Windkind

Ich habe dir geschrieben,
dass es schwer ist, dich zu lieben,
du Windkind bist mal hier und mal da,
streifst stetig umher und suchst,
was du nicht finden kannst.

Dein Glück liegt in der Ferne,
sie ruft dich, ja du brauchst sie zum Atmen,
sie ist dein Fluch zugleich,
du verlierst dich, suchst dein Zuhause,
doch findest es nicht.

Wo hat es dich hingetragen,
in welchem Land streifst du umher,
du Windkind bist mal hier und mal da,
tanzt dich durch die Welt,
und ich komm mir so öde vor.

Du bist der Wind,
ich bin ein Baum,
der eine weht, der andere steht,
der eine bleibt, der andere geht,
und festhalten kann ich dich nicht,
will ich dich nicht,
denn sonst reißt du mich um.

Sei also frei du Windkind,
du meine Liebe in der Ferne,
lass dich treiben vom Leben,
auch wenn es mich schmerzt,
dir nicht nahe zu sein.

Doch irgendwann vielleicht,
wenn du zur Ruhe kommst,
kehrst du zu mir zurück,
und findest Halt und Herz,
und bleibst bei mir, für immer.

 

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Gegenwind

Ein verliebter Herr lief eines Tages durch ein kleines Waldstück. Der Wind schüttelte das Herbstlaub von den Ästen, als die in einen grünen, karierten Mantel gehüllte Gestalt in flottem Schritt und mit gesenktem Haupt einen ausgedehnten Spaziergang machte, wobei sie gänzlich blind für Schönheit des Herbstes war. Etwas huschte durch das feuchte Unterholz, aus dem allerlei weiße, eng beieinanderstehende Pilze erwuchsen. Ein Vogel? Eine Maus? Etwas Größeres? Keinen Platz für solche Fragen ließ der durchwirbelte Geist des Mannes zu, der eine mattgraue Stoffmütze trug und einen mohnroten Schal, welcher vom strengen Gegenwind ergriffen, wie eine Mastfahne flatterte. Wie der Wind sich ihm in das Gesicht warf, so warfen sich Zweifel gegen den Entschluss, welchen er zu fassen hatte. Ach, wie einfach doch die Welt mal gewesen war. Damals, als noch nicht der Kies und die Blätter unter seinen Schuhsohlen knirschten, als noch nicht solche Kopfentleerungsspaziergänge notwendig waren. Damals, bevor im Urlaub auf dem Wochenmarkt eines französischen Fischerdorfes sein Herz den Entschluss gefasst hatte, sich einer reizenden, schwarzhaarigen Buchhalterin hinzugeben, die gerade ihren samstäglichen Einkauf erledigte. Sie stand an dem Verkaufswagen des örtlichen Bäckers, der mit all seinen Kunden ein kurzes Gespräch über allerlei Nichtigkeiten führte, bevor er ihnen die gewünschten Brotleibe stolz wie einen Goldbarren übergab. Sie hatte noch Tomaten und Zucchini bei einem Gemüsehändler gekauft und war dann verschwunden. Zwei Tage später sah er sie in einem Café sitzen, Zeitung lesend und fasste genug Mut sie anzusprechen. Erst war sie ziemlich kühl und ließ ihn abblitzen, aber er blieb hartnäckig, was ihr anscheinend gefiel. Er trank Pastis, sie blieb bei Kaffee mit geschäumter Milch ohne Zucker und sie redeten den Morgen hinfort, bis es Zeit für ein Abendessen war, welches sie gemeinsam einnahmen.

So hatten sie sich kennengelernt und gemeinsam eine schöne Woche verlebt. Und nun? Nun lief er durch den deutschen Herbst und war so bunt in seinen Gedanken, wie die Bäume um ihn herum.
„Du fährst noch heute dorthin zurück!“, befahl eine romantische Stimme.
„Lass die Zeit das erledigen. Noch ein paar Wochen und du hast sie wieder vergessen“, mahnte die Vernunft und schüttelte den Kopf.
„Was gibt es zum Abendessen?“, fragte eine ungeduldige Stimme aus der Bauchgegend dazwischen.
„Still jetzt!“, rief der durcheinandergeratene Herr. Über seinen Kopf flog ein Eichelhäher und warnte mit seinem lauten Krächzen alle anderen Tiere  des Waldes vor dem spazierenden Eindringling. Von dem Warnruf in Bewegung versetzt, kletterte ein junges Eichhörnchen schnell den Stamm einer Tanne empor und ließ einen angefressenen Zapfen zurück.
„Fünf Stunden Autofahrt bis zu ihr. Du könntest sie heute noch wiedersehen“, stellte die romantische Stimme fest.
„Lass mich in Ruhe“, flüsterte er.
„Hör nicht auf den Träumer. Sie ist vergeben. Du warst nur ein Ausrutscher, ein leckeres Nebengericht für sie. Sieh es doch endlich ein!“, hielt die Vernunft kühl dagegen.
So wogte es hin und her in ihm, auf und ab, wie ein Schiff in unruhiger See. Er schwitzte ein bisschen, einerseits wegen des in ihm heiß gefochtenen Streites zwischen seinem Herz und seinem Geist, andererseits weil der moosgrüne Mantel sich dann doch eine Kleidungsschicht zu viel erwies. Ein Südwestwind hatte die Wolken weggefegt und das Thermometerblau auf fast 20 Grad klettern lassen. Die Tiere nahmen diese Wärme dankend an. Überall bereiteten sie sich auf den Winter vor, fraßen was ihre Mägen erlaubten, vergruben Vorräte, vergemütlichten ihre Schlafstätten um ein paar Grashalme und Moosfetzen mehr. Während der Herr immer noch mit gesenktem Kopf grübelte, wurde der Weg allmählich schmaler und fiel ab. Zu beiden Seiten wucherte hüfthohes Gesträuch, das wie das Laub im Begriff war, sein Frühlings- und Sommerkleid zu verlieren. Nur ein Wachholderstrauch stellte trotzig protzig seine grünen Nadeln zur Schau. Die Wurzeln einiger großer, alter Kiefern ragten trügerisch aus dem Erdreich heraus, weswegen es an diesem Wegstück wohl ratsam gewesen wäre, wenn der Herr seinen Schritten mehr Beachtung geschenkt hätte. Dies tat er allerdings nicht. Und so kam es, dass er mit dem rechten Fuß an einer Wurzel hängen blieb und stolperte. Dies wäre weiter nicht schlimm gewesen, wenn der Weg nicht abschüssig gewesen und ihm zudem in diesem Moment keine Frau mit ihrem Hund entgegengekommen wäre. So strauchelte er, nahm Fahrt auf und prallte mit voller Wucht in die beiden. Der blondbraun gestromte Mischling jaulte, zwei Schreie klangen durch den Wald, dann war es kurz still. Eine neugierige Kohlmeise flog auf einen nahegelegenen Ast und beobachtete die Szene aus sicherer Distanz. Die drei Unglücklichen waren in das Strauchwerk neben dem Weg gerauscht, was ihren Sturz geringfügig abgefedert hatte. Dafür war ihr linker Arm im garstigen Klammergriff einiger Brombeerranken gefangen und sein Steißbein hatte Bekanntschaft mit einem spitzen Stein gemacht. Unter großem Ächzen und Stöhnen kamen sie wieder auf die Beine. Er war im Begriff eine Entschuldigung auszusprechen, als sich ihre Augen trafen. In ihm rief die romantische Stimme sofort:
„Vergiss Frankreich! Hier spielt die Musik!“
Die Vernunft entschied sich fürs Erste zu schweigen und abzuwarten. Sein Magen vergaß jeden Hunger und begann eifrig Glühwürmchen und Schmetterlinge im Übermaß zu produzieren. Der Herr entschuldigte sich für seine Tollpatschigkeit und half ihr auf, woraufhin sie nur lachte und ihm ein warmes Lächeln schenkte. Die Blätter an den Bäumen flatterten im Wind, sein Schal tat es ihnen gleich und sein Herz, ja sein Herz ebenso.

Herbstlied

Grüß dich Herbst du stiller Schleicher,
malst an die Blätter Stück für Stück,
in all den schönen, bunten Farben,
denn bloßes Grün dich nicht verzückt,
tischst auf so viele leckre Gaben,
an denen wir uns prächtig laben,
an denen wir uns sehr erfreuen,
und dir dein graues, dumpfes Wetter,
mit vollem Bauche dann verzeihen.

Grüß dich Herbst du Vogelscheucher,
treibst sie gen Süden hin zur Wärme,
dort wo sie noch ihr Futter finden,
auf kühlen Böen in die Ferne,
die großen Schwärme bald entschwinden,
wie sehr sich doch die Blätter winden,
wie sehr sie zittern am Geäst,
seht ihr Fallen, seht ihr Tanzen,
der Winter sie bald schlafen lässt.

Grüß dich Herbst, du Schlummerbringer,
der Tier und Mensch zur Ruhe bringt,
vorbei die turbulenten Zeiten,
der Igel schon ins Laube dringt,
die sanften Farben dich begleiten,
und tolle Drachen Winde reiten,
stolz in den Himmel sich erheben,
gar wilde Schwünge dort vollführen,
vor Freude Kinderherzen beben.

Ja, deine Schönheit ist speziell,
nicht jeder liebt dein Kommen,
auch mir gefällst du nur partiell,
denn sitz ich hier und schau beklommen,
zum Fenster raus, du wütest wild,
du tobst dich aus mit Wind und Regen,
du trommelst, pfeifst, und singst vergnügt,
du minderst Lust sich zu bewegen.

Doch in den Keller steig ich nun,
dort wartet ein Geschenk von dir,
das durfte lange Jahre ruhn,
ein blutig rotes Souvenir,
ein guter Wein, den ich nun öffne,
der mir die Kehle runterfließt,
der meine Stimmung nun belebt,
so Freude mir im Herzen sprießt.

Ja lieber Herbst, so grüß ich dich,
so heiß ich dich willkommen,
bleib ein wenig, lass dich feiern,
für deine Schönheit, deine Wonnen!