Scherbensturm

„Bitte beschreiben, oder versuchen Sie zumindest, mir Ihre Visionen noch einmal genauer zu beschreiben. Was sehen Sie? Was fühlen Sie?“, sagte Dr. Heck und tippte mit der Spitze seines rechten Zeigefingers dreimal rhythmisch auf die Lehne des schwarzen, gepolsterten Lehnstuhles. Einmal langsam, zweimal schnell. Tok-toktok, Tok-toktok.  Marc hasste dieses Geräusch. Tok-toktok, Tok-toktok. Er schloss die Augen, ließ sich fallen und redete los:

„Wenn…wenn es losgeht“, begann er „stehe ich plötzlich auf der Straße. Sie wissen schon, DIE Straße, diese verdammte Straße durch das Waldstück in meiner Nähe.“
Dr. Heck sagte nichts und ließ Marc weitererzählen.
„Erst ist es still, aber dann, zack, wie mit einem Fingerschnipps, faucht mir ein fürchterlicher Sturm, der Sturm aller Stürme entgegen. Nur führt er keinen Regen mit sich, nein, sondern Scherben. Unendlich viele Scherben schlagen mir entgegen, schneiden mich, zerfetzen mich und meine Kleidung, bis ich völlig nackt bin, schutzlos. Überall werde ich geschnitten, kann es nicht verhindern. Die Farben der Welt verändern sich rasch, kippen, bis nur noch blutiges Rot und Schwarz mich umgeben. Die Sonne stirbt und der Mond nimmt ihren Platz ein, blutrot, schwer, zu schwer. Manchmal macht er es erst später, manchmal sobald ich ihn erblicke, aber jedes Mal kracht er vom Himmel herunter, direkt vor mir auf die Straße und rollt dann durch den Sturm schnell auf mich zu, will mich zermalmen. Ich drehe mich um und versuche wegzurennen, umpeitscht von diesem Höllengetöse, renne bis meine Lungen fast platzen, aber der Mond ist immer schneller als ich. Ich sehe seinen Schatten über mir, dann wird alles schwarz.“

Während Marcs Erzählung sah Dr. Heck, wie sein Patient sich verkrampfte. Dieser grub seine Hände in das Polster der Couch, bis einige Adern an den Händen und Armen deutlich hervortraten und ihm Schweißperlen von der Stirn in die Augenbrauen rannen. Der gesamte Körper war in höchster Erregung und immer wieder zuckte irgendein Körperteil ruckartig zusammen. Die Augen, der Mund, eine Hand, ein Fuß. Sein Patient litt auch jetzt. Kein Simulant.

„Wenn ich dann wieder die Augen aufmache, liege ich auf dem Bauch, immer noch nackt, und kann mich nicht bewegen. Um mich herum ist es dunkel, aber nicht mehr so dunkel wie zuvor, denn der Mond hängt wieder im Himmel und ist zum Glück nicht mehr blutrot, sondern schneeweiß. Der Rest der Welt hat sich auch verändert. Keine Straße mehr, keine Bäume, nein, stattdessen liege ich in einer flachen, endlosen Landschaft aus Asche. Ich kann es riechen und fühlen, der verbrannte Geruch, Knochen unter dem staubigen Grau. Ich will aufstehen, aber es geht nicht. Dann höre ich ein ohrenbetäubendes Krachen, der Aufprall, und der Wahnsinn beginnt dann von neuem. Überall steigt aus der Erde ein feiner Nebel, der sich als dünne Schicht auf sie legt und bedeckt, bis zum Horizont und darüber hinaus, nur mich nicht. Ich bin eine kleine Insel in diesem Nebelmeer. Ein zitternder, schwarzer Punkt im endlosen Weiß. Schließlich ist es vollendet und der Nebel perfekt. Dichter und weißer könnte kein Nebel der Welt sein. Ich liege da, zur Untätigkeit verbannt, das Grauen erwartend, welches sich mit den schrecklichen Schmerzensschreien meiner Frau und meiner Tochter ankündigt. Ich höre die beiden direkt hinter mir, versuche mit all meiner Kraft mich loszureißen, will ihnen helfen, aber es geht nicht. Die Schreie verstummen so plötzlich, wie sie begonnen haben. Es geht weiter.

Vor mir sehe ich dann, wie ein kleiner, dünner Arm lautlos aus dem Nebel auftaucht. Er gleitet auf mich zu, bis er direkt vor meinem Gesicht ist. Die Hand hängt schlaff am Gelenk herab, wie eine tote Narzisse. Es bleibt aber nicht bei dem einen Arm, ganz im Gegenteil. Weitere tauchen auf und gleiten heran, bis ich umgeben bin von diesen Nebel-, diesen Totenarmen.
Marc knirschte mit den Zähnen, was Dr. Heck nicht entging, und biss sich so fest auf die Lippen, dass er Blut schmeckte.
„Plötzlich schrecken die Hände hoch und packen zu. Die erste Hand reißt mir ein Auge heraus, die anderen was sie ergreifen können. Ich schreie und schreie, während ich in Stücke gerissen werde. Dann endlich komme ich zu Sinnen, irgendwo in der Natur, alleine. Wie ich dort hingekommen bin, daran erinnere ich mich nie. Meistens liege ich am Boden, bin völlig verdreckt, weil ich mich offensichtlich herumgewälzt habe. Und dann rufe ich sie sofort an, muss ihre Stimmen hören, sofort, mich davon überzeugen, dass es den Autounfall nie gegeben hat, dass sie beide noch leben. Doc, ich kann nicht mehr. Das geht so nicht weiter. Ich werde noch irre.

Dr. Heck nickte und lächelte mild. Er ging rüber zu Marc, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sah ihm in die Augen:
„Das bekommen wir schon in den Griff Herr Bruhn. Als allererstes werde ich Sie von der Arbeit frei stellen, Ihnen etwas zur Beruhigung verschreiben und dann sehen wir weiter. Die menschliche Psyche ist etwas Faszinierendes und manchmal Fürchterliches. Unser Körper und unser Hirn reagieren auf Stress ganz unterschiedlich, in Ihrem Fall sehr extrem mit diesen realitätsverdrängenden Visionen, den Wahnvorstellungen, die Sie plötzlich überfallen. Gönnen Sie sich so viel Ruhe wie möglich. Mit einem Burnout wie dem Ihrem ist nicht zu spaßen.“
Marc verließ die Praxis mit einem guten Gefühl, jedoch fürchtete er sich vor der nächsten Stressattacke, der nächsten Psychose, die irgendwann kommen würde. Dann rief er Sarah an und als er ihre Stimme hörte, kam er endlich wieder etwas zur Ruhe.

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Badgedanken

Mit jedem Atemzug hob sich sein Bauch um den Nabel herum wie eine kleine Insel aus dem Schaumbad, das mittlerweile kalt geworden war. Aber er blieb weiter darin liegen, schaute sich seine schrumpeligen Finger an, tauchte gelegentlich mit dem Kopf unter Wasser und versuchte seinen Herzschlag zu hören, kratzte mit dem Fingernagel an der Wannenwand, klopfte mit den Knöcheln dagegen und war von den Geräuschen fasziniert.

Er sah rüber zum dampfblind gewordenen Spiegel und sah ihre Haarbürste auf dem Keramikbrett darunter liegen, daneben ihr Fläschchen Chloé und ihr schwarzer Fön. War er deswegen liegen geblieben? Sie war auf der Arbeit, starrte in diesem Moment wohl mit entnervter Miene auf den Stapel an Briefen, der während ihres Urlaubes angeschwemmt worden war. Durch das Fenster vor ihm konnte er das letzte Aufbäumen des Herbstes sehen, der sich seit zwei Wochen stolz als Sommer verkleidet hatte, bevor er recht bald seinem stillen Bruder namens Winter Platz machen musste. Neben ihm stand auf einem hölzernen Endtisch ein leeres Glas, in dem zuvor Rum einen Tanz mit Eiswürfeln und etwas Limettensaft eingegangen war. Der kalte Drink und das warme Bad hatten sich nicht vertragen, aber er hatte den Alkohol an diesem Morgen gebraucht, wie er auch das Bad gebraucht hatte. Nur Säufer trinken am Morgen, Säufer und Kreative, alte Leute und Urlauber, keine jungen Arbeitsmenschen, wie denn auch. Manchen würde sicherlich etwas Leichtigkeit im Alltag guttun und wer weiß, vielleicht würde dies sogar manch ein Geschäft erleichtern, wenn zuvor die beteiligten Parteien einen oder zwei gekippt hätten.

Sowohl die Haarbürste, als auch das Chloé und der Fön gehören da nicht hin, stellte er plötzlich fest. In seinem Leben waren immer wieder solche Dinge auf diesem Brett gelegen, Dinge, die ihm nicht gehört hatten, aber noch nie war ihm jener Gedanke gekommen, nie hatte er diese Sachen nehmen und aus dem Fenster werfen wollen. Warum jetzt? Was war anders? Sie nicht, oder doch? Sie war, wenn man es nüchtern betrachtete, nur eine weitere Frau in einer langen Liste, die hoffentlich mal ein Ende nehmen würde. Vielleicht ist sie aber auch das Ende der langen Liste und ich bin mir dessen eigentlich bewusst und komme deswegen damit nicht zurecht und habe diese eigenartigen Gedanken und möchte deswegen weglaufen und mich davon lösen, dachte er. Ist es so simpel? Das Wasser fühlte sich plötzlich ganz kalt an. Er stieg aus der Wanne und rieb seinen Körper trocken. Immer wieder sah er auf die Haarbürste, das Chloé und den Fön. Schließlich nahm er einen Mittelweg, der ihn vorerst zufriedenstellte. Er nahm ihre Sachen und verstaute sie in einer Schublade des Badschrankes neben ihm. Nachdem er sich angezogen hatte, verließ er die Wohnung und ging in ein Café zum Frühstücken.

Die schwarze Schlucht (Teil 3/3)

Was ich in den nächsten Minuten mitansehen musste, bereitet mir bis heute fürchterliche Alpträume. Der Nebel war so dicht, dass ich ihn fast greifen konnte. Als ich die Brücke erneut betrat, überkam mich erneut ein Gefühl der Beklommenheit. Mit jedem Schritt schien ich an Kraft zu verlieren, als würde das Holz sie gierig aufsaugen. Ich wischte diese Gedanken weg und tastete mich voran. Zuerst war da nur der Nebel, welcher das Rauschen des Flusses fast verschluckt hatte. Nur ein müdes, dumpfes Brummen war davon übrig geblieben. Aber dann, als ich in etwa die Mitte der Brücke erreicht hatte, sah ich Camilles Silhouette. Ein dunkler, verschwommener Schatten im Nebel. Ich trat näher an sie heran, rief sie, rief sie erneut, doch sie zeigte keinerlei Reaktion. Erst als ich direkt neben ihr stand und ihr Körper wieder klare Linien annahm, sah ich es. Ich erstarrte vor Schreck. Ein dickes Seil wickelte sich wie eine Schlange um ihren Hals und war zu einer Schlinge gebunden. Der Rest war am Brückengeländer befestigt.
Ich schrie noch: „Halt, nein! Lass uns darüber reden!“,
aber meine Worte erreichten sie schon nicht mehr. Schnell und ohne einen Moment des Zögerns stieg sie auf das Brückengeländer, breitete die Arme wie zwei Flügel aus und sprang. Ein sterbender Engel.

Das Seil straffte sich und ein widerliches Knacken übertönte für eine Sekunde das abgetönte Grollen des Flusses. Ich sprang an das Seil heran, ergriff es und betete, dass sie den tödlichen Sprung irgendwie überlebt hatte. Doch als ich daran zog, war da kein Gegengewicht, keine Camille. Das Seil glitt mir durch die Hände, bis ich die leere Schlinge in der Hand hielt. Keine Camille…keine Camille. Fassungslos starrte ich nach unten in das dichte Weiß, versuchte dem einen Sinn zu geben, als ich plötzlich ein lautes Knirschen hörte und spürte, wie der Boden unter meinen Füßen ein Stückchen nachgab. Ich brauchte einen Moment um die Situation zu begreifen, stand da wie festgefroren, doch dann rannte ich los. Miriam, Mama, Papa, Freunde, nicht jetzt, nicht hier, nicht ich. Ich hörte das Holz stöhnen und ächzen, sah, wie sich das Geländer vor mir langsam nach außen neigte. Die gesamte Brücke geriet in Schieflage, und ich mit ihr. Ich rannte, doch glitt schon nach wenigen Schritten aus und fiel hin, krallte mich in das Holz, dass einige meiner Fingernägel zerbrachen und bluteten, kämpfte mich weiter auf den Knien nach vorne, während um mich herum der ein tödlicher Tanz aus berstendem Holz und Beton aufgeführt wurde.

Ich schaffte es gerade noch den rettenden Grund zu erreichen, bevor die ganze Konstruktion mit einem Riesengetöse in die Tiefe stürzte. Fassungslos und zitternd am gesamten Körper starrte ich in den Abgrund, doch der Nebel war zu dicht, als dass ich irgendetwas hätte erkennen können und nur das gedämpfte Rauschen des Wassers war zu hören. Plötzlich vernahm ich ein anderes Geräusch. Ein Jammern, ein Weinen, eine Art Klagen – direkt hinter mir. Ich fuhr herum und da stand Camille, das Kleid zerfetzt, mit bleicher Haut und widerwärtig verrenkten Gliedern. Ihr linker Arm war mehrfach gebrochen, das Weiß der Knochen war zu sehen. Ihr Kiefer fehlte zur Hälfte, wodurch gelbe Zähne sowie faules Fleisch sichtbar wurden und mein Magen sich augenblicklich verkrampfte. Ihr angenehmer Geruch, jene Milde und Süße, waren völlig verschwunden, stattdessen nahmen mir Fäulnis und Verderben die Sinne. Dort wo eigentlich ihre Augen hätten sein sollen, waren zwei schwarze Höhlen. Mir blieb die Luft weg. Der Nebel schien mich ersticken zu wollen. Plötzlich schrie sie, reckte die Arme nach vorne und kam auf mich zu.

Ich rannte davon. Rannte und rannte und rannte und rannte, alle Schmerzen und Erschöpfung vergessend, flog im ausklingenden Sonnenlicht über Wald und Wiesen hinweg, bis ich irgendwann völlig erledigt an eine brüchige Häuserwand des kleinen Städtchens fiel und mich erbrach, bis nur noch zäher gelber Schleim den Boden besudelte. Ein älterer Mann, der gerade die Straße mit einem Strohbesen reinfegte, war sichtlich erschrocken, als ich panisch an ihn herantrat und ihm von meinem Erlebnis in zusammengestammelten Worten berichtete. Auf sein Gesicht legte sich ein tiefer Schatten, als er hörte, wo ich mich herumgetrieben hatte. Er ging mit dem Besen auf mich los, beschimpfte und verscheuchte mich. Ich war irritiert, stolperte zu den nächsten Menschen, zu ein paar Einheimischen, die vor ihrem Haus an einem Tisch Karten spielten, doch auch diese waren mir nicht zugeneigt. Als ich den Wald, die Brücke und das Mädchen erwähnte, loderte ein Feuer in ihren Augen auf und sie jagten mich durch die Gassen, warfen mit Bierflaschen nach mir. Ich rannte zurück in mein Hotel, total verschwitzt und verwirrt, wo mich der Portier mit besorgter Miene begrüßte und die Augenbrauen hob, als er mein jämmerliches Erscheinungsbild genauer bemaß. Doch auch von ihm prallte ich ab, wie von einer Wand. Kein Wort des Mitgefühls, nur kalte Verachtung im Blick. Mit eiskalter, gespielter Höflichkeit übergab er mir den Zimmerschlüssel und wünschte mir eine angenehme Nacht.

Damals verstand ich dies alles nicht und schloss mich für zwei Tage auf meinem Zimmer ein, fürchtete mich vor den Menschen draußen, bevor ich abreiste und nie mehr wiederkehrte. Es brauchte eine lange Zeit, um dieses Erlebnis zu verarbeiten. War das alles nur ein schrecklicher Alptraum gewesen? Hatte ich etwas an diesem Tag etwas Übles geraucht oder eingeworfen und für ein paar Stunden völlig den Bezug zur Realität, zum Jetzt und Hier verloren? So viele Fragen und Zweifel schossen mir im Hirn herum, blockierten mich so sehr, dass ich irgendwann alle Ereignisse dieser zwei Wochen in einen gedanklichen Tresor packte, diesen abschloss und den Schlüssel im Anschluss dessen fortwarf.

Was mich dazu bewegt hat diese Worte zu schreiben, meine Erinnerungen aus ihrer sicheren Verwahrung hervorzukramen, die mir viele Jahre gute Dienste geleistet hat, war ein Artikel, der vor wenigen Tagen in einem Magazin meine Aufmerksamkeit erregte. Ein Sohn jenes Städtchens, ein Steinbildhauer, wurde mit einem gut dotierten Preis ausgezeichnet, weil er anscheinend imstande war mit seinen Figuren aus Granit und pentelischem Marmor die Moderne und die Antike zu einem runden Ganzen zusammenzuhauen. Dieses dünne Stück Papier wirbelte alles in mir durcheinander, riss den Tresor auf, schwemmte die Vergangenheit wieder gnadenlos in mein Bewusstsein. Ich entschloss mich dazu, mich meinen Erinnerungen zu stellen, anstatt sie zu verdrängen. Sogleich begann ich zu recherchieren, versuchte irgendeine Erklärung für das Geschehene zu finden. Nach über einem halben Jahr in Bibliotheken, wurde ich schließlich fündig. Folgendes fand ich heraus:

Im zweiten Weltkrieg war jenes französische Städtchen ein Dorf mit etwa zweihundert Seelen gewesen, das 1940 von deutschen Wehrmachtstruppen besetzt und bis 1944 gehalten worden war. In dieser Zeit geschahen viele Übel und nach dem Abzug der Deutschen hatte sich eine Tragödie ereignet, die bis heute vertuscht wird. All jene, die mit den Deutschen sympathisiert hatten, waren an einem regnerischen Sommertag von Anhängern der Résistance und einem Mob von zornigen Einheimischen wie Vieh zusammengetrieben worden. Im Anschluss ließ man an den Beschuldigten den über Jahre angestauten Frust, das Leid, den Hass aus. Die Männer wurden zusammengeprügelt oder direkt erschossen, den Frauen wurden in sehr grober Weise die Haare mit Scheren abgeschnitten. Die Übriggebliebenen lud man auf einige Pferdewagen. Dann zog die aufgepeitschte Versammlung in einer großen Prozession zur „Gorge noir“ (was übersetzt schwarze Schlucht bedeutet), los. Dort angelangt, erhängten sie einen nach dem anderen, indem sie die Leute mit Seilen um den Hals vom Brückengeländer stießen. Viele zappelten noch eine Weile im Todeskampf, da die Schlingen oft schlampig angelegt worden waren, doch am Ende erschlafften alle Leiber. Die letzte an der Reihe war eine junge Frau in einem weißen Kleid. Als sie von der Brücke gestoßen wurde, da brach auch ihr Genick nicht sofort. Im Gegensatz zu den anderen, um die Sache zu beschleunigen, zog man sie noch einmal nach oben und warf sie erneut in die Tiefe. Beim zweiten Mal, genau in dem Moment, als das Seil sich spannte, da krachte und knackte es laut im Gebälk, der in die Jahre gekommenen Brücke. Einem tragenden Balken waren die erregte Menschenversammlung sowie die Pferde samt ihrer Wagen zu viel geworden. Er splitterte und gab nach, wodurch eine verheerende Kettenreaktion in Gang gesetzt wurde.

So brach die Brücke unter einem gewaltigen Lärm zusammen, wobei Mensch und Tier gleichermaßen in die tobende Tiefe gerissen wurden, welche sie alle gierig verschlang. Der Fluss verstreute die Leichen und Trümmer überall an seinem Ufer. Die ersten Toten, schrecklich entstellt und verkrümmt von ihrem gewaltsamen Ende, trieben bereits durch das Dorf, als zwei Überlebende von den Bergen angerannt kamen, um die schreckliche Nachricht zu überbringen. Sie hatten beim Einsturz am Rand der Brücke gestanden und sich dadurch retten können. Atemlos und mit entsetzten Gesichtern berichteten sie den Leuten von dem Unheil, welches das Dorf in einen schweren Schockzustand versetzte. Man erklärte das Geschehene für ein böses Omen, den Zorn Gottes, und versperrte alle Wege, die zu dem Unglücksort führten. Nie wieder wurde darüber gesprochen und nie wieder sollte darüber gesprochen werden. Die Trauer und die Schande saßen unheilbar tief. Die Menschen hielten eisern ihr Schweigen und so hätten die Jahrzehnte die Ereignisse jenes Schicksalstages wohl begraben, wenn nicht ich in träumerischer Kopflosigkeit zur Schlucht gewandert wäre und außerdem ein reisender Händler, der am Tag der großen Tragödie auf dem Dorfplatz seine Waren verkauft und die Ausführung der beiden Überlebenden gehört hatte, dies alles wortgetreu in seinem Tagebuch festgehalten hätte.

Jetzt, hier in meinem stillen Zimmer, nachdem all dies aufgeschrieben ist, bin ich mir nicht mehr sicher, woran ich glauben kann und soll. Eines, ja eines steht aber für mich fest. Ich werde nie wieder dorthin zurückkehren. Sollte jemals jemand diese Worte lesen, so rate ich dem- oder derjenigen mit all meinem Herzblut davon ab, selbst Nachforschungen in dieser Sache anzustellen. Ich habe dies alles nur aufgeschrieben, um meine Erlebnisse zu verarbeiten, um irgendwie damit fertig zu werden.

 

 

Die schwarze Schlucht (Teil 2/3)

Die Bäume gaben ein Fenster frei, durch welches ich in die Ebene hinter mir blicken konnte. Erfreut ließ ich meine Augen schweifen. Das Städtchen war von hier aus nicht mehr als ein braunroter Schmutzfleck im hellen Grün seines Umlandes. Die Pyrenäen am Horizont machten den Eindruck, als hätte ihnen jemand einen silbernen Pelz über ihre dunkelblauen Leiber gelegt. Ich hielt inne und zog meine Verpflegung aus dem Rucksack, zwei Butterbrote mit Schinken belegt, einige Cocktailtomaten, drei Müsliriegel. Dazu trank ich etwas Hahnwasser aus einer Plastikflasche. Es roch und schmeckte zwar streng nach Chlor, aber ich war zu faul und zu geizig gewesen, um vor dieser Tour noch extra Wasser einzukaufen. An den Schläfen lief mir der Schweiß herunter, tropfte vom Kinn auf den Waldboden. Das viele Sitzen, das Rauchen und die gelegentlichen Saufereien rächten sich nun. Aber Gift gehörte eben zum Job dazu. Ich als Schreibender nahm es damals in vielerlei Formen zu mir und produzierte es leider oft gleichermaßen. Gedrucktes Gift, Gift im Glas, Gift in der Lunge, überall Gift. Giftige Menschen mit giftigen Gedanken, die einem jedes geschriebene Wort wie giftige Hyänen zerreißen.

Ich war ziemlich außer Puste und nahm bereits an den Fußsohlen ein Blasen ankündigendes Druckgefühl wahr, jedoch war mein Entdeckerhunger noch nicht gestillt und ich wollte unbedingt erfahren, was auf der anderen Seite dieses Hügels lag.
„Zudem geht es ja nur bergab“- redete ich es mir ein.
Wäre ich doch bloß zurückgegangen.
Stattdessen machte ich mich nach dem Vesper an den Abstieg ins Unbekannte und blieb dabei weiter stets auf dem Pfad, der stellenweise keinen Fuß mehr in der Breite maß und in den überall garstiges Grün hineinragte, das an mir zerrte und kratzte, mich nicht weiterlassen wollte. Der Abstieg war eine Tortur. Zwar wurde der Pfad wieder breiter je tiefer ich abstieg, allerdings bewirkten Steigung, Felsen, Schlamm und widerspenstiges Gesträuch in ihrem Zusammenspiel, dass ich schon nach kurzer Zeit meine Entscheidung bereute.

Meine sandfarbenen Shorts wurden an einigen Stellen aufgerissen und meine Beine total verkratzt. Auch das Hemd erlitt Qualen, in Form eines großen Loches, durch welches ich meinen Daumen stecken konnte und einer der silbernen Knöpfe vom Bauchansatz liegt wohl noch immer dort irgendwo im Wald herum. Derweil zogen Regenwolken auf und brachten einen Schauer mit, den das Walddach jedoch fast komplett aufnahm, wodurch mich nur ein müder Niesel erreichte, der kaum eine Abkühlung bewirkte. Eine Amsel hüpfte in den Bäumen über mir herum, schien mich zu verfolgen, mich auszulachen:
„Schau dich an, du zerzauste, abgekämpfte Gestalt. Was machst du denn überhaupt hier? Du hast hier nichts zu suchen, das ist mein Reich!“, oder etwas Ähnliches, schien sie zu meckern.

Dann, nach einer Rechtskurve; vorbei an einem schwarzwässrigen Teich über dem ein großer Mückenschwarm schwirrte, hörte ich das beständige Rauschen eines Flusses. Mit jedem Schritt den ich machte, wurde es lauter. Das Rauschen schwoll zu einem Dröhnen an und in mir spürte ich bereits die Vibration jenes mächtigen Gewässers, dieses von den heutigen Regenfällen und den Regenfällen der letzten Woche gespeiste Ungetüm. Und so gelangte ich zu der Schlucht. Dort, keine zwanzig Meter vor meinen Füßen, hatte sich das Wasser über Jahrtausende durch das harte, schwarze Gestein gefressen und einen schauderhaften Abgrund entstehen lassen, der den Wald wie ein Messer zerteilte. Die schlammbraune Flut brodelte und schäumte, spritzte wütend an den glatten, senkrechten Wänden empor, die algengrün schimmerten. Die Erde vibrierte so sehr, dass überall auf dem Boden kleine Steinchen wie auf einem Trampolin umherhüpften. Das Krachen von großen Steinbrocken die in dem tobenden Strom aufeinanderprallten und zerbarsten, klang wie Donnergrollen. Fasziniert starrte ich auf dieses Naturschauspiel, war begeistert von der Urkraft, mit der das Wasser voranpreschte. Deswegen fiel mir auch nicht sofort die große Holzbrücke auf, welche zu meiner Rechten über die Schlucht führte. Ansonsten gab es weit und breit keine andere Überquerungsmöglichkeit, nur hoffnungslos steile Felswände, die selbst einen gut ausgerüsteten Kletterveteranen vor eine gewaltige Aufgabe gestellt hätten.

In der Nähe der Brücke wuchs außer kränklich gelbem Gras nichts. Auch die Bäume schienen von dem in die Jahre gekommenen Bauwerk Abstand zu nehmen. Als ich den ersten Fuß auf das Holz setzte, zog mir ein eisiger Hauch das Rückgrat hinauf und ich fühlte mich sehr unwohl. Die Brücke war wohl früher eine recht stabile Konstruktion gewesen. Früher. Zwei dicke Pfeiler steckten auf beiden Seiten in einem mürbe erscheinenden Fundament aus Beton, dazu fanden noch einige Stützen in den Felswänden Halt. Aber die ständige Feuchtigkeit und die scharfen Winde welche die Schlucht hinauf- und hinunterjagten, hatten dem Material sehr zugesetzt. Beim näheren Hinsehen erkannte ich, dass das Holz die Farbe von Asche angenommen hatte. Weiterhin waren zahlreiche, beunruhigende Risse an den Pfeilerfundamenten zu sehen. Die Brücke besaß ein dreistrebiges Geländer, jedoch traute ich diesem nicht im Geringsten. Eine seltsame Schwäche, eine schleichende Müdigkeit, kroch durch meine Glieder, je länger ich auf der Brücke verweilte und auch mein Geist fühlte sich attackiert, denn mir war, als würde sich ein dunkler Schleier auf meine Gedanken legen, der alles Schöne und Gute verdrängen und stattdessen mit Finsternis füllen wollte. Irgendetwas stimmte überhaupt nicht. Ich wollte so schnell wie möglich hier weg, die Brücke überqueren und hinter mir lassen, weit hinter mir. Daher lief ich flott, fast joggend über die sehr feuchten und sehr rutschigen Bretter. Zum Glück fiel ich nicht hin. Auf der anderen Seite angelangt, schüttelte ich einen unbestimmbaren Ekel von mir ab. Auch auf dieser Seite schien sich der Wald nicht an die Brücke heranzuwagen. Wieder nur welkes Gras, das unter meinen Füßen wie ein Lagerfeuer knisterte.

Irritiert sah ich zurück und konnte mir nichts aus den Gefühlen machen, die mich so plötzlich übermannt hatten und mir jetzt wieder so fern erschienen. Ich wollte gerade weiter, als mich überraschenderweise eine helle Stimme rief. Auf dem dunklen Rumpf eines umgestürzten Baumes, nahe dem wiederbeginnenden Wald, saß eine junge Frau. Mit federgleicher Leichtigkeit sprang sie von dem Stumpf und kam auf mich zu. Sie hatte ein mattweißes Kleid mit aufgestickten Blumenornamenten an, roter Mohn neben Kornblumen, und dunkelbraunes Haar, dem die schwindende Sonne einen Goldhauch verlieh. Zu meiner Verwunderung trug sie kein festes Schuhwerk, nur leichte Sandalen. Sie war völlig durchnässt, was mich aufgrund des zuvorigen Regens nicht weiter verwunderte, jedoch haftete ihr ein recht eigentümlicher Geruch an. Er weckte Erinnerungen, schwebte mild und süß um sie herum. Sie begrüßte mich fröhlich und stellte sich mir als Camille vor. Camille fragte mich, ob ich ihr eine Zigarette hätte, was ich leider verneinen musste. Ich hielt ihr stattdessen einen Nikotinkaugummi hin. Irritiert sah sie ihn an und lehnte dankend ab. Ihre kleinen Brüste schienen leicht durch das nasse Kleid durch. Um den Hals herum hatte sie einen roten Abdruck, den ich als eine allergische Reaktion auf das Metall einer Kette abtat. Etwas, was ich ein paar Jahre am eigenen Leib erfahren hatte und weswegen ich bis heute jeglichen Metallschmuck strengstens meide. Ich fragte sie, was sie hier draußen mache, so ganz alleine, mitten im Nichts. Sie gab die Frage mit einem Lächeln zurück. Ich schmunzelte und hakte nicht weiter nach. Klar, einerseits wollte ich mir nach dem Essen die Beine vertreten, aber dazu hätte ein kleiner Spaziergang ausgereicht, keine ausgedehnte Wander- und Klettertour, wie ich sie nun hinter mir hatte.

Die Sonne brannte eifrig und verwandelte nun sämtliche Feuchtigkeit des Waldes in einen Nebel, den der Wind von den umliegenden Hügelspitzen hinab in unsere Richtung zu treiben schien und welcher uns beide wohl bald verschlucken würde. Ich war froh, dass mir dieser Dunst den Abstieg nicht zusätzlich erschwert hatte. Allzulange durften wir hier nicht mehr verweilen, denn ich hatte keine Lust von diesem milchigen Hauch eingeholt zu werden. Mir fielen zahlreiche Dinge ein, die angenehmer waren als sich hier draußen im Nebel zu verwirren und mit etwas Pech eine Nacht im Wald verbringen zu müssen. Camille schien daran keine Gedanken zu verschwenden. Sie lenkte  stattdessen unser Gespräch auf das Städtchen und erkundigte sich über die neuesten Geschehnisse. Während wir redeten, sah sie immer wieder an mir vorbei, sah zur Brücke.

Seltsamerweise war sie schon seit längerer Zeit nicht mehr in dem Städtchen gewesen, was mich stutzig machte, und hatte so manches Ereignis, wie etwa die Einweihung des renovierten Rathauses und das Sommerfest verpasst, bei dem Alt und Jung auf den Straßen umherzogen, tranken, lachten und tanzten, bis die Sonne über den Horizont stieg. Anscheinend gefiel ihr dieser Teil meiner Ausführungen nicht und ihr Gesicht nahm traurige Züge an, weswegen ich das Thema wechselte. Ich erzählte ihr daher von dem neuen Bürgermeister, ein kränklich dünner Mann mit scharfem Kinn, welcher Veränderungen nicht mochte und wohl auch deshalb in sein Amt gewählt worden war. Plötzlich unterbrach sie mich mitten im Satz und sagte leise:
„Es wird Zeit. Ich muss gehen.“

Mit einer hastigen Verbeugung verabschiedete sie sich und lief los. Ich war irritiert von diesem unerwarteten Gesprächsabbruch. Stirnrunzelnd stand ich da und sah dabei zu, wie sie zurück zur Brücke lief, die der Nebel bereits eingedickt hatte. Zuerst dachte ich mir nichts dabei und setzte meinen Rückweg fort. Aber dann, als die ersten Schatten der Bäume auf meine Schultern fielen, stoppte ich.
„Wieso geht sie da lang?“, kam es mir.
Es ergab keinen Sinn. Ich rief ich ihr hinterher, dass dies der falsche Weg sei und die Zivilisation in meiner Richtung läge, doch sie schien mich entweder nicht zu hören, oder zu ignorieren. Ich sah, wie sie die Brücke betrat und vom Nebel umschlungen wurde. Schon bald würde die Sonne hinter den Hügeln versinken und mit ihrem Untergang die Kälte kommen. Sie war ganz alleine hier draußen, dünn gekleidet, nass und schutzlos. Auch wenn dies vielleicht jetzt kitschig klingen mag, aber ich konnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, sie hier so zurückzulassen. Der sonst oft ziemlich manierlose Ritter in mir schritt zur Tat. Ich fühlte mich jedoch überhaupt nicht ritterlich, eher schwach und müde. Trotzdem lief ich zurück zur Brücke, mitten hinein in die dicke, fahlweiße Nebelsuppe.

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Fortsetzung folgt

Die schwarze Schlucht (Teil 1/3)

Der Besitzer des Cafés erinnerte mich seiner Kopf- und Gesichtsbehaarung wegen an den Räuber Hotzenplotz aus Ottfried Preußlers Kinderbüchern. Diese französische Kopie hatte die Angewohnheit alle paar Minuten Kautabak in den leeren Blumenkübel neben der Eingangstür zu spucken. Sein Kaffee war vorzüglich, würzig und stark, dazu reichte er  knopfgroße Mandelkekse. Zwei Mountainbiker saßen am Tisch neben der Tür und brüteten über einer Landkarte, aßen Weißbrote mit Schinken und Käse und tranken dunklen Rotwein dazu. Als sie aufstanden und gingen, fegte ein Kellner mit dem Handrücken die Überbleibsel vom Tisch und trat nach den Tauben, welche sogleich herbeiflogen waren, um die Reste aufzupicken. Ein Regen begann einzusetzen und schnell wurden in hektischer Zusammenarbeit Sonnenschirme aufgespannt, so dass nur wenige Tropfen den Stoff meines blauen Leinenhemds verdunkelten. Am runden, gerippten Holztisch zu meiner Linken saß ein älterer Herr im beigen Cordanzug und zuckerte den Schaum seines Milchkaffees, den er dann vorsichtig mit einem Löffel abtrug und verzehrte. So tat er es auch mit der nächsten Schaumschicht und der darauffolgenden. Der Mann machte einen sehr enttäuschten Eindruck, als er schließlich allen Milchschaum abgetragen und den Kaffee erreicht hatte, welchen er mit einem großen Schluck austrank.

Die Straße dampfte und auf dem geländerumrahmten Balkon des Hauses schräg gegenüber fluchte eine Frau wüst auf Französisch, weil sie ihre Wäsche, die auf einem Draht wie eine Fastnachtsgirlande über die Straße gespannt war, im Regen vergessen hatte. Gut versorgt und in Gedanken bei einer weiblichen Bekanntschaft, saß ich das schöne Gebrause aus und ging danach in mein Hotel. Dort überfraß ich mich dann in einem Schwung der Gier am reichhaltigen Mittagsbuffet. Anschließend blieb mir die Wahl zwischen stundenlangem Rumliegen und vor dem Laptop in Serien zu versumpfen oder irgendeiner Art der körperlichen Betüchtigung. Meistens zog ich ersteres vor, aber in diesem Fall forderten meine Füße Kilometer ein und ich schaffte es tatsächlich meinen trägen Leib ins Freie zu schaffen, das mich mit Sonne und Frische begrüßte. So wanderte ich mit einem Schirm, etwas Verpflegung in meinem Rucksack sowie einer Packung Nikotinkaugummis ausgestattet, los.

Alles glänzte silbern vor Nässe und die Luft war gesättigt mit dem scharfsüßen Duft des Waldes im Nordwesten. Efeu wucherte gierig an einer Hauswand empor und es wirkte so, als ob sich der mediterrane Bau mit den roten Tonziegeln darin zurückgezogen hatte. Nur eine weiße Antenne ragte trotzig aus dem grünen Gewühl heraus. Es war Donnerstag und ich hatte den Artikel für Montag bereits halbfertig, was eigentlich fertig bedeutete. Den Rest würde ich in der Sonntagnacht, aufgescheucht von Kaffee und den körpereigenen Panikdrogen, niederschreiben, mit etwas Glück vielleicht sogar rechtzeitig abschicken. Außer mir waren nur noch ein paar Rentner und Eltern mit Kinderwagen unterwegs. Teilweise schien die Sonne so gleißend auf Metall und Stein, dass ich mich blinzelnd vorantasten musste und einmal fast gegen einen olivengrünen Renault Twingo geprallt wäre. Abgesehen von dem blechernen Röhren eines Rollers, irgendwo verborgen in den Gassen, war es ruhig. Da zu eng für Autos, war der alte Kern des Städtchens – dessen Name ich in dieser Erzählung nicht nennen möchte und nicht nennen werde – ein entzeiteter Ort. Hier konnte ein ganzes Jahrhundert, ja vielleicht sogar zwei oder drei, vergehen und bis auf die Gesichter würde sonst wohl nichts einen Wandel durchmachen.
„Hier isch d´Welt noch in Ordnung!“, ging es mir mit der Stimme eines badischen Fensterrentners, jene halbsessile, vom Aussterben bedrohte Spezies, durch den Kopf. Ich schritt durch die Gassen und verließ den Ort durch einen großen Torbogen, der sich über zwei alte Bruchsteinhäuser spannte. Ein paar nasse Spatzen saßen auf den Dächern und stritten.

Ich hielt mich nördlich und lief nahe dem Ufer eines vom Regen stark angeschwollenen Flusses entlang. Vor mir in der Ferne versuchten dunkle Wolken die Spitze eines einsamen, weißverkronten Berges zu überwinden, was ihnen nicht gelang. Stattdessen teilten sie sich auf und glitten in sanften Wellen an dessen Flanken vorbei. Es waren vielleicht sogar dieselben Wolken, die sich eine Stunde zuvor über meinem Kopf abgeregnet hatten. Der Fluss sowie der geteerte Fahrrad- und Fußgängerweg führten durch eine ausgedehnte Wiesenlandschaft, in der vereinzelt Apfelbäume standen. Das Gras war struppig und kniehoch, durchsetzt von Moos und anderem zähen Gewächs, das sich einen Platz erkämpft hatte. Die Natur nagte an den Seitenrändern des Weges, neben dem jemand an einer Stelle Müll, vermutlich illegal, abgeladen hatte. Schwarze, zerbrochene Ziegel, Teerpappe, Blech, Balken und grau angelaufene Bretter glühten in der schwülen Luft. Ich lief daran vorbei und fühlte allmählich, wie der Druck auf meinem Gedärm nachließ. Auch die damit verbundene Trägheit der Sinne verschwand wieder. Schließlich gelangte ich zu einer Gabelung. Der von der steil stehenden Sonne golden erleuchtete Teer schlang sich rechts weiter und ich konnte eine Holzbrücke sehen, die über den Fluss führte. Zu meiner Linken versprach ein überwachsener Schotterpfad leichte Steigung sowie einen Besuch der hügeligen Wälder im Nordwesten. Nach all dem Stadttrubel der letzten Monate war mir jetzt nach Abenteuer und Natur, Grün und der völligen Absenz von Menschen, weshalb ich mich links hielt. Irgendwie, es ist mir im Nachhinein unbegreiflich, übersah, ignorierte oder blendete ich ein großes Schild aus, welches im Gras neben dem Pfad gestanden und den Zutritt für Unbefugte untersagt hatte. Ja, in meiner völligen geistigen Abwesenheit kletterte ich sogar kurze Zeit später über einen rostgeplagten, hohen Metallzaun, an dem weitere große, gelbe Schilder mit: Privateigentum, kein Zutritt für Unbefugte! – befestigt waren. Irgendetwas trieb mich dennoch in diese Richtung, ließ mich diese Hindernisse überwinden, keinen Zweifel an der Richtigkeit meiner Unternehmung empfinden, irgendetwas. Jetzt, hier in meiner stillen Kammer, rauschen mir die Details jenes Tages, inklusive aller Gefühle, in erstaunlicher Klarheit durch den Kopf…was mich erzittern lässt, denn damals verschwammen in wenigen Minuten Realität und Fantasie, Wissenschaft und das Übernatürliche, zu etwas Neuem, was mich nie mehr loslassen und bis zu meinem Tod beschäftigen wird.

Matsch klebte an meinen Trekkingschuhen und bei jedem Schritt war ein Schlürfen zu hören. Aber je länger ich lief, desto felsiger wurde der Untergrund, desto dichter wurde der Bewuchs um und auf dem Weg, desto näher kam mir der Wald, bis ich schließlich von ihm verschluckt wurde. Ein leichter Nebeldunst waberte zwischen den Stämmen umher. An manchen schattigen Stellen blieb der Waldboden selbst in den Sommermonaten sehr feucht. Dort breiteten sich samtige Moosteppiche aus, denen Farne entwuchsen sowie irgendeine fleischige Pflanze, die mit großen, roten Dornen warnte. Es hätte mich nicht gewundert, wenn dort hinter einem Baumstamm plötzlich die breit grinsende Cheshire Cat aus Alice im Wunderland hervorgesprungen wäre, oder mich ein beflügeltes Feenwesen am Ohr gezupft hätte. Ich genoss die Außerweltlichkeit dieses Ortes. Er war rein, urig, belebend, fast frei von allem Menschengemachten. Ich fühlte mich gleichzeitig fehl am Platz und genau in der Mitte aller Dinge.

Über mir wurde munter gezwitschert und durch die Baumkronen spielte der Wind, welcher Wolkenlämmer in den Norden trieb. Irgendwo bellten einige Hunde, wohl Streuner oder die Gefährten von Jägern, aber das Gebell war so fern, dass es mich nicht beunruhigte. Während das Licht wie Schwerter durch die Baumkronen drang, wurde der Weg immer schmaler und steiler, verwandelte sich in einen Trampelpfad, der an manchen Stellen von großen Steinen versperrt wurde, über die ich klettern musste. Außer den Waldtieren und mir schien sonst nichts und niemand mehr diesen Weg zu benutzen. Meine Waden und Oberschenkel brannten fürchterlich. Ich verfluchte meine Bewegungsunlust der vergangenen Monate, nein Jahre. Manch einer wäre jetzt wohl umgekehrt, hätte sich gedacht: „Wozu die ganze Quälerei?“, aber in mir loderte eine kindliche Entdeckerlust, die mich weiter vorantrieb. Schließlich lichtete sich der Wald vor mir etwas und die Spitze des Hügels entfaltete sich unter klarem Blau.

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Fortsetzung folgt

Der wahre Grund für den Ausbruch des dritten Weltkriegs

Herr Bronkweiler war außer sich. Das Papier, welches den Weg auf seinen Schreibtisch gefunden hatte, entsprach überhaupt nicht den Vorschriften. Es war schlampig in der Rechtschreibung gehalten und an zwei Stellen des gerade einmal fünfhundertdreiundzwanzig Seiten umfassenden Antrages fehlten Unterschrift und Datum. Mit der Erzürnung eines pflichtbewussten Vollblutbeamten, machte er einen Termin mit seiner Vorgesetzen Frau Kamutschke per Telefon aus. Die folgenden zwei Wochen saß er ungeduldig auf seinem Bürostuhl und studierte immer wieder das ihm vorgelegte Schreiben. Er war erstaunt über den Hektik vermuten lassenden Dilettantismus, der hier ganz untypisch für seine Behörde an den Tag gelegt worden war.

Bei tieferdringender Lektüre fand er außerdem zahlreiche Schwächen in der Grammatik sowie Ungereimtheiten in der antragseigenen Legislaturklausel, die Hintertüren für eventuelle Missbräuche offen ließ. Als er schließlich an einem Freitagmittag um 13:30, also eine halbe Stunde vor Dienstschluss, in Frau Kamutschkes Büro gerufen wurde, stieß er mit einer vor Stolz wie ein Hahn erhobenen Brust die milchige Glastür auf. Seine Chefin saß gelassen in ihrem fünffüßigen Drehstuhl und genoss einen letzten Kaffee vor dem Wochenende.
„Guten Tag Herr Bronkweiler. Was kann ich für Sie tun?“, erkundigte sich Frau Kamutschke höflich, die ihren bebrillten Blick mehr auf die Uhr an der Wand, als auf ihren Mitarbeiter richtete.
„Ebenfalls einen guten Tag Frau Kamutschke“, sagte er und hielt den unzureichenden Antrag mit beiden Armen vor der Brust umklammert, wie es die Kinder früher mit ihren Schultüten getan hatten.
„Ich habe Ihnen leider zu melden, dass ich diesen A-A-A (Atombombenablehnungsantrag) leider in seiner jetzigen Fassung so nicht absegnen kann.“
Frau Kamutschke, die damit überhaupt nicht gerechnet hatte, wurde kreidebleich.
„He..Herr Bronkweiler“, stammelte sie „ich dachte, dass Sie diesen Antrag schon längst weitergereicht hätten. Hier geht es nicht um die Einhaltung irgendwelcher Vorschriften oder Prinzipien, wir…“
Er unterbrach sie abrupt.
„Wie bitte? Was sind wir denn ohne Regeln und Vorschriften Frau Kamutschke? Wohl nur aufrecht gehende Affen mit etwas mehr Kultur, wobei selbst dies angesichts der jüngsten Ereignisse wieder einmal in Frage gestellt werden kann. Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, aber ich habe Ihnen hier…“, er legte der fassungslosen Dame den Antrag auf den Schreibtisch und zog unter dem Papierstapel, der breiter als ein Telefonbuch war, einen braunen Umschlag hervor
„…eine Liste mit allen von mir entdeckten Beanstandungen dieses A-A-As. Sie werden feststellen, dass es genau zweiundsechzig Punkte gibt, die dagegensprechen, dass ich diesen Antrag genehmigen und weiterleiten kann.“
„Hören Sie auf mit Ihrem Beamtisch Herr Bronkweiler! Was haben Sie sich dabei bloß gedacht?“, rief sie. Erste Schweißperlen zeigten sich auf ihrem Gesicht.
„Frau Kamutschke, ich muss Sie mit äußerster Dringlichkeit auf ihre guten Manieren sowie Paragraph 9-4-9-15-20 der Firlefanzienabstraktur verweisen, die besagt, dass selbst A-A-As nicht genehmigt werden können, sofern sie den gängigen und geltenden Regelungen unserer Behörde nicht entsprechen, was hier leider der Fall ist.“
Frau Kamutschke wurde ungehalten und brüllte:
„Bronkweiler, seien Sie kein Sturkopf. Es geht hier um die nationale, nein, die internationale Sicherheit!“
„Vorschriften sind Vorschriften, Frau Kamutschke. Ich will mich schließlich später nicht irgendwelchen Anschuldigungen wegen einer fahrlässigen Handhabung solch eines wichtigen Antrages ausgesetzt sehen.“
Frau Kamutschke hatte genug gehört. Sie griff zum Telefon und wählte eine kurze Nummer. Zehn Minuten später standen fünf bullige Typen, ganz einheitlich in schwarzen Anzügen, in ihrem Büro und führten den lautstark dagegen protestierenden Herrn Bronkweiler ab.

Dieser hatte jedoch bereits mit solch einem regelwidrigen Verhalten gerechnet und die schicksalslastige Nichtgenehmigung des A-A-As Nr. 42 schon vor ein paar Tagen an das zuständige militärische Amt weitergegeben. Der dadurch unverhindert gelassene Einsatz einer Atombombe vom Typ B65, welche weltweit als die „Bronky“ in die Geschichte einging, zog in seinen Folgen den Ausbruch des dritten Weltkriegs nach sich.

Die Kolonie

Die Kolonie T22 war in einem relativ frischen Meteoritenkrater errichtet worden und dadurch gut vor den Sandstürmen geschützt, die auf Marmur wüteten. Im Vergleich zu anderen Kolonialplaneten war Marmur ein recht angenehmes Stück Fels. Die Zusammensetzung der Atmosphäre nahm allmählich neukolpianische Werte an, wodurch man bereits einige Minuten mit Solanzügen im Freien verbringen konnte, ohne gleich zu ersticken oder gegrillt zu werden. Evolutionsgeschichtlich befand sich die einheimische Flora & Fauna noch in einem sehr frühen Stadium. In den Ozeanen gab es zwar bereits einige mehrzellige Organismen, aber die dominante Lebensform war ein Halobakterium. Jenes Bakterium nutzte einen auf Retinal basierenden Farbstoff, um Licht einzufangen, mit welchem es seine Stoffwechselvorgänge in Gang brachte. Da dieser Farbstoff alle Wellenlängen bis auf die kürzeren absorbierte, leuchteten die zwei Ozeane in allen möglichen Varianten von Violett. Dies war sogar aus dem All zu sehen, weswegen sich Marmur den Namen „Purple Planet“ eingefangen hatte. Die Neugeborenen waren die sechste Generation nach der Primärbesiedelung und wiesen daher bereits erste Adaptionsmerkmale auf. Eine Anpassung an die schweren Sandstürme war eine leichte Verhornung der Haut an den Extremitäten sowie dem Gesicht, wodurch diese Bereiche besser vor Abrieb, Austrocknung und anderen Verletzungen geschützt waren. Zum Erstaunen der Forscher wies ein vierjähriges Mädchen schon jetzt eine stärker ausgebildete Muskel- und Skelettstruktur auf. Eine Adaption an die erhöhte Schwerkraft auf Marmur. Die Evolutionsmedizin hatte im letzten Jahrhundert sehr große Fortschritte gemacht und erleichterte nun die Kolonialisierung von neuen Planeten erheblich. Andere bereits bekannte Adaptionen waren eine starke Rückbildung des menschlichen Fells auf einem Eisplaneten im G-Radiarsektor sowie eine verbessertes Sehen im Dunkeln auf Hlum, einem sehr lichtkargen Planeten im ComAv-Gürtel.

T22 schlief noch, als das erste Planetenbeben einsetzte. Schläuche und Leitungen brachen, weißer Dampf und farbige Flüssigkeiten traten überall in der Basis aus und im Südsektor verzog sich eine Schleuse dermaßen, dass der angrenzende Erholungsbereich für den gesamten Tag abgeriegelt werden musste. Alles schwankte gute zwei Minuten, bis auch der letzte Tiefschläfer aus seinem Pod wachgerüttelt worden war. Im Informationszentrum spuckten sogleich die Computer Ort, Tiefe und die Chance auf potentielle Nachbeben aus. Mit blechernen Stimmen trugen sie ihre Ergebnisse als kleine Tischhologramme vor. Während das Wartungsteam sich sofort mit ihren Robotern und Androiden an die Reparaturen machte, trafen per Spacecom Berichte von den Nachbarkolonien T19, T20 und T21 ein. Die Schäden wurden verglichen und die zur jeweiligen Reparatur notwendige Rohstoffe per Transportdrohnen versandt. Je nach Bodenbeschaffenheit waren manche Kolonien auf den Import bestimmter Rohstoffe angewiesen.

Zwei junge Geologinnen namens Mahani und Velia saßen gerade vor ihren Bildschirmen und werteten die erhaltenen Daten aus, als plötzlich auf Mahanis Monitor seltsame Werte in großer Rotschrift durch das Bild liefen.
„Das macht keinen Sinn“, flüsterte Mahani zu sich selbst und gähnte. Sie hatte die Statur einer Gewichtheberin. Dies kam daher, dass sie vor ihrem Schreibtischjob im Außeneinsatz tätig gewesen war. Um besser mit der erhöhten Schwerkraft im Freien fertig zu werden, hatte sie täglich hart trainieren müssen. Deswegen wirkte sie hier, neben all den schlaffen Wissenschaftlergestalten, so unglaublich fehl am Platz.
Velia sah Mahanis erstaunten Gesichtsausdruck und lehnte sich zu ihr rüber. Als sie nun ebenfalls den warnroten Datenstrom sah, runzelte sie die Stirn und kratzte sich am Kinn.
„Was ist denn da los? Spinnt der Sensor?“, fragte sie Mahani, welche nur mit den Schultern zuckte und ihr entgegnete:
„Ich weiß es nicht. Ist unwahrscheinlich…“, sie zögerte „…ich, keine Ahnung. Hol mal bitte den Alten rüber.“
Der Alte hieß mit richtigem Namen Con, war 34 und hatte sich aufgrund seiner frühgrauen Haarpracht diesen uncharmanten Spitznamen eingefangen. Er saß im Schneidersitz auf einem bequemen Stuhl in einer anderen Ecke des fünfeckigen Raumes, der vollgestellt war mit allerlei Computer- und Hologrammtechnologie. Nicht die neuesten Sachen aus der interstellaren Technikschmiede, aber die Geräte taten treu, wenn auch manchmal ziemlich langsam, ihren Dienst. Con starrte völlig verträumt auf drei große, nebeneinanderliegende Bildschirme, die voll waren mit kaleidoskopartigen Strukturen. Jene Gebilde, denen nur er allein fähig war einen Sinn beizumessen, waren die visualisierten Daten der letzten Warpeinheit eines Faltraumbeschleunigers. Ohne Faltraumbeschleunigung keine Lichtjahresreisen, ohne Lichtjahresreisen keinen Kontakt mit dem Rest des Universums. Velia legte ihm ihre Hand auf die Schulter, woraufhin er erschrak und fast vom Stuhl fiel. Sie liebte es ihn gelegentlich zu necken.
„Was ist?“, rief er genervt. Seine Lippen zuckten leicht, verrieten eine nervöse Erregtheit. Er hatte noch immer Gefühle für sie, dies konnte er nicht verstecken.
„Con, komm bitte mal mit. Wir haben da irgendetwas entdeckt und können es nicht einordnen. Vielleicht ist es nur ein Zahlendreher in der Skalarmatrix, aber wir wollen sichergehen, dass wir nichts übersehen“, sagte Velia.
Sie mochte ihn auch, aber weigerte sich es erneut mit ihm zu versuchen, bevor er es nicht geschafft hatte seinen Gefühlen einen klaren Ausdruck zu verleihen. Die Halbherzigkeit stieß sie ab.
Con seufzte: „Jetzt gleich?“
Velia sagte nichts, ihr fordernder Blick genügte.
„Ist ja gut, ich komme ja schon.“
Er schnalzte mit der Zunge. Die Bildschirme vor ihm wurden schwarz.
Velia schüttelte den Kopf: „Du immer mit deinen Spielereien.“
Con ignorierte den Spruch und trat hinter Mahani. Sein Gesicht verriet bereits, dass er schon zu dem selben Schluss wie seine beiden Kolleginnen gekommen war.
„Das macht absolut keinen Sinn“, rief er erstaunt.
Mahani drehte sich zu ihm um: „So weit waren wir auch schon.“
„Wenn die Zahlen stimmen, dann war das kein normales Beben. Die Wellenstruktur, die Intervalle, alles ist…ist…irgendwie unnatürlich.“
Er hatte ausgesprochen, was Velia und Mahani sich nicht getraut hatten zu sagen. Allen dreien stockte das Herz. Sie meldeten ihre Entdeckung umgehend dem Kommandozentrum. Nur wenige Minuten später stand der Chefgeologe von T22 neben ihnen und sah ebenfalls die seltsamen Werte.
„Dem müssen wir nachgehen“, sagte er mit ernster Miene.
Er zog aus einer Hosentasche seinen Unionsresponder und begann ein langes Telefonat mit seinen Vorgesetzten. Inzwischen hatte Mahani eine Messdrohne ausgesandt. Sie steuerte das kleinwagengroße Fluggefährt mit einem Vluxhelm, der auf ihrem Kopf wie eine erdzeitliche Taucherglocke saß. Mittlerweile hatten sich auch Leute aus anderen Sektionen der Kolonie im Informationszentrum eingefunden, welches noch nie so belebt wie an diesem Tag war. Con war sichtlich unwohl dabei und auch Velia fühlte sich irgendwie entblößt. Sonne Nummer 1 begann allmählich aufzugehen. Ihre schwachleuchtende Schwester würde sich erst in zwei Stunden über den Horizont erheben.

„Wir sind gerade dabei eine Tiefenmessung durchzuführen. Die ersten Kolonisten haben damals vor der Besiedelung des Planetens zwar eine durchgeführt, jedoch haben wir unsere während des Bebens gewonnenen Daten mit denen der Erstkolonisten abgeglichen und dort zahlreiche Abweichungen entdeckt, die wir uns nicht erklären können“, erklärte sie der unruhigen Versammlung. Solch eine Nachricht wollte niemand hören. Man konnte die Spannung im Raum fühlen. Gespannt sahen alle auf den Bildschirm, der die Drohne bei ihrer Arbeit zeigte. Mahani flog sie zu einer Vertiefung außerhalb des Meteorkraters in dem T22 lag. Nach einer erfolgreichen Landung drang sie dann mit einer dünnen, langen Bohrspitze tief in den feuchten Untergrund ein. Die letzten zwei Tage waren leichte Schauer über der Region niedergegangen. Ein weiteres Zeichen des Erfolgs des Terraformers.
„So, gleich ist es soweit. Ich wandle die Bohrdaten jetzt um und projiziere das Scanbild auf den Holotisch hinter Ihnen“, sagte Mahani. Alle drehten sich um. Als der Scan schließlich seinen Weg auf den grün erleuchteten Holotisch fand, wurden sämtliche Anwesenden kreidebleich. Niemand hatte dies erwartet. Ratlosigkeit stand auf den Gesichtern, man sah sich an, suchte nach Antworten, aber fand keine. Was alle so außer Fassung brachte, war ein circa zehn Kilometer unter ihnen liegender Hohlraum, der sich soweit spannte, wie die Drohne messen konnte.
„Überprüft das nochmal, ändert die Position. Nehmt eine andere Drohne, das kann nicht sein. Das geht nicht!“, brüllte ein stämmiger Nahrungsarbeiter. Kein Widerwort schlug ihm entgegen. Alle hofften, dass irgendetwas mit dem Gerät nicht stimmte. Aber auch die folgenden Ergebnisse mit anderen Messdrohnen waren ebenso erschütternd. Im Verlauf der nächsten Stunden verfiel T22 in helle Aufregung. Es wurden Berichte an die anderen Kolonien geschickt, die nun ebenfalls Messunternehmungen starteten.
„Wie können die das damals übersehen haben?“, sagte Velia fassungslos zu Con und Mahani, welche nur verloren mit den Schultern zuckten.
Die Planetenführung wurde verständigt, die um den Planeten kreisende Gravibasis alarmiert. Was genau diese Entdeckung bedeutete, darüber war man sich noch nicht im Klaren. Wenn die Kolonisten auf Marmur es gewusst hätten, so wären sie augenblicklich in ihre Gleiter gestiegen und per Raumfaltsprung in die nächste Galaxie geflohen.

Noch am Abend jenes schicksalhaften Tages gab es ein weiteres, noch schwereres Beben, das an manchen Kolonien ernsthafte Schäden hinterließ. Ein junger Ingenieur, der in der Nähe des Terraformers an einer Gasleitung schweißte, beobachtete noch während die Erde wackelte, wie unweit vor ihm die Erde in einem perfekt runden Trichter in sich zusammenfiel. Er hielt sein flammendes Schweißwerkzeug noch in der Hand, als einige große, dunkle Silhouetten der Erde entstiegen. Zitternd sah er dabei zu, wie es immer mehr und mehr wurden, bis er sie schon nicht mehr zählen konnte. Plötzlich ergriff ihn etwas blitzschnell von hinten und er spürte einen Stich im Nacken. Während er fühlte wie das Leben ihn verließ, nahm der Strom an Kreaturen aus dem Inneren des Planets nicht ab.