Die Ritterinnen und Ritter der Tafelrunde

Ritterinnen und Ritter der Tafelrunde, ja das sind wir! Ich, Mila die Verwegene, Bezwinger von Gramus dem gnadenlos Garstigen, Mardok dem monströsen Meuchelmörder, Zähmerin von Mistralia, der Königin der Sturmpferde, werde euch von unserer tapferen Heldentruppe erzählen. Ich kann von mir sagen, dass ich schon wahrhaft fantastische und gefährliche Abenteuer überstanden habe, doch finden sich noch tapfere Kämpfer und Kämpferinnen in unseren Reihen. Ulf der Ulfige von Ulfstein zum Beispiel. Wenn er nicht gerade Trollen den Kopf einschlägt oder aus dem Fell von feuerspuckendenTeufelshunden sich einen Mantel schneidert, dann kann man ihn in der Innenstadt antreffen. Papa hat gesagt, dass Ulf sich dort jeden Tag mit den Leuten herumschlagen muss. Jeden Tag kämpfen, das wäre selbst für mich zu viel. Mama hat jedoch gesagt, dass er gar nicht kämpft, sondern am Betteln ist. Aber das glaube ich ihr nicht. Ulf ist ein Krieger. Krieger betteln nicht! Krieger nehmen sich was sie wollen…sofern sie dafür nicht ins Gefängnis müssen. Dann gibt es da die Frau Reinhardt mit ihren zwei kleinen Kindern. Eine noble Dame, die nicht zu jedem unserer Treffen erscheint. Manchmal scheint es, als ob sie auf uns niederblickt. Warum weiß ich nicht, denn hier, in dieser Tafelrunde, sind wir alle gleich. Wer hier mit uns speist, ist Teil einer Gemeinschaft, auch wenn er oder sie dies nicht wahrhaben will. Wir dulden daher Frau Reinhardt, jedoch muss sie sich noch beweisen, sich ihre Anerkennung verdienen. Das Bezwingen eines zweiköpfigen Pestilenzius wäre ein Anfang…
Das Rückgrat unserer Gemeinschaft bildet die Ewige Elli. Sie heißt eigentlich gar nicht Elli, sondern Eleonore, aber sie besteht darauf, dass wir sie Elli nennen. Elli ist unsere große Weise, die Hüterin der Geheimnisse, die graue Königin, welche ihre Gegner einst mit mächtigen Zaubersprüchen in die Knie zwang. An sie können sich all jene wenden, welche einen guten Rat brauchen oder einer spannenden Geschichte lauschen wollen. Sie hat in ihrer Jugend Drachen erlegt, schreckliche Schlachten überlebt und war für kurze Zeit sogar die Königin eines Landes fern im Norden, doch machte ihr dies keinen Spaß, weswegen sie von der Burg ihres königlichen Gatten floh. Doch jetzt ist sie alt geworden und verlässt ihr Haus nur noch selten, meistens nur wegen unserer Tafelrunde. Sie isst am liebsten Nudelsuppe mit viel Hühnerfleisch.
„Das macht stark wie zehn Bären“, hat sie zu mir mal gesagt. Seither ist es auch mein Lieblingsgericht.

Lars der Löwe saß heute auch mal wieder an unserem großen Tisch. Er arbeitet sonst tagsüber immer in einer Plastikfabrik. Nachts wird er jedoch zum Helden und bekämpft Bettmonster, Flederdrachen und anderes übles Getier, das die Menschen im Schlaf plagt. Lars liebt Buttertoast mit Ei. Er behauptet, dass er dazu ein ganzes Fass Bier trinken könnte, aber Alkohol ist in unserer Tafelrunde verboten. Es gab zu viel Streit mit Betrunkenen in der Vergangenheit. Fast alle halten sich daran. Diejenigen, die es nicht tun, werden hart bestraft von unserem Heldengericht, das von Richterin Ulrike, einer Nonne, geleitet wird, welche auch die Speisen verteilt. Ja, keine Gnade den Missetätern! Die neuesten Helden, welche es zu uns verschlagen hat, sind Novak der Neunfingrige und sein Sohn Janusz, der sich noch keinen Titel verdient hat. Die Mutter von Janusz lebt leider nicht mehr. Janusz hat gesagt, dass sie von einem fiesen Monster verschlungen wurde, während sie es zu Fall bringen wollte. Manchmal ist Janusz deswegen traurig und weint. Er will nicht, dass irgendjemand das mitbekommt, aber man sieht es immer gleich an seinen roten Augen. Wenn Elli das sieht, dann geht sie immer zu ihm und redet ein bisschen mit ihm. Danach fühlt er sich meistens besser. Ritter und Ritterinnen allen Alters müssen eben zusammenhalten im immerwährenden Kampf gegen das Böse!

Ich hätte fast Herr Niedermeier, oder wie wir ihn nennen: Patrick der Phantastische, vergessen. Er ist unser Barde und ein superfröhlicher Mann, der immer ein Liedchen vor sich hersummt. Mit seiner Gitarre bringt er Stimmung in unsere Runde und für kurze Zeit alle zum Strahlen. Ansonsten spielt er neben der Pferdestatue auf dem Schillerplatz und hat einen schwarzen Filzhut vor sich liegen, in den die Leute Geld reinwerfen, wenn ihnen seine Lieder gefallen. Meistens ist er ein wenig angetrunken oder „auf etwas anderem“, wie Mama es sagt. Patrick hat anscheinend die Tochter eines reichen Händlers durch sein Gitarrenspiel so betört, dass sie ihn heiraten wollte, aber ihr Vater, ein unfassbar mächtiger und böser Mann, hat das nicht zugelassen und Patrick fortgejagt. Jetzt spielt er für uns und wir mögen ihn alle sehr.

Heute gab es Linsensuppe mit kleinen Würstchen und etwas Brot. Ich mag Linsen nicht so sehr, aber die Würstchen waren ultralecker. Lars der Löwe hat von seiner Kindheit erzählt. Früher war er kein Ritter gewesen, sondern hat mit seinen Eltern in einem kleinen Haus am Wald gelebt. In der Nähe gab es anscheinend einen Fluss, in dem meterlange Aale umherschwammen und in dem er trotz dieser Gefahr geangelt hat. Ich weiß nicht wie Aale aussehen, aber laut Patrick sind es furchterregende, schleimige Schlangen, die Gift spucken und unvorsichtige Abenteurer im Bruchteil einer Sekunde in das Wasser zerren können, um sie dort aufzufressen. Grässlich! Lars Eltern sind leider bei einem Verkehrsunfall gestorben, als er neun war. Ab da wurde die Geschichte traurig und die anderen Leute haben ihm nicht mehr zugehört. Papa ist dann zu ihm rübergegangen und hat ihm die Hand auf die Schulter gelegt. Daraufhin hat Lars aufgehört zu erzählen und kein Wort mehr gesprochen. Zum Nachtisch gab es Obstsalat mit Sahne. Er war sehr, sehr lecker! Bevor sich unserer Runde aufgelöst hat, hat Patrick der Phantastische noch ein paar Lieder gespielt und wir haben zusammen gesungen und gelacht.

Mama, Papa und ich sind schon lange Mitglieder der Tafelrunde. Manchmal ist das schön, manchmal nicht. Aber echte Helden geben nicht auf! Echte Helden lassen die Zukunft auf sich zukommen und machen das Beste daraus! Mila die Verwegene lässt sich niemals unterkriegen!

Sommer im Herzen

Der Sommer tanzt fröhlich umher, auf kurzen Röcken, braunen Schultern, lachenden Gesichtern, macht es sich auf abgemähten Wiesen gemütlich, bis diese glühen und ächzen wie die Städte. Er taucht durch die Seen hindurch, lässt sie wie blaugrüne Juwelen schimmern und erwärmt ihre oberen Sphären, damit sie die Menschen zum Baden einladen können. Er grübelt auf dem kraftstrotzenden Laub, wo er gespannt einer Amsel zuhört, welche ihre Liebeslieder über das Land erklingen lässt, eine Antwort erhofft. Ganz langsam hat er den Frühling abgelöst, diesen Sprungfreudigen, welcher stets unnachgiebig die Fröste des Winters; die einem fast das Blut in den Adern stocken lassen, verdrängt. Nun, an diesem herrlichen Tag, genießt der Sommer seine zerbrechliche Vorherrschaft, indem er die Wolken vertreibt und den Himmel sein blaues Prachtkleid präsentieren lässt. In vollstem Übermut dringt er schließlich auch in mein Herz, in meinen Geist, in meinen Bleistift ein und lässt mich diese Worte schreiben.

Der Stift, Fortsetzungen

„Schreib endlich etwas!“, befahl der ideenarme Schriftsteller dem Stift.
„Etwas“, schrieb der Stift.
Der Schriftsteller hämmerte seinen Kopf auf die Tischplatte.

——

„Schreib endlich etwas!“, befahl der ideenarme Schriftsteller dem Stift.
„Wieso?“, schrieb der Stift.
„Weil…weil…“, stotterte sein Besitzer, warf den Stift weg, griff das Blatt, zerriss es und verließ den Raum.

——

„Schreib endlich etwas!“, befahl der nachdenkliche Schriftsteller dem Stift.
„Deine Frau ist dir untreu“, schrieb der Stift.
Der Schriftsteller wurde aschfahl, nickte, legte den Stift weg, stand auf und verließ das Haus.

——

„Schreib endlich etwas!“, befahl der alte Schriftsteller dem Stift.
„Ich bin des Schreibens müde“, schrieb der Stift.
Sein Besitzer schnaufte. Er legte den Stift aus der Hand, sah aus dem Fenster und schaute dem Frühling bei seiner Arbeit zu.

——

„Schreib endlich etwas!“, befahl der stolze Schriftsteller dem Stift.
„Schreib doch selbst!“, schrieb der Stift trotzig.
Sein Besitzer zerbrach den Stift und nahm eines seiner vergangenen Erfolgswerke in die Hände, nur um es gleich wieder wegzulegen.

——

„Schreib endlich etwas!“, befahl der romantische Schriftsteller dem Stift.
„Ich liebe dich“, schrieb der Stift und sein Besitzer wurde daraufhin kirschrot im Gesicht.
„Ich dich auch“, hauchte er zurück und verlor sich in seinen Gedanken.

——

„Schreib endlich etwas!“, befahl der einsame Schriftsteller.
„Hinter dir steht jemand. Er macht mir Angst.“, schrieb der Stift.
Sein Besitzer riss den Kopf herum, doch das Zimmer war leer.

 

 

Die Schatztruhe

Mein Herz ist eine Schatztruhe,
ich gab dir den Schlüssel dafür,
du hast ihn im Schloss abgebrochen,
und mir nichts gesagt.

Mein Herz ist eine Schatztruhe,
das Schloss geht nicht auf,
für andere versperrt,
weine ich in meinem Zimmer.

Mein Herz ist eine Schatztruhe,
wann kommt ein Schlüsseldienst,
wer ist bloß dazu fähig,
ich selbst bin es nicht.

Mein Herz ist eine Schatztruhe,
ein neues Schloss, einer neuer Schlüssel…

Wem schenke ich ihn,
wer bricht ihn nicht?

Der Stift

„Schreib endlich etwas!“, befahl der ideenarme Schriftsteller dem Stift, den er erwartungsvoll in seiner rechten Hand hielt. „Nein!“, schrieb der Stift zur Antwort, woraufhin sein Besitzer verzweifelt seufzte.

Brandgelb

Vorwort: Hierbei handelt es sich um eine Kürzestgeschichte, welche ich zu Ehren dieser Schreibeinladung verfasst habe:
https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/06/11/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-24-17-wortspende-von-wortgeflumselkritzelkram

Brandgelb

Neben dem Bahngleis, da sah ich sie stehen. Sommerblüten, träumend im Wind, brandgelb und so zart. Hans und ich, von Faszination ergriffen, gingen hin um sie uns näher anzuschauen. Am Tag zuvor hatte es geregnet und auf den Blüten waren noch zarte Wassertropfen. Es sah aus, als ob die Blüten weinen würden. Brandgelbe Blüten.
Sie standen auf einem kleinen Hügel, der an manchen Stellen komisch eingedellt war. Erst beim näheren Betrachten stellten wir fest, dass es sich dabei um einen Bunker handelte.
Die Knochen…
Wie bittersüß dieser Sommer doch war. Die Jugendliebe, der Bunker, die Glühwürmchennächte am Baggersee, die Trennung. Das Leben war fast wieder unbeschwert, kein Fliegeralarm, keine Verdunkelung, wir zwei. Aber etwas stand uns im Weg. Etwas, das nicht weichen wollte.
Der Krieg.
Der Krieg hatte Hans verändert, hart gemacht, launisch. Ich konnte es nicht ertragen. Bittersüß.

Ein schöner Tag

Er ist glücksbetrunken und schrecklich aufgeregt, denn gleich geht es los. Gleich! Er schaut sich ein letztes Mal an, wählt dann doch das blauweiß karierte Hemd mit den schönen Silberknöpfen; ärmellos selbstverständlich, sie soll doch seine muskulösen Oberarme und die zwei neuen Tattoos sehen. Dazu trägt er eine formbetonte, graphitfarbene Jeans, gehalten von einem braunen Ledergürtel. Jetzt ist er bereit, ab ins Abenteuer. Es geht los.

Die Tür schwingt vor ihm auf und da steht sie, in all ihrer glänzenden Schönheit und Würde. Welch ein Anblick, wahrhaft marmorwürdig. „Hey, na du! Endlich bist du wieder da Schatz!“, begrüßt sie ihn fröhlich. Er verspürt ein wohliges Kribbeln. Ihm wird ganz warm. Ihre Wohnung ist wie immer in einem tadellosen Zustand, perfekt aufgeräumt und geputzt, dass es nur so blinkt und schimmert im milden Licht der Morgensonne. Alles ist an seinem Platz, genau so, wie es sein soll. Sie weiß, dass er es ordentlich mag. Hat er ihr geschrieben. Er, der Gewohnheitsmensch, schaut sich mit kindlicher Freude in ihrer Wohnung um, wobei sein Blick schließlich wieder an ihr haften bleibt. Sie lacht ihm herzlich zu und deutet ihm mit dem Finger an, ihr in die Küche zu folgen. Während er hinter ihr herläuft, stellt er fest, dass sie das knielange, weiße Kleid mit den kleinen, schwarzen Punkten angezogen hat. Sie trägt es nur für ihn, für besondere Anlässe. Es kribbelt ihn erneut. „Das Kleid steht dir super“, merkt er an und wird ganz verlegen dabei, fühlt sich aber insgesamt doch recht sicher, hier, in diesen vier Wänden, in diesem Outfit. Sie dreht sich zu ihm um, zieht die Mundwinkel zu einem Grinsen zusammen, spielt neckisch mit dem Kleid, sodass er einen kurzen Blick auf ihre kräftigen, definierten Schenkel werfen kann. Sportlich, sportlich. Sie trägt keine Strümpfe und hat sich allem Anschein nach frisch rasiert. In der Küche angelangt, sucht sie ein paar Dinge für ihr Frühstück zusammen, während sie ihn nach seiner Woche fragt. Er will nicht darüber reden. Alles wie immer. Der Boden glänzt vor Sauberkeit, kein Staubkorn kann er auf den teerschwarzen Küchenablagen entdecken. Die hüfthohe Palme neben dem Kühlschrank könnte jedoch ein bisschen Wasser vertragen. Er kann von hier aus in ihr Arbeitszimmer schauen. Er sieht ihren Arbeitsplatz, den PC, die Kamera, das ganze andere Equipment. Heute muss sie zum Glück nicht arbeiten, denkt er.

Sie schüttet Müsli in eine weiße Keramikschale und schneidet sich einen faustgroßen Apfel dazu, übergießt das Ganze mit Milch. Sie bietet ihm etwas an, doch er lehnt dankend ab. Am Kühlschrank hängt ein Bild von ihr mit jemand anderem, was ihn ein wenig stört, doch er sagt nichts, ist einfach nur froh, endlich wieder hier mit ihr alleine zu sein. Während sie isst betrachtet er die sanften Schwingungen ihrer Wangen, das rote Äderchen an ihrer rechten Schläfe, den Leberfleck unter ihrem Ohr, das feine Näschen, weiterhin wandert sein Blick nach unten, hin zu ihren kleinen Brüsten, deren Warzen leicht durch das Kleid scheinen und ihn erregen. Ihre Hüften und ihr Po, Rundungen kubanischen Kalibers, werfen ihm alle Gedanken durcheinander. Er würde sie so gerne jetzt küssen. Sie bemerkt seine begehrenden, ja tastenden Blicke, sagt allerdings nichts und isst einfach weiter. „Was möchtest du heute so machen?“, fragt sie ihn, doch sie weiß es bereits. Sie haben schon vorher darüber geredet. Er möchte erst einmal Ruhe und Zweisamkeit, später ein bisschen in der Stadt bummeln, den Park besuchen, von dem sie ihm schon so viel erzählt hat. Er würde sonst, ohne sie, niemals dort reinkommen. Zu teuer. Nachdem sie fertig gefrühstückt hat, gehen sie zusammen in ihren Garten, ihr kleines, buntes Refugium über den Dächern der Stadt. Sie macht die Schiebetür auf, welche zum Balkongarten führt. Ein angenehm frischer Wind drückt sich ihr entgegen. Vor ihm breitet sich ein Garten aus, der größer als seine gesamte Wohnung ist. Sie gibt sich hier wirklich Mühe. Beim letzten Mal, da waren die Blumen- und Gemüsebeete noch mit blechfarbenen Kunststoffplanen abgedeckt, zum Frost- und Schneeschutz, doch jetzt zeigt diese grüne Oase ihm, welches Potential in ihr steckt. Ein großer Lavendelbusch erfüllt alles mit einem wohlig milden Duft, der den Kopf in einen leichten Dämmerzustand versetzt. Zucchini, Tomaten, Weiß- und Rotkohl, alle möglichen Gemüsesorten finden sich in den ordentlich angelegten Beeten, welche von schmalen Gängen getrennt werden und von großen Blumensträuchern umkränzt, ja umarmt werden. Die Blüten eines Holunderbusches werden umschwärmt von Bienen, Käfern und Fliegen, Ringelblumen; aus denen sie auch selbst Salbe herstellt, zeigen voller Stolz ihre orangegelben Blüten, nicken leicht im Takt des Windes, während an den Ästen eines hüfthohen Zitronenbaumes erste, minzgrüne Früchte hängen. Das kräftige Grün einer Schlingpflanze spannt sich entlang eines Metallgerüstes über einen der Wege, der hin zu einer Holzbank führt, auf der sie sich nun niederlassen. Sie genießen die Ruhe. Die Stadt und der Alltag scheinen hier oben, hier in diesem himmelnahen Paradies, nur ein flüchtiges Traumbild zu sein. Hier oben kann man sich der Realität entleben, bis hin zur Zeitlosigkeit, dem Urleben, das nur vom Spiel des Mondes und der Sonne bestimmt wird. So sitzen die beiden auf der Bank und lassen es sich gutgehen. Wie sehr er doch ihre Präsenz genießt, ja wahrlich jede Sekunde ihres Beisammenseins seine Seele mit Freude auflädt. Er schaut über die Dächer der Stadt, in die Ferne. Am Horizont zeichnet sich eine grauschwarze Wolkenlinie ab. Hoffentlich schlägt das Wetter nicht um, während sie beide unterwegs sind. Sie schaut auf ihre Uhr

So sitzen sie dort, reden, schweigen zusammen. Irgendwann reicht es ihm und sie gehen wieder rein. Sie führt ihn in der Wohnung herum und zeigt ihm ein paar Dinge, welche sich seit seinem letzten Besuch verändert haben. Im Wohnzimmer steht mittlerweile ein großes Aquarium auf einer massiven, hölzernen Anrichte. Das Möbelstück ist fein gearbeitet und so glatt geschliffen, dass es im Sonnenlicht glänzt. Es handelt sich wohl um ein teures Holz, vielleicht Teak, da kennt er sich nicht so gut aus. Auch das Aquarium scheint nicht gerade billig gewesen zu sein. Aber sie hat es ja. Er blickt an sich herunter, schmunzelt. Das viereckige Aquarium, dieses kühlschrankgroße Glasgefängnis, ist noch nicht mit Wasser und Leben gefüllt, da sie dazu noch nicht die nötige Zeit fand. Nur ein paar schwere Dekosteine liegen bereits auf dem Aquariumboden sowie ein hohler Baumstamm, in welchem die Tierchen später Zuflucht suchen können. Um den ganzen Rest, Sauerstoffpumpe, Pflanzen, Futter, die Tiere selbst, will sie sich in zwei Wochen kümmern. Da nimmt sie sich dafür zwei Tage frei, gut so. Er darf zu Hause leider keine Tiere halten, strenge Vorschrift, Seuchenschutz oder irgendwie so etwas. Der Vermieter hat es ihm mal erklärt, doch er hat das alles wieder vergessen. Er hätte jedoch gerne einen Hund, vielleicht auch eine Katze, jedenfalls irgendein treues Tierchen, welches zu Hause auf ihn wartet, das ihn braucht, so wie er es braucht.

Der Mittag ist schleichend gekommen und sie kocht sich eine Kleinigkeit. Sie schnibbelt eifrig zwei Paprika und ein paar Tomaten klein, brät sie in Öl zusammen mit einer Knoblauchzehe scharf an und macht sich dazu ein bisschen Reis, dem sie mit Curry Farbe schenkt. Dazu zwei Esslöffel Joghurt, schaut gut aus. Sie unterhalten sich über ihre Lieblingsgerichte, ihre Kochgeheimtipps, welche sich ihnen beim Herumspielen mit Zutaten offenbart haben, aber sie erzählen sich auch ihre Missgeschicke, jene missglückten Experimente, jene Töpfe in denen die Schande selbst hauste und die man zur Bestrafung über das eigene Unvermögen oder aus Kostengründen dennoch leergegessen hat! Letzteres musste er einige Male tun, seitdem kocht er vorausschauender. Nachdem sie gegessen hat, setzen sie sich zusammen aufs Sofa und schauen eine Serie seiner Wahl an. Ihr gefällt sie nicht so sehr, zu viel Dialoge, zu wenig Action. Irgendein Typ mit übernatürlichen Fähigkeiten, der lieber darüber redet, als sie zu benutzen, daneben seine Freundin, die natürlich erst einmal nichts bemerkt und dann völlig baff ist, als er seine Superkräfte zum ersten Mal einsetzt. Gähn. Aber auch das übersteht sie. Das Kleid kratzt sie ein wenig am Rücken. Wenn er wieder fort ist, wird sie erst einmal das Etikett abschneiden oder vielleicht das Kleid sogar wegwerfen, mal sehn. Vom Essen und der Serie wird sie müde und gönnt sich ein kleines Nickerchen. Als sie aufwacht, blickt er sie verschmitzt an: „Guten Morgen! Na, ausgeschlafen?“ Der Fernseher ist aus. „Nicht ganz“, sagt sie mit leicht geröteten Augen und muss gähnen. Zeit für den Spaziergang. Sie rafft sich auf und zieht sich ein Paar bequeme Ausgehschuhe an. Sie steigen zusammen in ihren Privataufzug, diese kleine Röhre in einer Ecke des Flures. Es ist eng zu zweit, was ihm nicht gerade ungelegen kommt. Die Fahrt verläuft fast schweigend. In der Eingangshalle ist reger Betrieb, Diener tragen schweres Gepäck umher, bringen es in die Wohnungen der Besitzer. Eine goldene Uhr hängt über einem Springbrunnen, in dem Goldfische umherschwimmen. Zufrieden blickt sie auf die Zeiger. Er staunt über den Reichtum, die Dekadenz. Da wo er herkommt, werden die Goldfische eher geklaut und dann gegessen.

Als sie nach draußen treten, zeigt sich der Sommerhimmel über ihnen in sanftblauer Pracht, während die von zarten Flimmerwolken umspielte Sonne die Stadt allmählich in einen Backofen verwandelt. Sie schlendern umher und tauchen in den Menschenstrom ein, lassen sich bis zu ihrem Ziel treiben, das sich im Westen der Stadt befindet. Er stolziert breitbrüstig, gar herrscherisch an ihrer Seite, doch die Leute beachten ihn kaum, leider. Sie schaut auf ihre Uhr. Die Parkanlage, welche im Herzen der Stadt ein grünes Viereck bildet, wird umrahmt von einem hohen, schwer gesicherten Zaun, an dessen oberen Ende grässlich gezackter Stacheldraht in mistelhaften Büscheln allen Unbefugten den Zutritt verwehrt. Das Pärchen nähert sich einem von drei Portalen, über welche der Park betreten werden kann. Dort werden sie von zwei breitschultrigen Wachen gestoppt. Sie holt aus ihrer Tasche eine kleine, grüne Chipkarte heraus, welche sie den gelangweilt dreinblickenden Männern zum Scannen gibt. Piep-Tüt. Die Metalltore schwingen auf. Eine andere Welt empfängt die beiden sogleich. Majestätisches Baumwerk überspannt gebieterisch die straßenbreiten Kieselwege, welche sich in sanften Schwüngen durch die große Anlage ziehen. Mit kindlicher Verzückung beobachtet er, wie sich ihre Gesichtszüge erhellen. Der Lärm der Stadt wird hier ausgesperrt. Sie plaudern über die neuesten politischen Verwicklungen, doch das Gespräch verläuft sich bereits an der Wurzel, erscheint das Thema den beiden doch unerträglich unpassend, angesichts der Losgelöstheit, ja der Alltagsferne dieses Ortes. Sie lassen ihre Sinne schweifen, erkunden die seltenen Genüsse und Lockungen. Den Rindengeruch, das frisch gemähte Gras der Wiesen, die Blumen am Wegesrand, perlweiß mit einem Hauch Violett an den Blütenspitzen. Hier scheint die Sonne es den Menschen gleichzutun und sich auszuruhen, schleicht doch eine sanfte Kühle in dem künstlichen Naturstück umher. Die Wiesen, vorwiegend englisch getrimmt, glänzen im Sprinklerregen wie Millionen winziger Diamanten. Familien haben sich darauf ausgebreitet, picknicken, lachen. Eltern. Kinder. Sie führt ihn gemächlichen Schrittes zu einem gepflasterten Platz, oval in seiner Form, in dessen Mitte ein riesiger, dreietagiger Springbrunnen rauscht. Kleine Kinder, manche nackt, andere bekleidet, springen in dem Brunnen schreiend umher, halten ihre Köpfe unter die dicken Wasserstrahlen oder tauchen nach den Münzen, welche Abergläubische dort hineinschnippt haben. Er sieht eine verrostete Münze am algengrünen Brunnengrund liegen. Ein Wunsch geht ihm durch den Kopf, ein leichtes Zucken durchfährt sein Gesicht. Am Rand des Brunnens, auf langen, geschwungenen Sitzbänken, hocken die Eltern der wilden Meute. Allesamt gut, fast nobel gekleidet, von der Wichtigkeit ihres Daseins überzeugt. Manche versuchen vergeblich den Lebenstrieb ihres Nachwuchses zu zügeln, mit Drohungen ihre Autorität zu beweisen, was fast immer misslingt. Der Rausch des Spieles ergreift die Kinder in herrlichem Maße. Sie setzt sich auf den Rand des Brunnens und taucht einen Arm in das aufgescheuchte Wasser, schaut zu wie sich die Sonne in tausenden Scherben darin bricht. Er steht neben ihr, blickt auf sie herab, schweigt. Leicht sehnsüchtig, leicht beschämt betrachtet er den zarten Flaum ihrer Nackenhaare. Als er den Blick wendet, sieht er sein Spiegelbild im Wasser und zuckt kurz zurück. „Lass uns weitergehen“, sagt sie schließlich und führt ihn weiter, vorbei an allerlei Sehenswürdigkeiten. So streunen sie an einem großen Schachfeld vorbei, auf dem mannshohe Figuren stehen. Sie erklärt ihm, dass die Figuren dermaßen schwer sind, dass es stets zwei oder drei kräftige Gestalten für einen Spielzug braucht. Aus diesem Grund spielen die Leute in zwei Teams, meist zu je fünf Personen und manche Partien ziehen sich über Wochen dahin. Auch jetzt herrscht eine aufgeregte Spielstimmung, da das eine Team ganz unerwartet den Springer von F3 auf E5 gezogen, damit einen Bauern geschlagen, doch gleichzeitig den Springer auf G5 dem Bauern von H6 geopfert hat. Was steckte hinter diesem Zug? Was hat das andere Team vor? Während die Leute spielen, laufen gut dressierte Diener aufgescheucht umher und verteilen Erfrischungen. Zum Mittag- und Abendessen findet man sich an einem langen Holztisch zusammen, wo das Gespielte zusammen gelobt, kritisiert, ja manchmal auch verspottet oder beneidet wird. Gewinner spendieren den Verlierern eine Trostrunde und sich selbst einen Siegestrunk, sodass am Ende des Abends alle in derselben beschwipsten Weise im Schaukelgang den Park verlassen. Das Feld und die Stellung der Figuren werden vermerkt, bis am nächsten Morgen, nach angebrachtem Erholungsschlaf, die Partie fortgesetzt wird. Sie kratzt sich am  rechten Ohr, wirkt nervös. Er weiß nicht ganz, wie er darauf reagieren soll, beschließt zu schweigen. Schließlich redet sie weiter, eröffnet ihm, dass sie einmal nachts, um den Kopf erklaren zu lassen, durch dieses grüne Juwel spaziert ist und dabei ihre Gedanken in die Vergangenheit hatte schweifen lassen. So wie das Meer seine Geheimnisse ab und zu an den Strand wirft, so hatte ihr Geist einen Moment der Glückseligkeit aus ihrer Kindheit, der unbeschwertesten Zeit ihres Lebens, in ihr Bewusstsein gespült. Als sie wieder Klarheit erlangte, der Nebel geistiger Betriebsamkeit zerstob, stand sie inmitten der Schachfiguren, welche, vom wolkengedämpften Mond seitlich angeschienen, wie mächtige, unüberwindbare Wächter vor ihr emporragten. In Urangst verfallen, war sie weggerannt. Erst als sie in einen anderen Nachtspaziererenden hineingerumpelt war, kam sie wieder zu Sinnen. Wie sie dies erzählt, nehmen ihre Wangen eine sanfte Röte an. Sie fragt ihn, ob er auch schon etwas Ähnliches erlebt hat. Er muss leider verneinen. Er freut sich, dass sie ihm dieses Fragment aus ihrem Leben erzählt hat. Es kribbelt ihn. „Gehen wir weiter?“, fragt er. Sie nickt. Ihre Schminke ist ein bisschen verlaufen, doch er sagt nichts. Er fände sie auch ohne Schminke perfekt. Liebe?

Auf einer Wiese besehen sie die Ausstellung eines namenhaften Künstlers, zahlreiche aus unterschiedlichen Metallen gefertigte Figuren, welche farblich in einem grausam harten Kontrast zur Natur stehen und irgendeine Botschaft, Moral, Etwas, enthalten sollen, diesereins  auf abstraktem Wege an die Betrachter heranzutragen versuchen, dabei den meisten jedoch nur ein Stirnrunzeln oder ein verstohlenes Verziehen der Mundwinkel abringen. Manche tun auch einfach nur erstaunt, um nicht als Banausen aufzufallen. Irgendjemand könnte wohl ein Fahrrad zu einer der Konstruktionen dazustellen und die Leute würden einen Sinn hineininterpretieren. Er zählt sich selbst wohl eher zu den Banausen. Sie strahlt begeistert. „Einen Moment bitte“, hält sie ihn an. Er gehorcht. Vor ihnen präsentiert sich ein bronzefarben schimmerndes Metallkonstrukt. Es zeigt drei Figuren in gar wahnsinniger Verschlingung, so dass fast nicht erkennbar ist, welche Gliedmaßen zu welchem Körper gehören, ob es sich nun um einen Moment der vollendeten Lust oder unbarmherzigster Qual handelt. Himmlische Liebkosungen oder ewig währende Schmerzen. Sie fragt ihn, was er dabei empfindet, was er darin sieht. Ihm wird vor Schüchternheit ein wenig warm, sieht er doch eher einen lustvollen Akt in dem Kunstwerk, traut sich ihr dies jedoch nicht zu eröffnen. Deswegen antwortet er: „Kampf! Ich denke, dass die Leute miteinander kämpfen“. Sie ist für Lust, verteidigt ihren Standpunkt mit geradezu feurigem Eifer. Er lenkt ein, sie macht einen nett anzusehenden Freudenhüpfer. Die Luft um das wilde Metallknäuel flimmert in silbrigem Hitzedunst und das Gras ist ringsherum völlig verdorrt. Ein neugieriges Kind fasst eine silbern strahlende Statue an, welche anstatt Händen knorrige Äste zu haben scheint, die seitlich in den Boden ragen. Es verbrennt sich die Finger und rennt schreiend zu seinem Vater, der daraufhin beginnt, sich mit dem Künstler anzulegen. Der sitzt in einem Liegestuhl unter einer gut belaubten Buche und scheint sich nicht um das Gepoltere zu kümmern, verweist nur auf ein gelbes Schild, auf dem der notwendige Warnhinweis zu finden ist. Der Vater gibt nicht auf. Sie gehen weiter. Weiter, hin zu einer steinernen Aussichtsplattform, welche einen Rundblick über die gesamte Parkanlage eröffnet. Eine Treppe führt dort hinauf und am Fuße dieser Treppe stehen weitere Künstler und Künstlerinnen, welche ihre Dienste anbieten, Portraits von zeitreichen  Parkbesuchern anfertigen, vor den Augen von Kindern Tiere aus allerlei unterschiedlichen Materialien herstellen. Die Kleinen drängeln ihre Eltern, wollen die Tiere besitzen. Portemonnaie gezückt, also gut. Die meisten Kinder verlieren im Moment des Besitzens bereits wieder das Interesse. Die Aussicht ist nett. Schließlich ist es ihr genug mit der Schlenderei und sie lassen sich in einem Parkcafé nieder. An runden Holztischchen sitzt es sich bequem in gesäßanpassbaren Stühlen. Sie seufzt genüsslich, er freut sich ihrer Freude wegen. Sie bestellt sich einen großen Eisbecher, der gefüllt ist mit Mango-, Apfel-, Orangenstückchen und ein paar Kugeln Vanilleeis sowie etwas kaltem Kaffee. Verziert wurde das Kunstwerk mit Unmengen Sahne, Krokant, Schokoflöckchen und einer obladenförmigen, knusprigen Waffel. Er sitzt genügsam neben ihr und unterhält sie mit einem Gespräch über die beängstigenden Wohnbedingungen in den Innenbezirken seiner Heimatstadt.
Sahne, Eis, wie lange habe ich mir das nicht mehr gegönnt, denkt sie.
Mit leichtem Bedauern schaut er auf den pompösen Eisbecher, den sie genüsslich Löffel für Löffel seiner Pracht beraubt, bis schließlich das leere Glas den Nachhauseweg signalisiert. Irgendwo im Park schlägt eine Uhr sechsmal mit dumpfem Klang.

Ach, wie schön sie doch ist! Wie ein Engel wandelt sie an seiner Seite, bringt auch ihn zum Erstrahlen, erhellt das Grau zum Blütenweiß. Er saugt gierig ihre Herrlichkeit ein, kämpft innerlich jedoch bereits gegen eine aufkeimende Traurigkeit an. Sie verlassen den Park und auf dem Rückweg durch die Stadt ist sie bereits verdächtig still. Zu Hause angekommen, hören sie Musik und spielen ein neuartiges Brettspiel. Ein Strategiespiel, welches sie extra für ihn gekauft hat. Er muss nur ansagen, wohin die Figuren sich hinbewegen sollen und den Rest machen sie selbst, wie von Zauberhand. Sie gewinnt, hat mehr Glück, aber auch mehr Geduld als er, weswegen er in eine geschickt gestellte Falle von ihr tappt, die seiner Figurenstellung das Rückgrat bricht und ihn den Sieg kostet. Die nächste Partie endet in einem Unentschieden, was ihn nervt, da er während des Spieles stets die Überhand hatte, diese jedoch nicht zu seinem Vorteil ausgenutzt hat. Sie macht sich einen Kaffee. Er geht ans Fenster und schaut über den Garten hinweg zur Sonne, die müde erscheint, mondgleiches Licht durch eine dicke Wolkenfront sendet.

Plötzlich lässt ihn ein lautes, alles durchdringendes Piepen zusammenzucken. Niedergeschlagenheit beschwert augenblicklich seine Schultern. Er dreht sich um, schaut zu ihr.  Sie sieht ihn fröhlich an, jedoch erkennt er, dass ihr Gesicht nur eine dünne Maske ist, hinter der sich kein ehrliches Gefühl verbirgt. „Es war schön mit dir. Schade, dass die Zeit um ist. Bis zum nächsten Mal, ja?“, sagt sie noch, doch er ist schon weit, weit weg, antwortet ihr nicht mehr. Bereits während sein Avatar sich aufzulösen beginnt, eilt sie in ihr Bad, reißt sich das Kleid vom Leib und springt unter die Dusche. Nachdem sie sich gründlich gereinigt und erfrischt hat, schlüpft sie in einen bequemen, weinroten Schlafanzug, legt ihren Ehering an und geht ins Wohnzimmer. Dort hebt sie die Hologrammdrohne vom Boden auf und verstaut das schuhgroße Gerät in einem Abstellschrank, wo sie es bis zu ihrem nächsten Kunden lagern wird. Danach genießt sie ihren Kaffee, der schon leicht abgekühlt ist.

Ein Rauschen durchfährt ihn und er öffnet seine Augen. Enttäuscht reißt er sich die Maske vom Gesicht und klettert aus der Ganzkörperapparatur, bekämpft den starken Würgereiz; die Technik hat manchmal noch ihre Tücken, und verlässt das Etablissement mit schnellem Schritt. Es kribbelt ihn nicht mehr. Er schaut auf den Boden, vermeidet es dabei sein Spiegelbild in den Glasscheiben der Geschäfte zu sehen. Um ihn herum Menschen wie Geister. Sein echtes Leben erscheint ihm wieder wie ein schlimmer Traum, fürchterlich leer. Um ihn herum brummt der Verkehr in unendlichem Chaos, doch er hört und sieht nichts. Er denkt nur daran, wie viele Monate es wieder dauern wird, bis er genügend Geld aufbringen kann, um einen weiteren Tag mir ihr zu verbringen. Die Neonlichter über ihm scheinen hell, doch sein Gesicht liegt in tiefen Schatten.