Lass es bleiben!

Alle zwanzig Minuten muss ich dir schreiben,
weil du sonst denkst, dass ich dir entgleite.

Wo ist dein Vertrauen geblieben?

Schon wieder brummt das Smartphone,
und aus ist der Frieden.

Wir chatten über Nichts, und das stundenlang,
dann bin ich zu Hause…wir starren uns nur an,
ich ließ es zu, nun muss ich es ertragen,
aber ist es denn falsch, sich jetzt zu beklagen?

Vorbei die Zeit der Zeitlosigkeit,
manchmal wünsche ich mir, dass mich jemand befreit,
von all der Technik, die mich fesselt, die mich hält,
die alles umschlingt, das unsichtbare Netz dieser Welt.

Einmal, ja einmal habe ich dir nicht zurückgeschrieben,
und dann stritten wir uns, bis kurz vor halb 7,
harte Worte, tiefe Wunden, manchmal geht es so schnell,
ich nahm rasch mein Zeug und flüchtete in ein Hotel,
doch dort lag ich alleine im Bett und alles war kalt,
die Uhr zeigte 1 und ich fühlte mich schrecklich alt.

Das Smartphone brummte, du fragtest wie es mir geht,
„Komm heim – ich liebe dich – es ist spät“,
wie ein geschlagener Hund trottete ich zurück,
ich bin nicht gut einsam, doch finde kein Glück,
mit dir, mit uns,
mit mir.

Mir, mir schwirrt der Geist,
hin und her,
und hin und her,
und hin und her
bis er….zerbricht?

Nein, so weit darf es nicht!

Die Schatztruhe

Mein Herz ist eine Schatztruhe,
ich gab dir den Schlüssel dafür,
du hast ihn im Schloss abgebrochen,
und mir nichts gesagt.

Mein Herz ist eine Schatztruhe,
das Schloss geht nicht auf,
für andere versperrt,
weine ich in meinem Zimmer.

Mein Herz ist eine Schatztruhe,
wann kommt ein Schlüsseldienst,
wer ist bloß dazu fähig,
ich selbst bin es nicht.

Mein Herz ist eine Schatztruhe,
ein neues Schloss, einer neuer Schlüssel…

Wem schenke ich ihn,
wer bricht ihn nicht ab?

Rat -Schläge

In einer Zeitschrift stand geschrieben:
„10 Schritte um richtig zu lieben!
Mit diesen Tipps gelingt das Eheglück,
mit unserer Hilfe machen sie Ihre Frau verrückt!“

Verrückt gemacht,
das hab ich sie,
sie war erregt wie sonst noch nie,
zornig bis zum Wutanfall,
dem Heft sei Dank,
es kann mich mal!

Schritt 1: „Seien Sie immer ehrlich!“, riet das Blatt,
dies hatt ich nach zwei Tagen satt,
denn zu viel Ehrlichkeit bereut,
wer sich am Ehefrieden freut.

Denn Wahrheit ist nicht immer leicht zu ertragen,
das Ergebnis war ein lautes Klagen,
denn was mich juckte, das sprach ich aus,
gejagt wurd ich zum Haus hinaus!

Schritt 2: „So steht ihr Penis wie ein Brett!“,
und: „Hier noch ein paar super Tipps für mehr Spaß im Bett!“
die Nudel schlaff, die Laune trüb,
was habe ich mich abgemüht!

Die Übung zur Hartständerei,
war nicht erfolgreich, schmerzte nur,
das Rutentraining, pur Tortur,
doch wollte ich noch nicht verzagen,
mich an die „guten“ Ratschläge wagen.

Ich gab mir Mühe sondergleichen,
ließ wilde Stöße aus den Lenden weichen,
dass ich mir fast die Hüfte brach,
sobald mein Liebchen sprach: „Gemach!“,
mein Treiben wurde ihr zu viel,
das altbekannte Liebesspiel,
war ihr doch lieber, genoss sie mehr,
mir war es recht, ich keuchte schwer.

Den dritten Schritt, den ließ ich sein,
das Heft kam in die Tonne rein,
stattdessen nahm ich sie mir nah,
liebkoste sie ganz wunderbar,
und fragte sie, was sie sich wünscht,
was sie denn anzumerken hat,
nicht viel war es, ganz wenig nur,
doch seitdem läuft die Liebe glatt.

Am Fluss – Eine Beobachtung

Silberweidensamen gleiten in ihrem weißen Kleid träumend ihrer Erfüllung entgegen. Geschmeidig wie Schneeflocken lassen sie sich vom Wind leiten, der durch das sommerliche Blattwerk wispert. Sie taumeln in meine Haare, in das müde Flüsschen, das vor meinen Füßen dunkel; weil veralgt von den letzten zwei trockenen, siechenden Wochen, dahinplätschert. Kleine Fliegen erkunden meine nackten Arme, kosten von dem leichten Schweiß, der mir die Radfahrt zu diesem gemütlichen Plätzchen beschert hat. Gemein schwül ist es, Vorbote des für morgen vorausgesagten Gewitters. Die von weißen Flecken durchsäumte, graue Wolkendecke, spiegelt sich an manchen Stellen im Nass, welches sich gerade belebter gezeigt hat, als von mir erwartet. Einige junge Forellen stellen ihre Mückenfangkunst auf die Probe, stoßen kraftvoll ihre schlanken Leiber in die Luft, verfehlen, versuchen es erneut. Gut behütet wird die kleine Fischschule dabei vom dichten Blätterdach, das sie vor den begehrenden Blicken von hungrigem Vogelgetier schützt. Ein Graureiher würde guten Gefallen an diesen golden und silbern schimmernden, mit schwarzen Punkten geschmückten Fischchen finden. Seinen langen, scharfen Schnabel nur zu gern wie einen Speer in ihre dünnen Leiber stoßen. Ein Erpel paddelt am anderen Ufer gegen die leichte Strömung und scheint mich neugierig zu beobachten. Sein Kopfgefieder schimmert herrlich in allen erdenklichen Grüntönen, welche im harten Kontrast zu dem knalligen Orange seiner Füßen stehen, mit denen er sich scheinbar unbeholfen vorantreibt. An einigen Stellen sehe ich Schaum auf dem Wasser treiben, traurige Zeichen der Verschmutzung, wohl von den umliegenden Weizen- und Maisfeldern stammend sowie dem anwohnenden Menschenvolk, in den oberen Bereichen des Flusslaufes. Nun ist vorerst mein Interesse an der Natur verflogen und ich widme mich genauer den mir sichtbaren Spuren unserer Zivilisation. Dabei muss ich mich keinen Zentimeter bewegen, es finden sich im Radius meiner Augen genug Beweise für die Rücksichtslosigkeit, die Respektlosigkeit unserer Spezies. Der Mensch soll das klügste Wesen auf diesem im All herumtreibenden Gesteinshaufen sein und dennoch zerstört er sich selbst seine Lebensgrundlagen Tag für Tag. Mir schwirrt der Kopf. Überall entdecke ich Müll. Hellweiße Styroporstückchen ragen wie Grabsteine aus der Wasseroberfläche eines ruhigen Seitenbeckens am Ufer heraus, während sich grüne, braune und weiße Glasscherben wie Minen überall auf dem Flussgrund verstecken. Eine große Spraydose hat sich in einem gestauten, wirren Gehölzhaufen verfangen, Reste einer schwarzen Plastikfolie hängen wie eine Totenflagge am Ast eines jungen Haselnussstrauches, der in den Fluss hineinragt. So viel Müll und dass nur in meinem kleinen Blickfeld. Der ganze Unrat auf direktem Weg in´s Meer. Geschlagen gehören sie alle, diese Verschmutzer, diese Unmenschen, welche oft mutwillig oder aus Bequemlichkeit ihren Abfall acht- und reuelos wegwerfen, nicht die Konsequenzen ihres Handelns bedenken. Wie die Fische kleine Plastikteilchen verschlucken, so sollte man ihre Rachen damit vollstopfen bis sie kotzen! Heulen würden sie, sich empören, Vergeltung einfordern. Die Fische können nur schweigen.

Die Schönheit dieses Platzes, sie schwindet dahin, so als ob jemand langsam einen schwarzen Vorhang vor mir zuziehen würde. Doch ein kleines Tierchen mit einer blutdürstigen Mission treibt mich zum Glück wieder aus der Melancholie heraus. Der leichte Pikser dieser Stechmücke bringt mich auf andere Gedanken. Gut gemacht mein hungriger Freund! Fasziniert schaue ich mir das zarte Wesen genauer an. Wie ein in Pech getauchter Pfeil mit zwei hauchdünnen Flügelchen, sitzt sie mir auf dem rechten Unterarm und genießt meinen Lebenssaft. Ich unterdrücke den starken Drang mich zu kratzen und staune über ihren Rüssel, diese winzige, feine Injektionsnadel, welche mühelos in meine Haut eingedrungen ist und einer neuen Mückengeneration den Weg ebnet. Während die Mücke zu Ende saugt, beobachte ich das Gewusel eines Ameisenpfades, der zu meiner Linken am massiven, knorrigen Stamm einer alten Silberweide emporführt. Inmitten von all diesem Lebenshunger, fühle ich mich wie ein Stein. Mit ihren beinahe unsichtbaren Beinchen, versuchen zwei stecknadelkopfgroße, ziegelrote Spinnen meine Trekkinghose zu erklimmen, scheitern jedoch an dem glatten Stoff und rutschen wieder zurück auf meinen Schuh. Im Brombeergezanke hinter mir raschelt es verdächtig, doch mein Blick ist an eine Bachstelze gebunden, die mit ihrem Hinterteil rhythmisch auf- und abwippt, dabei mitten im Fluss auf einer kleinen Steininsel sitzt und hoffnungsvoll nach Gesellschaft ruft. Als ihr Gesang unerhört bleibt, entschwindet sie wieder flussabwärts. Wieder in Vergessenheit sind die Monokulturen hinter dem Ufergrün geraten, all die Traktoren, welche ihre Pestizide den Winden anvertrauen. Die Mücke ist entflogen. Ich sitze mittlerweile regungslos und konzentriert da und lese. Hermann Hesse, Kleine Freuden. Vielleicht bin ich gerade deswegen so nachdenklich und schwelgerisch geworden. Ein Buch, gefüllt mit wundervollen Fragmenten aus seinem Leben. Ein Buch voller Schönheit, Klarheit, Erfahrung, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der graue Wolkenozean lichtet sich am Horizont in Richtung der Vogesen. Strammes Sommerblau lacht mir entgegen. Als mein Hinterteil schließlich zu schmerzen beginnt, räume ich Buch, Notizblock, Bleistift und ein bisschen von dem herumliegenden Müll in meine Tasche und entschwinde, freue mich bereits auf die nächsten, schönen Stunden, welche ich an diesem verborgenen Ort, der leider doch nicht ganz von der Zivilisation verschont wurde, verbringen werde.

Ein Sturm zieht auf

Hinter mir hüpft eine neugierige Amsel auf dem dünnen, grauen Blechdach herum und verlangt ab und zu lautstark nach Gesellschaft. Es ist tropisch schwül, weswegen der Schweiß mir aus allen Poren rinnt und das, obwohl ich nur in meinem Lesestuhl sitze. Ich sehne mich nach einer Abkühlung und scheine erhört zu werden, denn der bisher so träge dahindämmernde Wind beginnt an Kraft zu gewinnen, das feuchtheiße Elend was die Erde bedeckt zu zerstreuen. Im Himmel über mir träumt noch sanftes Flimmergewölk im hellen Blau, während in der bergigen Ferne düstere Wolkentürme mit Donnerorchester und Regenschauern drohen. Ich stelle fest, dass der Wind das Unwetter in meine Richtung treibt. Nur her damit! Schon liegt ein Grollen in der Luft. Auf das seufzende, nach Nass lechzende Grün fallen die ersten, verstohlenen Schatten und mit ihrem Kommen setzt ein schüchterner Nieselregen ein. Ich verlagere meinen Platz etwas nach hinten, unter das Blechdach. Meine Füße strecke ich jedoch aus meiner Deckung heraus und lasse sie mir besprenkeln. Freudig beobachte ich, wie sich das Gras, die Erde, der Teer und der Beton schleichend verfärben, allmählich abdunkeln. Stolz zeigt sich die Pflanzenwelt im schillernden Glanzkleid, bevor der Himmel ganz verdüstert. Einige Gänseblümchen lachen noch fröhlich dem Tropfenspiel entgegen, dass aus der dunklen Höhe sich herabstürzt. Ein Donnerknall, verheerend laut, lässt mich aufschrecken. Nun ist das Herz der Sturmzelle wohl direkt in meiner Nähe! Mit kindlicher Freude besinne ich mich der Mächtigkeit der Natur, der wir Menschen so hilflos gegenüberstehen und die uns unserer Nichtigkeit erinnert. Schon beginnt der große Guss. Eine Wand aus Wasser rauscht vor mir hinab auf den nun aufgeheizten Grund. Ein Cabriobesitzer hält an der Straße ruppig an. Wie ein Floh hüpft er umher und versucht verzweifelt das Faltdach seines Fahrzeuges auszubreiten, ohne selbst eine Dusche verpasst zu bekommen. Leider misslingt ihm beides. Während es gar sintflutartig hinunterwäscht, stiehlt sich die Sonne ab und zu aus dem Gewitter hervor, so als wolle sie noch einen verzweifelten Atemzug nehmen, bevor sie wieder in das schwarzblaue Wolkenmeer abtaucht. Genüsslich ziehe ich die regengesättigte Luft ein, kritzele einige Wolken auf meinen Schreibblock. Doch „Klick“, ist der Schauer auch schon wieder vorbei, der Hahn zu. Zwar ist es immer noch reichlich düster über mir, jedoch tänzelt  bereits wieder ein Schwalbenpaar um die nassen Ziegeldächer, vollführt kühne Kunststücke, schnappt sich Insekten zum Mittagessen. Eine Horde Buntfinken unterhält sich erregt auf einer Regenrinne, lästert vielleicht über die Launigkeit des Himmels.

Der Schauer war zwar heftig, währte dafür aber nur kurz, sodass die aufgeheizten Pflastersteine vor meinen nackten Füßen zwar dampfen, jedoch wieder zu trocknen beginnen. Majestätisch präsentieren die Buchen zu meiner Rechten ihr Laubwerk, das sich in irisierender Farbenpracht zur Sonne streckt, welche sich ihren Weg aus dem Sturmgewölk gekämpft hat. Ebenfalls zu meiner Rechten findet sich allerdings auch ein trauriger Nussbaum, dem der späte Frost schwer zugesetzt hat und dessen Blätter und Blüten entweder bereits abgefallen sind oder sich pechschwarz und verdorben verzweifelt an den Ästen festklammern. Ich notiere mir einige Gedanken, welche mich beim Anblick dieses unglücklichen Baumes befallen. Nachdem ich dies getan habe und aufschaue, stelle ich fest, dass  der Boden seine alte Farbe zurückerlangt hat. Keine schlechte Leistung werte Sonne! Nachdem sich meine Faszination über das Naturschauspiel gelegt hat, fange ich an zu lesen. Im Hinterkopf schwirrt mir jedoch die ganze Zeit all jene Tätigkeiten umher, welchen ich mich eigentlich widmen sollte. Eine Hausarbeit über eine Kurzgeschichte und das Kinderbuch, an dem ich gerade mit mäßigem Erfolg herumwerkele. Es fällt mir daher unbegreiflich schwer, den Zeilen meines Buches die angemessene, respektvolle Aufmerksamkeit zu schenken. Sie werden es kennen. Man springt gazellenhaft durch die Zeilen, lässt seine Augen fliegen, aber der Geist hat bereits irgendwo auf dem Leseweg eine Rast eingelegt. Irgendwann, meist ein bis zwei Seiten später, fällt einem dann auf, dass das Gelesene keinerlei Wurzel im Gedächtnis hinterlassen hat. Also noch einmal lesen, in der Hoffnung, dass man nicht noch einmal in andere Denkgefilde abdriftet.

Wie ein Hütehund treibt der Wind einige kleine Wölkchen, die sich aufgrund ihres unbefleckten Weiß deutlich vom dunklen Gewittervorhang dahinter abheben, mit sich. Wie der Wind, so bin auch ich heute absolut unbeständig. Motivation keimt in mir auf und erlischt sogleich wieder. Flämmchen im Wind. Lust zu nichts und Lust zu allem. Ein lästiges Wechselspiel, das mich untätig verbleiben lässt. Regen setzt wieder ein. Zweiradfahrer und Passanten beschleunigen ihr Tempo. Ich bleibe in meinem Stuhl sitzen. Ich lege das Buch weg und nehme den Kugelschreiber in die Hand. Ich schreibe sogleich und schreibe doch nicht, fülle den Block mit vielen Zeilen, die keine wirkliche Substanz haben. Ich schreibe ohne Ziel die Seiten voll. Es ist, wie das müßiggängerische Plätschern mit den Füßen im Wasser. Irgendwie angenehm, zeitfrei, angetrieben von einer unerklärlichen, inneren Lust. Braucht es denn ein Ziel? Ich entscheide mich in diesem Moment für: „Nein“. Nicht heute. Ich erfreue mich sogleich an der Ziellosigkeit dieses Tages, gebe das Schreiben auf und döse ein Ründchen. Kein Tag für Verpflichtungen. Selbst vor dem Kochen habe ich mich durch ein spätes Zubettgehen und Aufstehen gedrückt, nur eine große Tasse Kaffee findet sich in meinen entspannten Gedärmen. Ich trank ihn mit etwas Milch, weswegen ich beschließe, ihn deshalb als Frühstück gelten zu lassen.

In mir keimt die spontane Lust, nach Freiburg zu fahren und mich dort in ein Café zu setzen, um die Menschen zu beobachten, vielleicht ein paar Gesprächsfetzen aufzunehmen oder mich einfach nur an ihrer Lebhaftigkeit zu erfreuen. Unter Menschen fühle ich mich zwar oft fremd, jedoch stürmen dabei manchmal Eindrücke in ungeahnter Intensität auf mich ein, welche ich dann später in meinen Schreibwerkeleien nutzen kann. Ein kreatives Dilemma, könnte man sagen. Im Anschluss an diesen netten Cafébesuch, könnte ich mich in den Hauptbahnhof setzen und mich für einen Reisenden, einen zielhaften Menschen, ausgeben. Um meinem Theaterspiel die nötige Authentizität zu verleihen, würde ich zu einer Anzeigetafel streben und dort ein impulsives „Ach verdammt, jetzt hat der schon wieder Verspätung!“, von mir fahren lassen. Keiner würde diese Trickserei durchschauen können! Ein spontaner Kinobesuch am Nachmittag wäre jedoch auch nicht zu verachten. Reinschlendern, das Programm durchstöbern und eine 15:00 Uhr Vorstellung anzusehen, wäre ein wirklich typisch studentenhafter Genuss. Wie würde ich mich an der Leere und Sauberkeit des Saales erfreuen, den wenigen Gleichgesinnten verstehend zunicken und die Ruhe der Vorstellung schätzen. Stattdessen schaue ich nun auf meine Finger, denn mein Kugelschreiber hat sich dazu entschlossen auszulaufen. Ich stelle mir vor ein gefangener Verbrecher zu sein, der ein Blatt mit seinem Fingerabdruck prägen muss, bevor er inhaftiert wird. „Bitte nicht, ich bin unschuldig!“

Es scheint, als ob sich mein inneres Sturmtief aufgelöst hat, denn mein Körper setzt sich wie von selbst in Bewegung. Mal sehen, womit ich diesen ziellosen Tag letztendlich verbummeln werde.

Das Zimmer

In meinem Kopf, da gibts ein Zimmer
das habe ich mir hergezaubert
es ist mir ein Refugium
wenn mich der Alltag niederdrückt
wenn sich mein Geist nach Frieden sehnt
wenn du in weiter Ferne bist

Denn diesen wundervollen Raum
den habe ich mir dekoriert
mit Bildern, schön im Rahmenkleid
ein jedes zeigt einen Moment
der meinem Herzen Wärme schenkt

In der Mitte jenes Zimmers
steht ein großer, weicher Sessel
blütenweiß, mit breiten Lehnen
den stelle ich an eine Wand

Dann nehme ich ganz langsam Platz
bis ich im Polster fast versinke
mein Körper sanft umschmeichelt wird

Ich wende meine Augen hin
zu meinen viel geliebten Schätzen

Und reise in der Zeit zurück…

Wir zwei an einem hellen Strand
du mit nem Bier in einer Hand
und ich am Lesen, sonnverbrannt
wir liebten uns im warmen Sand
und Sorgen warn uns unbekannt

***

Auf dem Balkon in Weil am Rhein
dort war die Welt noch herrlich klein
ein gutes Essen, roter Wein
und Streichmusik bei Kerzenschein
fast lebten wir vom Glück allein

Ja solche Dinge sind es
die mich der Welt entrücken
bis ich dich wiedersehe
du mir im Arme ruhst
mein Herz mit Liebe füllst
den Raum mit Bildern schmückst.

Ein Apell

Der ganze Stolz, der deutsche Stahl, in aller Welt sich schuldig macht,

wir säen Leid wie Weizenkorn, „Mensch, wer hätte das bloß gedacht?“,

dass irgendwann nach langer Zeit, die Welle in der Ferne bricht,

jetzt ist sie da, zurückgerollt und mit ihr kommt die ganze Pflicht.

 

Leidenschmiede nie verstummte, Konjunktur stets prächtig brummte,

Kriegsgerät wie Brot gespuckt, zu viele hat es nicht gejuckt.

 

Die denkbeschränkte braune Pest, nun auf den Straßen stolz marschiert,

das gab´s schonmal, erinnert euch! – die Menschen haben nichts kapiert,

im Nazikopf das Echo hallt, sein Herz ganz grau und eiseskalt,

an Mitgefühl und weitem Blick, da mangelt es gar sehr,

ach seh ich diese Horde nun, wird mir ums Herz so schwer.

 

Die Schuld am Scheitern tragt ihr nie, wie könnte es auch anders sein?

„Der Muselmann, die Negerfrau, der Ali sind es ganz allein!“

Ihr fühlt euch fremd im eignen Land, dies kann ich gut verstehen,

denn euereins, das ist mir klar, will niemand hier mehr sehen,

drum sag ich´s laut, ihr schlechten Leut: Ich bitte euch zu gehen!