Abendgedichte

Das schöne Wetter heute scheint den Dichter in mir wieder hinter der Heizung hervorgeholt zu haben. Wünsche Euch allen noch ein angenehmes Wochenende!

Reflektiert

Was habe ich gedichtet,
was habe ich geschichtet,
Zeile
über
Zeile
herausgepresst in allergrößter Eile,
nur um mir selbst genug zu werden.

Kurioses

Mit Schmackes reißt sie an der Leine,
und macht dem Köter schnelle Beine,
das arme Tier, es keucht gar schwer,
sein Blick mir sagt: „Ich will nicht mehr!
Nimm mich zu dir, du guter Mann,
mit Treue ich dir dienen kann.“

Das Frauchen flott und gut trainiert,
doch Fiffi nicht, er fast krepiert,
steckt schlapp die dürre Zunge raus,
macht plötzlich Halt, fliegt Leine aus,
der manikürten, zarten Hand,
so starre ich dann ganz gebannt,
auf´s Schauspiel, das sich mir nun zeigt,
and Ort und Stell der Hund verbleibt,
und kein „Komm!“, kein Futterstück,
das sture Tier vom Platz entrückt,
stolz sitzt es auf dem kalten Teer,
und sagt ganz laut: „Ich will nicht mehr!“,

Das Frauchen ganz hysterisch kreischt,
und schleunigst dann die Flucht ergreift,
vom Aufbegehren schwer entsetzt,
mit Panikblick durch´s Städtchen hetzt.
„So schnell ist sie noch nie gerannt“,
stellt Fiffi fest und wirkt entspannt,
ich stimme zu und lache laut,
mir die Geschichte keiner glaubt.

Das Hundchen macht nach langer Pause,
sich langsam auf den Weg nach Hause,
sagt mir noch „Tschüss, auf Wiedersehn!“,
und grüßt mich mit der Pfote schön.

Neuigkeiten

Hallo liebe Lesenden,

an dieser Stelle möchte ich Euch nun auf den neuesten Stand bringen. Wie ich es bereits angedeutet habe, arbeite ich derzeit zusammen mit Bianca Saxonja (http://biancasaxonja-comicarts.de/)  und einigen anderen Leuten an der Veröffentlichung eines Science Fiction Comics. Ich erfülle hierbei die Aufgabe des Storywriters, was mir einerseits wahnsinnigen Spaß macht, mich andererseits auch mal an die kreativen Grenzen bringt. Ein eigenes Universum aus dem Nichts zu erschaffen, ist doch schwerer und zeitraubender, als ich es mir vorgestellt habe ^ ^.

Das Projekt ist also nun angelaufen und ich kann freudig verkünden, dass Bianca einen eigenen Stand an der Leipziger Buchmesse haben wird, an dem sie erste Panels unseres Comics ausstellen sowie einige Fanartikel ausstellen und verkaufen wird.buchmesse

Leider kann ich nicht persönlich vorbeikommen, da einer meiner besten Freunde an diesem Wochenende heiratet und ich diese Tage daher in Karlsruhe verbringen werde. Dennoch bin ich gespannt, wie die Reaktionen ausfallen werden. Falls es sich abzeichnet, dass es viele Interessenten/innen gibt, können wir uns überlegen, inwiefern wir den Comic verlegen werden : ).

Das Titelbild von diesem Blogbeitrag ist ein Entwurf von Bianca, der gleichzeitig ein Beitrag in einem Artbook mit dem Thema Postapokalypse ist und als Poster am Stand erhältlich sein wird.

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An dieser Stelle reiße ich mal die Story kurz an: Die Geschichte dreht sich um Zamio. Er ist ein junger Mann mit seltsamen Fähigkeiten, der eines Tages ohne Erinnerungen mitten in einer zerstörten, fremdartigen Welt aufgewacht ist und sich seitdem auf der Suche nach seiner Vergangenheit befindet, nach jemandem, der ihm seine unzähligen Fragen beantworten kann. Auf seiner Reise trifft er auf die unterschiedlichsten Gestalten, erlebt fantastische Abenteuer und findet Freunde, die ihm bei seinem Unterfangen helfen.

Ich würde Euch gerne mehr verraten, doch dann würde ich zukünftige Leser spoilern und das darf und möchte ich nicht : ).

Weiterhin arbeite ich mit Shirley Holmes zusammmen:
https://www.instagram.com/wuschlkopp/?hl=de
die schon einigen meiner Ideen und Skizzen Leben eingehaucht hat, wie etwa diesem eigentümlichen Tierchen:

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Dies war mein erster Entwurf für ein großes Tier, welches in sumpfigen Gewässern mit seinem langen Rüssel nach Nahrung sucht. Ich beschrieb Melanie per Skype welche Funktionen die jeweiligen Körperteile übernehmen und wie das Wesen sich bewegen und verhalten könnte. Als sie mir dann schließlich ihre Skizze zurückschickte, blickte ich erstaunt auf das Ergebnis:

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Es war wundervoll zu sehen, wie die eigenen Gedanken und Ideen „Realität“ werden und etwas lebendig Wirkendes daraus entsteht. Mir fehlt es leider am zeichnerischen Können, dafür sprühe ich vor Ideen, somit ergänzt sich unser Team in ganz vorzüglicher Weise.

Hier noch zwei weitere Vorher/Nachher-Beispiele:

Ein insektenähnliches Volk mit hauchdünnen Flügeln, langen Fühlern, welche Ohren sind und sechs Augen, die auf zwei gewölbte Kopfplatten verteilt sind

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melle-insektenvolk

Ein großes Wüstentier, das am ganzen Körper eine dicke Panzerung besitzt und an manchen Stellen eine rote, zähe Flüssigkeit absondert, die hochgiftig ist.

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Und so setzt sich alles wie bei einem großen Puzzle zusammen :). Ich werde versuchen Euch hier auf dem Laufenden zu halten und immer wieder am Projekt teilhaben zu lassen, nebenbei jedoch auch noch ab und an mal eine Kurzgeschichte oder ein Gedicht hier zu veröffentlichen.

Liebe Grüße,
Max

Gefallen

Nicolas lief pfeifend durch Neu-Elmstedt, während um ihn herum die Flocken in herrlicher Fülle vom Himmel rieselten. Seine Socken waren schon etwas durchnässt und auf seiner Mütze hatte sich eine dünne Schneeschicht aufgetürmt. Es waren Schulferien und an diesem späten Nachmittag hatte er spontan die Lust verspürt, sich in die nebelige Winterwunderwelt zu stürzen und einen großen Spaziergang zu machen. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen, so als ob es ihn erzürnte, derart grob betreten zu werden. Das pappige Weiß ließ sich wunderbar zu Bällen formen, mit welchen Nicolas auf Bäume, Mauern und Straßenschilder zielte. Die Sicht war schlecht und der Gehweg teilweise total vereist, weswegen er nur langsam vorankam. Manchmal wich er auf die Straße aus, doch selbst diese war aufgrund des Neuschnees ziemlich rutschig. Nicolas war schon eine Weile unterwegs gewesen und  kam nun an einem mit blassroten Ziegeln bedeckten, weißgestrichenen Einfamilienhaus vorbei. Der Gehweg und die Einfahrt waren nicht geräumt und gerade als er auf die Straße ausweichen wollte, rief eine aufgeregte Stimme: „Hey, junger Mann!“
Nicolas blickte nach links und sah einen älteren Herrn vor der Eingangstreppe des Hauses stehen. Dieser winkte Nicolas energisch zu sich und blickte ihn freundlich an. Einige Schneeflocken verhedderten sich in dem wilden, grauen Bart des Mannes, während sein Blick sich erhellte, als sich Nicolas seinen Weg durch die zugeschneite Einfahrt bahnte. Der Mann trug eine braune Cordhose und darüber einen langen, karierten, dicken Mantel, welcher warme Gemütlichkeit versprach.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte Nicolas als er vor dem alten Mann stand und leicht zitterte. Seine Hände vergrub er in seinen Jackentaschen, in welchen er ein blaues Feuerzeug und eine Schachtel Zigaretten versteckte. Vielleicht waren sie der eigentliche Grund für seine kleine Wandertour gewesen. Er hoffte, dass dem nicht so war. Der Gedanke abhängig zu sein, bereitete ihm ein quälendes Unbehagen, weswegen er ihn meistens  versuchte zu verdrängen. Im Grunde wussten seine Eltern, dass er raucht, jedoch hatte er noch nie mit ihnen offen darüber geredet, weswegen er sich mit ihnen in einem gewissen Schwebezustand diesbezüglich befand, einem unausgesprochenen Dulden. Irgendwann würde dieses Gespräch stattfinden, irgendwann. Die andere Möglichkeit wäre, dass er sich eines Tages wie selbstverständlich zu seiner Mutter gesellte, wenn sie eine qualmte und er sich von ihr Feuer geben ließ. War dieses Vorhaben zu kühn? Er war sich nicht sicher.

„Junge, wie heißt du?“, fragte der Alte.
„Nicolas Drescher“ – „Hm, dein Name sagt mir gerade nichts, aber egal. Vielleicht ist es ein bisschen viel verlangt, aber könntest du mir eventuell die Einfahrt freischaufeln? Ich kann das leider nicht mehr und mein Sohn und meine Tochter wohnen leider zu weit weg, als dass ich sie darum bitten könnte.“
Nicolas hatte keine Lust darauf, denn ihm wurde langsam kalt. Eigentlich wollte er nur noch nach Hause, duschen und irgendetwas auf Netflix anschauen, bis er dabei einschlief. Sein Gewissen knabberte jedoch an ihm und wies mahnend auf die Hilflosigkeit des Alten hin, erschuf ein geistiges Bild, nämlich zwei mit Traurigkeit erfüllte Augen, sollte ein Nein über seine Lippen fließen.
„Klar, kann ich machen, kein Problem“, quoll es aus Nicolas hervor, wobei er das Gesagte sogleich still bereute.
„Klasse! Vielen, vielen, vielen Dank. Die Schneeschaufel steht gleich hier drüben neben der Treppe.“
Der ältere Herr wies mit dem Finger auf das orangene Werkzeug hin und stieg dann langsam und vorsichtig die verschneite Treppe nach oben.
„Soll ich Ihnen auch die Treppe freimachen?“, fragte Nicolas, als der Mann die Haustür aufschloss.
„Nene, das mache ich morgen früh dann mit dem Besen, passt schon. Du machst schon genug, du machst schon genug.“, entgegnete der Alte.

So machte sich Nicolas an die Arbeit. Es war mühselig und ihm wurde dabei schnell warm, jedoch war es gleichzeitig auch frustrierend, da es so sehr schneite, dass die Bahnen hinter ihm nach wenigen Minuten schon wieder mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt waren. Während Nicolas am Schippen war, unterhielt er sich die ganze Zeit über mit dem älteren Herrn, der immer noch an der Türe stand und dem die Kälte trotz seiner Bekleidung nichts auszumachen schien. Die Gesprächsthemen wechselten wie der Wind, der die Flocken aus allen erdenklichen Richtungen, manchmal (so kam es Nicolas zumindest vor) sogar von unten, durch die Luft wirbelte. Noch nie zuvor hatte er mit einem derart alten Menschen ein so gutes und langes Gespräch geführt. Erstaunlich offen und verständlich zeigte sich der Greis, selbst bei Dingen wie etwa dem Internet, von dem er offensichtlich nichts verstand, dafür aber interessiert zuhörte und an passender Stelle eine Anekdote einstreute. Schließlich waren der Gehweg und die Einfahrt frei. Mit hochrotem Kopf trat Nicolas an die Treppe heran und fragte noch einmal, ob er diese nun doch noch schnell freiräumen sollte. Aber der alte Mann lehnte erneut ab und dankte Nicolas:

„Noch einmal vielen, vielen Dank mein Junge. Es braucht mehr von deinem Schlag. Wenn du morgen um die gleiche Uhrzeit noch einmal vorbeikommst, dann habe ich eine Überraschung für dich. Wirst dich freuen, das kann ich dir versprechen.“
„Haha, danke. Aber jetzt muss ich auch wirklich heim, sonst kriegt meine Mutter noch die Krise.“
„Versteck aber bloß die Zigaretten vor ihr, sonst macht sie dir Feuer unterm Hintern!“
„Woher wissen Sie, dass ich rauche?“
„Ach Junge, ich weiß so einiges, haste ja gemerkt.“
Diese Antwort stellte Nicolas nicht ganz zufrieden und verwirrte ihn ein bisschen, jedoch beließ er es erst einmal dabei und hakte nicht nach.
„Also dann, mach´s gut, vielen Dank nochmal und nun pass auf, dass du mir auf dem Heimweg kein Spagat auf dem Eis machst!“, rief der ältere Herr und nickte fröhlich. Nicolas winkte zum Abschied und drehte sich um. Stolz blickte er noch einmal auf sein Werk und hörte, wie die Haustür hinter ihm mit einem leichten Klicken ins Schloss fiel. Dann machte er sich auf den Weg nach Hause.

Zuvor hatte er die Kälte aufgrund der Anstrengung nicht gespürt, jetzt biss sie jedoch an seinem Gesicht und kroch über seine nassen Socken direkt in seine Füße. Mit zum Boden gewandten Gesicht wühlte er sich durch die eintretende Dunkelheit. Als er schließlich zu Hause ankam und die Tür aufschloss, genoss er die sanfte Wärme, die ihm entgegenwehte. Noch bevor er einen Fuß in das Innere setzte, hörte er schwere Schritte und sein Vater baute sich vor ihm auf, die Arme vor der Brust verschränkt, und fragte:
„Wo warst du denn so lange? Wir haben bereits ohne dich gegessen, weil wir keine Lust mehr hatten zu warten. Die Reste stehen im Ofen.“
Nicolas, der keinerlei Lust auf ein Verhör hatte, entgegnete mürrisch:„Habe eh keinen Hunger, aber danke fürs Warten. Ich habe für irgend so einen alten Mann in der Nähe vom alten Sportplatz Schnee geschippt. Die ganze Einfahrt und den ganzen Gehweg, mordsviel Arbeit.“
Sein Vater kniff die Augen zusammen und setzte einen vorwurfsvollen Blick auf, dann blaffe er Nicolas an:
„Was quatschst du denn da? Da gibt’s nur ein Haus und das ist schon seit fast vier Jahren verlassen. Da hat damals ein alter Mann drin gewohnt. In einem Winter wie diesem war er allerdings auf seiner Treppe ausgerutscht und hatte sich den Hals gebrochen. Zwei Wochen später war er tot. Tragische Sache und so dermaßen unnötig. Deswegen streue ich im Winter immer überall dieses Kieselzeugs hin. Ist zwar eine Riesensauerei wenn es wieder wärmer wird, aber wenigstens rutscht niemand aus und bricht sich etwas.“
Nicolas wurde kreidebleich. Noch bevor sein Vater irgendetwas anderes sagen konnte, drehte er sich um, riss die Tür auf und rannte los. Sein Vater brüllte ihm etwas hinterher, doch Nicolas hörte nichts mehr. Der Winter selbst schien sich ihm entgegenzustemmen, als er gefährlich schnell durch das Halbdunkel rannte. Die Straßenlampen waren bereits an und tauchten ihr Umfeld in ein schauriges Orange.  Mit brennenden Lungen, pochendem Herzen und kaltem Schweiß auf der Stirn kam er vor dem seltsamen Haus zum Stehen. Eine feine Schneeschicht bedeckte bereits wieder den Boden, jedoch waren seine Fußspuren von zuvor noch deutlich zu erkennen.Das Haus war gänzlich dunkel, aus keinem der Fenster drang irgendein Licht. Vorsichtig schlich Nicolas um das Haus herum und versuchte einen Blick durch eines der Fenster zu erhaschen.Bei den meisten war der Rollladen heruntergelassen, aber auf der Rückseite fand er eines, durch das er blicken konnte. Das Haus schien tatsächlich verlassen zu sein. Kein einziges Möbelstück war zu sehen und die Wände zeigten sich grässlich kahl. Er lief zur Haustüre und beschloss zu klingeln. Er hatte zwar Angst, jedoch war seine Neugierde größer und so nahm er seinen Mut zusammen. Gerade als er den ersten Fuß auf die Treppe setzen wollte, fiel ihm auf, dass auf ihr kein einziger Fußabdruck zu sehen war. Nicolas´ Herz rutschte ihm in die Beine. Der alte Mann war die Treppe hinaufgegangen, das hatte er gesehen. Nicolas wischte vorsichtig mit der Hand die oberen Schneeschichten weg, in der Hoffnung, dass der Neuschnee die Spuren des Alten verwischt hatte. Aber da war nichts, keine Vertiefungen. Der Schnee war seit er gefallen war unberührt geblieben. Panik überkam Nicolas schlagartig und genau in diesem Moment hörte er hinter der Tür ein seltsames Geräusch. Er rannte los…

Arbeit, Arbeit , Arbeit

Liebe/r Leser/innen,

ich habe seit einiger Zeit keine Geschichte und kein Gedicht mehr hier hochgeladen. Den Grund hierfür möchte ich kurz offenlegen, damit nicht jemand auf den Gedanken kommt, dass mir mein Blog egal wäre, oder dass ich beschlossen hätte, ihn langsam dahinsiechen zu lassen. Dem ist nicht so! Derzeit stecke ich meine Energien in ein anderes Projekt, nämlich in einen Science-Fiction Comic, für den ich ein eigenes Universum erschaffen muss. Völker, Lebewesen, glaubhafte Figuren, deren Vorgeschichte, deren Wünsche, Träume, deren Kampf in einer zerrütteten Welt.

Meine Projektpartnerin ist Bianca Saxonja, von welcher die Grundideen für das Universum  stammen und welche für das Zeichnen und Gestalten verantwortlich ist. Wer einen Blick auf einige ihrer Arbeiten werfen möchte kann dies hier tun:
http://biancasaxonja-comicarts.de/

Unser Ziel ist es bis zur Leipziger Buchmesse (23.-26. März) die ersten ein bis zwei Kapitel fertigzustellen, um Leserfeedback zu bekommen und Werbung betreiben zu können. Ich werde Euch hier immer wieder an meinen Arbeiten teilnehmen lassen und bin dabei stets für Anregungen und Tipps sehr dankbar, da diese Art des Schreibens Neuland für mich ist  : ).

Nichtsdestotrotz ist eine kleine Kurzgeschichte für den Blog in Arbeit, welche ich spätestens bis zum Wochenende hochladen möchte, da sie themenmäßig zum winterlichen Wunderland passt, welches mich gerade umgibt.

Liebe Grüße,
Max

Familienzuwachs

hemper

Bei dem Blick sind angenagte Schuhe, zerrissene Klopapierrollen, dampfende Hinterlassenschaften auf dem Dielenboden sowie nächtliche Ausflüge aufs Hundeklo nur Lächerlichkeiten. Mutig hat er unsere drei erwachsenen Hunde begrüßt und mit völliger Selbstverständlichkeit mein altes Bett für sich in Anspruch genommmen : )

Frohe Weihnachten!

Ich wünsche euch und euren Lieben ein besinnliches Weihnachtsfest, Tage der Ruhe und Gemütlichkeit, des Beisammenseins, des Schlemmens. Erhaltet euch eure kindliche Faszination, den Zauber, den diese Zeit auszeichnet. Denkt auch an jene, welche in diesen Tagen nicht so glücklich sind wie ihr und lernt eure Wohligkeit zu schätzen. Tut etwas Gutes, nicht aus schlechtem Gewissen, nicht um euch damit brüsten zu können, sondern einfach so, als Selbstverständlichkeit, als Dank für euer Glück….und dies nicht nur zu Weihnachtszeit.

Mit liebsten Grüßen,

Max

Gandalf

Die Luft dröhnte vor Hitze, die Ferne löste sich in wildem Flimmern auf. Ich saß im zerlöcherten Schatten eines grünen Feigenbaumes, mitten im Nichts, der Jakobsweg etwa zwanzig Meter neben mir, in beiden Richtungen sich schier endlos erstreckend. Verdorrtes, kniehohes Gras überall, braun und grau, von leichten Brisen träumerisch wippend, während das gnadenlose Blau des Himmels die hoch stehende Sonne umrahmte. Siesta. Während ich döste und Wachträume die Zeit relativierten, das Jetzt in einen verschwommenen Schleier tauchten, regte sich am Horizont ein dunkler Punkt, welcher sich mir langsam näherte. Ich nahm die Gestalt erst bewusst wahr, als eine Fliege damit begann, sich an den Schweißtropfen zu laben, welche mir von der Stirn liefen. Das Tierchen war penetranter und zielstrebiger als seine Verwandten in Deutschland. Während ich in Sisyphosmanier mit dem summenden Plagegeist kämpfte, sah ich ihn. Er kam aus der „falschen“ Richtung, lief den Jakobsweg von Westen nach Osten, eigenartig. Als er schließlich vor mir stand und sein Schatten sich mit dem des Feigenbaumes vereinte, dachte ich zuerst, dass ich noch träumen würde. „Hola!“, rief er freudig und setzte sich in angemessener Distanz neben mich. In Deutschland hätte es mich wohl beunruhigt, wenn sich ein Fremder mitten in der Pampa plötzlich neben mich gesetzt hätte. Hier war es normal, hier galten andere Regeln, hier öffnete ich mein Herz dem Leben in einer befreienden Weise.

Er passte perfekt in diese spanische Einöde. Stoppelige Weizenfelder, verrostete Stacheldrahtzäune und Landmaschinen, mit dornigem Gestrüpp überwucherte, vor Ewigkeiten verlassene Lehmhausruinen und über all dem dieses herrliche Gefühl der Zeitlosigkeit. Ich sah sein Gesicht und taufte ihn augenblicklich und ohne den geringsten Zweifel: Gandalf. Sir Ian McKellen hatte sich in Meseta verirrt und dabei einen neuen Look angelegt. Wanderstock mit angehängtem, kleinen Jutebeutelchen, ein verschlissener Rucksack, löchrige Adidas-Turnschuhe und ein ausgebleichter Trainingsanzug, der einst wohl schwarz gewesen war, nun aber aufgrund der Sonne und des allgegenwärtigen,rötlichen Staubes die Farbe eines Kaffeefilters angenommen hatte. Das Oberteil hatte einen Reißverschluss vom Hals bis zur Hüfte. Er trug es völlig offen, wodurch mein Blick auf seine fast kupferfarbene, von Sonnenbrand an manchen Stellen gerötete Brust fiel, von der graue Haare in dichten, wirren Büscheln abstanden. Ein goldenes, großes Kreuz baumelte ihm vom Hals hinab und schmiegte sich in das Brusthaargeflecht. Er roch dominant, nach purer Männlichkeit, dabei jedoch zu meiner Verwunderung fast kaum nach Schweiß, sondern mehr nach Moschus und anderen, nicht genauer erfassbaren Dingen. Es war eine verwirrend faszinierende Geruchsaura, die ihn umgab. Er schnaufte, genoss sichtlich die leichte Abmilderung der Sonne und sagte nichts, lehnte nur mit der Schläfe an einen knorrigen Seitenast des schattenspendenden Gewächses. Hinter uns der Feigenbaum, vor uns ein dichter Grasstreifen, dann der Jakobsweg und dahinter ein abgeerntetes Weizenfeld, auf dem die Strohballen wie Zimtrollen herumlagen. Ich stellte fest, dass Gandalf kaum schwitzte, was mich sehr irritierte, trug er doch eine lange Hose und ein für dieses Wetter ziemlich dickes Oberteil. Selbst mir, in meiner ultradünnen und leichten Wanderausrüstung; fast zwei Wochen nun von der Hitze geformt und gehärtet, lief bei dieser Mittagshitze das Wasser in Strömen vom Körper hinab. Der Rücken nass wie ein benutztes Handtuch, die Achseln schwarze Dschungeldickichte, die Stirn mit genau so vielen Tropfen gesprenkelt, wie mit Sommersprossen versehen. Es vergingen einige Minuten einvernehmlicher Stille, dann holte Gandalf tief Luft und ich bereitete mich innerlich auf das Gespräch vor, legte mir die paar kümmerliche Brocken Spanisch zurecht, welche ich wie ein Anrufbeantworter immer und immer wieder brav aufsagte, wenn ich ein Gespräch mit den Einheimischen führte bzw. führen musste, falls ich mich; wie es einige Male geschah, verlaufen hatte.

In Gandalfs Fall war ich von Anfang an chancenlos. Ich wurde von einer spanischen Wörterflut überrollt. „No habla español”, rief ich sogleich, doch das kümmerte ihn nicht im Geringsten. Er redete einfach weiter. In meiner Ohnmächtigkeit blieb mir letztlich nichts anderes übrig, als seiner Stimme zu lauschen. Gut, ich hätte auch aufstehen, mein Zeug packen und weiterlaufen können aber irgendwie war mir diese eigentümliche Gestalt sympathisch. Wie lange er letztlich erzählte, kann ich nicht mehr sagen. Sehr, sehr lange jedenfalls. Ich hatte das Gefühl, dass er mir seine Lebensgeschichte erzählte. Ein Weg voller Wirrungen, voller Schmerz, aber auch wunderschönen Dingen. Während er redete kroch die Sonne langsam weiter und einige einsame Pilger zogen mit gesenkten Köpfen grußlos an uns vorbei. Ich versuchte mir das Leben dieses Mannes vorzustellen, seine Höhen und Tiefen, wundervolle Momente, grausame Schicksale, wie das Leben ihn hin- und hergeworfen hatte, bis zu diesem Moment. Wir beide, mitten im heißen Nichts. Irgendwie einsam, irgendwie auch nicht. Es war malerisch. Ich hätte diesen Moment gerne in irgendeiner Weise festgehalten, aber dies wiederum hätte nicht gepasst, wäre ihm nicht gerecht geworden. Dazu war alles zu einzigartig gewesen, eine nur einmal im Leben mögliche Konstellation. Ein unendlich viele Teile umfassendes Puzzle, welches sich für eine kurze Zeit zusammenfügt und ein gelungenes Ganzes bildet, sich dann jedoch mit grausamer Endgültigkeit für immer zersetzt. Schließlich hob er noch einmal die Stimme, blickte suchend in den Himmel und schwieg dann. Ich hatte mich nicht getraut seine Erzählung zu unterbrechen, weswegen ich erst jetzt aus den Untiefen meines Rucksacks eine meiner beiden 1Liter Trinkflaschen herauskramte und einen großen Schluck nahm. Gandalf tat es mir gleich und nahm aus seinem – im Vergleich zu meinem, antik und lebenserfahren wirkenden – Rucksack eine Glasflasche in die Hand. Als er den silbernen Deckel abschraubte, auf dem die Sonne freudig tanzte, drang ein heftiger Schnapsgeruch in meine Nase. Er stieß lächelnd mit mir an nahm etwa gleichgroße Schlücke von seinem Gesöff, wie ich von meinem Wasser. Unfassbar. Vor ein paar Tagen hatte ich mittags mit einem Caminofreund zwei Bierchen in einem kleinen Örtchen am Rand des Weges genossen. Die folgenden 15 Kilometer waren die Hölle gewesen. Alkohol und Sonne vertrugen sich bei mir überhaupt nicht. In meinem Kopf hatte eine wilde Affenhorde Schlagzeug gespielt, während mir jemand dabei mit jedem Herzschlag heiße Gleisnägel ins Hirn rammte. Schließlich wurde es so schlimm, dass mir schwindelig wurde und ich am Wegesrand auf die Knie fiel und dort in das trockene Gras kotzte, bis sich mein gesamtes Frühstück und vielleicht sogar noch mein Abendessen vor mir ausgebreitet hatten. Ab diesem grausamen Tag rührte ich morgens und mittags bis zum Ende meiner Reise nichts mehr an, was auch nur im entferntesten Sinne Alkohol enthielt. Abends war das eine andere Sache. Abends, wenn ich mit meinen Wegbekanntschaften oder freundlichen Fremden irgendwo saß und die Abendkühle genoss, konnte ich Wein und Bier in mich hineinschütten, dass mein Geldbeutel mich dafür hasste. Am nächsten Morgen ging es mir wundersamerweise immer blendend. Kein Kater, nicht mal ein schlechtes Gefühl im Magen. Gandalf der Blaue hingegen trank tagsüber Schnaps in besorgniserregenden Mengen, wahrscheinlich irgendeinen harten, billigen Weizenbrand. Ich holte aus meinem Rucksack zwei Bananen und zwei Müsliriegel heraus und bot ihm die Hälfte an. Er lachte und winkte ab, hielt stattdessen die Flasche in die Höhe und zwinkerte mir zu. Er nahm noch einen großen Schluck. War ich vorher noch ein wenig angespannt gewesen, so ließ diese Erregung nun endlich nach. Und naja, dann begann ich plötzlich zu erzählen. Es sprudelte förmlich aus mir heraus. Ich überflutete nun Gandalf mit Worten, erzählte ihm von meiner Kindheit, meinen Teenagerjahren, dem Zivildienst, meinem Studium, eröffnete ihm, dass ich manchmal ziemlich einsam auf dem Weg war, es allerdings vor manchen Leuten herunterspielte, um nicht weinerlich zu klingen. Ich erzählte ihm von meinen Träumen, Wünschen, all den Kleinigkeiten, welche mich erfreuen können, wobei während meines Monologes die Emotionen in mir vulkanhaft brodelten und ich mich zusammenreißen musste, damit ich nicht vor ihm in Tränen ausbrach. Er hörte aufmerksam zu, schwieg, schloss die Augen, öffnete sie wieder, blickte mich direkt an, nickte in einer Verständnis bekundenden, großväterlichen Weise. Schließlich war alles gesagt. Wir schwiegen. Ich betrachtete ihn und mir fiel auf, dass ich sein Alter nicht einschätzen konnte. Ende fünfzig, sechzig, siebzig, eintausend? Er wirkte stolz, trotz dem erbärmlichen Zustand seiner Kleidung, schien unbrechbar zu sein, allwissend. Vielleicht war mein Denken hoffnungslos romantisch, aber ich erfreute mich in höchstem Maße an der Weise, wie er den ganzen Pilgertourismus, von dem ich auch ein Teil war, in einer so herrlich einfachen Weise parodierte. Allein schon die Tatsache, dass er dem gewaltigen Menschenstrom, diesem Pilgertourismus, entgegenlief. All diesen nach Erfüllung lechzenden Geistern mit ihren neongrellen Hightechrucksäcken, den ultraleichten Klamotten (ich sah an mir selbst hinab und errötete), 300€ Wanderschuhen, Blasenpflastern, Pilgerführern und GPS-fähigen Handys. Noch lange Zeit später dachte ich über diese Begegnung und ihre Bedeutung nach.

Er schien seinen Frieden gefunden zu haben, vielleicht auf dem Boden seiner Flasche, vielleicht in sich. Für mich war er ein Symbol, eine Fleischwerdung des ländlichen Spaniens. Arm, dabei jedoch glücklich, faszinierend anzusehen, unbegreiflich, zeitlos. Er schien alle Facetten dieses Landstriches aufgesogen und zu einem großen, passenden Ganzen vereint zu haben, das die Menschen, welche sich auf ein Gespräch mit ihm einließen, verblüfft zurückließ. Die Sonne war wieder gewandert und ich musste mich umsetzen, damit ihre Strahlen meine noch peinlich weiße Haut, die in den Kniekehlen bedrohlich rot war, nicht weiter versengte. Auf den Weizenwüsten um uns herum waren mittlerweile ein paar dunkle Flecken zu sehen, Wolken. Sie hatten sich während unserer Pause leise angeschlichen und sprenkelten jetzt frech die goldbraune Weite. Aus meinem tiefsten Innern quoll plötzlich eine Frage in mir empor und floss ohne weitere Überlegung über meine Lippen: “Kennst du den Weg zum Glück?”, fragte ich Gandalf. Er nickte. Ich starrte ihn mit offenem Mund und jugendlicher Ehrfurcht an, versuchte mich davon zu überzeugen, dass er mich nicht verstanden, sondern nur auf den Klang meiner Stimme geachtet hatte. Ich werde die Wahrheit nie erfahren. Er begann leise auf Spanisch zu reden, wobei seine Worte dabei einen zarten, beruhigenden Klang annahmen. Dieses Mal beschränkte er sich auf wenige Sätze. Dann schwieg er wieder. Wir blickten gemeinsam noch ein Weilchen in den Himmel bis er sich, ohne Vorwarnung, recht energisch erhob und damit begann seinen Krempel zusammenzuräumen und die Steinchen aus seinen Schuhen herauszuklopfen, welche sich auch bei mir immer in lästig zauberhafter Weise dort hineinverirrten. Eine Eidechse raschelte im Gebüsch neben uns. Wie lange hatte sie uns wohl schweigend beobachtet?

Dann war der Moment des Abschieds gekommen. Auch ich richtete mich nun auf und machte mich wieder reisefertig. Irgendwie war ich von Melancholie befallen, wollte ihn nicht gehen lassen. Seine Präsenz war einnehmend. Sein Erscheinungsbild anfangs ein bisschen abschreckend, dann jedoch sympathisch; passend zu dem Klang seiner Stimme, der Art wie er sich bewegte. Gandalf dehnte sich noch kurz, dann kam er auf mich zu und schenkte mir eine herzliche Umarmung. In seiner rechten Hand hielt er den Wanderstock, in der linken die Flasche, welche mittlerweile halb voll war. Wir blickten uns noch einmal kurz in die Augen, dann drehte er sich um und setzte sich in Bewegung. Er war ungewöhnlich flink unterwegs, für sein Blut/Alkoholverhältnis. Ich sah seinen Fußspuren hinterher und verfluchte mich insgeheim dafür, dass mein Spanisch so schlecht war und ich nicht all jene Dinge verstanden hatte, welche er mir erzählt hatte. Vielleicht hatte er mir dies alles aber auch nur erzählt, weil ich ihn nicht verstehen konnte. Er war schon ziemlich weit weg, als er sich noch einmal zu mir umdrehte und winkte. Dabei rief er ein Wort, was mich verwirrt zurückließ: „Tschüss!“