Rat -Schläge

In einer Zeitschrift stand geschrieben:
„10 Schritte um richtig zu lieben!
Mit diesen Tipps gelingt das Eheglück,
mit unserer Hilfe machen sie Ihre Frau verrückt!“

Verrückt gemacht,
das hab ich sie,
sie war erregt wie sonst noch nie,
zornig bis zum Wutanfall,
dem Heft sei Dank,
es kann mich mal!

Schritt 1: „Seien Sie immer ehrlich!“, riet das Blatt,
dies hatt ich nach zwei Tagen satt,
denn zu viel Ehrlichkeit bereut,
wer sich am Ehefrieden freut.

Denn Wahrheit ist nicht immer leicht zu ertragen,
das Ergebnis war ein lautes Klagen,
denn was mich juckte, das sprach ich aus,
gejagt wurd ich zum Haus hinaus!

Schritt 2: „So steht ihr Penis wie ein Brett!“,
und: „Hier noch ein paar super Tipps für mehr Spaß im Bett!“
die Nudel schlaff, die Laune trüb,
was habe ich mich abgemüht!

Die Übung zur Hartständerei,
war nicht erfolgreich, schmerzte nur,
das Rutentraining, pur Tortur,
doch wollte ich noch nicht verzagen,
mich an die „guten“ Ratschläge wagen.

Ich gab mir Mühe sondergleichen,
ließ wilde Stöße aus den Lenden weichen,
dass ich mir fast die Hüfte brach,
sobald mein Liebchen sprach: „Gemach!“,
mein Treiben wurde ihr zu viel,
das altbekannte Liebesspiel,
war ihr doch lieber, genoss sie mehr,
mir war es recht, ich keuchte schwer.

Den dritten Schritt, den ließ ich sein,
das Heft kam in die Tonne rein,
stattdessen nahm ich sie mir nah,
liebkoste sie ganz wunderbar,
und fragte sie, was sie sich wünscht,
was sie denn anzumerken hat,
nicht viel war es, ganz wenig nur,
doch seitdem läuft die Liebe glatt.

Am Fluss – Eine Beobachtung

Silberweidensamen gleiten in ihrem weißen Kleid träumend ihrer Erfüllung entgegen. Geschmeidig wie Schneeflocken lassen sie sich vom Wind leiten, der durch das sommerliche Blattwerk wispert. Sie taumeln in meine Haare, in das müde Flüsschen, das vor meinen Füßen dunkel; weil veralgt von den letzten zwei trockenen, siechenden Wochen, dahinplätschert. Kleine Fliegen erkunden meine nackten Arme, kosten von dem leichten Schweiß, der mir die Radfahrt zu diesem gemütlichen Plätzchen beschert hat. Gemein schwül ist es, Vorbote des für morgen vorausgesagten Gewitters. Die von weißen Flecken durchsäumte, graue Wolkendecke, spiegelt sich an manchen Stellen im Nass, welches sich gerade belebter gezeigt hat, als von mir erwartet. Einige junge Forellen stellen ihre Mückenfangkunst auf die Probe, stoßen kraftvoll ihre schlanken Leiber in die Luft, verfehlen, versuchen es erneut. Gut behütet wird die kleine Fischschule dabei vom dichten Blätterdach, das sie vor den begehrenden Blicken von hungrigem Vogelgetier schützt. Ein Graureiher würde guten Gefallen an diesen golden und silbern schimmernden, mit schwarzen Punkten geschmückten Fischchen finden. Seinen langen, scharfen Schnabel nur zu gern wie einen Speer in ihre dünnen Leiber stoßen. Ein Erpel paddelt am anderen Ufer gegen die leichte Strömung und scheint mich neugierig zu beobachten. Sein Kopfgefieder schimmert herrlich in allen erdenklichen Grüntönen, welche im harten Kontrast zu dem knalligen Orange seiner Füßen stehen, mit denen er sich scheinbar unbeholfen vorantreibt. An einigen Stellen sehe ich Schaum auf dem Wasser treiben, traurige Zeichen der Verschmutzung, wohl von den umliegenden Weizen- und Maisfeldern stammend sowie dem anwohnenden Menschenvolk, in den oberen Bereichen des Flusslaufes. Nun ist vorerst mein Interesse an der Natur verflogen und ich widme mich genauer den mir sichtbaren Spuren unserer Zivilisation. Dabei muss ich mich keinen Zentimeter bewegen, es finden sich im Radius meiner Augen genug Beweise für die Rücksichtslosigkeit, die Respektlosigkeit unserer Spezies. Der Mensch soll das klügste Wesen auf diesem im All herumtreibenden Gesteinshaufen sein und dennoch zerstört er sich selbst seine Lebensgrundlagen Tag für Tag. Mir schwirrt der Kopf. Überall entdecke ich Müll. Hellweiße Styroporstückchen ragen wie Grabsteine aus der Wasseroberfläche eines ruhigen Seitenbeckens am Ufer heraus, während sich grüne, braune und weiße Glasscherben wie Minen überall auf dem Flussgrund verstecken. Eine große Spraydose hat sich in einem gestauten, wirren Gehölzhaufen verfangen, Reste einer schwarzen Plastikfolie hängen wie eine Totenflagge am Ast eines jungen Haselnussstrauches, der in den Fluss hineinragt. So viel Müll und dass nur in meinem kleinen Blickfeld. Der ganze Unrat auf direktem Weg in´s Meer. Geschlagen gehören sie alle, diese Verschmutzer, diese Unmenschen, welche oft mutwillig oder aus Bequemlichkeit ihren Abfall acht- und reuelos wegwerfen, nicht die Konsequenzen ihres Handelns bedenken. Wie die Fische kleine Plastikteilchen verschlucken, so sollte man ihre Rachen damit vollstopfen bis sie kotzen! Heulen würden sie, sich empören, Vergeltung einfordern. Die Fische können nur schweigen.

Die Schönheit dieses Platzes, sie schwindet dahin, so als ob jemand langsam einen schwarzen Vorhang vor mir zuziehen würde. Doch ein kleines Tierchen mit einer blutdürstigen Mission treibt mich zum Glück wieder aus der Melancholie heraus. Der leichte Pikser dieser Stechmücke bringt mich auf andere Gedanken. Gut gemacht mein hungriger Freund! Fasziniert schaue ich mir das zarte Wesen genauer an. Wie ein in Pech getauchter Pfeil mit zwei hauchdünnen Flügelchen, sitzt sie mir auf dem rechten Unterarm und genießt meinen Lebenssaft. Ich unterdrücke den starken Drang mich zu kratzen und staune über ihren Rüssel, diese winzige, feine Injektionsnadel, welche mühelos in meine Haut eingedrungen ist und einer neuen Mückengeneration den Weg ebnet. Während die Mücke zu Ende saugt, beobachte ich das Gewusel eines Ameisenpfades, der zu meiner Linken am massiven, knorrigen Stamm einer alten Silberweide emporführt. Inmitten von all diesem Lebenshunger, fühle ich mich wie ein Stein. Mit ihren beinahe unsichtbaren Beinchen, versuchen zwei stecknadelkopfgroße, ziegelrote Spinnen meine Trekkinghose zu erklimmen, scheitern jedoch an dem glatten Stoff und rutschen wieder zurück auf meinen Schuh. Im Brombeergezanke hinter mir raschelt es verdächtig, doch mein Blick ist an eine Bachstelze gebunden, die mit ihrem Hinterteil rhythmisch auf- und abwippt, dabei mitten im Fluss auf einer kleinen Steininsel sitzt und hoffnungsvoll nach Gesellschaft ruft. Als ihr Gesang unerhört bleibt, entschwindet sie wieder flussabwärts. Wieder in Vergessenheit sind die Monokulturen hinter dem Ufergrün geraten, all die Traktoren, welche ihre Pestizide den Winden anvertrauen. Die Mücke ist entflogen. Ich sitze mittlerweile regungslos und konzentriert da und lese. Hermann Hesse, Kleine Freuden. Vielleicht bin ich gerade deswegen so nachdenklich und schwelgerisch geworden. Ein Buch, gefüllt mit wundervollen Fragmenten aus seinem Leben. Ein Buch voller Schönheit, Klarheit, Erfahrung, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der graue Wolkenozean lichtet sich am Horizont in Richtung der Vogesen. Strammes Sommerblau lacht mir entgegen. Als mein Hinterteil schließlich zu schmerzen beginnt, räume ich Buch, Notizblock, Bleistift und ein bisschen von dem herumliegenden Müll in meine Tasche und entschwinde, freue mich bereits auf die nächsten, schönen Stunden, welche ich an diesem verborgenen Ort, der leider doch nicht ganz von der Zivilisation verschont wurde, verbringen werde.

Ein Sturm zieht auf

Hinter mir hüpft eine neugierige Amsel auf dem dünnen, grauen Blechdach herum und verlangt ab und zu lautstark nach Gesellschaft. Es ist tropisch schwül, weswegen der Schweiß mir aus allen Poren rinnt und das, obwohl ich nur in meinem Lesestuhl sitze. Ich sehne mich nach einer Abkühlung und scheine erhört zu werden, denn der bisher so träge dahindämmernde Wind beginnt an Kraft zu gewinnen, das feuchtheiße Elend was die Erde bedeckt zu zerstreuen. Im Himmel über mir träumt noch sanftes Flimmergewölk im hellen Blau, während in der bergigen Ferne düstere Wolkentürme mit Donnerorchester und Regenschauern drohen. Ich stelle fest, dass der Wind das Unwetter in meine Richtung treibt. Nur her damit! Schon liegt ein Grollen in der Luft. Auf das seufzende, nach Nass lechzende Grün fallen die ersten, verstohlenen Schatten und mit ihrem Kommen setzt ein schüchterner Nieselregen ein. Ich verlagere meinen Platz etwas nach hinten, unter das Blechdach. Meine Füße strecke ich jedoch aus meiner Deckung heraus und lasse sie mir besprenkeln. Freudig beobachte ich, wie sich das Gras, die Erde, der Teer und der Beton schleichend verfärben, allmählich abdunkeln. Stolz zeigt sich die Pflanzenwelt im schillernden Glanzkleid, bevor der Himmel ganz verdüstert. Einige Gänseblümchen lachen noch fröhlich dem Tropfenspiel entgegen, dass aus der dunklen Höhe sich herabstürzt. Ein Donnerknall, verheerend laut, lässt mich aufschrecken. Nun ist das Herz der Sturmzelle wohl direkt in meiner Nähe! Mit kindlicher Freude besinne ich mich der Mächtigkeit der Natur, der wir Menschen so hilflos gegenüberstehen und die uns unserer Nichtigkeit erinnert. Schon beginnt der große Guss. Eine Wand aus Wasser rauscht vor mir hinab auf den nun aufgeheizten Grund. Ein Cabriobesitzer hält an der Straße ruppig an. Wie ein Floh hüpft er umher und versucht verzweifelt das Faltdach seines Fahrzeuges auszubreiten, ohne selbst eine Dusche verpasst zu bekommen. Leider misslingt ihm beides. Während es gar sintflutartig hinunterwäscht, stiehlt sich die Sonne ab und zu aus dem Gewitter hervor, so als wolle sie noch einen verzweifelten Atemzug nehmen, bevor sie wieder in das schwarzblaue Wolkenmeer abtaucht. Genüsslich ziehe ich die regengesättigte Luft ein, kritzele einige Wolken auf meinen Schreibblock. Doch „Klick“, ist der Schauer auch schon wieder vorbei, der Hahn zu. Zwar ist es immer noch reichlich düster über mir, jedoch tänzelt  bereits wieder ein Schwalbenpaar um die nassen Ziegeldächer, vollführt kühne Kunststücke, schnappt sich Insekten zum Mittagessen. Eine Horde Buntfinken unterhält sich erregt auf einer Regenrinne, lästert vielleicht über die Launigkeit des Himmels.

Der Schauer war zwar heftig, währte dafür aber nur kurz, sodass die aufgeheizten Pflastersteine vor meinen nackten Füßen zwar dampfen, jedoch wieder zu trocknen beginnen. Majestätisch präsentieren die Buchen zu meiner Rechten ihr Laubwerk, das sich in irisierender Farbenpracht zur Sonne streckt, welche sich ihren Weg aus dem Sturmgewölk gekämpft hat. Ebenfalls zu meiner Rechten findet sich allerdings auch ein trauriger Nussbaum, dem der späte Frost schwer zugesetzt hat und dessen Blätter und Blüten entweder bereits abgefallen sind oder sich pechschwarz und verdorben verzweifelt an den Ästen festklammern. Ich notiere mir einige Gedanken, welche mich beim Anblick dieses unglücklichen Baumes befallen. Nachdem ich dies getan habe und aufschaue, stelle ich fest, dass  der Boden seine alte Farbe zurückerlangt hat. Keine schlechte Leistung werte Sonne! Nachdem sich meine Faszination über das Naturschauspiel gelegt hat, fange ich an zu lesen. Im Hinterkopf schwirrt mir jedoch die ganze Zeit all jene Tätigkeiten umher, welchen ich mich eigentlich widmen sollte. Eine Hausarbeit über eine Kurzgeschichte und das Kinderbuch, an dem ich gerade mit mäßigem Erfolg herumwerkele. Es fällt mir daher unbegreiflich schwer, den Zeilen meines Buches die angemessene, respektvolle Aufmerksamkeit zu schenken. Sie werden es kennen. Man springt gazellenhaft durch die Zeilen, lässt seine Augen fliegen, aber der Geist hat bereits irgendwo auf dem Leseweg eine Rast eingelegt. Irgendwann, meist ein bis zwei Seiten später, fällt einem dann auf, dass das Gelesene keinerlei Wurzel im Gedächtnis hinterlassen hat. Also noch einmal lesen, in der Hoffnung, dass man nicht noch einmal in andere Denkgefilde abdriftet.

Wie ein Hütehund treibt der Wind einige kleine Wölkchen, die sich aufgrund ihres unbefleckten Weiß deutlich vom dunklen Gewittervorhang dahinter abheben, mit sich. Wie der Wind, so bin auch ich heute absolut unbeständig. Motivation keimt in mir auf und erlischt sogleich wieder. Lust zu nichts und Lust zu allem. Ein lästiges Wechselspiel, das mich untätig verbleiben lässt. Regen setzt wieder ein. Zweiradfahrer und Passanten beschleunigen ihr Tempo. Ich bleibe in meinem Stuhl sitzen. Ich lege das Buch weg und nehme den Kugelschreiber in die Hand. Ich schreibe sogleich und schreibe doch nicht, fülle den Block mit vielen Zeilen, die keine wirkliche Substanz haben. Ich schreibe ohne Ziel die Seiten voll. Es ist, wie das müßiggängerische Plätschern mit den Füßen im Wasser. Irgendwie angenehm, zeitfrei, angetrieben von einer unerklärlichen, inneren Lust. Braucht es denn ein Ziel? Ich entscheide mich in diesem Moment für: „Nein“. Nicht heute. Ich erfreue mich sogleich an der Ziellosigkeit dieses Tages, gebe das Schreiben auf und döse ein Ründchen. Kein Tag für Verpflichtungen. Selbst vor dem Kochen habe ich mich durch ein spätes Zubettgehen und Aufstehen gedrückt, nur eine große Tasse Kaffee findet sich in meinen entspannten Gedärmen. Ich trank ihn mit etwas Milch, weswegen ich beschließe, ihn deshalb als Frühstück gelten zu lassen.

In mir keimt die spontane Lust, nach Freiburg zu fahren und mich dort in ein Café zu setzen, um die Menschen zu beobachten, vielleicht ein paar Gesprächsfetzen aufzunehmen oder mich einfach nur an ihrer Lebhaftigkeit zu erfreuen. Unter Menschen fühle ich mich zwar oft fremd, jedoch stürmen dabei manchmal Eindrücke in ungeahnter Intensität auf mich ein, welche ich dann später in meinen Schreibwerkeleien nutzen kann. Ein kreatives Dilemma, könnte man sagen. Im Anschluss an diesen netten Cafébesuch, könnte ich mich in den Hauptbahnhof setzen und mich für einen Reisenden, einen zielhaften Menschen, ausgeben. Um meinem Theaterspiel die nötige Authentizität zu verleihen, würde ich zu einer Anzeigetafel streben und dort ein impulsives „Ach verdammt, jetzt hat der schon wieder Verspätung!“, von mir fahren lassen. Keiner würde diese Trickserei durchschauen können! Ein spontaner Kinobesuch am Nachmittag wäre jedoch auch nicht zu verachten. Reinschlendern, das Programm durchstöbern und eine 15:00 Uhr Vorstellung anzusehen, wäre ein wirklich typisch studentenhafter Genuss. Wie würde ich mich an der Leere und Sauberkeit des Saales erfreuen, den wenigen Gleichgesinnten verstehend zunicken und die Ruhe der Vorstellung schätzen. Stattdessen schaue ich nun auf meine Finger, denn mein Kugelschreiber hat sich dazu entschlossen auszulaufen. Ich stelle mir vor ein gefangener Verbrecher zu sein, der ein Blatt mit seinem Fingerabdruck prägen muss, bevor er inhaftiert wird. „Bitte nicht, ich bin unschuldig!“

Es scheint, als ob sich mein inneres Sturmtief aufgelöst hat, denn mein Körper setzt sich wie von selbst in Bewegung. Mal sehen, womit ich diesen ziellosen Tag letztendlich verbummeln werde.

Das Zimmer

In meinem Kopf, da gibts ein Zimmer
das habe ich mir hergezaubert
es ist mir ein Refugium
wenn mich der Alltag niederdrückt
wenn sich mein Geist nach Frieden sehnt
wenn du in weiter Ferne bist

Denn diesen wundervollen Raum
den habe ich mir dekoriert
mit Bildern, schön im Rahmenkleid
ein jedes zeigt einen Moment
der meinem Herzen Wärme schenkt

In der Mitte jenes Zimmers
steht ein großer, weicher Sessel
blütenweiß, mit breiten Lehnen
den stelle ich an eine Wand

Dann nehme ich ganz langsam Platz
bis ich im Polster fast versinke
mein Körper sanft umschmeichelt wird

Ich wende meine Augen hin
zu meinen viel geliebten Schätzen

Und reise in der Zeit zurück…

Wir zwei an einem hellen Strand
du mit nem Bier in einer Hand
und ich am Lesen, sonnverbrannt
wir liebten uns im warmen Sand
und Sorgen warn uns unbekannt

***

Auf dem Balkon in Weil am Rhein
dort war die Welt noch herrlich klein
ein gutes Essen, roter Wein
und Streichmusik bei Kerzenschein
fast lebten wir vom Glück allein

Ja solche Dinge sind es
die mich der Welt entrücken
bis ich dich wiedersehe
du mir im Arme ruhst
mein Herz mit Liebe füllst
den Raum mit Bildern schmückst.

Beschwerdebrief an den Regionalen Umweltrat in Karlsruhe

Sehr geehrte Ratsmitglieder,

Mit großer Bestürzung müssen wir uns nun mit diesem Brief an Sie wenden, denn was Sie und Ihre Artgenossen von uns verlangen, das geht einfach zu weit! Wir, die Vereinigten Bienenstaaten von Baden-Württemberg, haben jahrhundertelang treu und schweigend unseren Dienst für Ihre Art geleistet, doch uns ist nun bewusst geworden, dass Ihnen in den letzten fünfzig Jahren die Wertschätzung unseres Tuns tragischerweise völlig abhanden gekommen ist. Die Arbeitsbedingungen, wie wir sie täglich vorfinden, sind mittlerweile einfach untragbar geworden! Die Arbeiterinnengewerkschaft Brummdi hat daher unter anderem beschlossen, dass ab sofort jeder Arbeiterin in ihrem Leben ein fünftägiger Bergwiesenurlaub zusteht, sowie eine angemessene Honigrente, die an dafür speziell angelegten Futterstellen entnommen werden kann.

Sie sind sich vermutlich über die Konsequenzen Ihres Handelns bewusst und können somit auch verstehen, dass wir, sollte der derzeitige Zustand keine Verbesserungen erfahren, dazu gezwungen sind, zum Wohl unserer eigenen Gesundheit die Arbeit einzustellen, welche wir für Sie verrichten. Die von Ihnen an uns herangetragenen Varroamilben stellen eine ernstzunehmende Gefahr dar und ich muss Sie inständig bitten, sich dieser Plage, der wir leider ziemlich ohnmächtig entgegenstehen, umgehendst anzunehmen. Weiterhin führt Ihr Einsatz von Pestiziden in derartig unerhörlichen Mengen zu einem regelrechten Bienengenozid, welchen wir in Zukunft nicht mehr erdulden werden! Viele unserer Schützlinge beklagen sich außerdem über die zunehmende Geschmacksarmut, die Vielfalt, der von Ihnen zur Bestäubung angedachten Pflanzen. Diese Ausbreitung von Monokulturen mag vielleicht in Ihrem Interesse liegen, jedoch nicht in unserem. Ich bitte Sie dies bei der Planung zukünftiger Äcker zu berücksichtigen. Denn wie würde es Ihnen gefallen, tagtäglich bis zu Ihrem Dahinscheiden nur Kartoffeln mit Butter aufgetischt zu bekommen? Doch genug davon. Sie merken, ich werde emotional. Dies ist eine Warnung und vielleicht die letzte von unserer Seite aus. Sollten die von uns angesprochenen Punkte nicht schleunigst eine Verbesserung erfahren, werden wir die notwendigen Schritte einleiten, um unser Überleben zu sicher.

Ich hoffe möglichst bald von Ihnen zu hören, damit wir zusammen einen Kompromiss finden können, welcher unsere beiden Arten zufrieden stellen wird.

Hochachtungsvoll,

Irmeltraud Summelbrumm, Abgeordnete – Königin – Mutter

Rückblick, Istanbul 2010

Sieben Jahre ist es nun her, dass ich zusammen mit meiner Klasse zwei Wochen im Herzen Istanbuls verbracht habe. Eine Abifahrt, die mir gut in Erinnerung geblieben ist.

Während des gesamten Ausfluges empfand ich eine sanfte Leichtigkeit, welche nun im Nachhinein, vielleicht meiner jugendlichen Unwissenheit und Naivität geschuldet war. Damals wusste ich noch nichts von der PKK, oder den tausenden, kurdischen Demonstranten, welche für mehr Rechte und Freiheit demonstriert hatten und daraufhin in staatlichen Gefängnissen gelandet waren. Schon damals war alles im Umbruch, Erdogan im Begriff die Macht an sich zu reißen, indem er die Leute mit Sprüchen wie „Die Terroristen werden in ihrem eigenen Blut ersaufen“ (Quelle unten), köderte und damit die Position der AKP zu stärken versuchte. Dies alles war mir fremd. Ich hatte nur Augen für die Wunder dieser Millionenmetropole, in welcher man die Geschichte und Kultur atmen konnte, sofern man sein Herz dafür öffnete. Dieses Juwel am Meer, das einen den Zauber des Orients wirklich spüren ließ, durch unzählige Kleinigkeiten, welche sich wie Mosaikstücke zu einem wunderbaren Gesamtbild zusammenfügten. Ein paar dieser Fragmente, in denen auch stets der Geist der jeweiligen Menschen innewohnt, möchte ich im Folgenden kurz beschreiben.

Stromerte man umher und wurde als Tourist erkannt, so drängten sich einem augenblicklich einige der unzähligen Straßenhändler wie eine hungrige Geierschar auf. Mit kaufmännischer Gnadenlosigkeit versuchten sie ihre „Marken“-Waren zu verkaufen, wobei sie im Verlauf des Gespräches immer aufdringlicher wurden, bis schließlich der Kunde; oder anders -Das Opfer-, nachgab und dem Drängenden etwas abnahm oder sich eingeschüchtert wieder in den unendlich dahinwogenden Menschenstrom mischte. Den Einheimischen bereiteten diese zu allem entschlossenen Plagegeister jedoch keine Probleme, denn sie hatten ein Mittel gefunden, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Völliges Ignorieren. Ganz einfach. Sie sahen den Händlern weder in die Augen, noch reagierten sie auf deren Ansprache, behandelten sie wie Steine am Wegesrand. So schlau war ich nicht, weswegen ich gutmütiger Narr mich immer wieder in derartige Verkaufsgespräche verwickeln ließ, welche jedoch für sämtliche Händler fruchtlos ausgingen. Ich bin kein Souvenirmensch und das Einzige was ich dort gekauft habe, war seltsamerweise eine dicke Wollwintermütze in einem Sportkleidungsgeschäft, die ich bis heute noch gerne anziehe.

Etwas was ich unbedingt erwähnen muss, ist der unaufhörlich brodelnde Verkehr, der allen, die ihn selbst erlebt haben, auf ewig in Erinnerung bleiben wird. Stoßstange an Stoßstange geschmiegt, jedes Fahrzeug mit tiefen Kratzern geschmückt, endlose Hupsymphonien, die Frage: Wohin wollen die denn alle? Taxifahrer, welche Rennfahrern problemlos Konkurrenz machen konnten und für ein kleines Trinkgeld auch mal nachts mit 120 durch eine 30-er Zone rauschten, dabei auch gerne mal rote Ampeln überfuhren und mehr Passagiere als erlaubt mitnahmen, waren keine Seltenheit, sondern eher Standard. Stichwort Nacht. Nachts verwandelte sich Istanbul in eine andere Stadt. Wie von einem schrecklichen Sturm leergefegt, zeigten sich die sonst so üppig belebten Straßen und Gehwege mit unheimlicher Leere. Keine Spur mehr von dem Chaos, den quirligen Menschenmassen, in denen man sich so unbedeutend, so unwirklich vorkommt.  Ich konnte nun auch in der Innenstadt zum ersten Mal die kühlen, salzigen Küstenwinde spüren, welche sich jetzt unbehindert durch die Straßen wälzen konnten, all die Abgase vertrieben, und meinem vor Eindrücken dampfenden Kopf unbedingt notwendige Abkühlungen verschafften. Das Schöne und das Tragische lagen in Istanbul schon immer nah beieinander.

So sah man nachts viele Bettelkinder, oft schon Zweijährige, verloren an den Gehwegen sitzen, rehäugige Prinzen- und Prinzessinengesichter, deren Blicke mein Herz mit gezackten Dolchen stachen. Hinter einem Fenster in unmittelbarer Nähe wartete allerdings die jeweilige (Raben-) Mutter, dieses schreckliche Wesen, welches jegliche Münze oder Süßigkeit dem Kind sofort wieder wegschnappte, sobald eine gütige Person ihrem Pflichtgefühl Folge leistete und dem Kind etwas gab. Wie ist es wohl jetzt? Hat sich daran etwas verändert? Dies würde mich sehr interessieren, doch die derzeitige Situation macht einen Besuch unmöglich, ja ethisch unvertretbar für mich. Ich möchte dort wieder in einer belebten Bar sitzen, gemütlich Wasserpfeife rauchen, dem bunten Singsang der Sprachen lauschen und himmlisch süßen Apfelchai trinken, bis mein Magen sich dagegen aufbäumt. Frisches, duftendes Baklava genießen, das mir die Kauleisten so zusammenpappt, dass ich diese nur mit einem gut gefüllten Glas Raki wieder voneinander ablösen kann. Hafengestank, Gewürztürme auf dem Basar, dahinsiechender Müll in den Seitengassen, der süße Duft hinreißender, kurzröckiger Türkinnen. Europa – Asien. Der Morgenkaffee zum Morgengebet, das aus zahllosen Minaretten majestätisch über die gesamte Stadt schallt, sie aus dem verdienten Schlaf wirft, die kräftig goldene Sonne auf den Dächern begrüßt.

Wenn ich nun an all diese Einzigartigkeiten denke, so befällt mein Herz eine gewisse Beklemmnis, angesichts der Gegenwart und den traurigen Entwicklungen der letzten Jahre. Ich kann also nur hoffen. Hoffen, dass sich diese Stadt ihren wundervollen, zwiespältigen Charme auch in diesen schwierigen Zeiten erhalten hat und erhalten wird, bis ich zurückkehren kann.

Denn dort wo es gefährlich ist man selbst zu sein, zieht es mich nicht hin, dort kann ich keine wahre Freude empfinden.

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(http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-06/kurden-tuerkei-politik)

Begegnung

Am Bahnhof sehe ich ihn umherstreifen. Drei Plastiktüten in den Armen. Du Armer, denke ich. Sein Jetzt, Damals und Morgen mit sich tragend, trottet er zwischen den Leuten hindurch. Hebt schüchtern den Blick, schaut die Pendler an. Volle Koffer, volles Leben. Doch bleibt ihnen keine Zeit zur Freude. Er hat genug Zeit, doch keine Freude. Ein schmaler Grat, den wir alle da wandern. Weiter. Schultertief den Arm in den grauen Mülleimer gesteckt, umhertastend, hoffend. Abwertende Blicke brennen sich ihm in den Rücken. Er ist es gewohnt.

Alles klebt, es riecht nach Verwesung. Eine grüne Glasflasche zieht er hervor, betrachtet sie im Licht, wie ein Kind eine Murmel betrachtet. Pfand. Sein Gesicht leuchtet, ganz kurz. Kleiner Funke. Die Flasche wird ausgeschüttet, eingepackt, wohin nun? Stolzes Herz, will nicht betteln, will nicht brechen. Er verschwindet im Gedränge, irgendwie.