Neues Logo

Manche haben es vielleicht schon bemerkt, andere nicht, jedenfalls habe ich ein neues Bloglogo. Die wundervolle Shirley Holmes hat es entworfen und ich möchte mich an dieser Stelle erneut bei ihr bedanken : ).

Hier der Link zu ihrer Instagramseite, auf welcher weitere Arbeiten von ihr zu sehen sind: https://www.instagram.com/wuschlkopp/?hl=de

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PS. Derzeit arbeite ich an einem Text für einen Wettbewerb des Literaturpodiums (http://www.literaturpodium.de). Das Thema ist „Strahlende Welten“ und der/die Gewinner/in kann 500 Euro einstreichen. Wünscht mir also Kreativität und Glück!

Liebe Grüße,
Max

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Mama

Mama wird abgeholt und Papa weint.
Wo geht Mama hin?
Papa sagt nichts.
Papa weint.
Wo geht Mama hin?
Papa sagt weg.
Wo ist weg?
Papa sagt nichts.
Papa weint noch mehr.
Wo geht Mama hin?
Papa sagt: Dorthin wo jeden Tag und jede Nacht die vielen roten Lichter leuchten und wo es immer die schönen Blumen gibt und wo Fabios Opa schläft.
Der Opa von Fabio schläft schon lange.
Mama war immer sehr müde, bevor das schwarze Auto sie abgeholt hat und Papa weinte und ich immer wieder gefragt habe:
Wo geht Mama hin?

Mama schläft jetzt auch, sagt Papa.
Hoffentlich nicht so lange wie Fabios Opa.

Die Taube

Es war einmal eine Taube, die pickte in der Fußgängerzone einer kleinen Stadt nach Brotkrumen. Gelegentlich flog sie auf, wenn Passanten ihr zu nahe kamen und kehrte dann gleich wieder zu ihrem Mahl zurück. Die Sonne präsentierte sich als graue Scheibe am Himmel, verdeckt durch dünne Wolken, die sie wie einen Brautschleier verdeckten. In einem Schaufenster standen mit Wintermänteln bekleidete Mannequins. Ein Pärchen blieb vor ihnen stehen und ihm gefiel ein rotschwarz karierter Baumwollschal, der um den glatten weißen Hals gewickelt war. Ihr nicht, aber sie hielt ihre Meinung zurück. Ein normaler Tag mit betriebigen Menschen. Und so ereignete sich etwas, dass nur einer älteren Dame auffiel, welche sich auf einer Bank ausruhte und das fantastische Ereignis, dass sich ihr dort darbot, als Sehfehler abtat. Aus den Wolken stieg nämlich langsam eine murmelgroße Lichtkugel geradewegs auf die Taube hinab, die leise gurrte und pickte und eine andere Taube von ihrem Futter vertrieb. Die Lichtkugel war transparent und pulsierte leicht in einem gleichmäßigen, ruhigen Rhythmus, während sie zwischen der Häuserschlucht Richtung Erde schwebte. Erst als sie sich der Taube näherte, hob diese den Kopf und schaute neugierig auf das seltsame Objekt. Die Lichtkugel strahlte eine angenehme Wärme aus und wirkte in keinster Weise bedrohlich, weswegen die Taube nicht wegflog, als die Kugel auf sie niedersank. Genau in dem Moment, in dem die Lichtkugel den Kopf der Taube berührte, geschah es. Genau in diesem Moment, gelangte die Taube zu einem menschlichen Bewusstsein.

Sie erinnerte sich an nichts, nicht ihren Namen, ihre Eltern, ihre erste und letzte Liebe, gar nichts. Sie wusste nur, dass sie einst ein Mensch gewesen war, bevor dieser Körper der ihrige wurde. Um sie herum pickten die anderen Tauben weiter. Sie schienen von diesem besonderen Ereignis keine Notiz genommen zu haben. In einem Schaufensterspiegel besah die Taube ihren neuen Körper. Die grauen Flügel, welche zu den Enden hin einen Hauch Schwarz annahmen, den zum Rumpf ins violette wechselnde Grünschimmer ihres Halsgefieders, die beiden rosa Füße deren vier Zehen wie knorrige Äste davonstanden sowie der geschwungene, schwarze Schnabel, der zum Ende hin eine weiße Färbung annahm. Die Begriffe für all jene Dinge flogen ihr zu, sonstige Erinnerungen leider nicht. Sie flog zu den anderen Tauben und versuchte mit diesen zu kommunizieren, was ihr misslang. Sie flog zu den Menschen hin und versuchte dasselbe, doch alles was sie erreichte war, dass diese sie mit angewiderten Blicken straften und mit Fußtritten zu vertreiben suchten. Deshalb gab sie dieses Vorhaben bald auf und flog auf das Geäst einer Antenne, von der sie über die graubesonnten Dächer schauen konnte. Wer war sie bloß? Warum befand sie sich in diesem Körper? Viele, viele, viele Fragen, auf die sie keine Antworten fand. Sie gab das Nachdenken auf und versuchte erneut Kontakt mit den Tauben und den Menschen herzustellen. Leider mit dem selben leidigen Ergebnis. Überdies wäre sie dabei noch fast einem unangeleinten Wischmopphund zum Opfer gefallen. So kam es, dass Einsamkeit das Herz der Taube befiel.

Wochenlang streifte sie umher, auf der Suche nach etwas, was ihr bekannt vorkam und einen Hinweis auf ihr altes Leben liefern konnte. Währenddessen probierte sie immer wieder mit Tieren aller Art eine Verbindung aufzunehmen, doch nichts und niemand verstand sie. Sie verließ die Stadt und flog in den Süden, dem Winter davon, hinaus aufs Land, über vom Regen verweinte Wiesen, mächtige Wälder, die Ruinen von einsam gelegenen Häusern, Kühen, Schafen, Ziegen, Rehen, Hirsche, Füchsen, Dachsen; wurde dabei zweimal von Habichten als Beute auserkoren und überlebte diese Begegnungen nur um Haaresbreite, trank aus stillen und wilden Flüssen, aus Tümpeln und klaren Seen, hungerte und betrieb Völlerei, flog mal hoch und mal tief – so wie es ihr gefiel, war mal froh und trug mal Steine im Herzen, besuchte Städte und wurde eins mit deren Tumulten, schätzte ihre eigene Freiheit und verdammte sie im nächsten Augenblick, sah Menschen aller Art, blieb ihnen fern, kam ihnen nah, wollte nichts von ihnen wissen und jedes Wort eines Gespräches hören, bis sie schließlich nach all ihren Abenteuern wieder in das kleine Städtchen zurückkehrte, in dem sie zu einem Bewusstsein gelangt war. Sie flog an einen öffentlichen Platz, auf dem die anderen Tauben gerade umherhuschten und die Überbleibsel eines Vespers verzehrten. In der Mitte der aus massiven, rechteckigen Steinplatten bestehenden Fläche, stand eine große Reiterstatue. In deren Schatten saßen ein telefonierender Mann im Businesshemd, der wenn er nicht redete an einer Zigarette zog. An einer Stelle stiegen Wassersäulen in regelmäßigen Abständen aus dem Boden und einige Kinder in Badekleidung sprangen dazwischen glücklich kreischend umher. Die Taube wurde von den anderen Tauben streitlos in deren Mitte akzeptiert. Die Taube mit der Menschenseele schätzte nach der langen Zeit des Alleinseins diese Gesellschaft sehr. Auch wenn sie für dieses Leben wohl immer etwas Besonderes bleiben würde, beschloss sie, ihr Schicksal anzunehmen. Und so blieb sie bei jener Taubenschar, pickte wie die anderen nach Resten, entflog aber auch manchmal wenn ihr danach war, um feineres Futter einzunehmen, paarte sich und zog kleine Tauben auf.

Und wenn ihr irgendwann einmal durch die Stadt lauft und eine Taube euch neugierig ansieht, euch nahekommt und nicht von eurer Seite weichen möchte, ja dann könnte es sich um jene Taube handeln, von der diese Geschichte handelt.

Update

Hallo Ihr lieben Lesenden,

ich habe mal an dem Aussehen und den Funktionen des Blogs herumgebastelt. Am rechten Rand findet ihr nun ein Archiv, mit dessen Hilfe ihr ältere Texte einsehen könnt. Weiterhin arbeite ich daran alle Texte zu kategorisieren, damit ihr sie dann leichter in der Suche (wieder-)finden könnt.

Ich bin allerdings selbst noch nicht 100%ig zufrieden damit. Sollte jemand von Euch Anregungen und Ideen haben, so seid Ihr eingeladen mir zu schreiben und vielleicht setze ich dann etwas davon um : ).

Liebe Grüße,
Max

Von Bestien

Die meisten Menschen ertragen das Leben und dessen Sturmwogen. Manche zerbrechen jedoch daran. Sie stürzen sich in den Alkohol, von Brücken, versuchen wegzurennen – was fast nie gelingt, da das, was sie zur Flucht treibt, tief in ihnen wohnt. Wenn jene Menschen nicht völlig zu Scherben zerfallen oder in den Tod flüchten, so empfängt sie die Dunkelheit. Die Dunkelheit, in der Wut und Hass geboren werden, Mordgedanken und schlimmere Fantasien gedeihen. Dort im Verborgenen ist es still, so still. Was andere denken und sagen, das prallt davon ab wie Insekten von einer Autoscheibe. Es wird immer dichter und finsterer und die Dunkelheit übernimmt ihre Schützlinge völlig, wenn diese sich darin zu lange aufhalten. Wenn dann solch ein Dunkelmensch zur Tat schreitet, will er nur noch eines, zerstören. „Gerechtigkeit“ durch Vernichtung, Qual, Demütigung, will hundertfach das zurückzahlen, was ihn in die Dunkelheit getrieben hat. Man liest von diesen Bestien, wie sie nur der Mensch selbst erschaffen kann, und von ihren grausamen Taten. Nun ist es nicht mehr still um sie, ganz im Gegenteil, sie stehen im Zentrum und viele sonnen sich in der Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilwird. Aufmerksamkeit, wie sie manche von ihnen noch nie zuvor gespürt haben. Auch das Dunkel hat sich aufgelöst, oft genau in jenem Moment, in dem ihre Klinge in das weiche Fleisch ihrer Opfer eindringt, ihre Hände jenen verhassten Mund, der ihnen so viel Gift entgegengespiehen hat, zuhalten und für immer verstummen lassen.

Schnipp und Schnapp, die Nase ab. Schnapp und Schnipp, die Ohren gleich mit. Na, wie gefällst du dir jetzt im Spiegel? Der Spiegel, welcher dir stets wichtiger war, als dein kleines Mädchen. Schnipp und Schnapp, die Hände ab. Keine Ohrfeigen mehr, nein, nein, nie mehr. Nie mehr! Keine Ohrfeigen mehr.

Man liest von diesen Bestien in der Zeitung, sieht ihre Gesichter im Fernsehen und vergisst gerne, dass jedem Menschen eine innewohnt, jedoch zum Glück nie zur ihrer vollsten, schrecklichen Entfaltung kommen wird.

Eine Erzählung aus meinem Zivildienst (Teil 2 von 2)

Da hatte sie Recht…

Während meiner Fahrradschichten sah ich leidvolle Dinge, welche mir in schrecklich guter Erinnerung geblieben sind und welche meine Abneigung gegenüber Gaffern, diesen leidgeilen Glotzgeiern, außerordentlich verstärkt haben. Bei den sogenannten Transportgarantien, Aufträgen die innerhalb von fünf Minuten gefahren werden mussten, kam es vor, dass ich Verletzte und sogar auch Tote zu sehen bekam. Bei diesen Aufträgen mussten meistens Blutkonserven ausgeliefert werden, die dringendst in einem der OPs oder dem Schockraum; dem Erstaufnahmeraum, benötigt wurden. Egal wo man war und was man gerade erledigte, traf eine Transportgarantie per Funk ein, musste diese sofort gefahren werden. Ziemlich lästig, wenn man sich in diesem Moment am anderen Ende des Klinikums befand und dort einige Sachen abgeben wollte.

Wir Trapos waren somit ein unerlässliches Organ im Klinikapparat, was unserer Arbeit einen Wert verlieh und mich immer wieder mit Stolz und Freude erfüllte. In einer Nacht unter der Woche, die zuerst sehr ruhig begonnen hatte, musste ich zwischen ein und vier Uhr circa 10-12 Liter Erythrozytenkonserven (rote Blutkonserven) und eine beträchtliche Menge Thrombozytenkonserven (gelbe Blutkonserven – Blutplättchen, wichtig bei der Blutgerinnung) für eine einzige Patientin an die Chirurgiepforte liefern. Eine erregte Schwester wartete dort immer bereits auf mich und riss mir die Beutel aus der Hand. In dem Operationssaal muss es ausgesehen haben wie nach einem Schlachtfest. Ein anderes Mal kämpfte ein übel zugerichteter Motorradfahrer im Schockraum um sein Leben und nachdem seine Blutlieferung mir abgenommen wurde und die schweren Metalltüren zugelitten waren, lag der metallische Geschmack seines Blutes mir noch den ganzen Abend auf der Zunge.

„Wie lange wird das Röntgen dauern?“, fragte Frau Rollett.
„Normalerweise geht das alles recht fix, aber bei Ihnen wird das vermutlich ein bisschen mehr Zeit beanspruchen. Ich schätze mal so 15-20 Minuten, aber genau kann ich das Ihnen nicht sagen. Da können Sie sich gleich beim Röntgenpersonal erkundigen.“
Ich wollte nicht aufdringlich sein, doch eine Frage wühlte in meinen Denkkanälen. Meine neugierige Natur übernahm meinen Sprechapparat und so fragte ich sie:
„Wie haben Sie das eigentlich angestellt? All die Verbände, Ihr Gesicht, hatten Sie einen Autounfall oder so etwas?“
Sie antwortete mir nicht, legte stattdessen nur den Kopf zur Seite und wich auf diese Weise der Frage aus. Ich erkannte sofort, dass ich mit dieser Frage die Stimmung völlig vergiftet hatte und sie nicht darüber sprechen wollte, daher hakte ich nicht nach, erzählte ihr stattdessen von den Vor- und Nachteilen der Wochenendarbeit und wie sich jetzt schon der Abbau der Zivildienststellen im täglichen Klinikbetrieb auswirkte. Sie hörte mir zu und entspannte sich langsam wieder, blieb aber die restliche Fahrt über stumm. Als wir schließlich  den Röntgenbereich erreichten, stellte ich ihr Bett an die Seite des Ganges, wo das zuständige Personal Frau Rollett abholen und sie in das Untersuchungszimmer bringen würde.
„Tschüss Frau Rollett,  bis vielleicht später. Entweder werde ich oder mein Kollege Sie wieder abholen und zurückbringen.“
„Tschüss Herr Schweigert.“
Ich drehte mich um und ging. Ganz nach Protokoll zückte ich meinen Läuferzettel, notierte den Auftrag als erledigt und ging zum nächstgelegenen Kliniktelefon, um mich in der Zentrale zu melden. Normalerweise teilte einem der Disponent gleich den nächsten Auftrag zu, doch wie erwartet war in der Zwischenzeit kein neuer „Lauftrag“ eingetroffen, weswegen ich mich zum Warten auf eine kniehohe Heizung in der Nähe des Telefones setzte. Unter der Woche hockten hier die wartenden Läuferzivis wie die Spatzen auf der Stromleitung, erzählten von ihren Aufträgen, quatschten über Privates und losten aus, wer den nächsten Job erledigen musste, jammerten über die Chefs und nahmen von den Fahrrad-Trapos Medikamente und Papierkram entgegen, um diese zu verteilen, sofern ihr nächster Weg sie zu einer passenden Station führte. Während ich mein Hinterteil wärmte, blickte ich in einen quadratischen Innenhof, durch den zwei Betonplattenwege führten. Draußen wurde es ungemütlich. Es war dunkler geworden und erste Schneeflocken segelten in einige Blumentöpfe, aus denen schwarze Pflanzenstümpfe ragten. Dicke Eiszapfen, in welchen sich die verbliebenen Sonnenstrahlen hundertfach brachen und den Schnee am Boden in ein schillerndes, frostiges Meer verwandelten, ragten von einer Regenrinne. Es war nur eine Frage der Zeit, wann einer dieser massiven Frostspeere sich lösen und auf dem harten Grund zerschellen würde. Zwei Ärztinnen standen unweit von mir und diskutierten, während sie auf den Aufzug warteten, angeregt über irgendeine neue Behandlungsmethode, irgendein neues technisches Instrument, mit dem man irgendeinen Muskel weniger bei irgendeinem Eingriff schädigt. Formulierungen wie: revolutionär – neuer Blickwinkel – wer nicht wagt ,der nicht gewinnt – fielen, dagegen wurde: noch nicht gänzlich erforscht – Spätwirkungen unklar – zu hohes Risiko, mit überzeugter Stimme gestemmt. Der Aufzug kam, ding-dongte und verschluckte die beiden. Ich schloss die Augen und überlegte mir, wofür ich meinen Lohn ausgeben wollte. Vielleicht einen neuen Computer. Ein neues Auto wäre auch nett. Mein gebrauchter Twingo, farblich zwischen Reseda und Blechgrau, kämpfte sich zwar tapfer durch den wirklich äußerst garstigen Winter, war billig in seiner Instandhaltung, aber gleichzeitig so ästhetisch wie eine alte, übergroße Tupperdose. Die Art Tupperdose, welche man nach Omas Tod in ihren Schränken findet und sich wundert, warum die geliebte Oma dieses verkratzte, milchig angelaufene Teil nicht fortgeworfen hat, welches allerdings noch weitere 50 Jahre regelmäßiger Benutzung tapfer überstehen würde. Endlich klingelte das Telefon. Die genervte Stimme bestätigte meine Vermutung. Einmal Frau Rollett retour bitte.

Sie stand an der Seite des Ganges und machte eine ärmliche Erscheinung. Über ihr Gesicht flackerte ein zartes Lächeln, als sie mich kommen sah. Es war offensichtlich, dass sie starke Schmerzen hatte.
„Paket zurück“, ächzte sie und ergänzte „Vorsicht zerbrechliche Ware.“
Ich nickte.
„Ich werde langsam mit Ihnen fahren und vorsichtig sein, keine Sorge. Ruhen Sie sich nur aus.“
Im Umgang mit schmerzempfindlichen Bettpatienten hatte ich mittlerweile Erfahrung. Zudem kannte ich nun jede Bodenwelle und jede kollisionsversprechende Kurve im Klinikum. Dies war wichtig, denn selbst die kleinste Erschütterung entflammte bei manchen Patienten ein Schmerzensmeer. Irgendwo schrie ein Baby. Eine doppeltürige Schiebetür glitt vor uns auf und hinter uns zu. Der Röntgenbereich lag in der Nähe des Einganges und auf dem blassblauen Gang waren überall schwarzbraune Fußabdrücke zu sehen. Die Straßen und Wege des Klinikgeländes wurden zwar zu jeder Zeit sehr gut geräumt, jedoch verteilte sich der dadurch entstandene Schlamm überall in den Gebäuden. Eine undankbare Zeit für die Reinigungskräfte. Ich begann Frau Rollett zu schieben. Schon bald trafen wir auf einen meiner Fahrradkollegen, der wegen den Minusgraden draußen dick eingepackt war. Hier drin, im mollig warmen Klinikinneren musste er nun seine Sachen verteilen und schwitzte dabei Bäche. Dieser stetige Heiß-Kalt-Wechsel war Gift für den Körper und dafür verantwortlich, dass es andauernd krankheitsbedingte Ausfälle bei den Fahrrad-Trapos gab. Mit fliegenden Fersen jagte er durch den Gang auf uns zu. Er gab mir ein Medikament mit, das ich auf dem Weg noch bei einer Station abgeben konnte. Eigentlich war dies nicht erlaubt, aber sofern das Medikament rechtzeitig und unbeschadet ankam, interessierte dies niemanden. Alle Fahrradfahrer waren immer sehr dankbar für jede kleine Hilfe.
„Der Arme. So dick angezogen hier drin. Der vergeht ja“, sagte Frau Rollett, nachdem mein Kollege wieder verschwunden war.
„Ja, im Winter ist das ein Knochenjob. Ich muss nächste Woche auch wieder auf´s Fahrrad“, entgegnete ich.
„Ohje, können Sie sich das nicht aussuchen?“
„Ne, leider nicht. Da bin ich der Willkür meiner Chefs ausgeliefert. Wann und als was ich arbeiten muss, weiß ich immer erst zwei Wochen vorher.“
„Schichtlotto sozusagen“
„Japp, das beschreibt die Situation ganz passend.“
Sie musste husten. Es klang ungesund.
„Alles okay bei Ihnen?“
„Ich würde lügen, wenn ich Ja sage“, stöhnte sie.
„Sie müssen nicht lügen. Es darf einem auch mal scheiße gehen. Man darf auch mal Schwäche zeigen.“
„Ja“, sagte sie zögerlich.
Erst jetzt fiel mir ihre Patientenakte ein. Ich hielt kurz an, fand das Teil am Fußende des Bettes, und war froh, dass ich nicht noch einmal zurückjoggen musste.
„Ist etwas?“, fragte sie.
„Nein, nein, alles gut. Ich habe nur nachgesehen, ob die Röntgenmenschen mir auch Ihre Patientenakte wieder mitgegeben haben.“
„Und?“
„Haben sie, weiter geht´s!“
Das Bett rollte wieder los. Ein Stückchen weiter passierten wir wieder die Putzfrau. Mittlerweile hatte sie den Mülleimer geleert und dazu auch noch den gesamten Flur mit dem Mopp gewischt und ein kleines, quietschentengelbes Warnschild aufgestellt.
„Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich durch so eine frisch geputzte Fläche laufe“, sagte sie.
„Ich weiß was Sie meinen. Aber Sie laufen ja nicht durch, Sie werden ja von mir geschoben.“
„Trotzdem. Es fühlt sich an, als würde ich etwas kaputtmachen…die getane Arbeit nicht wertschätzen.“
„Naja, ich kann Sie ja schlecht draußen durch den Schnee schieben.“
Sie hustete erneut.
„Bei dem Husten sowieso nicht. Da bekomme ich sonst von meinen Chefs den Einlauf des Jahrhunderts.“
Sie grinste frech.
„Und wenn ich darauf bestehe?“
„Ja wenn Sie darauf bestehen…dann auch nicht“
„Schade, schade.“
Eine Nonne mit indischen Wurzeln lief uns entgegen. Sie grüßte uns beide freundlich und ihre warmbraunen Augen trafen kurz die meinen. Die Engel im schwarz-weißen Kleid waren überall im Klinikum unterwegs und ihre Anwesenheit wirkte auf mich immer beruhigend. Ich konnte zwar mit Religion nichts anfangen, aber die Güte, welche diese Frauen ausstrahlten und in ihren Taten zum Ausdruck brachten, erwärmte jedes Mal mein Herz. Es roch streng nach Desinfektionsmittel. Erst später stellte ich fest, dass das Fläschchen in meiner Brusttasche nicht ganz dicht gewesen war. Plötzlich bat Frau Rollett mich anzuhalten und ich bereitete mich innerlich schon auf alle Eventualitäten vor. Sie rief mich nach vorne, zu ihr, damit sie mich sehen konnte. Als ich dann neben ihr stand, ignorierte sie meine Frage nach ihrem Befinden und sagte:
„Sie haben mich auf dem Hinweg gefragt, wie das hier passiert ist und ich gab Ihnen darauf keine Antwort.“
„Ja, das tut mir leid. Es geht mich nichts an“, antwortete ich verlegen.
„Mein Mann hat mir das angetan“, sagte sie trocken.
Für einige Sekunden war ich sprachlos. Ein junges Pärchen passierte uns und schob einen Rollstuhlgreis in Richtung Ambulanz, während ein Patient im Lebensmittag sich an seinen Infusionsständer klammerte und durch ein Fenster in die beschneite Parkanlage blickte.
„Er hat mir mit einer Eisenstange beide Arme und beide Beine gebrochen. Beide Arme, beide Beine“, betonte sie. Erste Tränen flossen über ihre violettgelben Wangen.
„Danach hat er sich meinem Gesicht und dem Rest gewidmet.“
„Das tut mir leid“, warf ich dazwischen. Ich kam mir unglaublich hilf- und nutzlos vor.
„Und warum? Weil er die Vermutung hatte, die VERMUTUNG, dass ich ihm fremdgehe. Dieser blöde Wichser, dieses verdammte Arschloch!?!“
Sie warf weitere Ausdrücke um sich und wurde lauter und wütender. Ein Arzt, der aus einem Seitengang getreten war, drehte sich irritiert zu uns um. Ich signalisierte ihm, dass ich die Situation im Griff hatte, was allerdings in keinster Weise der Wahrheit entsprach. Zu meinem Glück nickte er und ging. Während Frau Rollett ihren Hass und ihre Verzweiflung hinausspieh, stand ich schamhaft beklommen daneben und wusste nicht, wie ich auf diesen Ausbruch reagieren sollte. Still verstehend oder eher wortreich unterstützend? Sie schlug mit ihren verbundenen Armen auf das Bett und jaulte daraufhin vor Schmerzen auf.

Schließlich beruhigte sie sich wieder und lag vor Entkräftung ganz schlaff da. Ich sagte nichts, gab ihr Zeit, bis die größten Gefühlswogen abgeflaut waren.
„Schieben Sie weiter. Ich will nicht, dass Sie wegen mir noch Ärger bekommen“, murmelte sie nach ein paar Minuten. Ich folgte ihren Worten. Während des restlichen Weges erzählte sie mir ein bisschen aus ihrem Leben und nachdem wir wieder auf der Station angekommen waren, blieb ich noch eine Weile in ihrem Zimmer und hörte größtenteils zu. Wie sie und ihr Mann zusammengekommen waren, wie genau er ihr dies alles angetan hatte, dass sie Angst hatte vor dem Nachhausekommen hatte, den Tod ihrer Mutter…und viele andere Details, welche ich an dieser Stelle für mich behalten möchte und werde. Als ich schließlich die Station verließ und mich in der Zentrale meldete, war mein Disponent, milde gesprochen, recht erregt, weil sich in der Zwischenzeit einige Aufträge angesammelt hatten und mein Kollege nicht alle im Alleingang bewältigen konnte. Den restlichen Tag verbrachte ich daher damit von meinem Disponenten hin-und hergejagt zu werden, was mir aber nicht wirklich etwas ausmachte, da die Begegnung mit Frau Rollett all mein Denken in Anspruch nahm und ich maschinenhaft meine Arbeit verrichtete. So blieb dieser Samstag in erstaunlicher Schärfe bis heute in meinem Gedächtnis verankert. In den folgenden Wochen besuchte ich Frau Rollett immer wieder, führte gute Gespräche mit ihr, bis sie schließlich entlassen wurde und ich sie nie wieder sah. Zwei Jahre später jedoch erreichte mich ein Brief von ihr. Sie hatte Deutschland und ihren Erinnerungen den Rücken gekehrt, hatte einen neuen Namen angenommen und war nach Frankreich gezogen. Ihren Mann hatte man zu einer langen Haftstrafe verurteilt, die dieser hoffentlich noch immer verbüßt.