Lass es bleiben!

Alle zwanzig Minuten muss ich dir schreiben,
weil du sonst denkst, dass ich dir entgleite.

Wo ist dein Vertrauen geblieben?

Schon wieder brummt das Smartphone,
und aus ist der Frieden.

Wir chatten über Nichts, und das stundenlang,
dann bin ich zu Hause…wir starren uns nur an,
ich ließ es zu, nun muss ich es ertragen,
aber ist es denn falsch, sich jetzt zu beklagen?

Vorbei die Zeit der Zeitlosigkeit,
manchmal wünsche ich mir, dass mich jemand befreit,
von all der Technik, die mich fesselt, die mich hält,
die alles umschlingt, das unsichtbare Netz dieser Welt.

Einmal, ja einmal habe ich dir nicht zurückgeschrieben,
und dann stritten wir uns, bis kurz vor halb 7,
harte Worte, tiefe Wunden, manchmal geht es so schnell,
ich nahm rasch mein Zeug und flüchtete in ein Hotel,
doch dort lag ich alleine im Bett und alles war kalt,
die Uhr zeigte 1 und ich fühlte mich schrecklich alt.

Das Smartphone brummte, du fragtest wie es mir geht,
„Komm heim – ich liebe dich – es ist spät“,
wie ein geschlagener Hund trottete ich zurück,
ich bin nicht gut einsam, doch finde kein Glück,
mit dir, mit uns,
mit mir.

Mir, mir schwirrt der Geist,
hin und her,
und hin und her,
und hin und her
bis er….zerbricht?

Nein, so weit darf es nicht!

Eine Kopfsache

Dunkelblau schimmerte das Licht auf seiner Stirn. Es pulsierte leicht und manchmal vibrierte der kleine, ringförmige Metallapparat aus dem es strömte so sehr, dass Christian Schmelzer vor Schmerzen schlechte Laune bekam. Eines Tages traf er eine Entscheidung, welcher kein besonderes Einzelereignis voranging; eher eine jahrelange Neugierde, die ihn schon bald sein Leben kosten würde. Stück für Stück festigte sich der Entschluss, bis er; ein durchschnittlich begabter Mann im Mittag seines Lebens, sich dazu entschied, seine tägliche Dosis nicht zu nehmen. Zu seiner Verwunderung verspürte er in den nächsten Tagen und Wochen keinerlei körperliche oder seelische Leiden. Was sich jedoch am vierten Tag ereignete, war etwas, das in seinen Mitmenschen allerlei verborgene Gefühle erweckte und letztendlich zu seinem Tod führen sollte. So wechselte nämlich das Licht auf seiner Stirn die Farbe. Als er am Morgen des vierten Tages nach dem Absetzen der Dosis seiner Morgentoilette; bestehend aus Stuhlgang, Dusche, dem Auftragen einer Lotion sowie einer schnellen, ungenauen Rasur, nachging, erschrak er dermaßen, dass es ihm das Blut aus seinem Gesicht jagte. Der Grund jenes Erbleichens war die schon genannte Farbveränderung seines Stirnlichtes. Statt einem dunklen Blau grinste ihn nun ein blutiges Rot im Spiegel an. Der Metalleinsatz in der Mitte seiner Stirn, ein Gebilde aus Titanstahl und allerlei Elektronik, mutete nun wie ein Unheil verkündendes Teufelsauge an.

Er blinzelte, kniff sich. Nichts, keine Veränderung. Unnachgiebig starrte ihn das Rot an. Als er daran fassen und an dem Gebilde ein bisschen rütteln und drücken wollte, um diesen Zustand umzukehren, bekam er einen so heftigen Stromschlag, dass er auf dem Fließenboden seines Bades erwachte und eine garstige Beule an seinem Hinterkopf pochte. Er rappelte sich auf und starrte ratlos sein Spiegelbild an. Die Idee, dass jener Farbumschwung aufgrund seiner eigenmächtigen Absetzung der täglichen Dosis eingetreten war, eröffnete sich ihm in diesen ersten Schreckminuten noch nicht. Als sein Geist jedoch die ersten Wellen der Verstörung überwunden hatte, kam ihm dieser Zusammenhang in den Sinn. Sogleich begann ein innerer Kampf, den er bis zu seinem baldigen Lebensende bestreiten würde.

Schon als er an diesem Morgen aus seiner Haustüre trat, fiel die rot leuchtende Stirn seinem Umfeld auf. Simon Krüger, Nachbar seit fast einem Jahrzehnt, stürzte fast im Treppenhaus rückwärts herunter, als er Herrn Schmelzer entgegenstieg. Er sagte zwar nichts, jedoch entblößten seine Augen jene Gedanken, welche ihm bei diesem Anblick durch den Kopf rauschten. Krüger grüßte ihn mit einem unsicheren:
„Guten Morgen Christian!“, und hangelte sich dann die Treppe hinauf, nicht ohne Herrn Schmelzer noch in den Rücken zu starren, bis dieser um die Kurve war. Ähnlich erging es dem Rotstirnigen an seiner Arbeitsstelle. Ängstliche, misstrauische Blicke drangen von allen Seiten hin auf ihn ein, während er durch das Büro schritt. Gerüchte wurden augenblicklich gestreut, so dass er schon am Ende seiner donnerstäglichen Sechsstundenschicht im gesamten Gebäude zu einer enormen Bekanntheit emporgestiegen war. Eine Bekanntheit, die er selbst nach vierzig Jahren Arbeit in dieser Firma nicht hätte erlangen können. Jenes feig verborgene Geläster von Kolleginnen und Kollegen, selbst von Chefs, wurde fleißig weitergereicht und zu Wahrheiten verdichtet, wodurch er am Ende des Tages, als er aus dem Foyer schritt, jede erdenkliche Untat verübt hatte.

Am Abend hatte er sich Freunde eingeladen und selbst mit diesen verhielt es sich nicht besser. Immerhin fragten diese ihn offen, was denn der Grund für seine seltsame Stirnfarbe sei.
„Wie du nimmst deine Dosis nicht? Das geht doch nicht!“, empörte sich Lea Steiger, eine hochgewachsene Blondine mit Lachfalten im leicht gepuderten Gesicht. Während sie dies sagte, gestikulierte sie in italienischer Manier, was jedoch eher an lächerliche Zaubereiversuche erinnerte, da sie dabei eine Salzstange in ihrer Hand umherschwang.
„Warum nimmst du sie denn nicht?“, wurde Christian von allen Anwesenden gefragt, doch darauf konnte er selbst keine klare Antwort geben, was nur noch mehr Unfrieden stiftete. Der Abend endete im Streit und einer zugeschlagenen Haustür. Nachbar Krüger war von dem lautstarken Disput aufgewacht und hatte mit einem Glas an der Wand zu lauschen versucht, jedoch nur Wortfetzen aufgreifen können, die isoliert keinen Sinn ergaben.

Aus Trotz nahm Herr Schmelzer auch in den folgenden zwei Wochen seine Dosis nicht und so leuchtete seine Stirn weiterhin in dem blutigen, von seinem Umfeld verhassten Rot. Menschen, die ihm einst nah gestanden, ja ihn geschätzt und geliebt hatten, entfernten sich in dieser kurzen Zeit deutlich von ihm. Keine Anrufe, keine Einladungen. Er nahm dies wahr, jedoch genoss er zu seinem Unglück jene kürzlich erworbene Aufmerksamkeit in höchstem Maße und verdrängte alle warnenden Gedanken, die ihn vor möglichen Gefahren hätten beschützen können. So schlossen sich alsdann einige seiner Freunde und Arbeitskollegen zu einem geheimen Bund zusammen und berieten, wie man mit ihm weiter verfahren sollte, falls er sein rebellisches Verhalten in der nächsten Zeit nicht ablegen würde. Die Folgen, die sein Verhalten für sie selbst darstellte, konnten sie nicht einschätzen, jedoch erklomm Furcht in ihnen herauf, wenn sie daran dachten. Sie gaben ihm eine weitere Woche Zeit und hofften, dass er bis dahin zu einem Einsehen kommen würde. Dem war nicht so.

In ihm tobte zwar weiterhin ein Kampf, allerdings bekräftigte das gänzliche Nichteintreten von Nebenwirkungen nach dem Absetzen der Dosis sowie jene zweifelhafte Berühmtheit; dieser Status des Ausgestoßenen, seine Entscheidung, der langgelebten Konformität weiter zu entsagen. Die notgetriebenen Verschwörer und Verschwörerinnen fassten schließlich einen Entschluss. Herr Schmelzer musste verschwinden. Tränen flossen manchen über die Wangen, während sie sich darüber berieten wie man das Problem; sie vermieden es nun in ihren Treffen seinen Namen auszusprechen, am besten und schnellsten aus der Welt schaffen könnte. Doch wie? Wer sollte es tun? Wer würde die verborgene Klinge führen, den Nackenschuss abfeuern, ihm den verhängnisvollen Stoß geben, wenn er an einem Abgrund stand, dabei in seinem Rücken keine Gefahr witterte. Keiner meldete sich freiwillig und so lief Herr Schmelzer weiterhin rotstirnig durch die Welt, wobei er dabei gänzlich friedfertig, und gut gelaunt wie eh und je war, sich wirklich vorbildhaft verhielt, sah man von seiner Dosis ab. Weiterhin ging er seinen üblichen Beschäftigungen nach, so als ob keinerlei Veränderung an ihm stattgefunden hätte.

Eines Tages jedoch hatte die Fröhlichkeit ein jähes Ende. Er war gerade bei der Arbeit und der Kaffee bewegte ihn auf die Toilette. Kurz nachdem er seine Hose heruntergelassen und vor Erleichterung beim Entleeren seiner Blase einen leisen, genüsslichen Seufzer ausgestoßen hatte, erschienen hinter ihm einige vermummte Gestalten. Ein grässlicher, lauter Schrei war zu hören. Alle im Büro erstarrten, hielten die Luft an. Die Tür zur Toilette öffnete und schloss sich wieder.
Und schon hielt der Alltag wieder Einzug in der Etage. So, ganz als ob nichts geschehen wäre, wurden Anträge ausgefüllt, wurde Kaffee gekocht und Smalltalk betrieben, Telefone klingelten, Verträge wurden abgeschlossen, manch einer träumte von seinem kommenden Urlaub, während er auf seinem Computer sich die Zeit mit Solitaire vertrieb. Ein Platz im Büro verblieb bis zum Feierabend leer. Niemand wagte sich mehr an diesem Tag auf das Herrenklo. Der Körper von Christian Schmelzer wurde in der Nacht fortgeschafft. Sein Stirnlicht war erloschen. Seinen Arbeitsplatz räumte man bereits am nächsten Tag, indem alle seine persönlichen Habseligkeiten in eine große Tüte gestopft und dem Restmüll zugeführt wurden. Erleichterung hätte nun eigentlich die Gemüter aller am Mord beteiligten Personen streicheln sollen. Dem war jedoch nicht so. Als sie am nächsten Morgen erwachten und sich selbst im Spiegel ansahen, wich die Müdigkeit sofort blankem Entsetzen. Denn bei jenen, selbst den Mitwissenden, nicht einmal den Mördern selbst, leuchtete nun die Stirn in einem blutigen, bösen Rot.

 

Rich trains

Plädoyer an den Ethikrat der EuRus Komission, Standort Amsterdam
Sprecher: Enrico Bertolini – 22.08.2054

Thema: „Rich-trains, Zeugen eines Rückschrittes unserer modernen Zivilisation?“

Sehr geehrte Kommission, sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,
ich begrüße Sie ganz herzlich und möchte direkt mit einem Bericht beginnen, den Herr Prof. Dr. Michael B. Thompson, führender Soziologe an der Universität Chicago, vor zwei Wochen vorgelegt hat. Diesem kann man entnehmen, dass die Häufung der sogenannten „Rich-trains“ mit der zunehmenden Erodierung unserer Sozialstrukturen einhergeht. Einen signifikanten Anstieg konnte man speziell feststellen, als die Robotisierung der „no-human-need“- Berufe; wie wir sie heute nennen, abgeschlossen war. Die Arbeitslosigkeit von Millionen von Bürgern im Zuge dieser Entwicklung war schon lange vorherzusehen und doch haben Politik und Wirtschaft nichts unternommen, um dem Einhalt zu gebieten. Ich werde später noch einmal genauer darauf eingehen. Dr. phil. Ryu Takomoto hat hierzu 2052 einen lesenswerten Artikel im Wirtschaftsphilosophiejournal der Geeinten Nationen verfasst, in welchem er sich mit den gesellschaftlichen Folgen der Robotisierung in Japan auseinandersetzt und die kürzlich ausgebrochenen Unruhen im östlichen Teil Europas damit eindrucksvoll in Beziehung setzt. Aber genug davon. Nun zu meinem eigentlichen Anliegen. Hierzu eine kurze Erklärung für diejenigen von Ihnen, welche mit dem Begriff Rich-train noch nichts anfangen können.

Bei den Rich-trains handelt es sich vermehrt um ein urbanes Problem, das im Jahr 2050 erstmals von der New York Times beiläufig erwähnt wurde und seitdem mehr oder weniger unbeachtet geblieben ist. Ich und einige meiner Kollegen sind der Auffassung, dass bereits 2046 die ersten Rich-trains auf den Bahngleisen im nördlichen Tokyo herumfuhren. Der Ursprung dieses Phänomens sind die Einzelabteilzüge, welche 2045 von der Ultimexx Corporation das erste Mal in Japan in Betrieb genommen wurden. Diese waren eigentlich für den schnellen und komfortablen Schienentransport von Politikern und hohen Beamte gedacht, wurden allerdings aufgrund der riesigen Nachfrage auch schon bald auch an Prominente und Vermögende aller Art geliefert. Durch ihr einzigartiges, vollautomatisches Schienenausklinkverfahren, bewegen sich diese Privatzüge völlig außerhalb des Betriebs aller anderen Güter- und Personenzüge. Auch unvorhergesehene Schienenwechsel sind durch ein spezielles Hydrauliksystem möglich, welches damals eine Weltneuheit war, mittlerweile aber überall in unserem Alltag seine Benutzung findet. Ich spreche von den Mech-Stelzen der Firma Northon & Wells. Auf diese werde ich im Folgenden allerdings nicht genauer eingehen. Ausführliche Informationen dazu finden sie auf deren Firmenhomepage, sowie einer Broschüre, welche ich nach diesem Vortrag auslegen werde.

Die Bordcomputer der Einzelabteilzüge sind intelligente Systeme, die ihre Daten sekündlich mit denen der zentralen Rechenzentren der Schienennetzbetreiber abgleichen und den Zug bei Bedarf selbstständig abbremsen und beschleunigen, sowie den Fahrer; der eigentlich nur eine Kontrollfunktion einnimmt, rechtzeitig über einen notwendigen Ausklinkvorgang informieren. Wie ich schon erwähnte wurden zu Beginn fast ausschließlich Politiker und sehr hohe Beamte mit diesen Zügen transportiert, jedoch nahm die Anzahl der Rich-trains ab dem 15. Januar 2047 exponentiell zu, nachdem von den geeinten Nationen ein Gesetz erlassen wurde, das es auch Privatpersonen ermöglichte, sich solch ein Gefährt zu kaufen und im öffentlichen Schienenverkehr zu nutzen. Schon Ende 2047 schätzte man die Anzahl der weltweit genutzten Rich-trains auf etwa 7.000, allein 2.500 Stück davon nur in Japan. Wie viele es mittlerweile sind, kann leider auch nur geschätzt werden. Während meiner Recherchen hielt sich die Ultimexx Corporation bedeckt und lehnte eine öffentliche Stellungnahme ab. Derzeit wird die Gesamtanzahl auf etwa 20-25.000 geschätzt. Ein Milliardengeschäft für das Unternehmen.

So viel zu den technischen Details und den groben Zahlen, nun zu meinem eigentlichen Anliegen. Schon damals gab es einen entscheidenden Designfehler, der es extrem begünstigt, dass die Regierungen unserer Welt dieses Problem vernachlässigen und verdrängen können. Der Motor der Rich-trains ist nämlich auf einen täglichen Betrieb angewiesen, da in ihm ein Akku eingebaut ist, welcher sich durch das Fahren von selbst auflädt. Dies führt dazu, dass eine tägliche Mindestbetriebszeit von etwa vier Stunden nötig ist, selbst wenn dabei kein Passagier und kein Fahrer an Bord ist. Hierzu fahren die Züge auf selbsterrechneten Routen durch die Gegend und kehren danach zu ihrem Startpunkt zurück. Außerhalb dieses vierstündigen Betriebs lagern sie auf ungenutzten, oder speziell für sie angefertigten Gleiszweigen, sowie speziellen Warteflächen abseits der Gleise. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem.

Mit der Zeit sprach es sich bei Obdachlosen herum, dass die Züge die meiste Zeit unbeobachtet auf den Seitengleisen und den Warteflächen stehen bleiben und nur bei Bedarf für eine Fahrt genutzt werden. Zudem ist das Innere der Züge temperiert, was besonders im Winter in den nördlichen Regionen Europas und Russlands sehr verlockend wirkte. So kam es, dass die verlassenen Züge schon bald nicht nur von Obdachlosen, sondern auch zahlreichen anderen Randgruppen besiedelt wurden, welche in diesen eine Zuflucht, ein Zuhause fanden. Der Spitzname Rich-train entstand und verbreitete sich schnell in dieser Zeit unter all jenen, die deren Komfort regelmäßig auf illegale Weise nutzten. Die Besitzer der Rich-trains waren selbstverständlich nicht von dieser Nutzung angetan und engagierten teilweise private Sicherheitsfirmen, welche ihre Züge rund um die Uhr bewachten. Die Betriebskosten inklusive der Sicherheitsausgaben und der Fahrlizenzen waren enorm und erheblich höher als von der Ultimexx Corporation angegeben, weswegen viele Eigentümer bereits nach kurzer Zeit ihre Züge wieder verkauften, stilllegten, oder anonymisierten und ziellos weiterfahren ließen.

Fast jeder Rich-train wird von einem Anführer oder einer Anführerin verwaltet. Die dort Hausenden nennen diese Person oft ihren King, oder ihre Queen. Er oder sie ist verantwortlich für die stetige Versorgung mit Lebensmitteln, Drogen, Alkohol und allen anderen Dingen. Diese Rundumversorgung klingt zuerst einmal gar nicht so schlecht. Praktisch leben die Menschen in den Zügen jedoch schlimmer als Ratten in der Kanalisation. Die Lebensbedingungen sind dramatisch. Geschlechtskrankheiten, sowie andere, teilweise ausgerottet geglaubte Übel wüten unter den Menschen, welche diesen hilflos ausgeliefert sind. Ich habe im Zuge meiner Recherchen Kontakt mit einem King aufnehmen können, der es mir erlaubt hat für zwei Wochen mit ihm und all den anderen in seinem Zug zu reisen. Ich will Ihnen nur einen kurzen Einblick gewähren, alles Weitere können sie in meinem Buch: Rich-trains – Zwei Wochen ohne Ziel, nachlesen.

Solange der King bzw. die Queen es erlaubt, wird man wortlos in seine Gemeinschaft aufgenommen, man wird sogleich eins mit ihnen, wie ein Stück Kot mit dem Abwasser. Im Zug stank es bestialisch nach Urin und anderen menschlichen Ausscheidungen, Müll, sowie Zigarettenasche und Toten. Ja, Toten. Es kam immer wieder vor, dass jemand im Zug starb, oder sich das Leben nahm und dies dann eine Weile lang unbemerkt blieb. Wurde die Leiche bemerkt, warf man sie einfach während der Fahrt aus dem Zug. Die Menschen waren eng aneinander gedrängt und nachts lagen manche sogar aufeinander herum. Einige gedimmte Deckenleuchten tauchten alles in ein schummerig grünes, kränkliches Licht. Die Wände und die Decken waren gänzlich mit Graffitis zugesprüht, die Fenster waren verspiegelt, sodass niemand in den Zug hineinschauen konnte. In die Fensterscheiben hatten die Menschen Sprüche, Gedichte, oder einfach auch nur wirre Gedankenfetzen mit Steinen und anderen Dingen gekratzt. Die Leute schliefen auf dreckigen Decken, oder dem blanken Boden. Irgendetwas in der Elektronik war defekt, denn wenn der Zug fuhr rief eine freundliche Bandstimme im Stundentakt: „Danke, dass Sie sich für ein Gefährt der Ultimexx Corporation entschieden haben. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Reise. Sollten sie Wünsche oder Fragen haben, so können Sie sich jederzeit an den Zugführer wenden. Einen schönen Tag noch!“ Leider konnte niemand die Sprechanlage reparieren.
Wir fuhren jeden Tag die besagten vier Stunden und standen die restliche Zeit still. Je nachdem wo wir uns befanden, stiegen neue Leute ein und andere aus. Im Zug befanden sich hauptsächlich eher junge Leute. Der König war mit 52 Jahren die älteste Person an Bord, der Altersdurchschnitt lag etwa bei 25-30. Anfangs war es schwierig mit einem von ihnen ins Gespräch zu kommen, zumal viele unter dem Einfluss einer, oder mehrerer synthetischer Drogen standen. Nach einigen Tagen begannen jedoch manche von ihnen Vertrauen zu fassen und sich mir zu öffnen, ihr Schicksal mit mir zu teilen. Es waren immer ähnliche Geschichten, die ich zu hören bekam. Menschen, die dem enormen Druck unserer modernen Gesellschaft nicht standhalten konnten. Menschen, denen ihre Individualität genommen wurde, die sich überflüssig fühlten. Menschen, die in all dem Gehetze gestolpert waren und sich nicht mehr aufrichten konnten. Wir halten es mittlerweile für normal, dass wir alle blind nach vorne stürmen, während hinter uns alles zusammenbricht…..verzeihen sie mir meine Emotionalität, doch ich bin der Meinung dass wir, wenn wir uns mit diesem Thema gründlich auseinandersetzen wollen, auch menschliche Werte und Gefühle in diese Diskussion miteinbeziehen müssen. Jedenfalls gab es viele Menschen in diesen Zügen, für die bereits schon viele Jahre zuvor der Himmel stets nur ein englisches Grau angenommen hatte und die es nicht geschafft hatten sich in unsere moderne Konsum- und Technikgesellschaft einzugliedern. In den Zügen fanden sie Menschen denen es ähnlich ging, die sie verstanden. Der gestiegene Erfolgsdruck, welcher immer mehr durch die Medien angefeuert wird, lässt die Menschen an sich zweifeln, falls sie nicht irgendeinem gesellschaftlichen Ideal entsprechen. Wir nehmen dies mittlerweile als eine Normalität wahr, doch ist sie dies keinesfalls.

Zurück zu den Rich-trains. Es war eine schleichende Verderbnis, welche die Menschen im Zuginneren zerrüttete. Ein gewollter Verfall, eine langsames Entrinnen. Für viele war der Tod eine Erlösung. Die Regierungen weisen seit Jahren jegliche Verantwortung von sich und schieben die Schuld für diese neue gesellschaftliche Randgruppe der Ultimexx Corporation zu, welche ihrerseits die Käufer für die derzeitigen Zustände verantwortlich macht. Die Verfahren ziehen sich mittlerweile nun schon fast fünf Jahre hin und es ist kein Ende in Sicht. Mittlerweile ist es eine gängige Praxis, dass die Besitzer solcher Fahrzeuge jegliche Besitzformulare vernichten und sämtliche persönliche Daten in den Bordcomputern von Spezialisten löschen lassen. Zudem werden die meisten Züge auch so umprogrammiert, dass sie keine Haltestation mehrfach nutzen. Dies geschieht, damit etwaige Ermittler keine Chance haben die ursprünglichen Besitzer anhand eines Fahrmusters  zurückverfolgen zu können. So kommt es, dass heutzutage zigtausende völlig anonyme Geisterzüge die Gleise unseres Kontinents befahren. Würden die Züge nicht irgendwann verschleißen, was bereits jetzt schon immer wieder zu schweren Unfällen mit vielen Toten führt; sofern sie plötzlich auf einer viel befahrenen Strecke aufgrund eines technischen Defektes ausfallen, so würde man sie wohl bis in alle Ewigkeit fahren lassen. Mir wurde berichtet, dass erst vergangene Woche in Lissabon ein Rich-train entdeckt wurde, der ursprünglich aus Schweden stammte. Wie Sie sehen können hat sich hieraus bereits ein kontinentales Problem entwickelt. Außerdem hat sich mit den Bewohnern dieser Züge eine völlig neue Randgruppe innerhalb aller Staaten gebildet, welche jedoch immer dieselben charakteristischen Merkmale aufweist. Extreme Armut, Perspektivlosigkeit, sowie Identitätsverlust.

Das Hin- und Hergefahre und die stille Duldung der Rich-trains von Seiten der Politik ist exemplarisch für den Umgang mit sozialen Problemen in unseren vollkommen wirtschaftlich orientierten Gesellschaften. Ein akzeptiertes Elend. Seit es Großkonzernen gestattet wurde legitimierte Vertreter in den Parlamenten zu unterhalten, nehmen solche Phänomene immer drastischere Ausmaße an. Die Rich-trains sind nur eine von vielen negativen Entwicklungen unserer durchtechnisierten Gesellschaft. Ich erinnere Sie an die massiven, gewalttätigen Ausschreitungen in Deutschland im Jahre 2042, als Millionen von Menschen auf die Straße gingen, weil ihre Stellen aufgrund der zunehmenden Robotisierung gestrichen wurden und bis dahin keinerlei Alternativen, keinerlei Auffangsysteme geschaffen worden waren. Die Folge dessen war eine verheerende Massenarbeitslosigkeit, welche die Existenz von weiten Teilen der Bevölkerung bedrohte. Die Bürger gingen auf die Straße und die anfänglich noch friedlichen Proteste verwandelten sich rasch in gewalttätige Ausschreitungen, als bekannt wurde, dass Deutschland´s Regierung in absehbarer Zeit keine Lösungen und Verbesserungen vorweisen konnte. Schließlich entlud sich die Wut der Bürger in einem einjährigen Bürgerkrieg. Deutschland hat sich bis heute noch nicht gänzlich von den Folgen dieser Krise erholt. Viele Hunderttausende sind immer noch von extremer Armut betroffen, was in diesem Zeitalter, einem Zeitalter der Technik, der Wissenschaft, des Fortschritts ein Skandal ist! Ich möchte, bevor ich zu dem letzten Teil meiner Rede kommen, noch einmal explizit betonen, dass es mir nicht um die Verschrottung der Rich-trains geht, sondern um die Auseinandersetzung mit den Ursachen dieses Phänomens.

Ich plädiere daher für ein Innehalten, für einen Schritt zurück, um unser Wohl und vor allem dem Wohl unserer Jugend, für die es immer schwieriger wird sich in dieser komplizierten Welt zurechtzufinden. Wir brauchen eine Gesamtpolitik, die am menschlichen Wohl und nicht an den Interessen großer Konzerne orientiert ist. Es ist dringend notwendig, wieder mehr finanzielle Mittel für soziale Projekte zur Verfügung zu stellen und auch Präventivarbeit zu leisten. Es reicht nicht begangene Fehler zu beheben, wir müssen in die Zukunft schauen und uns fragen, was wir für eine Zivilisation sein wollen und darauf hinarbeiten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!