Lebensherbst

Als meine Haare fielen
und deine langsam ergrauten
das warme Licht der Herbstsonne
dein Antlitz sanft umspielte
da fragtest du mich: Wie lange?
und ich zuckte nur die Schultern
schaute weg
legte meine faltige Hand in deine
lehnte meinen Kopf an deine zitternde Brust
schloss die Augen
schwieg

Wie lange?

Weg, weg mit dieser Frage
weg mit dem Krebs
weg, einfach nur weg

Wie lange?

Zwei Monate, sagte ich
zu schnell, dachte ich
sie schluchzte
schwieg
weinte in meine Haare hinein
ließ mich nicht los
hielt mich fest
so fest
als ob der Abschied schon anstünde

Zwei Monate
vergingen zu schnell
vier Monate
vergingen zu schnell

Drei Jahre,
und die Reise geht weiter, immer weiter

Wie lange?

 

 

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Der Störenfried

Eines nachts um kurz vor drei
war meine Schlafenszeit vorbei
denktrübe angeknipst das Licht
Verwirrung prägte mein Gesicht
es war jemand auf Ärger aus
und tönte laut durchs ganze Haus
den Missetäter wollt ich finden
sein leidig Treiben unterbinden

Kein Mückentier, kein Pinkeldrang
war was mich zum Aufstehen zwang
der feige Schuft hielt sich bedeckt
nachdem er mich hat aufgeweckt
so stand ich dann im kalten Flur
und lauschte dort nach einer Spur
ein Detektiv im Nachtgewand
vor Müdigkeit recht angespannt

Doch nur die Uhr schnitt durch die Stille
schon schwankte mir der Wartewille
da hörte ich es plötzlich wieder
und regte an die müden Glieder
rasch hin zu diesem schlimmen Klang
der mich aus meinem Bette zwang

Zwei Möglichkeiten blieben mir
zu jeder führte eine Tür
der rotäugige Bösewicht
wollt heben seine Stimme nicht
ließ mich erneut das Warten üben
doch endlich klang es dann von drüben
zu meiner Rechten aus dem Zimmer
fix aufgedreht den Lampendimmer
und einen Stuhl herbeigebracht
welch Wirbel hier in tiefster Nacht

Rauf auf das schwankend Möbelstück
gebetet dass mich kein Unglück
ereilt und ich den Abflug mache
mit Schmackes auf den Boden krache
mein Engel war zum Glück auch munter
drum flog ich nicht vom Stuhl hinunter

Den Missetäter aufgeschraubt
um seiner Batterie beraubt
schwieg endlich dann der Melder wieder
drum ließ ich mich im Bette nieder
sah schon die weißen Schäflein springen
im Traumland die Sirenen singen
als mich erneut ein Ton erweckte
aus meinen warmen Laken schreckte
es drang ein Summen an mein Ohr
ich schrecklichste Verdammnis schwor
dem elendigen Mückentier
das reingeschlichen durch die Tür
war als ich nach dem Melder jagte
sodann mich dieses Mistvieh plagte
ja und den Rest von jener Nacht
hab ich kein Auge zugemacht

 

 

 

Der Stein

Oh du armer Stein,
den ich achtlos werfen will,
in des Meeres Tiefe,
schweigend sänkest du nieder,
und würdest dich fragen:
Wann werd ich die Sonne wiedersehen,
ja ihre Wärme spüren,
werd ich zu Sand zermahlen,
am Strande angespült,
über das Land getragen,
von Winden weit zerstreut,
oder bleibt das Dunkel,
mein kalter Ruheort,
bis sich die Welt entzweit?

Oh du armer Stein,
den ich achtlos werfen will,
in des Meeres Tiefe,
dein Schicksal geht mir nah,
drum leg ich dich zurück,
zu deinen Brüdern gleich,
die Sonne soll dich wärmen,
und jeden Tag bescheinen,
so musst du nicht allein,
im dunklen Meere weinen.

Gegenwind

Ein verliebter Herr lief eines Tages durch ein kleines Waldstück. Der Wind schüttelte das Herbstlaub von den Ästen, als die in einen grünen, karierten Mantel gehüllte Gestalt in flottem Schritt und mit gesenktem Haupt einen ausgedehnten Spaziergang machte, wobei sie gänzlich blind für Schönheit des Herbstes war. Etwas huschte durch das feuchte Unterholz, aus dem allerlei weiße, eng beieinanderstehende Pilze erwuchsen. Ein Vogel? Eine Maus? Etwas Größeres? Keinen Platz für solche Fragen ließ der durchwirbelte Geist des Mannes zu, der eine mattgraue Stoffmütze trug und einen mohnroten Schal, welcher vom strengen Gegenwind ergriffen, wie eine Mastfahne flatterte. Wie der Wind sich ihm in das Gesicht warf, so warfen sich Zweifel gegen den Entschluss, welchen er zu fassen hatte. Ach, wie einfach doch die Welt mal gewesen war. Damals, als noch nicht der Kies und die Blätter unter seinen Schuhsohlen knirschten, als noch nicht solche Kopfentleerungsspaziergänge notwendig waren. Damals, bevor im Urlaub auf dem Wochenmarkt eines französischen Fischerdorfes sein Herz den Entschluss gefasst hatte, sich einer reizenden, schwarzhaarigen Buchhalterin hinzugeben, die gerade ihren samstäglichen Einkauf erledigte. Sie stand an dem Verkaufswagen des örtlichen Bäckers, der mit all seinen Kunden ein kurzes Gespräch über allerlei Nichtigkeiten führte, bevor er ihnen die gewünschten Brotleibe stolz wie einen Goldbarren übergab. Sie hatte noch Tomaten und Zucchini bei einem Gemüsehändler gekauft und war dann verschwunden. Zwei Tage später sah er sie in einem Café sitzen, Zeitung lesend und fasste genug Mut sie anzusprechen. Erst war sie ziemlich kühl und ließ ihn abblitzen, aber er blieb hartnäckig, was ihr anscheinend gefiel. Er trank Pastis, sie blieb bei Kaffee mit geschäumter Milch ohne Zucker und sie redeten den Morgen hinfort, bis es Zeit für ein Abendessen war, welches sie gemeinsam einnahmen.

So hatten sie sich kennengelernt und gemeinsam eine schöne Woche verlebt. Und nun? Nun lief er durch den deutschen Herbst und war so bunt in seinen Gedanken, wie die Bäume um ihn herum.
„Du fährst noch heute dorthin zurück!“, befahl eine romantische Stimme.
„Lass die Zeit das erledigen. Noch ein paar Wochen und du hast sie wieder vergessen“, mahnte die Vernunft und schüttelte den Kopf.
„Was gibt es zum Abendessen?“, fragte eine ungeduldige Stimme aus der Bauchgegend dazwischen.
„Still jetzt!“, rief der durcheinandergeratene Herr. Über seinen Kopf flog ein Eichelhäher und warnte mit seinem lauten Krächzen alle anderen Tiere  des Waldes vor dem spazierenden Eindringling. Von dem Warnruf in Bewegung versetzt, kletterte ein junges Eichhörnchen schnell den Stamm einer Tanne empor und ließ einen angefressenen Zapfen zurück.
„Fünf Stunden Autofahrt bis zu ihr. Du könntest sie heute noch wiedersehen“, stellte die romantische Stimme fest.
„Lass mich in Ruhe“, flüsterte er.
„Hör nicht auf den Träumer. Sie ist vergeben. Du warst nur ein Ausrutscher, ein leckeres Nebengericht für sie. Sieh es doch endlich ein!“, hielt die Vernunft kühl dagegen.
So wogte es hin und her in ihm, auf und ab, wie ein Schiff in unruhiger See. Er schwitzte ein bisschen, einerseits wegen des in ihm heiß gefochtenen Streites zwischen seinem Herz und seinem Geist, andererseits weil der moosgrüne Mantel sich dann doch eine Kleidungsschicht zu viel erwies. Ein Südwestwind hatte die Wolken weggefegt und das Thermometerblau auf fast 20 Grad klettern lassen. Die Tiere nahmen diese Wärme dankend an. Überall bereiteten sie sich auf den Winter vor, fraßen was ihre Mägen erlaubten, vergruben Vorräte, vergemütlichten ihre Schlafstätten um ein paar Grashalme und Moosfetzen mehr. Während der Herr immer noch mit gesenktem Kopf grübelte, wurde der Weg allmählich schmaler und fiel ab. Zu beiden Seiten wucherte hüfthohes Gesträuch, das wie das Laub im Begriff war, sein Frühlings- und Sommerkleid zu verlieren. Nur ein Wachholderstrauch stellte trotzig protzig seine grünen Nadeln zur Schau. Die Wurzeln einiger großer, alter Kiefern ragten trügerisch aus dem Erdreich heraus, weswegen es an diesem Wegstück wohl ratsam gewesen wäre, wenn der Herr seinen Schritten mehr Beachtung geschenkt hätte. Dies tat er allerdings nicht. Und so kam es, dass er mit dem rechten Fuß an einer Wurzel hängen blieb und stolperte. Dies wäre weiter nicht schlimm gewesen, wenn der Weg nicht abschüssig gewesen und ihm zudem in diesem Moment keine Frau mit ihrem Hund entgegengekommen wäre. So strauchelte er, nahm Fahrt auf und prallte mit voller Wucht in die beiden. Der blondbraun gestromte Mischling jaulte, zwei Schreie klangen durch den Wald, dann war es kurz still. Eine neugierige Kohlmeise flog auf einen nahegelegenen Ast und beobachtete die Szene aus sicherer Distanz. Die drei Unglücklichen waren in das Strauchwerk neben dem Weg gerauscht, was ihren Sturz geringfügig abgefedert hatte. Dafür war ihr linker Arm im garstigen Klammergriff einiger Brombeerranken gefangen und sein Steißbein hatte Bekanntschaft mit einem spitzen Stein gemacht. Unter großem Ächzen und Stöhnen kamen sie wieder auf die Beine. Er war im Begriff eine Entschuldigung auszusprechen, als sich ihre Augen trafen. In ihm rief die romantische Stimme sofort:
„Vergiss Frankreich! Hier spielt die Musik!“
Die Vernunft entschied sich fürs Erste zu schweigen und abzuwarten. Sein Magen vergaß jeden Hunger und begann eifrig Glühwürmchen und Schmetterlinge im Übermaß zu produzieren. Der Herr entschuldigte sich für seine Tollpatschigkeit und half ihr auf, woraufhin sie nur lachte und ihm ein warmes Lächeln schenkte. Die Blätter an den Bäumen flatterten im Wind, sein Schal tat es ihnen gleich und sein Herz, ja sein Herz ebenso.

Beauty fool

You can call me beauty fool,
for whenever I see a lovely face,
my mind sets sails to my disgrace,
it hastens off, to a distant shore,
where I´m not lonely anymore,
where four feet wander side by side,
where kisses flow and hearts unite.

And there this troubled soul of mine,
gets nourished by the lovers shine,
and I can see a new tomorrow,
not restrained by pain and sorrow,
that stone inside my hurting chest,
dissolves until there´s nothing left.

Reality is not so kind,
and the illusions of my mind,
are nothing but a fragile shield,
I desperately try to wield,
and there I stand inside the mass,
watching thousand faces pass,
but not one stops or gifts a smile,
so I feel cold after a while.

Herbstlied

Grüß dich Herbst du stiller Schleicher,
malst an die Blätter Stück für Stück,
in all den schönen, bunten Farben,
denn bloßes Grün dich nicht verzückt,
tischst auf so viele leckre Gaben,
an denen wir uns prächtig laben,
an denen wir uns sehr erfreuen,
und dir dein graues, dumpfes Wetter,
mit vollem Bauche dann verzeihen.

Grüß dich Herbst du Vogelscheucher,
treibst sie gen Süden hin zur Wärme,
dort wo sie noch ihr Futter finden,
auf kühlen Böen in die Ferne,
die großen Schwärme bald entschwinden,
wie sehr sich doch die Blätter winden,
wie sehr sie zittern am Geäst,
seht ihr Fallen, seht ihr Tanzen,
der Winter sie bald schlafen lässt.

Grüß dich Herbst, du Schlummerbringer,
der Tier und Mensch zur Ruhe bringt,
vorbei die turbulenten Zeiten,
der Igel schon ins Laube dringt,
die sanften Farben dich begleiten,
und tolle Drachen Winde reiten,
stolz in den Himmel sich erheben,
gar wilde Schwünge dort vollführen,
vor Freude Kinderherzen beben.

Ja, deine Schönheit ist speziell,
nicht jeder liebt dein Kommen,
auch mir gefällst du nur partiell,
denn sitz ich hier und schau beklommen,
zum Fenster raus, du wütest wild,
du tobst dich aus mit Wind und Regen,
du trommelst, pfeifst, und singst vergnügt,
du minderst Lust sich zu bewegen.

Doch in den Keller steig ich nun,
dort wartet ein Geschenk von dir,
das durfte lange Jahre ruhn,
ein blutig rotes Souvenir,
ein guter Wein, den ich nun öffne,
der mir die Kehle runterfließt,
der meine Stimmung nun belebt,
so Freude mir im Herzen sprießt.

Ja lieber Herbst, so grüß ich dich,
so heiß ich dich willkommen,
bleib ein wenig, lass dich feiern,
für deine Schönheit, deine Wonnen!

 

Die Mauer

Die Soldaten standen gelangweilt auf der Mauer. Die Hitze, diese unerträgliche, gemütserdrückende Sonnenbrunst, hatte ihre Köpfe mürbe gebrannt, bis zu dem Punkt, an dem sie nur noch fähig waren apathisch in die Ferne zu starren. Selbst die Agenten, welche zum Unmut der Soldaten die wenigen Schattenplätze um die Wachtürme; jene viereckigen, grobgebauten Betonhühnen, für sich beanspruchten, saßen wie medikamentisiert auf ihren Stühlen herum und vertrieben sich ihre Zeit mit allerlei Karten- und Würfelspielen, bis manche von ihnen ihre Löhne auf Jahre hin verzockt hatte. Doch was kümmerte sie dies? Niemand wusste ob sie je wieder abgezogen werden würden. Einige Soldaten und Agenten hatten die Mauer bereits seit ihrem Dienstantritt vor vielen Jahrzehnten nicht mehr verlassen. Manche waren sogar hier geboren worden. An Lebensmitteln mangelte es ihnen nie, da einmal im Monat per Flugzeug eine große Lieferung abgeworfen wurde, an Abwechslung dafür umso mehr. Erst in der vergangenen Vollmondnacht war ein junger Soldat  in den Tod geflohen, indem er sich mit seiner Dienstwaffe in einem der Zentralheizung nahen Kellerraum exekutiert hatte. Kein schöner Anblick für die Mechanikerin, welche ihn während ihrer morgendlichen Inspektion entdeckt hatte.

Heute, an diesem höllisch feurigen Sommertag, an dem sich die Sonne wütend gegen das Mauerwerk und die faden Gesichter warf, starrten sie alle wie schon so unendlich viele Tage zuvor in die Ferne, hofften etwas zu erspähen, was ihrem Alltag eine Erfrischung bescheren würde. Sie versuchten die Langeweile davonzurauchen, träumten von Zuhause, verfielen in Melancholie wenn ihnen bewusst wurde, dass dieses ihnen bereits fürchterlich fremd geworden war. „Es-tut-mir-leid-Schatz“ – Briefe, wie sie spöttisch genannt wurden und welche Beziehungen und Ehen für beendet erklärten, waren leider keine Seltenheit, sondern vielmehr ein unvermeidliches Übel. Leider verlief sich der Briefverkehr in einer Einbahnstraße, denn all die lieben Worte aus der Heimat konnten nie erwidert werden, da keine Möglichkeit bestand Rückbriefe zu senden. Die Mauerbewohner waren völlig isoliert. Viele zerbrachen an dieser kalten Erkenntnis.

Die Ferne lockte die Diensthabenden zwar sowohl auf der West-, wie auch auf der Ostseite der Mauer, doch kaum jemand hatte es in der Vergangenheit gewagt zu fliehen. Aus Kameradschaft, aus Angst vor den möglichen Folgen für ihre Familien, aus Gründen welche sie selbst nicht benennen konnten. Die Soldaten fürchteten sich vor den Agenten, die Agenten vor ihresgleichen und der Stimme aus dem Funkgerät, der einzigen Verbindung zur Heimat. Ein großer Metallapparat, der sich in den Eingeweiden der Mauer hinter einer massiven Stahltür verbarg. Jeden Tag saßen in abwechselnder Schicht zwei angegraute Männer von kränklicher Statur im Halbdunkel der trostlosen, hectagonalen Betonwabe und warteten, nein hofften auf Befehle. Viele Jahrzehnte, bis zu ihrem Tod, verbrachten die beiden Männer alleine dort unten, denn niemand durfte mit ihnen in Kontakt treten, geschweige denn den Funkraum betreten. Wenn einer der beiden starb, wählte der andere einen Nachfolger aus. So war es schon immer und so wäre es wohl immer gewesen. Während auf der Mauer die Sonne und der Mond ihre langsamen Tänze vollführten, saßen sie dort unten, alleine mit ihren Gedanken. Wann zuletzt die Umsetzung eines Befehles für Betriebsamkeit gesorgt hatte, darüber herrschte allgemeine Unkenntnis. „Es ist ein Weilchen her“, entgegneten die Alten scherzhaft als Antwort auf diese Frage.

Wie schon all die Jahrzehnte und Jahrhunderte zuvor wählte und bildete man in der Heimat Rekruten aus, schärfte ihnen die gewünschten Werte und Normen ein; überzeugte sie von der Wichtigkeit ihrer bevorstehenden Aufgabe und warf die Abenteuerlustigen dann zusammen mit den Rationskisten per Fallschirm über der Mauer ab, wo sie sich den dortigen Umständen zu fügen hatten. Eine Wahl blieb ihnen nicht. Viele Familien waren auf diese Weise zerschnitten worden. Das Auswahlverfahren schien willkürlich zu sein.

Auf der Ostseite des kolossalen Bauwerkes wucherte ein gewaltiger Dschungel. Das gierige Grün reckte seine holzigen Arme bereits an die Zinnen und den Wehrgang heran, doch den Soldaten war dies egal. Einerseits war ihnen die düstere Wildnis mit ihren tanzenden Schatten und den seltsamen Geräuschen der verborgenen Tierwelt manchmal ein wenig unheimlich, andererseits schätzten sie den unersättlichen Lebenshunger der Natur. Hell klingender Vogelgesang schallte die Mauer empor, während gewaltige Mückenschwärme, Kinder der unter dem Blätterdach verborgenen, schleimig schlammigen Tümpel, in irrer Harmonie durch die Luft surrten. Bei ungünstigen Winden labten sich die sturmschwarzen Mückenwolken an den Lebenssäften der Mauerbewohner, welche den Geschwadern nahezu hilflos ausgeliefert waren. Der Dschungel erstreckte sich lückenlos bis zum Horizont. Ein uralter, vorgestellter Wachturm, der schon vor langer Zeit verlassen worden war, stand wie ein einsamer Riese inmitten der Wildnis, überwachsen von allerlei Schlingpflanzen, kleinen Bäumen sowie fleischigen Farngewächsen. Manche Wachen hatten in der Vergangenheit behauptet, dass sie dort Menschen gesehen hätten, welche ihnen zugewunken haben. Diese Aussagen wurden jedoch nie bestätigt, da nie eine Erkundungspatrouille losgeschickt worden war, um diese Gerüchte zu ergründen. Zu gefährlich hieß es. Man hatte Respekt vor dem Dschungel.

Wann hat das ewige Warten ein Ende? Wann? Weshalb sind wir hier? Warum bin ausgerechnet ich hier? Was für einen Zweck hat diese verfluchte Mauer? Solche zermürbenden Fragen waren so oft durch die Köpfe der Soldaten und Agenten gegeistert, dass man alle Steine aus denen die Mauer erschaffen worden war mit diesen Worten zu jeder Seite hin hätte bemeißeln können. Alle litten Zweifel an ihrer Tätigkeit und waren sich dadurch selbst die ärgsten Feinde. Gleichzeitig standen die meisten von ihnen vor einem tiefen Loch. Ihr altes Leben war ihnen weggebrochen, die Rückkehr in einen „normalen Alltag“ verwehrt. Alles was ihnen geblieben war, waren ihre Kameraden und ihre Aufgabe, ihre Pflicht, auch wenn sie nicht wussten, woraus diese denn bestand. Wie schon zuvor erwähnt wurden sie auserwählt, ausgebildet und zur Mauer geschickt, „um dort zu sterben“, wie es die Alten zu sagen pflegten. Wenn Neulinge ihren Dienst begannen, so stellten diese oft ihre tannengrüne Uniformen wie stolze Hähne zur Schau. Nach ein paar Jahren auf der Mauer war das Grün der Uniformen ermattet. Die Gesichter der Träger auch, denn selbst die gewaltigste Geistesschärfe und Neugierde schliff sich irgendwann an der Mauer ab.

Die Wichtigkeit dieses Projektes musste einst unumstritten gewesen sein, dessen waren sich alle einig. Wozu hätte man sonst dieses Monster, das ein breites Tal von Norden nach Süden in einem leichten Bogen überspannte und sich an die Flanken zweier senkrechter Bergflanken schmiegte, denn sonst erbauen sollen? Hier, mitten im Nichts, abgeschnitten vom Rest der Welt. Die Mühen und die Leben zigtausender musste dieser Bau aufgefressen haben. Das Wissen über all jene Opfer und das erstaunliche menschliche Wirken war für immer verloren, die Vergangenheit so unergründlich geworden wie die dämmernden Tiefen des Dschungels.

Ein Zehnertrupp war jeden Tag damit beschäftigt dem Zerfall des kilometerlangen Beton- und Steinkolosses und seiner vorgelagerten Todeszone, auf die ich später noch näher eingehen werde, entgegenzuwirken, doch reichte dies bei weitem nicht aus. Früher, nach einem alten Bericht der A-Agentin C. Fischer, waren einst circa hundert Ingenieure und Hausmeister ununterbrochen am Werk gewesen und schon damals waren sie der Arbeit kaum nachgekommen. Aus hundert wurden fünfzig, aus fünfzig fünfundzwanzig und nun, ja nun waren aus fünfundzwanzig zehn geworden. Magere zehn. Selbstverständlich reichte diese niedliche Fingerzahl nicht aus, um all den Anforderungen gerecht zu werden, welche die Zeit einem solchen Bauwerk abverlangt, weswegen die Mühen und die Tüchtigkeit des Dezettes zwar wirklich anerkennungswürdig waren, jedoch leider einer Sisyphusarbeit gleichkamen. Aus diesem Grund hatten Agenten vor langer Zeit einvernehmlich in einer Abstimmung beschlossen, dass die Ostseite von jenem Tag an gänzlich dem Dschungel überlassen werden sollte. Zuvor hatte man immer wieder versucht ihn, teilweise mit schwerem Gerät – sofern dieses noch funktionstätig war, zurückzudrängen, was sich als ein hoffnungsloses Unterfangen herausgestellt hatte. Ein weiteres Problem stellte für die Truppe der dauerhafte Mangel an Ersatzteilen und Baumaterialien dar. Zwar waren bei den monatlichen Abwürfen auch immer einige kleine Kisten mit derlei Sachen dabei, jedoch nie genug. So mussten sie kreativ werden und aus dem was sie hatten behelfsmäßige Gegenstände zusammenschweißen und zusammenhämmern. Zerbrach beispielsweise ein Stuhl, so bastelten sie einen neuen aus Dschungelholz und den guten Nägeln des kaputten Stuhles zusammen. Bestand ein Mangel an Nägeln, so schmolzen sie Metallreste ein und stellten diese selbst her. Das größte Problem stellte jedoch die Betonknappheit dar, wodurch sie nicht im Stande waren all die Risse und Löcher zu flicken, welche die immerscharfen Zähne der Zeit in das Mauerwerk gegruben hatten.

Auf der Westseite der Mauer wurde immer noch einigermaßen für Ordnung gesorgt…so gut es eben ging. Direkt am Fuße der Mauer hatte man bei deren Errichtung einen Wassergraben angelegt. Zehn Meter tief, zehn Meter breit. Dort wo sich Wasser und Mauer küssten war letztere spiegelglatt gewesen, was jeglichen Erklimmungsversuch zunichte gemacht hatte. Der Wasserspiegel war mittlerweile aufgrund von zahlreichen Rissen im Fundament des Grabens leicht abgesunken. Die einst so glatte Mauerfläche war durch die dauernde Nässe mürbe geworden, wodurch einige zähe Gewächse ihre Samen zur Entfaltung hatten bringen können, welche dem Beton und dem Stein weitere Wunden zufügten. Das Wasser selbst war schleimig und grün vor Algen. Früher, als es noch klar und tief gewesen war, schwammen darin kleine Fischschwärme umher, nach denen eifrig geangelt wurde. Doch aufgrund der fehlenden Zuwendung durch genügend tatkräftige Hände hatten die Algen jegliches Leben schon vor langer Zeit erstickt. Dem Wassergraben war ein breiter, gemähter Rasenstreifen vorgelagert. Dahinter lauerte das nächste Hindernis. Riesige, grässlich scharfe Stacheldrahtbüschel, die im gleißenden Sonnenlicht bedrohlich glänzten. Niemand von all jenen Unglücklichen, welche in fernster Vergangenheit versucht hatten dieses grauenhafte Metalldickicht zu durchqueren, war ohne eine schwere Verletzung davongekommen. Schließlich, hinter dem Stacheldraht, befand sich eine weite Sandfläche. Bei näherer Betrachtung wären aufmerksamen Beobachtern an manchen Stellen die kleinen Buckel aufgefallen, welche sich in einem regelmäßigen Abstand zueinander befanden aufgefallen. Minen. Ab und zu spritzte man Unkrautvernichter aus sicherer Entfernung über das Feld, ansonsten wurde es verständlicherweise gemieden. Ob die verborgenen Todesbringer noch funktionierten wusste niemand, aber auch niemand war gewillt dies auf die Probe zu stellen. Hinter dem minenverbergenden Sand lag schließlich die Freiheit in Form einer hügeligen Graslandschaft. Hüfthoch stand das grüne Meer, über welches bei jeder Böe Wellen liefen, die sich entweder an den Bergflanken oder in der Ferne erschöpften.

Das schleichende Verkommen, sowohl der Menschen als auch der Mauer und deren Außenbereich, hatte wohl schon vor dem Tag begonnen, als man den Bau für beendet erklärt hatte. Viele hielten diesen Zerfall über die Jahre in schriftlicher Form fest. So gab es eine kleine Mauerbibliothek, welche nur aus Werken bestand, die all jene erschaffen hatten, welche mittlerweile im Grabe liegen. Jahrhunderte des Wartens, des Hoffens, der Tragik, aber auch der Schönheit. Denn viele flüchteten sich in ihre Phantasie und was diese Reisen in die allerhöchsten geistigen Sphären erbrachten, waren wirklich herausragende Werke menschlicher Schaffenskunst, veredeltes Papier, wie man es nur noch selten zu dieser Zeit auf der Welt finden konnte. Das gesamte Wissen über die Vergangenheit hätte man wohl in diesen, nach altem Papier und Tinte duftenden Räumen finden müssen, jedoch erbrachte selbst die gewissenhafteste Durchsuchung dieser Literaturschatzkammern nichts. Die Vermutung liegt nahe, dass einst Agenten derlei Dokumente vernichtet haben. Klarheit darüber wird es vermutlich nie geben.

Generationen von Soldaten betäubten ihren Kummer mit selbstgebranntem Schnaps, den sie aus den Früchten von mauernahen Bäumen herstellten. Jeglicher Alkoholkonsum war ihnen zwar untersagt und wurde von den Agenten bestraft, aber dennoch fanden sich immer Wagemutige, die ein paar Nächte im feuchtmuffigen Gefängnistrakt der Mauer dafür in Kauf nahmen. Die Sammler schlichen unter dem stillen Mantel der Nacht zu Bereichen, welche aufgrund von akuter Einsturzgefahr; die Witterung und all die Jahrhunderte hatten dem Fundament an vielen Stellen sehr schwer zugesetzt, gesperrt worden waren. Dort angekommen ließen sie sich mit langen Seilen in die Tiefe hinab, pflückten das Obst und stopften es in Taschen und Rucksäcke. Im Anschluss darauf schafften sie die Beute zu jenen Leuten, die das Brennhandwerk im Verborgenen beherrschten. Die dadurch gewonnenen Schnäpse waren lähmend stark und erinnerten im Entferntesten an die Essenzen von Birnen und Pflaumen. Die Agenten wussten von diesen harten Spirituosen, manche von ihnen duldeten sogar deren Verzehr gegen einen kleinen Anteil, sofern ihre Untergebenen sich nicht andauernd vollends im Rausch verloren. Aber heute, an diesem wolkenfreien Sommertag, der das Schicksal aller verändern sollte, schnapsten nur die Hartgesottensten. Alle anderen blieben lieber bei Wasser, war doch die Kombination aus Hitze und dem Selbstgebrannten ein Kopfwehgarant sondergleichen.

Es begann mit einem seltsamen Geräusch, das aus dem Dschungel drang. Wer den Dschungel nicht kennt wird viele Dinge hören, welche sein Herz zum Erzittern bringen. Laute aus Tierkehlen, die dem Übernatürlichen und Mystischen nahe zu stehen scheinen, besonders nachts. Die Soldaten und Agenten waren daran jedoch gewöhnt und neigten nicht einmal mehr ihre Köpfe, wenn solch ein Schauderschrei aus dem wirren Grün an ihre Ohren drang. Aber dieses Geräusch war anders. Alle die es vernahmen gerieten sofort in helle Aufregung und rannten auf die Ostseite, starrten in den Dschungel hinunter. In manchen keimte Furcht, weswegen sie ihre Gewehre; von denen manche ein Menschenleben lang nicht einmal eine Kugel ausgespuckt hatten, vom Rücken nahmen und durchluden. Sie wechselten ratlose Blicke. Der Dschungel selbst schien zu murmeln, zu grollen, zu stöhnen. Etwas war im Anmarsch. Die Geräusche kletterten an der brüchigen Mauer empor, hin zu den Ohren der Diensthabenden – Agenten, Soldaten, auch einem Hausmeister, welcher gerade damit beschäftigt war die Birne eines großen Suchscheinwerfers auszutauschen, welche den letzten harten Winterfrost nicht überlebt hatte. Zuerst erkannten sie nichts im undurchdringlichen Pflanzenwerk, doch dann, angekündigt durch ein paar hektisch pfeifende, aufschwärmenden Vögel, löste sich eine erste, dunkle Gestalt aus dem Dickicht. Sie raste bedrohlich schnell durch das dichte Unterholz, was auf der Mauer für enorme Unruhe sorgte. Weitere Gewehre wurden geladen, Kommandos gerufen. Schon war die Gestalt an einem der Bäume, dessen oberen Äste bis an die Zinnen der Mauer heranreichten, angelangt. Flink wie ein Eichhörnchen kletterte sie im Schutze des Blätterdaches den massiven, lianenumschlungenen Stamm empor, während die Sonne mit glühendem Eifer in die schutzlosen Nacken der Zuschauenden brannte. Schließlich entblößte sich das von den Schatten geschützte Wesen auf einem der Baumkrone nahen Ast. Ein Staunen schwappte die Mauer entlang. Was sich da seinen Weg aus der garstigen Wildnis erkämpft hatte, war eine junge Frau. Alles schrie wild durcheinander, Finger richteten sich auf die mit affenhafter Anmut bewegende Erklimmerin. Ohne irgendein Zögern, ein Innehalten angesichts ihres Entdecktwerdens, ihrer Ungeschütztheit, preschte sie voran, den Blick starr auf die Mauerzinnen gerichtet, wuchtete sich auf einen der höchsten Äste, balancierte auf ihm vorsichtig hinauf, bis es nicht mehr weiter ging. Ihr Herz hämmerte wütend, ihre Lungen standen in Flammen. Dann, ihr blieb keine andere Möglichkeit mehr, nahm sie einen Dreischritteanlauf und wagte einen wahrhaft todesmutigen Sprung. Der Ast federte bedrohlich unter ihren Füßen, während ein sich an der Mauer brechender Wind an ihrem Körper zerrte und sie in die tödliche Tiefe reißen wollte. Aber allen Widrigkeiten zum Trotz schaffte sie es! Ihre Hände fassten eine Zinne und sie zog sich daran nach oben. Mit bebender Brust und zitternden Gliedern betrat sie den Wehrgang und fiel erschöpft auf die Knie, berührte mit der Stirn den aufgeheizten Boden. Sofort rannte einige Leute zu ihr und bildeten einen kleinen Kreis um sie. Es wurde gemurmelt. Eine im Mittag ihres Lebens stehende Agentin zog hinter ihrem Rücken eine Feldflasche hervor, beugte sich zu der Erschöpften hinunter und reichte sie ihr. Auf den Gesichtern ward Erstaunen zu sehen, jene sehnsüchtigst herbeigesehnte Erfüllung des Wunsches nach einem unvorhergesehen Ereignis, das sie aus ihrem tagtäglichen Trott reißen würde. Nun war dieser Tag, dieser Moment endlich gekommen. Jene kindliche Freude, manchen rannen sogar Tränen über die Wangen, verwandelte sich jedoch leider mit der zerschmetternden Wucht eines Blitzschlages in Entsetzen. Als sie sich aufrichtete und den Kopf hob, erwies sich dieses zähe Menschenkind als ein wandelndes Skelett. Ihre Haut war wächsern, fast durchsichtig und spannte sich furchtbar straff über die Knochen, was vor allem ihrem Gesicht ein schauerliches Aussehen verlieh. Ihre strichdünnen Lippen waren nicht mehr in der Lage die faulgelben Zähne und das entzundene, brandrote Zahnfleisch darunter zu verbergen.  Von der Schönheit der einst so delikat modellierten Gesichtszüge war nichts mehr übriggeblieben. Angesichts ihrer Insektenärmchen wunderten sich viele, wie sie den harten Aufstieg überhaupt geschafft hatte. Weiterhin war sie vollkommen verschmutzt und roch sehr streng nach Schweiß, nach Urin, nach dem Dschungel. Ihre Augen, gerötet mit rabenschwarzen Pupillen, traten deutlich aus den Höhlen hervor. Einem Mauerveteran wurde bei ihrem Anblick schlagartig schlecht. Er stolperte zur Seite und erbrach sich von den Zinnen. Ihr dreckiges, struppiges Haar hing ihr bis kurz unter die kümmerlichen Brüste, welche wie zwei Klingelknöpfe auf dem darunter liegenden, abgemagerten Torso saßen. Was von ihrer Kleidung übrig geblieben war, waren Fetzen. Wie alte, vergammelte Putzlumpen hingen sie an ihrem lebensbedrohlich ausgemergelten Leib, der überall mit Schnittwunden und Kratzern von den Klauen des Dschungels übersät war.
„W…was ist mit ihr?“, fragte eine Agentin zögerlich. Keine Antwort. Allgemeine Ratlosigkeit. Während die meisten noch vom Schauder geschüttelt wurden, rannte die schmutzige Gestalt plötzlich los. Sie stieß durch den von diesem explosiven Antritt überraschten Menschenkreis und eilte blitzschnell auf die andere Seite der Mauer. Ein Blick nach unten, Wasser…sie sprang.
„Halt, Vorsicht!“, schrien noch einige, doch da befand sich der ausgezehrte Leib schon mitten in der Luft. Mit einem dumpfen Klatschen schlug sie in den armselig anzusehenden Graben ein. Im Flug hatte sie eine leichte Rücklage bekommen, was ihren Aufprall ziemlich unsanft gestaltete. Ein paar Sekunden lang herrschte erwartungsvolles Schweigen auf dem Wehrgang…..dann endlich ein lautes Aufatmen. Aus der grünen Brühe tauchte ein kleiner, schwarzer Kopf auf. Sie kämpfte sich den Weg aus dem widrigen Gewässer und zog sich mit vor Anstrengung bebenden Armen am Ufer hinauf. Weiter, immer weiter. Zum Horizont und darüber hinaus. Ihr Rücken schmerzte, doch sie gönnte sich keine Pause. Schon rannte sie über den Grasstreifen, schon wurde sie vom Stacheldraht und seinen gierigen Fangzähnen empfangen. Tief bohrten sich die stählernen Dornen in das müde Fleisch hinein, rissen ihr die Wange auf, zerschnitten ihre Arme und Beine, bis das Blut aus tausend Stellen drang. Entsetzt starrte man auf sie, von dort oben ein blutrotes Bündel, hinab. Aber irgendwie schaffte sie es, irgendwie wühlte sie sich durch das Zackenmeer. Weiter, immer weiter. In tragisch anzusehender Zerschundenheit kämpfte sie sich voran, auch wenn jede Zelle ihres Körpers sich dagegen wehrte. Sie hatte es fast durch die Todeszone geschafft. Es erwartete sie „nur“ noch der Minengürtel. Mittlerweile schallten zahlreiche Anfeuerungsrufe von der Mauer hinab. Sie johlten, pfiffen, legten ihre Hoffnung in diese Frau, die das tat, wozu ihnen selbst stets der Mut gefehlt hatte. Der ockergelbe Sand flimmerte vor Hitze, als sie den ersten Fuß hineinsetzte. Zum ersten Mal schrie sie vor Schmerz auf. Zuvor hatte sie es noch irgendwie ertragen können, aber jetzt, nachdem ihre Fußsohlen vom Stacheldraht zerschnitten worden waren, fühlte sich der heiße Untergrund an, als ob sie über ein Meer aus Nadeln laufen würde. Die Minen sah sie nicht, doch hätte dies auch nichts geändert. Weiter, immer weiter. Sie stolperte immer wieder im tiefen Sand, der sie bei jedem Schritt festzuhalten schien. Weiter, immer weiter. Die Jubelrufe auf der Mauer waren wieder verstummt und einer quälenden Spannung gewichen. Jede Sekunde konnte sich diese ameisengroße Gestalt dort unten in eine blutige Wolke verwandeln. Aber dies tat sie nicht. Sie schaffte es. Sie behauptete sich gegen all die ungnädigen Widrigkeiten und überwand lebend, wenn auch ziemlich demoliert, die Todeszone. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Kein Anhalten, kein Zurückblicken. Weiter, immer weiter. Auf der Mauer war nun freudiges Chaos ausgebrochen. Man rief ihr Glückwünsche nach, lobte ihre Tapferkeit, ihre Ausdauer, sah sich selbst dort unten, in Richtung Westen ziehen und die Welt hinter dem blaugrauen Horizont erkunden. Während die meisten sich vor Euphorie in die Arme fielen, stockte dem Mauerveteranen der sich zuvor erbrochen hatte das Herz.

Er jubelte nicht, stattdessen wurde er kreidebleich. Er war aufgrund seines in Tumult geratenen Magens an der Ostseite der Mauer stehengeblieben, während die anderen sich mit Anfeuerungsrufen und Jubeleien heiser brüllten. Zuerst dachte er, dass ihm seine Augen einen dem Unwohlsein geschuldeten Streich spielten, allerdings war dem leider nicht so. Peripher hatte er eine schnelle Bewegung zu seiner Linken wahrgenommen. Noch während ihm am Kinn der scharfsaure Schleim hinabtriefte, die junge Frau auf der anderen Seite der Mauer ihre ersten Schritte abseits der Todeszone setzte, erblickte er eine weitere Regung im Dschungel. Es sollte nicht bei diesen beiden bleiben. Schon erhoben sich aus dem, durch den Lauf der Sonne eingefinsterten Dickicht weitere Schatten, die der Mauer schnell zustrebten. Er schrie. Er schrie, bis seine Kehle in Flammen stand, bis seine Stimme ihm versagte. Zuerst regten nur wenige die Köpfe und folgten dem panischen Rufen, doch nachdem weitere auf die Ostseite getreten waren und das Annahende erblickt hatten, verfielen alle in Panik. Unaufhörlich gebar der Dschungel neue Schatten, die sich im Sonnenlicht in Menschen verwandelten. Hunderte. Nein, tausende. Unaufhörlich wallte die gewaltige Flut zur Mauer hin. Diese Menschen waren jedoch besser vorbereitet. Sie trugen riesige, aus Holz, Lianen und anderen Materialien gefertigte Leitern an die Mauer heran und stellten sie dort auf. Wie in einer mittelalterlichen Schlacht bestiegen sie die Leitern, von denen manche unter der großen Last zusammenbrachen und die Kletternden in den Tod sandten. Die Menschen kraxelten wie Affen die Bäume hinauf, warfen lange Leinen mit hölzernen Enterhaken an die Zinnen und zogen sich daran auf den Wehrgang.

Die Soldaten und Agenten waren völlig überwältigt von diesem Anblick. Manche standen einfach nur mit offenem Mund da, andere versuchten ein paar der Überquerenden festzuhalten und auszufragen, aber niemand sprach ein Wort zu ihnen, alle bissen und schlugen wie wilde Tiere um sich, bis man sie wieder losließ. Dann hetzten sie weiter zur Westseite und sprangen dann in das vor Menschen brodelnde Nass, wobei viele auf Schwimmende krachten, was zahlreiche Verletzte und Tote zur Folge hatte. Andere konnten nicht schwimmen und ertranken nach einer kurzen Zeit wilden Umsichschlagens. Keiner half ihnen, niemand hielt an. Jeder und jede für sich. Sie stürzten in den garstigen Stacheldraht, sie stolperten atemlos in das Minenfeld hinein, hauchten ihre Lebensgeister in den gewaltigen Explosionen aus oder wurden verstümmelt und tränkten den körnigen Untergrund mit ihren Lebenssäften. Weiter, immer weiter. Durch die fleischhungrigen, teils rostigen Dornen, über den blutroten Sand, über die zerfetzten Leiber. Das schrille Geschrei der Verwundeten klingelte in ihren Ohren. Sie traten auf abgerissene Arme, Beine, sahen Köpfe, die wie Eier aufgebrochen waren. Gedärme quollen aus den aufgerissenen Bäuchen der armen Seelen, welche sich im Stacheldraht hoffnungslos verheddert hatten. Vorwärts, vorwärts, vorwärts, kein Blick zurück, vorwärts, vorwärts, vorwärts, hin zum Horizont. Durch den Tod zur Sonne hin, im Rücken die Mauer in all ihrer schrecklichen Herrlichkeit.

Das Chaos brachte bei vielen Soldaten und Agenten deren finstersten Triebe zum Vorschein. Einige Soldaten machten sich einen Spaß daraus ihre Waffen auszutesten und feuerten in blinder Blutlust in die Menge hinein, lachten in irrem Wahnsinn bei einem Treffer, erschossen sich danach teilweise selbst oder sprangen von der Ostseite in den Tod. Manche Agenten bellten tyrannisch Befehle und versuchten ihre Unterlinge herumzukommandieren, allerdings nahm kaum jemand von diesen das Gebrüll inmitten des um sie tobenden Lärmes war und noch weniger fügten sich jenen, teilweise völlig irrationalen, Anordnungen. Die Menschenhorde nahm derweil kein Ende. Ständig drängten neue, elende Leiber nach. Noch immer wurden Leitern an die Zinnen gestellt, noch immer kletterten  hunderte die Bäume empor. Zwei Soldaten empfanden eine kranke Erregung beim Zerstören und Wegstoßen der Leitern, dem Kappen der Seile, den Todesschreien der Stürzenden. Andere saßen nur apathisch da, die Knie dicht an den zitternden Körper herangezogen, wippten, weinten.

Viele desertierten und taten es der Masse gleich, schmissen alles von sich, eine erfrischende Befreiung spürend sowie den Drang nach dem fernen Ungewissen, zu dem es all jene erbärmlichen Gestalten hinzog. Was erhofften sich diese wohl? Weshalb waren sie in solch einer Eile?
Ein paar Agenten behielten einen klaren Geist und rannten ins Innere der Mauer, tief hinunter in deren Eingeweide zum Funkraum. Sie sprangen die Treppen hinab, rannten durch die endlosen Gänge, immer weiter und weiter. Als der schnellste von ihnen sein Ziel erreicht hatte, riss er ohne zu zögern die schwere Tür mit einem kraftvollen Ruck auf. Das Scharnier schrie nach einer Ölung und der alte Mann in der Mitte des Raumes sah ihn fassungslos an. Der Greis zeterte los, war überrumpelt von dem plötzlichen Lärm, dem unerwarteten und unerlaubten Eindringen. Der Agent stieß ihn mühelos zur Seite, riss den Hörer vom Funkgerät und brüllte das Geschehene hinein, doch vom anderen Ende der Leitung her antwortete ihm nur die Stille. Wieder und wieder probierte er es, nichts, keine Antwort. Verzweifelt und voller Wut knallte er den Hörer hart in seine Halterung. Da sah er es. Verwirrt blickte er auf das Funkgerät, dann zu dem Alten.
„Es ist ja völlig kaputt“, stellte der junge Mann fassungslos fest. Die Miene des Greises nahm traurige Züge an. Kummer spielte um die tiefen Falten, die von der stehenden, warmen Luft spröde gewordenen, dünnen Lippen, das schulterlange Grauhaar.
„Das war es schon immer“, entgegnete er und ließ sich auf den Stuhl fallen, in dem er so viele Jahrzehnte verbracht hatte.
„Aber…aber…wieso, w.. wir hatten doch immer…die Befehle…“
Der Alte zuckte nur mit den Schultern und ließ den Kopf schlaff herabhängen. Die müdes Licht schenkende Lampe an der Decke flackerte kurz. Das Chaos über ihnen nahm kein Ende.