Die kleine Ente

Hallo Ihr Lesenden,

derzeit muss ich auf eine Prüfung (26.07) lernen und komme daher leider kaum zum Schreiben. Damit hier nicht alles gänzlich verebbt, biete ich Euch mal das erste Kapitel von einer Kindergeschichte dar, an der ich gerade arbeite. Von Rechtschreibfehlern bitte ich abzusehen, da mir der Kopf gerade gänzlich vor lauter Sport-, Ernährungs-, und Chemiezeugs schwirrt. Über Rückmeldungen würde ich mich freuen : ). Wie die Geschichte weitergeht, werde ich an dieser Stelle noch nicht verraten.
Liebe Grüße,
Max

Die kleine Ente

Es war einmal eine kleine Ente, die nicht fliegen konnte. Die anderen Enten am Teich ärgerten sie deswegen oft. Das machte die kleine Ente sehr traurig. Eines Tages, nachdem die anderen Enten besonders fies zu ihr gewesen waren, versteckte sie sich in einem hohlen Baumstamm, der auf dem Wasser in Ufernähe trieb. Es war völlig dunkel dort drin und niemand würde sie hier sehen. Hier fing sie dann an zu weinen. Das Weinen machte sie schrecklich, schrecklich müde und so fiel sie in einen tiefen Schlaf. Sie bemerkte daher nicht, dass der Baumstamm sich langsam vom Ufer löste und aus dem See trieb. In nördlicher Richtung entsprang dem See ein Fluss und genau dorthin trieb es den Baumstamm, in dem die kleine Ente schlief. Hätte sie das mitbekommen, so wäre sie wohl aus dem Baumstamm gesprungen und zurückgeschwommen, doch sie schlief so fest, dass sie von all dem nichts mitbekam. Ein paar Stunden später, es war mittlerweile Nacht geworden, wachte die kleine Ente auf. Die Sterne funkelten am dunkelblauen Firmament wie Millionen goldene Tropfen. Die kleine Ente sah den Nachthimmel durch ein Loch im Baumstamm, wurde wieder müde und schlief ein.
So trieb sie weiter und weiter und weiter…
Sie trieb an einem wundervoll mysteriösen Wald vorbei, aus dem hunderte glühende Augen sie beobachteten und seltsame Geräusche zu hören waren. Satte Wiesen, auf denen Kühe und Schafe schliefen, zogen an ihr vorbei. Auch einige am Fluss gebaute Städtchen passierte sie. Ganz viele Dinge, welche das Entlein in helles Erstaunen versetzt hätten, wenn es sie mit eigenen Augen erblickt hätte. Die kleine Ente war nämlich herrlich neugierig und hatte ihren See noch nie zuvor verlassen. Wieso die anderen Enten, all jene die fliegen konnten, auch noch nie den See verlassen hatten, verstand die kleine Ente nicht. Sollte sie jemals fliegen können, so würde sie gaaaaaaaanz viele andere Seen besuchen, die Welt erkunden! Dies hatte sie sich fest vorgenommen. Aber leider bekam die kleine Ente von all den Wundern der Welt gar nichts in ihrem Schlummer mit.
So trieb sie weiter und weiter und weiter…

Schließlich erwachte die kleine Ente. Gleißendes Sonnenlicht blendete sie, als sie verschlafen aus dem Baumstamm herauskletterte und ins Wasser plumpste. Sie gähnte genüsslich und streckte ihre Flügel. Doch als sie schließlich wieder richtig sehen konnte, bekam sie den Schreck ihres Lebens. Wasser. Ringsherum nur Wasser. Keine Spur von einem Ufer, von dichtem Schilf, von den Weidenbäumen, welche ihren See umsäumten. Nur Wasser. Die kleine Ente schwamm panisch zurück zum Baumstamm und musste sich erst einmal beruhigen. Wo war sie bloß gelandet? Sie kletterte auf das große Stück Holz und sah sich um. Wasser, Wasser, Wasser. Eine tiefblaue, trügerisch glatte Fläche in allen Himmelsrichtungen. Das Meer. Quakhilda, eine alte, kluge Ente mit grauem Gefieder, hatte der kleinen Ente einst davon erzählt, doch hatte sie sich das Meer niemals wirklich vorstellen können. Es war beeindruckend und gleichzeitig auch beängstigend. Quakhilda hatte in ihrem Leben viele Abenteuer erlebt und erzählte den Jungenten oft spannende Geschichten. So war sie einmal vor einem Bären geflüchtet. Ein riesiges Ungetüm, hunderttausendmal so groß wie ein Fuchs! Die kleine Ente hatte diese Geschichten geliebt, auch wenn sie insgeheim wusste, dass Quakhilda manchmal wohl übertrieb.

Das Meer und seine unfassbare Unendlichkeit, machten auf die kleine Ente nun einen gewaltigen Eindruck. Es war viel erstaunlicher, als in allen Schilderungen, welche sie gehört hatte. Ob sich dies wohl mit anderen Geschichten auch so verhielt? Die kleine Ente bekam es mit der Angst zu tun, denn sie war ganz allein hier draußen. Sonst waren immer die anderen Enten um sie herum und auch wenn sie manchmal fies waren, so war es doch schön einen Schwarm zu haben, der einem Schutz bot. Dieser fehlte ihr jetzt sehr. Wohin sollte sie denn bloß schwimmen? Nichts als Wasser, kein Land in Sicht. „Ach, könnte ich bloß fliegen! Dann könnte ich einfach hoch in die Lüfte steigen und mich vom Wind treiben lassen. Land aus der Höhe erspähen oder eine Insel. In ihrem See gab es auch eine Insel, aber diese bestand nur aus ein paar großen, mit Moos bewachsenen Felsbrocken, in deren Mitte sich etwas Sand angesammelt hatte. Wie gerne sie doch jetzt diese Insel erblickt hätte. Aber nein, Wasser, Wasser, Wasser, Wolken und die Sonnen. Eine am Himmel und ihre Schwester auf dem Meer. „Was soll ich denn nun bloß machen?“, fragte sich die kleine Ente und lief eilig hin und her auf dem Baumstamm, grübelte mit aller Strenge, doch ihr fiel nichts ein. Plötzlich glitt ein dunkler Schatten unter dem Baumstamm vorbei und brachte in reichlich ins Schaukeln. Die kleine Ente musste große Mühe aufwenden und wäre fast ins Wasser geplumpst, aber sie konnte sich gerade noch so festhalten. „Hilfe, Hilfe, ein Monster!“, schrie sie so laut sie konnte, doch wer hätte sie denn hören sollen?

Im See war derweil ihr Verschwinden bemerkt worden und eine große Suchaktion entbrannt. Die anderen Enten durchkämmten den ganzen See, das Schilf, die zugewachsenen Uferböschungen, doch nichts. Keine Spur von der kleinen Ente. Da schämten sich diejenigen Enten, welche sie gehänselt hatten sehr und wünschten sich, dass sie dies niemals getan hätten, dass die kleine Ente doch wieder zurückkommen soll. Denn nun wurde ihnen erst deutlich, welchen Wert die kleine Ente für sie alle gehabt hatte. Sie konnte zwar nicht fliegen, war dafür aber sehr, sehr schlau. So hatte sie in der Vergangenheit immer wieder erstaunliche Sachen gebastelt, welche ihnen das Überleben erleichtert hatten. Unter anderem aus Menschenmüll ein „Wegdings“. Ein kleiner Zaun, der ihnen am östlichen Ufer Sicherheit bot, indem jeder der ihn berührte, sich durch ein lautes Klappern verriet. Hierzu hatte die kleine, schlaue Ente eine schwarze Plastikschnur genommen und ein paar rostige Dosen daran befestigt, so dass es laut schepperte, wenn jemand die Schnur berührte. Ein Klappern und die ganze Vogelbande war hellwach und entfloh in den See. Zweimal hatte dies bereits einen Fuchs verraten, der sich schon auf ein herzhaftes Stück Entenfleisch gefreut hatte. Als die kleine Ente nach fünf Tagen schließlich immer noch nicht gefunden oder zurückgekehrt war, brachen die anderen Enten die Suche schließlich ab. Traurig schwammen sie umher und die alte Quakhilda schimpfte die Enten übel aus, welche die kleine Ente wegen ihrer Flugunfähigkeit geärgert hatten.

Der dunkle Schatten umkreiste jetzt den Baumstamm und die kleine Ente, welche vor Furcht ganz starr geworden war. Der Schatten war riesig, fast dreimal so groß wie der Baumstamm  und bewegte sich mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit im Wasser fort. Die kleine Ente sprach ein Entengebet und es schien zuerst so, als ob sie erhört wurde. Doch leider schien es eben nur so. Der Schatten entfernte sich vom Baumstamm, drehte jedoch gleich wieder um und schoss dann mit ungeheurer Geschwindigkeit auf diesen und die kleine Ente zu. Ein Buckel kam zum Vorschein und eine beängstigende Rückenflosse, welche die Wasseroberfläche zerschnitt. Der Schatten kam näher und näher. Die kleine Ente schloss die Augen und machte sich auf den Aufprall bereit. Doch was dann passierte, damit hatte sie nicht gerechnet. Mit einem kraftvollen Ruck schwang sich der Schatten aus dem Wasser und sprang über Baumstamm mitsamt Ente hinweg, dass er für einen kurzen Moment die Sonne verdunkelte. Mit einem gewaltigen Platscher tauchte der Schatten wieder ins Wasser ein. Die aufgeworfene Flutwelle traf den Baumstamm mit einer gewaltigen Wucht. Die kleine Ente wurde ins Meer geschleudert. Prustend tauchte sie auf, zappelte mit den Flügeln und sah sich panisch um. Der Schatten war direkt unter ihr. Plötzlich spürte die kleine Ente einen heftigen Schlag. Mit einem lauten Rauschen erhob sich eine gewaltige gräuliche Insel aus dem Meer und die Ente hatte festen Boden unter ihren Füßen. Verwirrt watschelte sie umher. Die Insel hatte viele weiße Punkte und schimmerte an manchen Stellen  in einem dunklen Blau. Der Baumstamm trieb einige Meter neben diesem Inseletwas und die Ente wollte gerade schon zu ihm hinhüpfen, als eine tiefe, dröhnende Stimme sie einhalten ließ.
„Was bist du und was machst du hier, du kleines Ding?“
Die Ente stand regungslos da und verstand noch nicht ganz, woher die Stimme kam. Sie lief auf das spitze Ende der Insel zu. Da sah sie, worauf sie stand. Das war keine Insel, das war ein Fisch. Ein riesiger Fisch, mit einem gewaltigen Maul. Sie wusste nicht, dass es sich dabei um einen Walhai handelte. Ein friedfertiger Koloss, der hauptsächlich Plankton, Krebstierchen und kleine Fische frisst, indem er Wasser in sein riesiges Maul strömen lässt und es dann nach Essbarem filtert.
„Bitte, bitte friss mich nicht!“, rief die kleine Ente ängstlich und blickte in das Auge an der rechten Seite des gewaltigen Maules.
„Du siehst nicht lecker aus, dich fress ich nicht“, dröhnte der Walhai und schlug einmal mit der Schwanzflosse. Schon war der Baumstamm in weiter Ferne, was dem Entlein nicht gerade gefiel.  Sollte der Fisch abtauchen, so müsste sie weit zurückschwimmen, was sie sehr viel Kraft kosten würde. Kraft, die sie vielleicht noch bitter brauchen würde.
„Was bist du und was machst du hier, du kleines Federding?“, fragte der Walhai erneut mit seiner dumpfen Stimme.
„Ich…ich…ich heiße ____ und bin eine Ente. Ich weiß leider nicht, wie ich hierhergekommen bin. Ich habe in meinem See geschlafen, dort in diesem Baumstamm und bin dann hier auf dem großen, weiten Meer aufgewacht.“
„Eine Ente? Davon habe ich noch nie gehört. Du kleines Entendings, setz dich mal an meine Rückenflosse und halt dich da gut fest. Ich habe nämlich ziemlich großen Hunger!“
Die kleine Ente gehorchte und watschelte zu der Rückenflosse des Walhais. Als sie sich dort hingesetzt und die Flosse ergriffen hatte, setzt der Koloss sich langsam in Bewegung und schnappte während er schwamm immer wieder nach ein paar rosafarbenen Quallen, die an der Wasseroberfläche wie hässliche Seerosen trieben. Währenddessen erzählte die Ente ihm von ihrem See, den anderen Enten, den Landtieren sowie den Menschen. Er war ziemlich neugierig und hörte sich geduldig alles an, was die Ente zu sagen hatte. Im großen, weiten Meer konnte es nämlich manchmal wirklich sehr einsam sein. Oft schwamm er wochenlang durch die See, ohne einen anderen Walhai zu sehen. Das Flattertierchen kam ihm daher gerade recht. Schließlich hatte sie ihm alles erzählt, was sie ihm so erzählen konnte und er war nun an der Reihe. Der Walhai, der den Namen Rhinco trug, schwamm normalerweise in wesentlich tieferen Gewässern umher, aber er hatte an diesem Tag mal wieder Lust auf Quallen gehabt und war daher aufgetaucht. Dabei hatte er den Umriss des Baumstammes von unten gesehen und wollte mal nachschauen, worum es sich dabei handelte. Dass eine kleine Ente darauf sitzen würde, damit hatte er natürlich nicht gerechnet….

to be continued

 

 

Licht durch Grau

In dem großen Buchgebäude,
saß ich stumm an einem Tisch,
Lernen schuf mir keine Freude,
so war mein Geist schon nicht mehr frisch.

Statt dem Lernen schrieb ich wieder,
schweifte ab und tauchte ein,
im Kopfe klangen Kinderlieder,
die kleine Ente* wollte heim.

Doch auch das Schreiben hielt nicht lang,
denn SIE trat in den stillen Raum,
süßer Glocken Schillerklang,
vor Anmut konnt ich atmen kaum.

Du Fremde mit den zarten Wangen,
du sommerschönes Frauenglück,
erwecktest mir den Götterglauben,
verzücktest mich mit deinem Blick.

Ein Wesen wie aus einer Sage,
zerwühlte mir die Herzensruh,
schüchtern wie ein junger Knabe,
sah ich dir ganz verstohlen zu.

Du suchtest einen Platz,
im gutgefüllten Raum,
und wie es sich ergab,
war wie in einem Traum.

Denn neben mir ward Leere,
der Stuhl vereinsamt stand,
und du mit deiner Hehre,
hast ihn für dich erkannt.

Zu einem Eisblock wurde ich,
der Puls hinauf, die Backen rot,
mit Frauen ist´s mir fürchterlich,
die Schüchternheit, welch schwere Not.

Nun saßt du dort, gleich neben mir,
und machtest dich bereit,
mit Buch und Stift und viel Papier,
in deinem schönen Kleid.

Doch lange hielt dein Eifer nicht,
gar trocken war der Schmöker wohl,
ein Schnaufen war das Schiedsgericht,
„Ich weiß nicht, was das Ganze soll?“

Ich lächelte und kommentierte,
der Beistand tat dir sichtlich gut,
und deine Worte wie Gesang,
verschlangen meinen ganzen Mut.

„Mittags ist mein Tief“,
sprachst du und gabst den Kampf dann auf,
auf des Tisches Platte schief,
legtest du dein Köpflein drauf.

Zu die Augen, ruhiger Atem,
mir blieb das Herz fast stehen,
was Schöneres im ganzen Leben,
hab ich noch nie gesehen.

Und alles woran ich nun dachte,
was mich ganz weich und wirre machte:

Auf dieser Welt kann es nichts Höheres geben,
als an der Seite dieser Frau,
die Tage zu erleben,
ja neben ihr zu erwachen,
sie glücklich zu sehen,
mit ihr zusammen lachen,
zweisam durchs Leben gehen.

Eine Stunde voll im Glücke,
saß ich dort und schrieb nicht viel,
lernte nichts und träumte nur,
genoss das warme Hochgefühl.

Dann rief jedoch die Uhr zur Eile,
heimwärts musste ich nun streben,
ach, könnte man die Zeit einfrieren,
und solches Glück für ewig leben.

Ein letzter Blick, ein leises Tschüss,
dann war ich schon entflogen,
und schnaufte durch, ja kam zum Sinn,
der Herrlichkeit enthoben.

Ich nahm mir vor: Beim nächsten Mal,
da wirst du etwas sagen,
denn meines Herzens sanfte Qual,
will ich nicht mehr ertragen.

Dieser Lerntag war nicht fruchtbar,
war mein Geist doch höchst zerstreut,
doch jene Müßiggängerstunden,
hab ich zu keiner Zeit bereut.

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* Eine Kindergeschichte an der ich gerade arbeite

Der Rabe und der Fuchs

In Anlehnung an La Fontaine, Lessing und Thurber

Der Rabe und der Fuchs

Es saß einmal ein Rabe auf einem Ast und machte sich daran eine Scheibe Käse zu verspeisen, die er von dem Vesperbrot eines unachtsamen Gipserlehrlings stibitzt hatte. Da kam ein Fuchs herbeigelaufen, der den Raben und den Käse gerochen hatte. Er setzte sich vor dem Ast auf den Boden. Der Rabe rührte keinen Muskel, da er wusste, dass Füchse nicht so hoch springen konnten und er hier oben vor dem Räuber sicher war.
„Guten Tag werter Rabe, Sie kühner Bezwinger der Lüfte, tollkühner Artist der starken Winde“, sprach der Fuchs
„Scher dich fort du rotpelziges Übel!“, rief der Rabe und blickte abwertend auf den Fuchs herab.
„Du bekommst weder ein Stückchen von mir, noch meinem Käse.“
Der Fuchs blieb sitzen.
„Ach, Herr Rabe. Ich komme nicht um meinen Hunger an Ihnen oder Ihrem Käse zu stillen. Nein, ich habe ein viel wichtigeres Anliegen, das es zu besprechen gilt. Sie, der Sie weit bis über die Landesgrenzen für Ihre Weisheit und Raffinesse bekannt sind, bitte ich, mir ein winzig weniges Bisschen Ihrer wertvollen Zeit zu schenken. Ein paar Minuten, welche Sie nicht bereuen werden. Fuchsehrenwort!“
Der Rabe, welchem die Listen der Füchse aus zahlreichen Rabengeschichten bekannt waren, wusste, dass er sich von den Schmeicheleien seines Gegenübers nicht einlullen lassen durfte. Jedoch hatte der Fuchs seine Neugierde entflammt. Was für ein Anliegen hatte er? Zudem war der Rabe gelangweilt, weswegen er sich schließlich auf das Gespräch einließ.
„Du scheint wohl schlechte Ohren zu haben. Aber gut, lass hören. Ich habe ohnehin gerade nichts Besseres zu tun und will mir deine Worte anhören. Wähle sie gut!“, sagte der Rabe. Das freute den Fuchs und er verneigte sich höflich vor dem Raben.
„Ich bin zu dir gekommen, um dir mitzuteilen, dass wir Füchse dazu bereit sind, unsere Jahrtausende währende Feindschaft zu beenden. Ein gewaltiges Übel ist über unsere beiden Völker hereingebrochen, dem wir schrecklich hilflos gegenüberstehen.“
„Fahr fort. Von welchem Übel sprichst du?“
„Stolzer Rabe, ich rede von den Menschen. Ein größeres Unheil als sie hat es noch nie gegeben und wird es auch wohl nie geben. Sie verseuchen rücksichtslos das Wasser, die Erde, ja auch die Luft, welche du mit deinen starken Schwingen beehrst.
„Wir Tiere“, er fasste sich mit beiden Pfoten an sein Herz, “ sind dem zerstörerischen Treiben der Menschen nahezu machtlos ausgeliefert. Ein Umdenken ist daher nötig, wenn wir überleben wollen. Die Raben und die Füchse, Todfeinde seit Äonen, müssen in dieser Zeit der Not zusammenhalten! Dies ist mein Anliegen. Ein Bündnis.“
Der Fuchs machte eine Pause und blickte den Raben erwartungsvoll an.
„Was hälst du davon, du weisester aller Gefiederten?“
Der Rabe hob einen Flügel und sprach:
„Lass mich nachdenken.“
Nun war es ein Weilchen still und man konnte die Grillen hören, welche im Gras ihre Liedlein zirpten. Der Rabe dachte angestrengt über das Gehörte nach. War es nur eine weitere List, oder meinte es der Fuchs ernst? Ihm schwirrte der Kopf. Abgesehen von den Schmeicheleien, welche dem Raben mehr gefielen als ihm recht war, hatte der Fuchs wahre Worte gesprochen. Die Menschen stellten für ihn und seinen Schwarm, von dem er sich entfernt hatte, weil es ihn nach etwas Einsamkeit gelüstet hatte, mittlerweile die größte Bedrohung dar. Schon viele seiner Brüder und Schwestern sowie deren Nachkommen waren durch die Menschen umgekommen. Manche unvorsichtige Jungtiere waren mit den glänzenden, dröhnenden Metallkäfern zusammengestoßen, welche von den Menschen gesteuert wurden. Andere Raben hatte man erschossen oder waren an den Folgen von vergiftetem Futter gestorben.

Schließlich war der Rabe zu einem Entschluss gekommen. Er plusterte sich auf, nahm tief Luft und erhob dann das Wort:
„Fuchs, ich habe lange und gründlich über deine Worte nachgedacht. Auch wenn mir dabei Dornenranken das Herz umschlingen, so muss ich dir zustimmen. Die Menschen sind unser größtes, gemeinsames Übel, eine unerträgliche Plage. Ich nehme daher dein Angebot an.“
Er hob beide Flügel zum Himmel empor, schloss die Augen und verkündete laut:
„Es sei besiegelt! Füchse und Raben in einem gemeinsamen Kampf…“
Während der Rabe dies sagte, hob der Fuchs seine rechte Pfote leicht an. Das Signal.
Blitzschnell sprang ein Marder, der Komplize des Fuchses, hinter dem Raben hervor und überwältigte ihn. Er war, während der Fuchs den Raben abgelenkt hatte, vorsichtig auf den Baum geklettert und im Verborgenen auf das Signal des Fuchses gewartet, um zuschlagen zu können. In einem wilden Knäuel aus Fell und Federn fielen die beiden auf den Boden. Sogleich stürzte sich der Fuchs auf die beiden und biss erst dem Raben, dann dem Marder das Genick durch.
„Gut gemacht, du einfältiger Narr“, sagte der Fuchs zu dem regungslosen Körper des Marders, der nicht geahnt hatte, dass er nur benutzt worden war. Der Fuchs lachte. Seine List war aufgegangen. Zuerst rupfte er den Raben. Nach getaner Arbeit begann er ihn gierig aufzufressen. Das Beste zuerst, bevor es ihm irgendjemand klauen konnte. Gerade als der Fuchs sich den Raben einverleibt hatte und sich über den Marder hermachen wollte, fiel ein großer Schatten auf ihn. Mit blutverschmiertem Maul blickte er verwirrt in den Himmel, der den ganzen Tag ringsherum bis zum Horizont völlig wolkenlos gewesen war. Pures Entsetzen befiel ihn und seine grässlichen Todesschreie waren weithin zu hören. So hatte er in seinem Fressrausch nicht bemerkt, dass ein kleiner Rabe über ihn geflogen war und ihn bei seinem blutigen Tun beobachtet hatte. Der kleine Rabe war sogleich zu seinem Schwarm geflogen und hatte allen von seiner Beobachtung erzählt. Daraufhin flogen die Raben, welche auf einem abgeernteten Maisfeld hockten und nach Körnern suchten, los und rächten auf sehr brutale Weise den Mord an ihrem Schwarmmitglied.

Eine Kopfsache

Dunkelblau schimmerte das Licht auf seiner Stirn. Es pulsierte leicht und manchmal vibrierte der kleine, ringförmige Metallapparat aus dem es strömte so sehr, dass Christian Schmelzer vor Schmerzen schlechte Laune bekam. Eines Tages traf er eine Entscheidung, welcher kein besonderes Einzelereignis voranging; eher eine jahrelange Neugierde, die ihn schon bald sein Leben kosten würde. Stück für Stück festigte sich der Entschluss, bis er; ein durchschnittlich begabter Mann im Mittag seines Lebens, sich dazu entschied, seine tägliche Dosis nicht zu nehmen. Zu seiner Verwunderung verspürte er in den nächsten Tagen und Wochen keinerlei körperliche oder seelische Leiden. Was sich jedoch am vierten Tag ereignete, war etwas, das in seinen Mitmenschen allerlei verborgene Gefühle erweckte und letztendlich zu seinem Tod führen sollte. So wechselte nämlich das Licht auf seiner Stirn die Farbe. Als er am Morgen des vierten Tages nach dem Absetzen der Dosis seiner Morgentoilette; bestehend aus Stuhlgang, Dusche, dem Auftragen einer Lotion sowie einer schnellen, ungenauen Rasur, nachging, erschrak er dermaßen, dass es ihm das Blut aus seinem Gesicht jagte. Der Grund jenes Erbleichens war die schon genannte Farbveränderung seines Stirnlichtes. Statt einem dunklen Blau grinste ihn nun ein blutiges Rot im Spiegel an. Der Metalleinsatz in der Mitte seiner Stirn, ein Gebilde aus Titanstahl und allerlei Elektronik, mutete nun wie ein Unheil verkündendes Teufelsauge an.

Er blinzelte, kniff sich. Nichts, keine Veränderung. Unnachgiebig starrte ihn das Rot an. Als er daran fassen und an dem Gebilde ein bisschen rütteln und drücken wollte, um diesen Zustand umzukehren, bekam er einen so heftigen Stromschlag, dass er auf dem Fließenboden seines Bades erwachte und eine garstige Beule an seinem Hinterkopf pochte. Er rappelte sich auf und starrte ratlos sein Spiegelbild an. Die Idee, dass jener Farbumschwung aufgrund seiner eigenmächtigen Absetzung der täglichen Dosis eingetreten war, eröffnete sich ihm in diesen ersten Schreckminuten noch nicht. Als sein Geist jedoch die ersten Wellen der Verstörung überwunden hatte, kam ihm dieser Zusammenhang in den Sinn. Sogleich begann ein innerer Kampf, den er bis zu seinem baldigen Lebensende bestreiten würde.

Schon als er an diesem Morgen aus seiner Haustüre trat, fiel die rot leuchtende Stirn seinem Umfeld auf. Simon Krüger, Nachbar seit fast einem Jahrzehnt, stürzte fast im Treppenhaus rückwärts herunter, als er Herrn Schmelzer entgegenstieg. Er sagte zwar nichts, jedoch entblößten seine Augen jene Gedanken, welche ihm bei diesem Anblick durch den Kopf rauschten. Krüger grüßte ihn mit einem unsicheren:
„Guten Morgen Christian!“, und hangelte sich dann die Treppe hinauf, nicht ohne Herrn Schmelzer noch in den Rücken zu starren, bis dieser um die Kurve war. Ähnlich erging es dem Rotstirnigen an seiner Arbeitsstelle. Ängstliche, misstrauische Blicke drangen von allen Seiten hin auf ihn ein, während er durch das Büro schritt. Gerüchte wurden augenblicklich gestreut, so dass er schon am Ende seiner donnerstäglichen Sechsstundenschicht im gesamten Gebäude zu einer enormen Bekanntheit emporgestiegen war. Eine Bekanntheit, die er selbst nach vierzig Jahren Arbeit in dieser Firma nicht hätte erlangen können. Jenes feig verborgene Geläster von Kolleginnen und Kollegen, selbst von Chefs, wurde fleißig weitergereicht und zu Wahrheiten verdichtet, wodurch er am Ende des Tages, als er aus dem Foyer schritt, jede erdenkliche Untat verübt hatte.

Am Abend hatte er sich Freunde eingeladen und selbst mit diesen verhielt es sich nicht besser. Immerhin fragten diese ihn offen, was denn der Grund für seine seltsame Stirnfarbe sei.
„Wie du nimmst deine Dosis nicht? Das geht doch nicht!“, empörte sich Lea Steiger, eine hochgewachsene Blondine mit Lachfalten im leicht gepuderten Gesicht. Während sie dies sagte, gestikulierte sie in italienischer Manier, was jedoch eher an lächerliche Zaubereiversuche erinnerte, da sie dabei eine Salzstange in ihrer Hand umherschwang.
„Warum nimmst du sie denn nicht?“, wurde Christian von allen Anwesenden gefragt, doch darauf konnte er selbst keine klare Antwort geben, was nur noch mehr Unfrieden stiftete. Der Abend endete im Streit und einer zugeschlagenen Haustür. Nachbar Krüger war von dem lautstarken Disput aufgewacht und hatte mit einem Glas an der Wand zu lauschen versucht, jedoch nur Wortfetzen aufgreifen können, die isoliert keinen Sinn ergaben.

Aus Trotz nahm Herr Schmelzer auch in den folgenden zwei Wochen seine Dosis nicht und so leuchtete seine Stirn weiterhin in dem blutigen, von seinem Umfeld verhassten Rot. Menschen, die ihm einst nah gestanden, ja ihn geschätzt und geliebt hatten, entfernten sich in dieser kurzen Zeit deutlich von ihm. Keine Anrufe, keine Einladungen. Er nahm dies wahr, jedoch genoss er zu seinem Unglück jene kürzlich erworbene Aufmerksamkeit in höchstem Maße und verdrängte alle warnenden Gedanken, die ihn vor möglichen Gefahren hätten beschützen können. So schlossen sich alsdann einige seiner Freunde und Arbeitskollegen zu einem geheimen Bund zusammen und berieten, wie man mit ihm weiter verfahren sollte, falls er sein rebellisches Verhalten in der nächsten Zeit nicht ablegen würde. Die Folgen, die sein Verhalten für sie selbst darstellte, konnten sie nicht einschätzen, jedoch erklomm Furcht in ihnen herauf, wenn sie daran dachten. Sie gaben ihm eine weitere Woche Zeit und hofften, dass er bis dahin zu einem Einsehen kommen würde. Dem war nicht so.

In ihm tobte zwar weiterhin ein Kampf, allerdings bekräftigte das gänzliche Nichteintreten von Nebenwirkungen nach dem Absetzen der Dosis sowie jene zweifelhafte Berühmtheit; dieser Status des Ausgestoßenen, seine Entscheidung, der langgelebten Konformität weiter zu entsagen. Die notgetriebenen Verschwörer und Verschwörerinnen fassten schließlich einen Entschluss. Herr Schmelzer musste verschwinden. Tränen flossen manchen über die Wangen, während sie sich darüber berieten wie man das Problem; sie vermieden es nun in ihren Treffen seinen Namen auszusprechen, am besten und schnellsten aus der Welt schaffen könnte. Doch wie? Wer sollte es tun? Wer würde die verborgene Klinge führen, den Nackenschuss abfeuern, ihm den verhängnisvollen Stoß geben, wenn er an einem Abgrund stand, dabei in seinem Rücken keine Gefahr witterte. Keiner meldete sich freiwillig und so lief Herr Schmelzer weiterhin rotstirnig durch die Welt, wobei er dabei gänzlich friedfertig, und gut gelaunt wie eh und je war, sich wirklich vorbildhaft verhielt, sah man von seiner Dosis ab. Weiterhin ging er seinen üblichen Beschäftigungen nach, so als ob keinerlei Veränderung an ihm stattgefunden hätte.

Eines Tages jedoch hatte die Fröhlichkeit ein jähes Ende. Er war gerade bei der Arbeit und der Kaffee bewegte ihn auf die Toilette. Kurz nachdem er seine Hose heruntergelassen und vor Erleichterung beim Entleeren seiner Blase einen leisen, genüsslichen Seufzer ausgestoßen hatte, erschienen hinter ihm einige vermummte Gestalten. Ein grässlicher, lauter Schrei war zu hören. Alle im Büro erstarrten, hielten die Luft an. Die Tür zur Toilette öffnete und schloss sich wieder.
Und schon hielt der Alltag wieder Einzug in der Etage. So, ganz als ob nichts geschehen wäre, wurden Anträge ausgefüllt, wurde Kaffee gekocht und Smalltalk betrieben, Telefone klingelten, Verträge wurden abgeschlossen, manch einer träumte von seinem kommenden Urlaub, während er auf seinem Computer sich die Zeit mit Solitaire vertrieb. Ein Platz im Büro verblieb bis zum Feierabend leer. Niemand wagte sich mehr an diesem Tag auf das Herrenklo. Der Körper von Christian Schmelzer wurde in der Nacht fortgeschafft. Sein Stirnlicht war erloschen. Seinen Arbeitsplatz räumte man bereits am nächsten Tag, indem alle seine persönlichen Habseligkeiten in eine große Tüte gestopft und dem Restmüll zugeführt wurden. Erleichterung hätte nun eigentlich die Gemüter aller am Mord beteiligten Personen streicheln sollen. Dem war jedoch nicht so. Als sie am nächsten Morgen erwachten und sich selbst im Spiegel ansahen, wich die Müdigkeit sofort blankem Entsetzen. Denn bei jenen, selbst den Mitwissenden, nicht einmal den Mördern selbst, leuchtete nun die Stirn in einem blutigen, bösen Rot.

 

Tagebucheintrag: 15.09.2058

Auf den Straßen ist es unruhig. Erst gestern Mittag wurde ein Anschlag auf den Hauptsitz von Roscom – Robtec verübt, nachdem sie in einer Pressekonferenz ein neues Modell des RR-64 angekündigt hatten, welches anscheinend noch besser auf menschliche Sprachäußerungen eingehen und sie verarbeiten kann. Die Anwesenden jubelten. Wir nicht. Verdammte Roboter!

Eine Bombe ging kurz nach zwei Uhr im Foyer des Gebäudes hoch.  Zwölf Tote, leider alles nur Zivilisten. Keine Firmenvorsitzenden, Lobbyisten, oder Politiker, welche sich von denRoscom Drecksäcken schmieren lassen und uns dann frech ins Gesicht lächeln, wenn wir sie um Steuererleichterungen, mehr Kindergeld oder andere Dinge anbetteln, weil wir sonst vor die Hunde gehen. Aber die kümmert das alle nicht. Wir sind denen egal. Wir sind nur der Dreck an deren Schuhsohlen, den sie abschütteln wollen. Mal schauen wie lange noch…

Schwierige Zeiten sind es. Unsere Regierung hat uns im Stich gelassen und versucht jetzt mithilfe von Propaganda ihre eigene Unfähigkeit zu verschleiern, den Unmut des Volkes im Zaum zu halten. Pausenlos nerven uns ihre Durchsagen im Radio und im Fernsehen. Mancherorts fliegen sogar kleine Transporter durch die Gegend, auf denen Lautsprecher angebracht sind. Keiner glaubt ihnen mehr ihre Lügen. Millionen sind arbeitslos, bitterarm, wütend, zu allem bereit. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, dann beginnt er auch hier in Deutschland. Der große Krieg, der längst fällige Befreiungsschlag. Menschen gegen Roboter und deren Erbauer, gegen die Reichen und Mächtigen, welche uns ausnutzen, aus sicherem Abstand zusehen, wie wir alle verrecken. Die Roboter müssen verschwinden, anders geht es nicht. Es gibt keine anderen Perspektiven mehr. Einst konnte man träumen, besaß Möglichkeiten, aber ohne Geld, ist alles was uns bleibt Liebe und davon wird man nicht satt. Sie sagen, dass wir lernen sollen mit unseren ohnehin schon spärlichen Ressourcen schonender umzugehen, während sie selbst im Reichtum ertrinken, jeden Tag sich fetter und fetter fressen. Heuchler.

Das Militär stehen geschlossen hinter Roscom – Robtec. Klar, was auch sonst. Ich will gar nicht wissen, was für abartige Kampfmaschinen die Ingenieure von Roscom im Auftrag der Armee in ihren Werkstätten zusammenbauen. Der Gedanke, dass wir eventuell gegen solche Dinger kämpfen müssten, sollte es wirklich zu einem Bürgerkrieg kommen, bereitet mir große Furcht. Aber es geht nicht mehr. Es ist genug. Wir einfachen Leute leben wie die Ratten, müssen jeden Tag hoffen, dass unsere Kinder nicht hungrig zu Bett gehen müssen.
Mara…
Kein Wunder, dass da manche Leute das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Acht tote Politiker in einem Monat. Eigentlich ein trauriger Rekord, aber ich empfinde bei dem Gedanken an ihren Tod nur Freude, kein Bedauern.

In England hat sie schon begonnen. Die große Wende. Als es losging hat sich kurze Zeit später deren Regierung in drei Lager gespalten, welche sich gegenseitig die Schuld an der ganzen Situation zuschieben, während auf den Straßen völlige Anarchie herrscht. Englands Armee ist zu Milizen verfallen. Diese bekämpfen sich entweder gegenseitig, oder verkaufen ihre Kampfkraft an die Reichen. Mal schauen wie lange es noch dauert, bis hier die Straßen brennen. Ruben hat mir gesagt, dass es anscheinend weltweit Unruhen gibt. Was für ein Wahnsinn. Amerika, einst Vorreiter in der technologischen Entwicklung, soll sich bereits letztes Jahr in zig Teilstaaten aufgelöst haben, welche sich gegenseitig bekriegen und dabei reichlich Roboter, Drohnen und andere Abartigkeiten einsetzen. Zum Glück haben sie keine Atomraketen mehr, sonst würde mittlerweile wohl schon der ganze Kontinent in Asche liegen.

Nicht jeder Fortschritt ist automatisch gut, das haben wir nun schmerzlichst lernen müssen. Typisch Mensch. Voran, voran, voran und über die Konsequenzen wird nicht nachgedacht. Die Robotisierung hat die Menschheit völlig überrollt.
„Ein neues, glorreiches Zeitalter wird anbrechen. Lassen sie uns Ihren Alltag leichter machen“, war überall zu hören. Alles Lügen. Lügen, die zu lange geglaubt wurden. Lügen, die in allen Medien verbreitet wurden, bis es zu spät war und Roboter Menschen in jedem Lebensbereich abgelöst hatten. Jetzt sitzt der Großteil der Zeitungs- und Fernsehfuzzis selbst auf der Straße, weil ihre Arbeit von Robotern erledigt wird. Welche Ironie…

So wurden also allmählich Menschen durch Maschinen ersetzt und die Regierungen dieser Welt haben bis auf ein paar Ausnahmen nicht rechtzeitig soziale Auffangsysteme für all jene geschaffen, welche durch die Maschinen ihre Arbeit und damit ihre Existenzgrundlage verlieren. Und nun? Nun liegt alles in Scherben. Jeder der noch eine Arbeit hat fürchtet sich, dass er bald durch einen Roboter ersetzt werden könnte. Eine Welt der Angst, in der ich nicht länger leben will. Warum hat bloß keiner etwas dagegen getan? Warum habe ich bloß nicht schon früher etwas getan? Ja, ich fühle mich schuldig, denn jetzt zerfällt hier alles. Drogen und Gewalt bestimmen den Alltag, während unsere Regierungs“vertreter“ sich ihre Ärsche von Robotern und deren Erbauern vergolden lassen.

Keine Ahnung, vielleicht schließe ich mich bald dem Widerstand an, denn jeder Tag ist ohnehin schon ein Kampf. Erst gestern habe ich ein Flugblatt auf dem Nachhauseweg gefunden und mitgenommen. Darauf steht geschrieben:

„Bewaffnet euch! Es beginnt! Wir lassen uns nicht mehr unterdrücken! Heute stehen wir auf und wehren uns! Gegen die Robotisierung, die Maschinisierung unserer Welt, gegen den Verfall der menschlichen Kultur. Wir kämpfen für eine Zukunft, in der unsere Kinder nicht mehr von Maschinen erzogen werden, in der Menschen mehr wert sind als kaltes Metall, in der jeder eine Chance bekommt. Heute beginnt es! Ihr Menschen der Welt, vereinigt euch im Kampf gegen die Maschinen und ihre Meister! Reißt ihre Fabriken nieder, schneidet ihre Leitungen durch, bringt ihre Funktürme zu Fall!

Schließt euch noch heute dem Widerstand in eurer Stadt an! Wir sind viele und werden täglich mehr. Mit eurer Hilfe können wir es schaffen! Für euch, für eure Freunde, für eure Familie, für eine bessere Zukunft!“

Vielleicht folge ich dem Ruf. Vielleicht. Aber was soll dann aus Mara und Lisa werden? Ich weiß es nicht. Ich weiß so vieles nicht, aber eines ist mir klar. So kann es nicht weitergehen.

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PS: Dieser Text ist ein Ausblick auf eine Zukunft, in der Roboter alle möglichen Tätigkeiten ausüben, welche derzeit noch von Menschen erledigt werden. Telefonie, Handwerk, Medizin, ganze Arbeitszweige könnten durch den Einsatz von intelligenten Robotern wegbrechen, was jenachdem schwerwiegende soziale Folgen haben würde, wie ich sie im Text teilweise angedeutet habe. Ich bin der Auffassung, dass es nicht schaden kann, wenn wir uns bereits jetzt schon Gedanken machen, wie wir verantwortungsvoll mit diesen zukünftigen Entwicklungen umgehen können, um nicht in ein solches Chaos, wie ich es in diesem Tagebucheintrag entworfen habe, zu stolpern. Dass die Menschheit mit neuen Erfindungen oft nicht verantwortungsvoll umgeht, hat die Vergangenheit leider zur Genüge gezeigt. Im Kalten Krieg sind wir nur knapp der völligen, atomaren Vernichtung entronnen.  Neue Technologien stellen allerdings auch im Alltag, im persönlichen Bereich immer neue Verantwortungen an jeden von uns. Tausche ich meine Daten, meine Privatssphäre für mehr Komfort oder mehr Daumen hoch bei Facebook/Twitter/Google etc. ein? Hole ich mir Systeme wie Amazons Echo oder Alexa ins Haus, mit denen man mich ohne Probleme ausspionieren könnte? Jede/r Einzelne muss solche Dinge immer wieder im Kleinen für sich entscheiden und die jeweiligen Folgen bedenken.

Liebe Grüße,
Max

Was wir nicht wussten

Hinter der Fassade
da wühlte die Vergangenheit
brach aus dir heraus
wenn du sie nicht zähmen konntest
Schreie erklangen
Schläge gingen nieder
sogar Stühle flogen

Du hast Herzen vernarbt
bis die Gefühle darin erkalteten
der Älteste ertrug es nicht mehr
ging fort
und kam nie wieder

Ich war klein
erinnerte dich an dein altes Ich
an das Leben davor
die Zeit vor dem großen Ungeheuer
das dich gefressen und lebend ausgespuckt hat
sein Name war Krieg

Opa nannte ich dich
Opa liebte ich
Opa hat gedient
mir und leider auch anderen
für die er nur Fleisch war
in der endlosen Blutmühle

Opa hat gelitten
Opa war verwirrt
Opa hatte niemanden
zum Reden, zum Weinen, zum Verstehen
andere Zeit

An deinem Grab ein Weinstock
und ein Rosenbusch
Dornen – Schmerzen, Rosen – Schönheit
Wein – Freude, Betrunkenheit, Chaos

Ich war noch ein Kind
ich war glücklich mit dir

Der Älteste kehrte nie wieder zurück
hat noch nie dein Grab besucht
ist auch schon grau
fast so sehr wie du es warst
als ich klein war
der Älteste
ich nenne ihn Papa

Ein Brief

Geld…du hast so viel, dass es Menschen wie Glühwürmchen anzieht, die dich umschwirren, verführen, dir schöne Worte in die Ohren flüstern, bis du ihre Lügen glaubst. Und dafür hast du uns damals hintergangen? Mein alter Freund, was bleibt dir nun? Wir alle sind grau und mürbe geworden, haben Menschen um uns verloren, weil die Zeit nicht rasten will, auch du, trotz des Geldes. „Schlechte Menschen sterben allein“, hat meine Großmutter einst zu mir gesagt, aber ich habe den Spruch damals nicht verstanden. Heute tue ich es. Du wirst alleine sterben, denn keiner von uns wird an deinem Grab stehen. Wir, die dich warm empfangen und geschliffen haben, dir die Welt eröffneten, denen du den Dolch in den Rücken rammtest, als du die Möglichkeit dazu bekamst, meintest dadurch einen weiteren Sprung auf der Leiter des Lebens machen zu können. In Wahrheit ist die Stufe unter deinem Fuß zerbrochen und du bist abgestürzt.

Es ist lange, lange her und unsere Körper sind zwar gerostet, unsere Erinnerungen jedoch nicht. Paul ist gestorben, hast du das überhaupt mitbekommen? Wir anderen, wir Übriggebliebenen, sitzen immer noch jeden Donnerstagabend zusammen, spielen Karten und trinken bis uns der Schädel brummt. Mittlerweile nicht mehr im Geigenkasten, der musste schließen, sondern im Joker. Das Bier ist etwas teurer, dafür ist dort das Essen besser und die Teller sind einigermaßen sauber. Ich hörte, dass du dir erst letzte Woche irgendein großes, verdammt teures Anwesen in Südfrankreich gekauft hast. Fliehst du immer noch vor uns, vor deiner Vergangenheit? Ich weiß nicht, ob ich diesen Brief absenden werde, da ich mir nicht sicher bin, ob es überhaupt einen Sinn ergibt. Im Grunde kennst du bereits diese Worte, diese Gedanken, aber ich alter Sack verspüre eine gewisse Erleichterung, während ich sie niederschreibe.

Kannst du dich noch an Meike erinnern, die ehemalige Bedienung vom Geigenkasten? Sie war damals ein echtes Geschoss, jetzt ähnelt sie einer Krähe. Einer frohen Krähe. Sie hört fast nichts mehr und trägt, obwohl sie fast  blind ist, eine Sonnenbrille.Immer noch geht sie jeden Tag ihre Runde, jedoch braucht sie dazu mittlerweile zwei Stunden, da ihre Beine nicht mehr so recht wollen und sie daher auf einen Rollator angewiesen ist. Mit Strohhut, Strickpullovern selbst im Sommer, einer ausgewaschenen Jeans und zwei übriggebliebenen Eckzähnen, wackelt sie durch das Viertel, wobei sie jeden, selbst die Bettler, höflich grüßt. Vor ein paar Monaten hatte sie einen Oberschenkelhalsbruch und wir alle dachten schon, dass es jetzt mit ihr zu Ende geht. Aber nein, die Sture hat sich wieder aufgerappelt, hat das Übel abgeschüttelt und kümmert sich jetzt wieder um die zwei Katzen ihres Sohnes, während dieser unterwegs ist. Ach, wie wir jungen Spritzer sie anhimmelten, auch du. Wie oft wir hofften, dass sie plötzlich zu uns an den Tisch kommen und einen von uns bitten würde, mit ihr nach unten in den Keller zu gehen, um von dort ein Fass Bier hochzuholen, weil sie an dem Tag „Rückenschmerzen“ hatte. Aber das tat sie nie, wir waren ihr zu jung, zu unerfahren, sind es vielleicht immer noch, wer weiß.

Markus ist Urgroßvater geworden, ein Mädchen. Meine Familie wohnt jetzt an der Perschillstraße. All das fliegt an dir vorbei. Du kinderloser, reicher Sack, mit der Narbe an der rechten Wange und der viel zu kleinen Nase. Wo wirst du diese Worte lesen? Deutschland, Südfrankreich, Polen? Wohl dort, wo dich dein gestohlenes Imperium hinverlangt, wo es dich hinkommandiert, wie es dies seit Jahrzehnten schon tut. Die Diktatur des Geldes hat dich anscheinend krank gemacht, denn du siehst schrecklich bleich aus im Fernsehen. Ich wünsche dir jedoch keinesfalls den Tod, nein, darüber bin ich hinweg. Ich wünsche dir ein langes Leben und dass du vielleicht irgendwann einmal rastest und über das nachdenkst, was du uns damals angetan hast.

Mit Grüßen,
X

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PS: Wem ein schöner Titel zu diesem Brief einfällt, der ist angehalten diesen im Kommentarbereich zu posten, denn mein Geist ist gerade leider titelfaul. Falls mir ein Vorschlag gefällt, so werde ich dem Text diesen Titel geben : ).

Liebe Grüße,
Max