Wen der Liebe Dornen stechen

Gegen neun Uhr morgens fasst eine sehr introvertierte Frau im Pyjama, von nicht unnennenswerter Schläue, den Entschluss, an diesem Tag ein Wagnis einzugehen. Kein Wagnis, wie etwa das Balancieren auf einem Hochseil, oder das Retten einer Person aus einem brennenden Gebäude, sondern ein Wagnis, das Gefühle einschließt. Durch einen Zufall, man mag es auch Schicksal nennen, traf sie ihren zukünftigen Ehemann, der in einer kleinen Bibliothek arbeitet, in der er ihr beim Stöbern in verblühten Büchern, welche intensiv nach Mottenkugeln dufteten, aufgefallen war. Dieser weiß allerdings noch nicht von seinem plötzlichen Ehemanndasein, wie auch, hat er seine Frau doch noch nicht einmal gesehen. Dennoch verbindet die beiden ein unzertrennbares, geheimes Band, über welches sich die Frau im Pyjama im Klaren ist. Ihre zukünftige Ehe, die drei Kinder, das kleine weiße Haus aus Naturstein am marinblauen, nach Lavendel duftenden See im Schein der griechischen Abendsonne, lassen sie bereits in Erinnerungen schwelgen. Doch das leider unvermeidliche Ende, dass durch seinen Seitensprung mit einer Jüngeren eingeleitet wird lässt sie wie in Marmor gemeißelt erstarren und verwandelt alle Träume in einen schwelendes Aschehäufchen, das vom Wind verweht wird.

Mit festem Schritt und Entschlossenheit in ihren Augen bewaffnet, verlässt sie nach der morgendlichen Routine ihre Wohnung und geht ohne weitere Umschweife in die Bibliothek. Wie ein Herbststurm braust sie heran und stellt den Ehemann zur Rede. Dieser leugnet, wie sie es schon erwartet hatte, natürlich jegliche Beteiligung an einer Affäre und weiß gar nicht wie ihm geschieht. Enttäuscht von dieser Unehrlichkeit und Feigheit ihrer anderen Hälfte, kann sie nicht an sich halten und gibt ihm eine Ohrfeige. Dann erklärt sie die Ehe für beendet, bittet ihn die Scheidungspapiere, sowie die Sorgerechtserklärungen möglichst bald zu unterzeichnen und verlässt anschließend mit gesenktem Haupt das Gebäude. Verdutzt und übermächtigt von der Intensität der letzten Minuten, setzt sich der Herr, ein gutmütiger Mensch der ruhigeren Sorte, in einen muffigen, faltig gewordenen Ledersessel, um erst einmal seine Gedanken zu ordnen. War er einst verheiratet gewesen und hatte dies vielleicht, aufgrund eines tief traumatischen Erlebnisses verdrängt? Hatte ihn seine Vergangenheit eingeholt? Er fand keine Antworten auf diese Fragen und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die Papiere zu unterzeichnen und der Dame, der er wohl übel mitgespielt hatte, alles Gute zu wünschen.

 

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