Egoist

Du, meine Liebe,
bist mir ganz nah,
stehst am Fenster,
und denkst dem Frühling entgegen,
voll Leichtigkeit und Anmut,
bewegst du dich durch den Raum,
greifst ein Buch, lächelst mich warm an,
während draußen der Frost regiert.

Ich beobachte dich wie ein Kind,
das sich gut versteckt glaubt,
und schreibe über dich,
versuche nicht zu übertreiben,
nicht Stürmer und Dränger zu werden,
so schwer, so schwer.

Es ist März,
alle sind krank oder es gewesen,
und fast wünsche ich mir,
dass du es auch wärst,
damit ich dich noch mehr um mich habe,
dir Warmes bringen,
und neben dir liegen kann,
bis du wieder gesund bist.

Aber nein, ich Egoist,
was denke ich denn da,
deine rosigen Wangen bleich vom Fieber,
die endlos tiefen Augen trüb wie Hafenwasser,
keine Stimme, keine Küsse,
schweig Narr, schweig,
wünsch dir nicht,
was dein Herz nicht ertragen kann.

Du überfliegst die Seiten,
lässt sie über deinen Daumen schnurren,
das Buch sagt dir nicht zu,
schon legst du es weg,
kuschelst dich aufs Sofa,
dicht neben mich,
möchtest sehen was ich schreibe,
doch ich lasse dich nicht,
noch nicht, nein.

Ein kurzes Aufbegehren, gespielte Empörung,
dann schweigst und döst du,
den Kopf an meiner Seite,
wie schön dich so zu sehen,
bei deinem Anblick,
kommt etwas in mir zur Ruhe.

Lass es bleiben!

Alle zwanzig Minuten muss ich dir schreiben,
weil du sonst denkst, dass ich dir entgleite.

Wo ist dein Vertrauen geblieben?

Schon wieder brummt das Smartphone,
und aus ist der Frieden.

Wir chatten über Nichts, und das stundenlang,
dann bin ich zu Hause…wir starren uns nur an,
ich ließ es zu, nun muss ich es ertragen,
aber ist es denn falsch, sich jetzt zu beklagen?

Vorbei die Zeit der Zeitlosigkeit,
manchmal wünsche ich mir, dass mich jemand befreit,
von all der Technik, die mich fesselt, die mich hält,
die alles umschlingt, das unsichtbare Netz dieser Welt.

Einmal, ja einmal habe ich dir nicht zurückgeschrieben,
und dann stritten wir uns, bis kurz vor halb 7,
harte Worte, tiefe Wunden, manchmal geht es so schnell,
ich nahm rasch mein Zeug und flüchtete in ein Hotel,
doch dort lag ich alleine im Bett und alles war kalt,
die Uhr zeigte 1 und ich fühlte mich schrecklich alt.

Das Smartphone brummte, du fragtest wie es mir geht,
„Komm heim – ich liebe dich – es ist spät“,
wie ein geschlagener Hund trottete ich zurück,
ich bin nicht gut einsam, doch finde kein Glück,
mit dir, mit uns,
mit mir.

Mir, mir schwirrt der Geist,
hin und her,
und hin und her,
und hin und her
bis er….zerbricht?

Nein, so weit darf es nicht!

Lebensherbst

Als meine Haare fielen
und deine langsam ergrauten
das warme Licht der Herbstsonne
dein Antlitz sanft umspielte
da fragtest du mich: Wie lange?
und ich zuckte nur die Schultern
schaute weg
legte meine faltige Hand in deine
lehnte meinen Kopf an deine zitternde Brust
schloss die Augen
schwieg

Wie lange?

Weg, weg mit dieser Frage
weg mit dem Krebs
weg, einfach nur weg

Wie lange?

Zwei Monate, sagte ich
zu schnell, dachte ich
sie schluchzte
schwieg
weinte in meine Haare hinein
ließ mich nicht los
hielt mich fest
so fest
als ob der Abschied schon anstünde

Zwei Monate
vergingen zu schnell
vier Monate
vergingen zu schnell

Drei Jahre,
und die Reise geht weiter, immer weiter

Wie lange?

 

 

Gegenwind

Ein verliebter Herr lief eines Tages durch ein kleines Waldstück. Der Wind schüttelte das Herbstlaub von den Ästen, als die in einen grünen, karierten Mantel gehüllte Gestalt in flottem Schritt und mit gesenktem Haupt einen ausgedehnten Spaziergang machte, wobei sie gänzlich blind für Schönheit des Herbstes war. Etwas huschte durch das feuchte Unterholz, aus dem allerlei weiße, eng beieinanderstehende Pilze erwuchsen. Ein Vogel? Eine Maus? Etwas Größeres? Keinen Platz für solche Fragen ließ der durchwirbelte Geist des Mannes zu, der eine mattgraue Stoffmütze trug und einen mohnroten Schal, welcher vom strengen Gegenwind ergriffen, wie eine Mastfahne flatterte. Wie der Wind sich ihm in das Gesicht warf, so warfen sich Zweifel gegen den Entschluss, welchen er zu fassen hatte. Ach, wie einfach doch die Welt mal gewesen war. Damals, als noch nicht der Kies und die Blätter unter seinen Schuhsohlen knirschten, als noch nicht solche Kopfentleerungsspaziergänge notwendig waren. Damals, bevor im Urlaub auf dem Wochenmarkt eines französischen Fischerdorfes sein Herz den Entschluss gefasst hatte, sich einer reizenden, schwarzhaarigen Buchhalterin hinzugeben, die gerade ihren samstäglichen Einkauf erledigte. Sie stand an dem Verkaufswagen des örtlichen Bäckers, der mit all seinen Kunden ein kurzes Gespräch über allerlei Nichtigkeiten führte, bevor er ihnen die gewünschten Brotleibe stolz wie einen Goldbarren übergab. Sie hatte noch Tomaten und Zucchini bei einem Gemüsehändler gekauft und war dann verschwunden. Zwei Tage später sah er sie in einem Café sitzen, Zeitung lesend und fasste genug Mut sie anzusprechen. Erst war sie ziemlich kühl und ließ ihn abblitzen, aber er blieb hartnäckig, was ihr anscheinend gefiel. Er trank Pastis, sie blieb bei Kaffee mit geschäumter Milch ohne Zucker und sie redeten den Morgen hinfort, bis es Zeit für ein Abendessen war, welches sie gemeinsam einnahmen.

So hatten sie sich kennengelernt und gemeinsam eine schöne Woche verlebt. Und nun? Nun lief er durch den deutschen Herbst und war so bunt in seinen Gedanken, wie die Bäume um ihn herum.
„Du fährst noch heute dorthin zurück!“, befahl eine romantische Stimme.
„Lass die Zeit das erledigen. Noch ein paar Wochen und du hast sie wieder vergessen“, mahnte die Vernunft und schüttelte den Kopf.
„Was gibt es zum Abendessen?“, fragte eine ungeduldige Stimme aus der Bauchgegend dazwischen.
„Still jetzt!“, rief der durcheinandergeratene Herr. Über seinen Kopf flog ein Eichelhäher und warnte mit seinem lauten Krächzen alle anderen Tiere  des Waldes vor dem spazierenden Eindringling. Von dem Warnruf in Bewegung versetzt, kletterte ein junges Eichhörnchen schnell den Stamm einer Tanne empor und ließ einen angefressenen Zapfen zurück.
„Fünf Stunden Autofahrt bis zu ihr. Du könntest sie heute noch wiedersehen“, stellte die romantische Stimme fest.
„Lass mich in Ruhe“, flüsterte er.
„Hör nicht auf den Träumer. Sie ist vergeben. Du warst nur ein Ausrutscher, ein leckeres Nebengericht für sie. Sieh es doch endlich ein!“, hielt die Vernunft kühl dagegen.
So wogte es hin und her in ihm, auf und ab, wie ein Schiff in unruhiger See. Er schwitzte ein bisschen, einerseits wegen des in ihm heiß gefochtenen Streites zwischen seinem Herz und seinem Geist, andererseits weil der moosgrüne Mantel sich dann doch eine Kleidungsschicht zu viel erwies. Ein Südwestwind hatte die Wolken weggefegt und das Thermometerblau auf fast 20 Grad klettern lassen. Die Tiere nahmen diese Wärme dankend an. Überall bereiteten sie sich auf den Winter vor, fraßen was ihre Mägen erlaubten, vergruben Vorräte, vergemütlichten ihre Schlafstätten um ein paar Grashalme und Moosfetzen mehr. Während der Herr immer noch mit gesenktem Kopf grübelte, wurde der Weg allmählich schmaler und fiel ab. Zu beiden Seiten wucherte hüfthohes Gesträuch, das wie das Laub im Begriff war, sein Frühlings- und Sommerkleid zu verlieren. Nur ein Wachholderstrauch stellte trotzig protzig seine grünen Nadeln zur Schau. Die Wurzeln einiger großer, alter Kiefern ragten trügerisch aus dem Erdreich heraus, weswegen es an diesem Wegstück wohl ratsam gewesen wäre, wenn der Herr seinen Schritten mehr Beachtung geschenkt hätte. Dies tat er allerdings nicht. Und so kam es, dass er mit dem rechten Fuß an einer Wurzel hängen blieb und stolperte. Dies wäre weiter nicht schlimm gewesen, wenn der Weg nicht abschüssig gewesen und ihm zudem in diesem Moment keine Frau mit ihrem Hund entgegengekommen wäre. So strauchelte er, nahm Fahrt auf und prallte mit voller Wucht in die beiden. Der blondbraun gestromte Mischling jaulte, zwei Schreie klangen durch den Wald, dann war es kurz still. Eine neugierige Kohlmeise flog auf einen nahegelegenen Ast und beobachtete die Szene aus sicherer Distanz. Die drei Unglücklichen waren in das Strauchwerk neben dem Weg gerauscht, was ihren Sturz geringfügig abgefedert hatte. Dafür war ihr linker Arm im garstigen Klammergriff einiger Brombeerranken gefangen und sein Steißbein hatte Bekanntschaft mit einem spitzen Stein gemacht. Unter großem Ächzen und Stöhnen kamen sie wieder auf die Beine. Er war im Begriff eine Entschuldigung auszusprechen, als sich ihre Augen trafen. In ihm rief die romantische Stimme sofort:
„Vergiss Frankreich! Hier spielt die Musik!“
Die Vernunft entschied sich fürs Erste zu schweigen und abzuwarten. Sein Magen vergaß jeden Hunger und begann eifrig Glühwürmchen und Schmetterlinge im Übermaß zu produzieren. Der Herr entschuldigte sich für seine Tollpatschigkeit und half ihr auf, woraufhin sie nur lachte und ihm ein warmes Lächeln schenkte. Die Blätter an den Bäumen flatterten im Wind, sein Schal tat es ihnen gleich und sein Herz, ja sein Herz ebenso.

Rat -Schläge

In einer Zeitschrift stand geschrieben:
„10 Schritte um richtig zu lieben!
Mit diesen Tipps gelingt das Eheglück,
mit unserer Hilfe machen sie Ihre Frau verrückt!“

Verrückt gemacht,
das hab ich sie,
sie war erregt wie sonst noch nie,
zornig bis zum Wutanfall,
dem Heft sei Dank,
es kann mich mal!

Schritt 1: „Seien Sie immer ehrlich!“, riet das Blatt,
dies hatt ich nach zwei Tagen satt,
denn zu viel Ehrlichkeit bereut,
wer sich am Ehefrieden freut.

Denn Wahrheit ist nicht immer leicht zu ertragen,
das Ergebnis war ein lautes Klagen,
denn was mich juckte, das sprach ich aus,
gejagt wurd ich zum Haus hinaus!

Schritt 2: „So steht ihr Penis wie ein Brett!“,
und: „Hier noch ein paar super Tipps für mehr Spaß im Bett!“
die Nudel schlaff, die Laune trüb,
was habe ich mich abgemüht!

Die Übung zur Hartständerei,
war nicht erfolgreich, schmerzte nur,
das Rutentraining, pur Tortur,
doch wollte ich noch nicht verzagen,
mich an die „guten“ Ratschläge wagen.

Ich gab mir Mühe sondergleichen,
ließ wilde Stöße aus den Lenden weichen,
dass ich mir fast die Hüfte brach,
sobald mein Liebchen sprach: „Gemach!“,
mein Treiben wurde ihr zu viel,
das altbekannte Liebesspiel,
war ihr doch lieber, genoss sie mehr,
mir war es recht, ich keuchte schwer.

Den dritten Schritt, den ließ ich sein,
das Heft kam in die Tonne rein,
stattdessen nahm ich sie mir nah,
liebkoste sie ganz wunderbar,
und fragte sie, was sie sich wünscht,
was sie denn anzumerken hat,
nicht viel war es, ganz wenig nur,
doch seitdem läuft die Liebe glatt.