzen, jedoch erklomm Furcht in ihnen herauf, wenn sie daran dachten. Sie gaben ihm eine weitere Woche Zeit und hofften, dass er bis dahin zu einem Einsehen kommen würde. Dem war nicht so.

In ihm tobte zwar weiterhin ein Kampf, allerdings bekräftigte das gänzliche Nichteintreten von Nebenwirkungen nach dem Absetzen der Dosis sowie jene zweifelhafte Berühmtheit; dieser Status des Ausgestoßenen, seine Entscheidung, der langgelebten Konformität weiter zu entsagen. Die notgetriebenen Verschwörer und Verschwörerinnen fassten schließlich einen Entschluss. Herr Schmelzer musste verschwinden. Tränen flossen manchen über die Wangen, während sie sich darüber berieten wie man das Problem; sie vermieden es nun in ihren Treffen seinen Namen auszusprechen, am besten und schnellsten aus der Welt schaffen könnte. Doch wie? Wer sollte es tun? Wer würde die verborgene Klinge führen, den Nackenschuss abfeuern, ihm den verhängnisvollen Stoß geben, wenn er an einem Abgrund stand, dabei in seinem Rücken keine Gefahr witterte. Keiner meldete sich freiwillig und so lief Herr Schmelzer weiterhin rotstirnig durch die Welt, wobei er dabei gänzlich friedfertig, und gut gelaunt wie eh und je war, sich wirklich vorbildhaft verhielt, sah man von seiner Dosis ab. Weiterhin ging er seinen üblichen Beschäftigungen nach, so als ob keinerlei Veränderung an ihm stattgefunden hätte.

Eines Tages jedoch hatte die Fröhlichkeit ein jähes Ende. Er war gerade bei der Arbeit und der Kaffee bewegte ihn auf die Toilette. Kurz nachdem er seine Hose heruntergelassen und vor Erleichterung beim Entleeren seiner Blase einen leisen, genüsslichen Seufzer ausgestoßen hatte, erschienen hinter ihm einige vermummte Gestalten. Ein grässlicher, lauter Schrei war zu hören. Alle im Büro erstarrten, hielten die Luft an. Die Tür zur Toilette öffnete und schloss sich wieder.
Und schon hielt der Alltag wieder Einzug in der Etage. So, ganz als ob nichts geschehen wäre, wurden Anträge ausgefüllt, wurde Kaffee gekocht und Smalltalk betrieben, Telefone klingelten, Verträge wurden abgeschlossen, manch einer träumte von seinem kommenden Urlaub, während er auf seinem Computer sich die Zeit mit Solitaire vertrieb. Ein Platz im Büro verblieb bis zum Feierabend leer. Niemand wagte sich mehr an diesem Tag auf das Herrenklo. Der Körper von Christian Schmelzer wurde in der Nacht fortgeschafft. Sein Stirnlicht war erloschen. Seinen Arbeitsplatz räumte man bereits am nächsten Tag, indem alle seine persönlichen Habseligkeiten in eine große Tüte gestopft und dem Restmüll zugeführt wurden. Erleichterung hätte nun eigentlich die Gemüter aller am Mord beteiligten Personen streicheln sollen. Dem war jedoch nicht so. Als sie am nächsten Morgen erwachten und sich selbst im Spiegel ansahen, wich die Müdigkeit sofort blankem Entsetzen. Denn bei jenen, selbst den Mitwissenden, nicht einmal den Mördern selbst, leuchtete nun die Stirn in einem blutigen, bösen Rot.

 

Krieg…

Mutter, die Toten….sie wandeln wieder. Sei ruhig mein Kind. Schlaf jetzt. Alles wird gut, alles wird gut.

Stolz wie damals marschieren sie in endlosen Reihen durch die Dörfer, um sich auf dem alten, verlassenen Schlachtfeld einzufinden, dessen hügelige Graseinöde sich unter dem klaren Nachthimmel erstreckt. Wie goldene Tränen hängen die Sterne am Firmament und tauchen die schaurig schöne Nacht in einen gedichtwürdigen, milden Schimmer. Schweigend blicken die Sterne auf das unheilige Treiben in der Tiefe. Sie sehen von Osten, Westen und Süden die gewaltigen Skelettscharen heranrücken,  die das Land wie zäher Nebel überziehen. Die vergessenen Armeen werden sie genannt, denn es sind ihrer drei und niemand weiß mehr, wer diese Männer und Frauen waren, noch für was sie damals ihre jungen Leben gaben. Söhne und Töchter von verstorbenen Müttern und verstorbenen Vätern, eine verlorene Generation. Menschenmaterial, das ohne Rücksicht in eine nicht zum Stillstand kommen wollende Blutmühle geworfen wurde, bis alles zugrunde ging und endgültig in sich zusammenfiel. Und so erheben sich die Toten einmal im Jahr und strömen aus allen Teilen des Landes zusammen, lassen in dieser einen Nacht die Schrecken wiederaufleben, welche sie einst zugrunde richteten.

Die finsteren Abgründe ihrer Augen durchschneiden die Nacht. Ihre vollmondversilberten Knochen sind von den grimmigen Feuern des Krieges zusammengeschweißt worden und finden keine Ruhe. Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind weiß, dass diese eine Nacht im Jahr den Toten gehört. Kein Licht ist an den Fenstern zu sehen, kein Ton schleicht sich an das Ohr. Der Marschschritt der schaurigen Gestalten lässt das Kopfsteinpflaster erzittern, ein schauriges Klagelied, das die Lebenden in kalte Furcht versetzt. In den Häusern werden sich die Ohren zugehalten, überfällt einen doch der heiße Wahnsinn, wenn man dieser finsteren Prozession zu lange lauscht. Die Toten stöhnen gequält auf. Aus ihren dunklen Mündern geistern grauenhafte Flüche in die Welt hinaus und sie sprechen verbotene Gebete an Gottheiten, die sie nicht im Stich lassen werden.

Wer schreit da? Haltet ihm den Mund zu, schnell! Sonst hören sie ihn noch und kommen uns alle holen!

Sie wandeln ächzend an den Ort ihres Ablebens, hin zu den wirren Schützengräben, welche die Erde durchziehen und durch die nun dünne, klare Bächlein fließen. Ihre verbeulten, teils durchlöcherten Helme scheppern wie leere Blechdosen auf ihren Köpfen umher, die Gewehre knacken in ihren kalten Skeletthänden, das Holz verdorben und weich, das Metall schlammbraun vom gierigen Rost, der es wie ein Geschwür überzieht. Die seelenvernichtenden Grausamkeiten des Krieges verfolgen sie immer noch. In ihrer Hilflosigkeit suchen sie erneut den Kampf, suchen den Sinn ihres Todes, flehen um Erlösung. Und so entbrennt im geisterweißen Vollmondschein die große Schlacht auf ein Neues. Schon kurz nachdem die letzten Skelette die umliegenden Dörfer verlassen haben, hört man in der Ferne das erste, düstere Kriegsgrollen und sieht den Horizont aufblitzen und brennen. Unsichtbare Kugeln und unsichtbare Granaten zerfetzen unsichtbares Fleisch. Die Toten schreien ihre unendliche Pein und Verzweiflung in die Nacht hinaus, in der Hoffnung, dass sie dieses Mal erhört wird. Die Gräuel der Vergangenheit werden wieder lebendig. Das schaurige Heulen und Knallen von unzähligen Artilleriegeschossen lässt die feuchtkalte Luft erzittern. Doch die Erde bleibt von den Mordgütern unberührt, nur das Gras wippt immer wieder leicht umher, wie von den Echos der Vergangenheit angestoßen.

Es hört nicht auf Mama. Wieso tun sie das bloß?

Vereinzelte Feuer lodern an manchen Stellen gleißend auf. Einige Skelette treten klappernd aus ihnen hervor, schwarzgebrannt, und fallen dann in sich zusammen. Die Schatten der Flammen offenbaren unaussprechliche Grausamkeiten, welche sich die Soldaten und Soldatinnen in ihrer Mordlust gegenseitig angetan haben. Dicke, graue Ratten huschen umher und nagen vergnügt-eifrig an den Knochenhaufen der bereits Gefallenen, welche wie Kreuze deren jeweilige Sterbepunkte markieren. Ein bestialischer Gestank breitet sich aus, erzeugt im Geiste die Farbe Schwarz, sofern man für diese Art der Wahrnehmung empfänglich ist.

Schließlich, mit dem ersten, zarten Morgengold, verebbt der Schlachtlärm allmählich. Wie Motten in einer Kerze, so vergehen die Skelette, wenn sie von den Sonnenstrahlen getroffen werden, zerfallen augenblicklich zu schneeweißen Aschehäufchen, welche von kräftigen Luftwirbeln in die Ferne getragen werden. Brandrot leuchtet die Sonne auf den, nun wieder so idyllisch anmutenden, Kampfschauplatz. Bis auf den Wind ist es völlig still, denn die Tiere halten sich von diesem Ort fern, spüren sie doch, dass jenes Fleckchen Erde; auch nach all den Jahrzehnten, immer noch von Leid und Verzweiflung befallen ist. Niemand weiß, wie lange dieses unheilige Gemetzel sich noch wiederholen wird. Vielleicht bis in alle Ewigkeit.

Verfolgt

Es ist schwül. Schleimig. Alles klebt. Der laue Sommerwind rüttelt leicht an dem Schaukelstuhl, in dem ich sitze, unruhig hin und her wippe und in der rechten Hand ein warmes Bier halte. Schweiß rinnt mir von der Stirn, kalter Schweiß. Ich bemerke, wie meine Hände plötzlich zu zittern anfangen. So stark, dass es mir schwerfällt die Flasche festzuhalten. „Beruhige dich alter Junge. Es ist gleich vorbei“, flüstere ich mir zu. Dann nehme ich einen tiefen Atemzug und schließe für einen kurzen Moment die Augen.

Das Grollen in der Ferne, der Lichtschein entfernter Blitze. Mein Körper beginnt unwillkürlich zu zucken. Mühsam erhebe ich mich und torkele zur Balkontür. Als ich die Tür öffne, steht plötzlich ein kleines Mädchen vor mir und versperrt mir den Weg ins Haus. Ihre Augen sind pechschwarz, tot. Ihr Kleid ist zerrissen, die Haut bleich und in der Brust klaffen Löcher. Kleine Löcher aus denen unaufhörlich Blut sprudelt und den Boden schwärzt. Ich bin erstarrt, eingefroren. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, verzieht sich ihr Gesicht zu einer grauenvollen, schmerzverzerrten Fratze. Ihr Leiden durchbohrt mein Innerstes, zertrümmert es. Plötzlich reißt sie den Mund weit auf und schreit. Schwärze umhüllt mich.

Ein dumpfer Aufprall. Ich liege in der Fötusstellung auf der Türschwelle. Tränen rinnen mir vom Gesicht auf den kalten Fußboden. Ich ergebe mich der Vergangenheit.

Sie rannte mir aus der Dunkelheit entgegen, lief vor etwas weg. Ich erschrak und zog den Abzug durch. Hungrig fraßen sich die heißen Geschosse in das weiche, unschuldige Fleisch. Ihr fassungsloser, kindlicher Blick, als sie realisierte was geschehen war, brannte sich in meine Seele. Auch wie sie langsam zusammensackte und der staubige Boden ihr Blut gierig aufsog. Ich ergriff ihren schlaffen Körper und brachte sie so schnell ich konnte zu einem Lazarett, doch es war zu spät. Alles was zurückblieb war ihr getrocknetes Blut an meinen Händen und die Schuld.

Seit diesem Tag verfolgt sie mich. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch ertragen kann. Es zerfrisst, zermürbt, zerreißt, zertrümmert mich.

Mordkultur

Ein junger, gut rasierter Mann von durchschnittlicher Bildung und ruhiger Wesensart musste eines Tages feststellen, dass er einen Mord begangen hatte. Als ihm dies bewusst wurde, traf es ihn zutiefst, war er doch grundsätzlich friedfertig und lehnte jegliche Form der Gewalt entschieden ab. Eine Weile lang zweifelte er noch daran, dass er diese Tat wirklich begangen hatte, doch als er sich zwei Freunden in einer heimeligen irischen Kneipe unter dem Einfluss einer nicht unerheblichen Menge Bier und unter Tränen öffnete, versicherten ihm diese, dass es außer Zweifel stand, dass er jenen Mord begangen hatte. Woher sie davon wussten, erzählten sie ihm nicht. Darüber war der Mann, den ich im Folgenden nur noch T. nennen werde, selbstverständlich sehr erschüttert, hatte er sich doch bisher noch fest an die Hoffnung geklammert, frei von jeglicher Schuld zu sein. Er glaubte seinen Freunden. Sie hatten keinen Grund ihn anzulügen. So stand es nun für ihn außer Frage. Er hatte den Mord begangen. Mit all seiner Kraft und Energie versuchte T. sich zu erinnern, wie es bloß dazu gekommen war. Was hatte ihn so weit getrieben? Anfangs waren es nur Gedankenfetzen, die wiederkehrten, doch je länger er darüber nachdachte, desto mehr fiel ihm ein. Wie ein Mosaik setzten sich Stück für Stück die Erinnerungsbruchstücke zu einem großen Ganzen zusammen. Es stellte sich heraus, dass es kein schneller und leichter Mord gewesen war, sondern eher ein schleichender, schwieriger Prozess des Mordens, der ihn einige Überwindung gekostet hatte und ihm nun, nachdem er vollbracht war, weder eine Erleichterung gewährte, noch einen Vorteil genießen ließ, geschweige denn Freude bereitete. Auch war es T. ein Rätsel, wie er diesen Mord, den er doch so perfide inszeniert hatte, zur Gänze aus seinem Bewusstsein tilgen konnte. Wer sein Opfer gewesen war, daran konnte T. sich leider nicht mehr erinnern, egal wie sehr er sich auch anstrengte.

Nun, nachdem er sich seiner Schuld bewusst war, wartete er auf seine Verhaftung. In den folgenden Tagen und Wochen blieb er nachts oft auf und saß zitternd in seinem Bett. Dabei wurde er von seiner Nachttischlampe beschienen, welche seinen Schatten in furchterregender Größe an die hohe Wand warf und wartete darauf, dass jemand die Tür eintreten und ihn anschließend verhaften würde. Doch seine Furcht blieb unbegründet. Nichts geschah. Die Tür blieb in ihren Angeln.

T. stellte fest, dass sich sein Wesen seit dem Mord sehr verändert hatte, war er doch erheblich ernsthafter und gewissenvoller geworden. Er nahm das Leben nicht mehr so leicht und schmiedete sogar Pläne für die kommende Zeit, was ihm vor seiner Tat gänzlich zuwider gewesen war, hatte er doch stets lieber in den Tag hineingelebt und den Dingen ihren Lauf gelassen. Bisher hatte dies auch immer wunderbar funktioniert, doch nun besann er sich und schrieb eifrig einen Terminplaner voll, den er bei einem Schreibwarenhändler erstanden hatte. Ein schöner, gebundener Kalender aus braunem Rindsleder und einer schwarzen Kordel aus Garn mit einem buschigen Ende, die er brav Tag für Tag um eine Seite verschob. Eines Tages lernte T. eine Frau kennen, die stets in weite Gewänder hüllte, um ihren nahezu perfekten Körper zu verhüllen, da sie die Blicke der Leute auf der Straße verabscheute. Als ihre Augen sich trafen, verliebte er sich auf der Stelle in diese eigenartig anmutende Gestalt. Die Liebe beruhte auf Gegenseitigkeit. Es kam einem Wunder gleich. Zwei Seelen, die zuvor verloren über die Erde streiften und innerhalb einer Sekunde aneinander gebunden waren. Die Heftigkeit ihrer Liebe trotzte jeglicher Vernunft und schon nach kurzer Zeit zogen sie zusammen. Einige Monate vergingen. Eines Abends, als er von einem langen, alkoholbeschwerten Abend mit seinem besten Freund, der ihn noch bis zur Tür begleitet und gestützt hatte, nach Hause kam und sich ungeschickt zu seiner Freundin ins Bett wuchtete, löste sich seine Zunge und er gestand ihr unter Tränen den Mord, den er vor langer Zeit begangen hatte. Sie blickte T. tief in seine tränengeröteten Augen, in denen man eine gewisse bierbedingte Verwirrung leicht erkennen konnte und küsste ihn erst einmal sanft auf die Stirn, dann zweimal auf den Mund. Am nächsten Morgen, nachdem T. seinen Kater bezwungen hatte und wieder einigermaßen ansprechbar und weniger jämmerlich war, setzte sich seine Freundin neben ihn an den Küchentisch und fuhr ihm dann mit der Hand langsam den Rücken herunter, was bei T. ein wohliges Zittern auslöste. Sie drehte sich auf ihren Stuhl, sodass sie ihm gut in die Augen blicken konnte und schlug die Beine übereinander. Standpauke, ging es T. durch den Kopf und er machte sich schon auf alles gefasst, hatte in Gedanken bereits seine Koffer gepackt, um für einige Tage auf dem Sofa seines Freundes zu übernachten. Doch sie seufzte nur einmal laut und offenbarte ihm dann, dass auch sie vor sehr langer einen Mord begangen hatte, der T.´s in seiner Durchführung ähnelte. Auch sie sehnte sich nach der Zeit vor ihrem Mord zurück, wünschte sich, dass sie ihn niemals begangen hätte, doch war eine Umkehr der Umstände eben leider unmöglich. Zutiefst geschockt saß T. da und blickte sie ungläubig mit offenem Mund an. Man hätte ihn in diesem Moment grau anstreichen und anschließend auf einen belebten Platz stellen können, es wäre ihm egal gewesen. Ein jeder hätte ihn im Vorbeigehen für eine Statue gehalten und den Künstler gelobt, der solch ein Meisterwerk vollbracht hatte. Als er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, stammelte er nur ein „Was?“ heraus und schüttelte den Kopf. Mit allem hatte er gerechnet, nur damit nicht. Seine Freundin, von der er solch ein Verbrechen niemals erwartet hatte, schämte sich sichtlich. Nachdem er sich gefasst hatte, fuhr sie fort und erzählte sie ihm von den Umständen ihrer Tat, anschließend erklärte sie ihm, dass dieses Morden wohl zur Gesellschaft dazugehörte, in der sie beide lebten. Es war eine Tradition, auch wenn dies nicht offen zugegeben wurde. Früher oder später würde sich ein jeder schuldig machen und diesen Mord begehen, nur das wann unterschied sich von Person zu Person. Männer, Frauen, in diesem Fall gab es keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.

T. wollte das nicht glauben, doch warum sollte ihn diese Frau, die ihn liebte, anlügen. In den folgenden Tagen erkundigte sich T. bei Freunden, Verwandten und Arbeitskollegen, ob sie auch einen Mord begangen hatten. Die meisten suchten zuerst nach Ausflüchten, gaben dann aber nach einiger Zeit ihren Mord zu, andere verleugneten dies so vehement, dass es außer Frage stand, dass auch sie sich eines Verbrechens schuldig gemacht hatten. Viele gaben sogar offen zu, jenen Mord begangen zu haben, manche aber machten für den Tod ihres Opfers andere verantwortlich, oder schrieben die Schuld der Gesellschaft zu. Nur zwei von all den Menschen die er befragt hatte, waren vollkommen geschockt und offensichtlich unschuldig. T. stellte, nachdem er so vielen freiwilligen und unfreiwilligen Geständnissen gelauscht hatte, erstaunenswerter Weise fest, dass sich alle Opfer in gewisser Weise ähnelten. Jedes zeichnete eine angeborene Unschuld aus, sowie eine Unbeschwertheit und ein außerordentliches Maß an Phantasie. Faszinierend war auch, dass diejenigen, die noch keinen Mord begangen hatten, stets von den Mördern belächelt und nicht für voll genommen wurden. Gleichzeitig beneideten die Mörder jedoch fast immer die Unschuldigen und wünschten sich nichts sehnlicher, als selbst wieder so sorglos und frei zu sein. Ein Wunsch, der unerfüllt blieb und sie verbittern ließ. Das Morden besaß Tradition, besaß Kultur. Auch wenn alle anderen Menschen von diesem ständigen Morden keinen Anstoß zu nehmen schienen, war T. doch sehr davon betroffen und verabscheute sich sehr.

Eines Tages fand er beim Entrümpeln seines Kellers ein altes, verstaubtes Foto. Zuerst erkannte er den Menschen auf dem Bild nicht, doch dann durchschoss es ihn wie Blitz. Er wusste nun wen er ermordet hatte. Sein Opfer grinste verschmitzt in die Kamera und hielt dabei eine große Schultüte in den kleinen Händen. Die haselnussbraunen Kulleraugen dieses Kindes erinnerten ihn an jemanden. An ihn selbst.